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Hören und Sehen in Hartmanns von Aue "Erec"

von Christine Meinzinger (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 17 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Audiovisuelle Konzeption in Hartmanns von Aue Erec

2 Sehen und Hören analysiert anhand von ausgewählten Szenen
2.1 Schande und êre im Kontext der Öffentlichkeit
2.2 Die Entwicklung der Minne- und Ehegemeinschaft von Erec und Enite im Spannungsfeld zwischen Hören und Sehen
2.2.1 Überblick
2.2.2 Ausgangssituation
2.2.3 Wendepunkt
2.2.4 Bewährungsproben
2.2.5 Überwinden der Krise
2.3 Kommunikative Entwicklung von Enite

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1 Audiovisuelle Konzeption in Hartmanns von Aue Erec

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts führt Hartmann von Aue die Gattung des höfischen Romans im deutschen Sprachraum ein und eröffnet mit der matière de Bretagne einen neuen, vorher unbekannten Sagenstoff. Die Texte finden im Rahmen der Artuslegende statt und stellen die Formen von sozialer Interaktion innerhalb der aristokratischen Oberschicht dar. Teilweise abweichend von den altfranzösischen Vorlagen Chrétiens de Troyes, setzt Hartmann von Aue dabei das Medium des schriftlichen Erzählens gezielt dazu ein, um Defizite sowie (Fehl)entwicklungen innerhalb der höfischen Gesellschaft zu reflektieren (vgl. Müller 1996, S.170). Speziell in seinem ersten Roman Erec schafft er bewusst eine Erzählerrolle, die zwischen der Aktion des Vortragenden und der Rezeption durch die Hörergemeinschaft vermittelt. Bewusst setzt er hierbei Motive der sinnlichen Wahrnehmung ein – einerseits um die Imagination für die Zuhörer zu erleichtern und andrerseits um auf Handlungsebene die Bedeutung zu lenken (vgl. Wenzel 1995, S.9ff). Diesbezüglich stellt die aktuelle Forschung verschiedene Thesen auf, wie und warum Akustisches und Optisches in Hartmanns von Aue Erec eingesetzt wird. Im Folgenden sollen diese im Umfang der schriftlichen Hausarbeit anhand von ausgewählten Szenen – die nicht chronologisch, sondern gemäß ihrem Inhalt kategorisch eingeteilt wurden – exemplarisch dargestellt und gegebenenfalls kontrastiv zu Chrétiens de Troyes Erec et Enide aufgezeigt werden. Dabei nimmt neben dem Verhältnis von schande und êre vor allem die Entwicklung der Ehegemeinschaft des Minnepaares eine prominente Stellung in dieser Arbeit ein. In Bezug auf Letzteres lassen sich außerdem interessante Aspekte zur Wandlung Enites ableiten, die eine neue Perspektive auf die in der Forschung bisher vor allem als passiv und demütig aufgefasste Figur bei Hartmann ermöglichen (vgl. Buschinger und Spiewok 1993, S.61-74). In einem knappen Fazit sollen die Ergebnisse kurz zusammengefasst und reflektiert werden.

2 Sehen und Hören analysiert anhand von ausgewählten Szenen

2.1 Schande und êre im Kontext der Öffentlichkeit

Im Kontext des höfischen Romans können schande und êre als ein bestimmtes Verhältnis zwischen Sehen und Gesehenwerden aufgefasst werden. Dies kann exemplarisch an der Anfangsszene aufgezeigt werde:

er gelebete im nie leidern tac dan umbe den geiselslac

und enschamte sich nie sô sêre wan daz diese unêre

diu künegîn mit ir vrouwen sach. alsô klagete er sîn leit,

schamvar wart er under ougen:

> vrouwe, ich enmac des niht verlougen, wan ir ez selbe habet gesehen,

mir ensî vor iu geschehen eine schande alsô grôz

daz ir nie dehein mîn genôz eines hâres mê gewan.

daz mich ein sus wênic man sô lasterlîchen hât geslagen

und ich im daz muoste vertragen, des schame ich mich sô sêre

daz ich iuch nimmer mêre vürbaz getar schouwen

und diese juncfrouwen. < (V.104-125)

Auffallend ist in dieser Szene, dass nicht der physische Schmerz, sondern die Tatsache, dass Erec von der Königin beobachtet wurde, im Vordergrund steht. Er erfährt schande in der Öffentlichkeit und wird zusätzlich durch die Striemen des Peitschenhiebes mit einem sichtbaren Stigma gekennzeichnet. Um sein soziales Ansehen wiederherzustellen, muss Erec, wie auch in den aventiuren im zweiten Zyklus des Romans, den Kontakt zur Hofgemeinschaft temporär unterbrechen und sich gewissermaßen „unsichtbar“ machen (vgl. Wandhoff 1996, S.204). In diesem Fall muss er als Reaktion auf die erfahrene Schande durch den Zwerg, Iders bis nach Tulmein folgen und den Ritter dort in einem öffentlichen Kampf besiegen (vgl. Aue und Mertens 2010, V.135-137). Wandhoff merkt hierbei jedoch an, dass Erecs Ansehen damit noch nicht vollständig restituiert ist, denn „größtmögliche êre kann man […] nicht an irgendeinem, sondern einzig am Artushof erlangen“ (Wandhoff 1996, S.220). Iders wird deshalb, gewissermaßen als Beweismaterial ebendort vorausgeschickt, was von der Hofgemeinschaft folgendermaßen wahrgenommen wird:

beide si dô sâhen

disen ritter zuo gâhen

verre ûz dem walde.

nû tâten siz balde

der küneginne kunt.

ûf stuont si zestunt:

ir vrouwen si zuo ir nam,

an ein venster si kam,

daz si war næme

wer dâ geriten kæme.

dâ stuont si und diu ritterschaft

bî ein ander zwîvelhaft

wer der ritter möhte sîn.

dô sprach diu künegin:

> ez ist benamen der man,

als ich verre kiesen kann

und als mir mîn gemüete seit,

dem Êrec dô nâch reit.

nû sehet, ir sint drîe:

daz getwerg und sîn âmîe

rîtent mit im dort her.

ezn ist nieman wan er.

jâ vert er sam er rîte

ûzer einem strîte.

ez mac iu dâ bî sîn erkant,

im ist der schilt unz an die hant

vil nâach verhouwen gar,

sîn harnasch aller bluotvar. (V.1158-1185)

Ähnlich einer kinematografischen Wiedergabe sind Iders und seine Begleitung zunächst in der Ferne (vgl. Aue und Mertens 2010, V.1159 und V.1173) und dann immer mehr in Nähe und Detail zu erkennen (vgl. Aue und Mertens 2010, V.1182-1185). Die gewählte Darstellung an dieser Stelle unterstreicht außerdem die in der Einleitung bereits erwähnte bewusste Erzählerrolle von Hartmann von Aue – nachdem das Publikum durch die vorigen Szenen über die Ankunft von Iders Bescheid weiß, wird der Fokus somit auf die Art und Weise seines Ankommens gelegt. Verdeutlicht wird dies beispielsweise durch die direkte Figurenrede der Königin, die mit dem Imperativ „Seht!“ (Aue und Mertens 2010, V.1176) gezielt die Zuschauer anspricht und deren Aufmerksamkeit lenkt.

2.2 Die Entwicklung der Minne- und Ehegemeinschaft von Erec und Enite im Spannungsfeld zwischen Hören und Sehen

2.2.1 Überblick

Angelehnt an Mertens Erzählstruktur im deutschen Artusroman (vgl. Mertens 2007, S.59f.), wurde in der unten abgebildeten, von der Studentin selbst erstellten Skizze, eine Übersicht zu den wichtigsten Stationen bezüglich der sich entwickelnden Minne- und Ehepartnerschaft von Erec und Enite erstellt. Diese wurde aus praktischen Gründen in drei Phasen unterteilt: Ausgangsituation, Bewährungsproben und Überwinden der Krise. Zu jeder Phase werden in einem weiterführenden Schritt einzelne Szenenausschnitte ausgewählt, die für die Thematik von Interesse sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Die Entwicklung der Minne- und Ehegemeinschaft im Spannungsfeld zwischen Hören und Sehen

2.2.2 Ausgangssituation

Die Entwicklung und Bewährung des Protagonisten ist „von Anfang an und aufs engste an das gemeinsame Auftreten mit der schönen Enite gebunden.“ (Müller 1996, S.171) In der in Punkt 2.1 bereits erwähnten Veranstaltung in Tulmein handelt es sich genau genommen um einen Wettbewerb für Paare. Enite ermöglicht ihm somit überhaupt die Teilnahme und verhilft ihm darüber hinaus durch ihre einnehmende Präsenz entscheidend zum Sieg:

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668915220
ISBN (Buch)
9783668915237
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461737
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
Mediävistik Germanistik Hartmann von Aue Erec Erec et Enide

Autor

  • Christine Meinzinger (Autor)

    1 Titel veröffentlicht

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