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Geschichte der Schrift. Von der Mündlichkeit zum Hypertext

Die Bedeutung historischer Medienbrüche (Oralität/ Literalität, Manuskript-/ Buchkultur, Gutenberg-/ Turing-Galaxis)

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1

2. Übergang von Oralität zu Literalität 2

3. Ablösung der Manuskriptkultur zum Buchdruck 5

4. Vom Papiertext zu elektronischen Medien 8
4.1. Was ist Hypertext? Seine Auswirkungen auf Schrift und Leser
4.2. Schicksal des Buches

5. Zusammenfassung und Ausblick 13

6. Literatur 14

1. Einleitung

„Am Anfang war das Wort“, besagt die Bibel. Hätte jemand

3000 Jahre vor Christus denken können, dass es uns zu globalen Veränderungen führt? Das Wort, die Sprache als erstes Menschheitsmedium wurde zum Signal des gegenseitigen Austausches von Gedanken und Informationen und zum Prozess schöpferischer Handlungen.

Neue Erfindungen der Medienkommunikation wirken sich sichtbar und hörbar auf den heutigen Alltag der Menschen aus. Bild, Text, Computer und Telefon begleiten uns Schritt für Schritt. Die Welt erscheint als Ansammlung von Informationssystemen. Die einzelnen Medienrichtungen sind ineinander verflochten. Wir sind getragen im Fluss der Information. Ohne diese epochalen Errungenschaften kann man sich das heutige Leben kaum noch vorstellen. Diese ganzen Erfindungen haben wir nicht von heute auf morgen erzielt, sondern gleichmäßig und stufenweise, im Lauf der Kulturgeschichte.

Die Technik der Menschen entwickelt sich in regelmäßigen Sprüngen: Epochale Veränderungen gibt es ca. alle 40 Jahre, zum Beispiel Dampfmaschine, Kernspaltung, Internet usw. Dazwischen gibt es kleinere Höhepunkte, etwa alle 7 Jahre, in Form von Entdeckungen oder technischen Neuerungen. Dieser Fortschritt zwingt den Menschen dazu, seine angesammelten Erfahrungen, seine Gedanken auf Gedächtnisspeicher zu übertragen. Als Ausbrüche der Informationsenergie des „Homo sapiens“ kann man die historischen Übergänge von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit, vom Manuskript zum Buchdruck und später zum Computer und Hypertext bezeichnen. Diese wichtigen Medienumbrüche wiederspiegeln die ganze Kulturentwicklung der Menschheit. Die folgende Arbeit setzt sich zum Ziel die Funktion, die Bedeutung der Medienumbrüche im Einzelnen zu erschließen. Ein Hauptanliegen der einzelnen Kapitel ist es, durch Differenzierung das Verständnis sowohl für die Eigenarten der Medien als Informationsträger, als auch für deren Zusammenwirkung zu bringen.

2. Übergang von Oralität zu Literalität

Der erste Ausbruch der Informationsenergie ist mit der Entwicklung der Schrift vor 5000-6000 Jahren verbunden, die den Übergang von der mündlichen Rede zur Schriftlichkeit/ Literalität bewirkt hat. Welche Folgen hat diese Erweiterung der Medienwelt gebracht?

Seit einigen Jahrzehnten wurde das Problem der Vorrangigkeit zwischen gesprochener Rede und Schriftlichkeit beim Auftreten der Schrift als neuen Kommunikationsmittels heftig diskutiert. Die Opposition von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, ihre unterschiedliche Bewertung stoßen an die Frage derer Bedeutung für die Kulturen.

Der frühe Medienkritiker Platon hat sich in seinem Werk „Phaidros“ über Nutzen und Nachteil der Schrift für das Geistesleben geäußert. Der Mythos von Phaidros stellt sich der Natürlichkeit des Übergangs von kunstvoller Rede zu kunstvoller Schrift machtvoll in den Weg. Die Schrift bewahrt vor dem Vergessen, sie fixiert die Rede. Schriftlichkeit ist eine dokumentarische Überlieferung. „Sie dient dem Fortleben im Gedächtnis der Lebenden.“1

Wie Theut im „Phaidros“ im Gespräch mit Thamus (griech. Zeus) bemerkt: „Diese Kunst, o König, wird die Ägypter weiser machen und gedächtnisreicher, denn als ein Mittel für Erinnerung und Weisheit ist sie erfunden.“2

Die Vorteile der Schrift lassen sich aus den Äußerungen Platons erkennen: Die Schrift unterstützt das Gedächtnis vor dem weiteren Vergessen, ermöglicht Verfolgen eigener Gedanken, das Wissen wird transportabel. Schrift erweist sich als ein Übertragungsmittel für die nächsten Generationen. Ohne Hilfe der Schrift wäre ein adäquates Wissen der menschlichen Geschichte gar nicht möglich. Die Schrifterfindung hat es den Menschen viel leichter gemacht, das Wissen in dem Geschriebenen aufzufinden, als sich auf das Gedächtnis zu verlassen.

Andererseits kritisiert Platon die Schrift. Sie entlaste zwar das Gedächtnis, bringe aber die Vergessenheit, indem die Menschen im Vertrauen auf das neue Speichermedium ihre Gedächtnismöglichkeiten vernachlässigen. Platon erwähnt Situationsverlust bei der schriftlichen Fixierung. Bei geschriebener Rede, in der Autor und Adressat getrennt sind, kann man niemals eine bessere Verständigung erreichen. Der Adressat befindet sich nicht in derselben Situation persönlicher Wahrnehmung, wie es beim Zwiegespräch der Fall wäre.

Aristoteles betrachtet Schrift als „Zeichen der Laute“, was die Vorrangigkeit der mündlichen Rede und den „Zeichencharakter von Sprache und Schrift“ betont.3 Das verdeutlicht ihre Wechselbeziehung zueinander.

Zu späteren Zeit haben Jan und Aleida Assmann auf die widersprüchliche Bedeutung der Schrift unter dem Aspekt „Schrift und Gedächtnis“ hingedeutet. Stefan Loos weist dabei auf erstaunliche Trennung des Titels durch die Konjunktion „und“ hin: Schrift sei „noch kein Gedächtnis, sondern ein Speicher im Dienste der Erinnerung. Erst wenn eine Erinnerungskultur ... entwickelt wird, kann Schrift als regelrechtes Gedächtnis dienen“.4

Horst Wenzel gibt Reflexionen um die Schrift des französischen Klerikers Jean de Léry wieder, der ein Jahr bei einem Indianerstamm in der Bucht von Rio de Janeiro verbracht hat und derer Kultur er ein besonders aufschlussreicher Zeuge war:

„Die Völker Europas, Afrikas und Asiens hätten Gott zu danken für die Kunst des Schreibens, die dem vierten Erdteil fremd geblieben sei. Die Menschen dort können das, was sie beabsichtigen, nur mit expliziten ... Worten bezeichnen, aber diejenigen, die im Besitz der Schrift seien, könnten die Geheimnisse anderer Leute erkennen und ihre eigene Absichten in unveränderter Form selbst denen vermitteln, die in fernen Ländern wohnten. Deshalb sei die Kunst des Schreibens unter die höchsten Gaben zu rechnen, die Gott den Menschen verliehen habe, von den freien Künsten („artes liberales“), die über die Schrift erlernbar würden, gar nicht erst zu reden.“5

Die Entwicklung der Schriftkultur basiert auf gesprochener Rede und kann daher die Mündlichkeit nicht beiseite schieben. „Die Einführung der Schrift führte weder praktisch noch im Bewusstsein der Zeitgenossen zur Verdrängung der oralen Formen der Abwicklung sozialer Geschäfte.“6 Walter Ong erwähnt sogar schon die Einführung der „zweiten Mündlichkeit“7: Neben Telefon und Grammophon entstehen auch Radio, Fernsehen und Video.

Die Idee der Schrift ist es Informationen zu fixieren und sie zu verbreiten. Mit der Entwicklung der Schrift wird das mündlich weitergegebene Wissen vom Sprechenden unabhängig und löst sich damit von Zeit und Raum. Wissen wird mit der Schrift, als künstlichem Analog des Menschengedächtnisses, durch die Zeit überliefert. Schrift fördert logisches Denken und bietet den Menschen Möglichkeiten zur Reflexion, zur subjektiven Einschätzung der schriftlichen Auslegungen. Die Schrift macht das Festhalten und Aufbewahren eigener Gedanken und Ereignisse möglich.

Wie Michael Giesecke erwähnt: Bei „der Einführung der skriptographischen Datenverarbeitung“ geschieht eine Medienrevolution. Als Datenspeicher kommen jetzt nicht nur psychische Medien wie Gedächtnis, sondern materielle Objekte, wie Steine, Ton; Papyrus und Papier in Frage. „Es bilden sich Informationssysteme mit einer Mischstruktur.“ Die neuen Medien bringen erhebliche kulturelle Veränderungen mit sich. Alte Formen der Informationsverarbeitung und Kommunikation, die als „Gedächtniskultur“ oder „orale Tradition“ bezeichnen lassen, verlieren ihre Rolle.8

Die Weiterentwicklung der Schriftkultur zeichnet sich durch oral geprägte Handschriftlichkeit aus. Mit der Manuskriptkultur eröffnet sich der Weg in die Literalität. Die Einwirkung des Manuskripts auf das herrschende System der staatlichen Einrichtung Griechenlands, Chinas und Römischen Reiches ist enorm.

3. Ablösung der Manuskriptkultur zum Buchdruck

Die Beschäftigung mit der Literatur hatte im Mittelalter eine wichtige Funktion. Bücher wurden hauptsächlich von Geistlichen für Theologen oder für Herrscher geschrieben, die diese in Auftrag gaben. Eine weit verbreitete Lesefertigkeit existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Dienst am Buch war zugleich ein Gottesdienst, da man dem Buch eine besondere Bedeutung zuwies. Das Abschreiben und Illustrieren von Büchern war eine sehr mühselige Arbeit und erforderte sehr hohe Sorgfalt. Dies wird zum Beispiel im Film „Der Name der Rose“ deutlich. Diese Arbeit machte Bücher teuer, deswegen war das Medium nicht allen Menschen zugänglich.

Früher lasen Mönche Bücher gemeinsam, später bildete sich alleiniges scholastisches Lesen. Die sakrale Literatur wird zu intellektueller Literatur. Das Buch gilt als Leitmedium jener Zeit. Das bringt eine neue Welt mit sich. Die langwierige Medienentwicklung bekommt dadurch einen Impuls.

Die Erfindung des Buchdrucks kennzeichnet einen weiteren Meilenstein, der ein „Zeitalter der typographischen Kultur“9 einleitet. Das aufwendige Abschreiben wird durch Gutenbergs Drucktechnik mit beweglichen Lettern ersetzt. Eine Normierung der Schrift entfaltet ihre weltweite Wirkung. Schließlich bringt Mechanisierung eine höhere Effektivität und Zeitökonomie, die sofortiges, explosionsartiges Wachstum des Buchmarktes ermöglicht. Bücher können massenhaft vervielfältigt und kommerziell ausgewertet werden. Eine Vielzahl neuer Buchkategorien und Buchtitel wird produziert. Die kulturelle Entwicklung gerät in enorme Bewegung.

Michael Wetzel sieht nicht nur Vorteile in der massenhaften Buchvervielfältigung. Im „Anwachsen der Bücherüberflut“ sieht er einen „fortschreitenden Verlust an Übersichtlichkeit“. So wie Platon sich über negative Einwirkung der Schrift auf Gedächtnis äußert, bemerkt er auch „Fälle von Gedächtnisverlust“, die seit der Erfindung des Buchdrucks zustande kommen. Das Buch bewirke eine Zerstreuung.

„Die Speicherkapazität gedruckter Bücher scheint die von Lesegehirnen zu übersteigen und macht diese abhängig von externen Wissensträgern. Als maschinell hergestelltes Medium beginnt schon das Buch, das Vermögen subjektiver Einbildungskräfte zu löschen...“10

Dieses Argument steht auf tönenden Füßen. Man kann nicht alles im Kopf behalten und sich nicht an alles erinnern. Man muss beim Informationsüberfluss und Lesen hochselektiv sein und das Wichtigste herausziehen können. Jeder Text, der nach seiner Entstehung nicht wieder vergessen werden will, muss eines Tages unweigerlich aufgeschrieben werden. Das Papier, das Buch, wird zu einer Erweiterung des Gedächtnisses.

Bücher ermöglichen „eine massenhafte Parallelverarbeitung von Informationen ohne die Notwendigkeit unmittelbarer Interaktion.“11 Mit der Buchkultur bildete sich eine neue Kommunikations- und Informationsgesellschaft. Dieses umfangreiche Informationsmittel setzte die allgemeine Lesefähigkeit voraus. Das alles trug natürlich der Erhöhung des Bildungsniveaus der Menschen bei. Das geschriebene Wort drang immer weiter ein. Literatur wurde weltlich, überall geschah die Ideenerneuerung. Eine immer größere Rolle spielten Archive und Bibliotheken bei der Aufbewahrung und Überprüfung des gewonnenen Wissens.

Marshall McLuhan hat diese Epoche, das Verbundsystem der Bibliotheken, Drucktechniken als „Gutenberg-Galaxis“ bezeichnet. Der Buchdruck in Kombination von Text und Bild gab Vorstellungen anderer Länder, Leute und derer Kulturen, vermittelte Kenntnisse, verschiedene Meinungen und Vorstellungen. Der Schrift, dem Buch wird ein universelles Vermögen zugeschrieben, „Wahrheiten zu erkennen, Lug und Betrug zu durchschauen“.12 Das Buch hatte eine besondere Überzeugungskraft und Autorität, was man bei dem gesprochenen Wort nicht immer der Fall war und dessen Wahrhaftigkeit problematisch erschien. Das Buchwissen und das Weltwissen sind im 16. Jahrhundert so identisch geworden, dass die gebildeten Menschen den Büchern mehr glaubten als den alltäglichen Worten und Erfahrungen.

[...]


1 Assmann 1983, S. 13

2 Platon, Online 274e1 – 275b2

3 ebenda

4 Loos, Online

5 ebenda

6 Giesecke 1991, S. 33

7 Loos, Online

8 Giesecke 1992, S. 37

9 Giesecke 1991, S. 35

10 Wetzel 1991, S. X-XI

11 Giesecke 1994, S. 16

12 Wenzel 1994, S. 277

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668892606
ISBN (Buch)
9783668892613
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461794
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,7
Schlagworte
Geschichte der Schrift Medien Buchdruck Hypertext

Autor

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