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Die Schlussszenen in "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing

Eine literaturwissenschaftliche Analyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Emilia Galotti unter der Lesart des Bürgerlichen Trauerspiels

3 Voraussetzungen des Handelns
3.1 Claudia Galotti
3.2 Gräfin Orsina

4 Analyse der Schlussszenen
4.1.5. Aufzug, 1. Auftritt
4.2.5. Aufzug, 2. Auftritt
4.3.5. Aufzug, 3. Auftritt
4.4.5. Aufzug, 4. Auftritt
4.5.5. Aufzug, 5. Auftritt
4.6.5. Aufzug, 6. Auftritt
4.7.5. Aufzug, 7. Auftritt
4.8.5. Aufzug, 8. Auftritt

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Obwohl Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti vor mehr als 240 Jahren seine Uraufführung am Braunschweiger Hoftheater feierte, zählt es bis in die Gegenwart zu den meist aufgeführten Bühnenstücken im deutschsprachigen Raum. Ob in den jüngsten Inszenierungen am Deutschen Theater in Berlin, am Thalia Theater in Hamburg oder am Wiener Burgtheater – die simple, aber stetig vorwärtsdrängende Handlung im Zusammenhang mit seinen komplexen Figuren stellen das moderne Publikum bis heute vor eine willkommene, aber nicht ganz einfache Herausforderung. Denn obwohl die Gattung des Trauerspiels lange Zeit mit einer kalkulierten, vorhersehbaren Dramatik etikettiert wurde, kann Lessings Emilia Galotti dieser Kritik vor allem durch ein zweites Hinsehen standhalten und offenbart dabei zahlreiche Doppelböden, offene Fragen und Widersprüche. Vor allem der Schluss des Trauerspiels entzieht sich mit Emilias Ermordung durch ihren Vater Odoardo – trotz intensiver Forschungsarbeit – einer allumfassenden Deutung. Ohne daher Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, sollen in der vorliegenden Arbeit die viel diskutierten Schlussszenen analysiert werden. Als Ausgangspunkt wird dabei zunächst kurz auf die Lesart des Bürgerlichen Trauerspiels eingegangen, um darauf aufbauend die Voraussetzungen des Handelns exemplarisch zu beleuchten. Die neu gewonnenen Erkenntnisse sollen im weiterführendem Hauptteil mit einbezogen werden und ein besseres Verständnis für die Verstrickungen der einzelnen Figuren in Hinblick auf Emilias tödliches Ende ermöglichen. In einem Fazit werden die gemachten Ergebnisse zusammengetragen und kritisch reflektiert.

2 Emilia Galotti unter der Lesart des Bürgerlichen Trauerspiels

Im 18. Jh. kann sich infolge einer wirtschaftlichen und kulturellen Emanzipation des Bürgertums eine neue Untergattung des Dramas etablieren – das bürgerliche Trauerspiel. Im Gegensatz zur griechischen Tragödie stehen dabei nicht die idealisierten Helden oder Angehörigen des Hochadels, sondern die Vertreter der Bourgeoisie oder des niederen Adels im Mittelpunkt der Handlung. Die kathartische Wirkungsabsicht durch die Fallhöhe wird dementsprechend durch die Identifikation mit den Figuren ersetzt und insbesondere bei Lessings Werken mithilfe der sogenannten gemischten Charaktere gestützt. Dies ist vor allem für die Lesart von Emilia Galotti von wesentlicher Bedeutung, denn obwohl bürgerliche Tugenden mit höfischen Intrigen konfrontiert werden, würde eine vorschnelle Kategorisierung zwischen „gut“ und „böse“ an der Intention des Stück gänzlich vorbeiführen. Gemäß Lessings Auffassung verleiht der höhere Stand dem Unglück eines Menschen zwar eine größere Dimension, Mitleid erregen und moralisch bessern kann letztlich jedoch nur dessen menschliche Qualität: seine Figuren sind daher weder als Ausbund an Sittsamkeit, noch als ausgemachte Bösewichte, sondern vielmehr als eine Mischung aus beidem zu verstehen.1 Ferner verlegt Lessing die Handlung von Emilia Galotti bewusst nicht ins 18. Jh., sondern in einen absolutistisch regierten italienischen Kleinstaat der Renaissance, um durch die Distanzierung eine unreflektierte Identifikation mit Gegenwärtigem zu unterbinden und stattdessen einen Denkanstoß bewirken.

3 Voraussetzungen des Handelns

Claudia ist als Ehefrau des Obersts Odoardo Galotti Teil der bürgerlichen Schicht, während Orsina als Gräfin die gehobene Gesellschaft vertritt. Beide Frauen tragen maßgeblich zum Fortgang der Handlung bei – so beeinflusst Claudia vor allem durch ihren mütterlichen Stolz und Orsina durch ihre geschickte Manipulation. Die Figuren treten nicht in den Schlussszenen auf, lenken jedoch unmittelbar in den vorangegangenen Szenen die Voraussetzungen für das darauffolgende Handeln und sollen daher kurz skizziert werden.

3.1 Claudia Galotti

Claudia lebt gemeinsam mit ihrer Tochter Emilia in der Residenzstadt in Guastalla, um dieser durch die Nähe des Hofes eine „anständige Erziehung“2 zu ermöglichen. Sie ist stolz auf ihre Tochter und fühlt sich durch das gnädige Verhalten des Prinzen, der von Emilia mit viel Lobeserhebungen spricht, geehrt und sieht in dessen Nachstellung in der Kirche nichts Strafbares. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass sie die fehlende Reaktion von ihrer Tochter dem Prinzen gegenüber „in einem Blicke alle die Verachtung zu bezeigen, die er verdient“3 zu zeigen, nicht stutzig macht. Naiv – und letztendlich fatal – ist ihr Vorschlag, weder dem Bräutigam noch dem Vater von dem Vorfall zu erzählen und spielt ihn mit der Bemerkung „Der Prinz ist galant.“4 herunter. Erst später erkennt sie die verbrecherischen Intrigen als „Bubenstück“5, zeigt sich im Moment dieser Erkenntnis zwar als entschlossene „Löwin, der man die Jungen geraubet“6, muss aber schließlich ihre Machtlosigkeit angesichts der durchtriebenen Machenschaften des Adels erkennen. Sie beteuert mehrfach gegenüber Odoardo ihre Unschuld7, dennoch kann nicht von der Hand gewiesen werden, dass sie die Gefahr durch den verliebten Tyrannen8 unterschätzt hat.

3.2 Gräfin Orsina

Die ehemalige Geliebte des Prinzen zeigt sich durch dessen abweisendes Verhalten ihr gegenüber verletzt und steigert sich in hemmungslose Rachegelüste, in denen sie davon träumt gemeinsam mit dem ganzen Heer der Verlassenen, in Furien verwandelt, den Verräter zu zerreißen, zu zerfleischen und seine Eingeweide zu durchwühlen.9 Durch ihre gesellschaftliche Teilhabe am Hof und den Informationen ihrer Kundschafter durchschaut sie die kriminellen Machenschaften des Prinzen und Marinelli am Hof, sieht sich aber als Frau nicht dazu in der Lage, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Infolgedessen manipuliert sie den tugendstrengen Odoardo Galotti gezielt, indem sie ihm den Mord Appianis als Komplott des Prinzen und Emilias suggeriert und ihr Dasein als seine Konkubine als „das schönste, lustigste Schlaraffenleben“10 beschreibt. Sie schafft es, seinen Argwohn zu wecken und macht ihn somit zum Werkzeug ihrer Vergeltungspläne.11

[...]


1 vgl. Wilfried Barner u.a.: Lessing. Epoche – Werk – Wirkung. München 1975, 5. neubearb. Aufl. ebd. 1987., S. 195.

2 Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti, 1772. Hg. Von Florian Radvan und Anne Steiner. München 2014., S.38.

3 Ebd., S. 43.

4 Ebd. S. 44.

5 Ebd. S. 68.

6 Ebd. S. 68.

7 Vgl., ebd., S. 68.

8 Anm.: Die Umschreibung des Prinzen als Tyrann an dieser Stelle ist nicht an die gängige Assoziation einer Gewaltherrschaft angelehnt, sondern bezieht sich vielmehr auf dessen fürstliche Willkür. So entscheidet er beispielsweise in I, 8 über ein Todesurteil eilig im Vorübergehen und zeigt dadurch v.a. sein mangelndes Verantwortungsbewusstsein.

9 Ebd., S. 87.

10 Ebd., S. 86.

11 Vgl. Peter Horst Neumann: Der Preis der Mündigkeit. Über Lessings Dramen. Stuttgart 1977, S. 39.

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668913264
ISBN (Buch)
9783668913271
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461738
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Neue Deutsche Literatur Gotthold Ephraim Lessing Lessing Drama Bürgerliches Trauerspiel

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Titel: Die Schlussszenen in "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing