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Das Tier in der pädagogisch-therapeutischen Arbeit. Erziehen und Heilen am Beispiel des therapeutischen Reitens

Hausarbeit 2005 51 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Pädagogik und Therapie (Erziehung und Heilen)
2.1 Pädagogik und Erziehung
2.2 Therapie und Heilen
2.3 Heil-, Sonder- und Behindertenpädagogik
2.4 Differenzierung der Begriffe

3 Tiere und Menschen
3.1 Tier – Mensch - Beziehung
3.2 Tier – Mensch - Kommunikation

4 Tiergestützte Therapie
4.1 Tiere als Co - Therapeuten/Pädagogen
4.2 Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten
4.2.1 Praxisfelder und deren Grenzen
4.2.2 Konzeptionelle Besonderheit

5 Menschen und Pferde
5.1 Kommunikation zwischen Mensch und Pferd
5.2 Erziehen und Heilen im Medium Pferd
5.3 Heilpädagogisches Reiten und Voltegieren

6 Von einer Dyade „Erzieher-Zögling“ zur Triade „Reitpädagoge – Klient - Pferd“

7 Schluss

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Meine Hausarbeit zum Vordiplom schreibe ich an der Johann Wolfgang Goethe - Universität im Fachbereich Erziehungswissenschaft in der Zeit vom 1. Juni bis 31. August 2005 bei Herrn Dr. Frank-Olaf Radtke. Sie trägt den Titel “Erziehen und Heilen im Medium “Tier“ am Beispiel des therapeutischen Reitens“. Mein absolviertes Einführungspraktikum (Sommer 04 - Winter 05) hat mich angereg, über dieses Thema zu schreiben. Meine Motivation, mich mit dem Erziehen und Heilen im Medium Tier, speziell mit dem Pferd weiter zu beschäftigen, wurde aufrecht erhalten durch meine weitere Mithilfe im Reit- und Therapiezentrum beim therapeutischen Reiten. Ein Großteil meiner Arbeit enthält aus diesem Grund immer wieder meine Praxiserfahrungen, speziell von einem Bereich des therapeutischen Reitens, nämlich dem heilpädagogischen Reiten und Voltegieren. Herausfinden möchte ich, wie man das Medium Tier in der pädagogisch- therapeutischen Arbeit mit Menschen einsetzen kann. Dazu wird interessant sein, was das Besondere an Tieren ist und wie, Tiere als Co-Pädagogen/Therapeuten sind. Weiterhin ist wichtig inwieweit sie erziehen und oder heilen und welche Rolle sie in der Dyade Erzieher- Zögling einnehmen. Viele Gedanken aus meinen Praxiserfahrungen wurden mit neuen Erkenntnissen aus Seminaren, wie u.a. “Einführungen in die Erziehungswissenschaft“ (SoSe 05) oder “Einführungen in die Geistigbehindertenpädagogik“ (SoSe 05), sowie “Außerschulische Handlungsfelder in der Geistigbehindertenpädagogik“ (WS 04/05) angeregt. Durch meine Aufenthalte im Reit- und Therapiezentrum und den Kontakt zu den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit sowohl geistig als auch körperlichen Behinderungen und Verhaltensstörungen, und meinen Umgang mit Pferden und Reitpädagogen, wurde ich in meinem Schreiben immer wieder auf neue Dinge aufmerksam. Durch das Eingebundensein in Therapieabläufe, Reflexionen und Zeitschriften vom Kuratorium für Therapeutisches Reiten hatte ich ständig einen Bezug zu meinem Thema.

In meiner Arbeit verfolge ich einen therapeutisch - pädagogischen Faden, da das therapeutische Reiten in Medizin, Pädagogik und Sport seinen Platz gefunden hat. Mein Schwerpunkt liegt aber trozdem mehr auf den erzieherischen Aspekten.

Die drei Bereiche des Oberbegriffes des therapeutischen Reitens: Hippotherapie, Heilpädagogisches Reiten und Voltegieren sowie Pferdesport für Menschen mit Behinderung (früher Reiten als Sport für Behinderte) beinhalten zum einen eine medizinisch/ physiotherapeutische Interventionsform, eine pädagogisch/ psychologische Intervention und zuletzt integrative und rehabilitative Gedanken.

Im ersten Kapitel möchte ich die Begriffe Erziehung aus der Pädagogik und Heilen aus der Therapie erläutern. Diese werden in einem Unterpunkt in diesem Kapitel zusammenfließen in eine “heilende Pädagogik“, sozusagen die Heilpädagogik, welche somit ein therapeutisch – pädagogisches Verfahren darstellt. Mit der Heilpädagogik erläutere ich die Sonder- und Behindertenpädagogik, da es hier teilweise nur um eine Begrifflichkeit geht. Trotz alledem differenziere ich die Begriffe in einem letzten Unterpunkt voneinander.

Das folgende Kapitel wird sich mit Tieren und Menschen beschäftigen, um herauszuerarbeiten, wie sich die Beziehung, das Verhältnis zwischen Tieren und Menschen früher und heute entwickelt hat. Außerdem werde ich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Tieren und Menschen herausarbeiten, um damit abzuschließen, was denn das Besondere am Medium Tier für seinen Einsatz als Co- Pädagoge/ Therapeut ist und welche Eigenschschaften von ihnen nützlich sind, um Menschen zu erziehen und zu heilen. Die tiefe Verbundenheit zwischen Menschen und Tieren ermöglicht eine Beziehung mit ihnen. Sie können Dialogpartner werden, die auf der Basis von gegenseitigen Vertrauen aufgebaut ist, wenn sie eine gemeinsame Kommunikation finden. Historisch leitet sich das nächste Kapitel über die tiergestützte Therapie ein, welche den Einsatz von Tieren als Co– Therapeuten/ Pädagogen beschreibt. Klar darstellen werde ich, warum gerade Tiere dafür geeignet sind und wie sie die Lebensqualität von Menschen verändern und verbessern können. Welche Ziele das Einsetzen von Tieren in der Therapie hat und wie eine ganzheitlich heilende Wirkung auf den Menschen aussieht, sind Inhalte dieses Kapitels sowie die Entstehung des Deutschen Kuratoriums des Therapeutischen Reitens mit seinen einzelnen Bereichen, Grenzen und Praxisfeldern. Da ich die Wirkung allgemein von Tieren auf Menschen beschrieben habe, werde ich nun auf die konzeptionelle Besonderheit des therapeutischen Reitens kommen, die Therapiepferde. Diese Pferde werden speziell ausgebildet, damit die Sicherheit der Klienten gewährleistet ist. Dabei ist festzuhalten, dass Pferde ein Bedürfnis nach sozialen Kontakten haben, da sie Herdentiere sind. Als flucht- und instinktverhaltende Tiere brauchen sie klare Grenzen und Anweisungen, was sich die Pädagogik zunutze macht. Dadurch wird das Pferd, da es unmittelbar, ehrlich und unnachtragend reagiert, zum “(heimlichen) Miterzieher“. In einem Unterpunkt werde ich die erzieherischen und heilenden Aspekte des Mediums Pferd beschreiben. Im letzten Kapitel wende ich mich der traditionellen Dyade Erzieher- Zögling zu, wie sie sich mit dem Medium Pferd in eine trianguläre Beziehung Reitpädagoge- Klient- Pferd verwandelt bzw. ergänzt. Der Pädagoge rückt absichtlich in den Hintergrund mit der Intention, die Interaktion Klient- Pferd zu ermöglichen. Im Schluss werde ich ergänzend noch auf weitere tiergestützte Pädagogiken eingehen, denn nicht nur das Pferd leistet wertvolle Hilfe in Erziehung und Heilung.

3 Pädagogik und Therapie (Erziehung und Heilen)

3.1 Pädagogik und Erziehung

Pädagogik ist ein vieldeutiger Begriff. Mit ihr ist Theorie und/oder Praxis von Erziehung gemeint. Der Begriff Erziehungswissenschaft meint die Theorie der Erziehung, während die Praxis der Pädagogik die konkrete Erziehung umfasst. Aber weder im alltäglichen noch in wissenschaftlichen Sprachgebrauch herrscht immer Klarheit oder gar Einigkeit darüber, was Erziehung eingentlich ist. Die pädagogische Theorie soll das pädagogische Handeln aufklären. Die Praxis enthält auch Theorieelemente. Das Zusammenspiel von Theorie und Praxis hat das Ziel, der nachhaltigen Generation, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen zu vermitteln. Ob eine Handlung als eine erzieherische angesehen werden kann, kommt immer auf die Merkmale des Handelns an, durch welche sie gekennzeichnet ist. Diese Merkmale werden in der Begründung des Handelns und Denkens bestimmt und sind wiederum abhängig von sozialen Entscheidungen des Pädagogen.

Zur eigenständigen Wissenschaft wurde die Pädagogik, als sie den zu Erziehenden im neuzeitlichen Verständnis des Menschen, als höchste irdische Instanz begriff, der sein eigenes Gewissen hat und als einziger Würde besitzt. Im Zusammenhang mit der Pädagogik unterliegen Erziehungskriterien und Praktiken gesellschaftlichen Grundlagen und Wertevorstellungen.1 Ihren Schwerpunkt hat die Pädagogik auf der Herstellung und Förderung von Bildung und Mündigkeit. Sie wendet sich daher an die Personalität, an die Einsicht des Zöglings (traditioneller Begriff), an sein Wollen.

Es gibt drei verschiedene Fragestellungen in der Pädagogik. Sie lassen sich in folgende Richtungen aufteilen:

- Anthropologisch: Wer ist der Mensch?
- Demteleologisch: Was soll der Mensch werden?
- Methodologisch: Wie kann Erziehung dem Menschen dabei helfen?

Eine persönliche Auffassung vom Menschen sieht die zentralen Momente in der autonomen Verantwortung. Im Gewissen und in der Freiheit begreift sie Erziehung als einen vorwiegend dialogischen Prozess, der auf die mündige Freisetzung des Menschen als einmalige und unaustauschbare Person in ihrer Verantwortung vor sich selbst, dem anderen und dem Absoluten.2

Die Autoren Kaiser/Kaiser (2001) gehen in dem Kapitel über Erziehung auf Heinrich Roth (1971) ein. Nach ihm beruht die Pädagogik in Praxis und Theorie auf impliziter Anthropologie. Nach ihr stellt sich die Frage nach der Erziehungsfähigkeit und Bedürftigkeit des Menschen. Ein Mensch muss und kann erzogen werden, weil er im Vergleich zum Tier ein Mängelwesen sei und er deswegen in seiner physischen Existenz hochgradig gefährdet, biologisch als „sekundärer Nesthocker“, deswegen in der Gattung unfertig und in Konstitutionsbedingungen formbar sei. Die Anthropologie hat die Erziehungsaufgabe die Handlungsfähigkeit des Menschen mittels Sprache und Sinn zu erreichen. Die pädagogische Anthropologie wird als Begründung und Rechtfertigung von Erziehung und Bildung verstanden. Der Mensch wird erst durch Erziehung zum Menschen.3

Erziehung ist ein Grundbegriff der Pädagogik. Im Allgemeinverständnis meint erzieherisches Handeln unterschiedliche Abläufe, Institutionen, Handlungsträger wie Schule, Familie, Öffentlichkeit, Lehrer oder Eltern. Als Erzieher werden meistens professionelle Erzieher bezeichnet, während Eltern nur Laien sind. Aus der Geschichte heraus, wurde Erziehung als unmittelbares und gezieltes Handeln durch alle Erwachsenen gesehen. Dadurch und durch die Medien (geheime Miterzieher) ist Erziehung unumgänglich und somit werden auch Grenzen gesetzt. Erziehungsgrenzen gibt es auch dadurch, wenn Erziehung institutional stattfindet, denn sie sind an einen bestimmten Rahmen gebunden. Findet Erziehung professionell in einer Institution, wie Schule, Jugendhaus, sozusagen offen statt, wird das pädagogische Handeln von LehrerInnen, JugendleiterInnen, die PädagogInnen nach gewissen Maßstäben eingeschränkt. In den einzelnen Erziehungsinstanzen gibt es tiefe Verunsicherungen, die durch den Wandel von Sozialem und der Kultur stehen, indem sich die soziokulturellen und moralischen Milieus auflösen. Dies führt zum Verlust an pädagogischer Sicherheit und von traditionellen Normen und Orientierungen. Zudem steigern sich gesellschaftliche Erwartungen.

Erziehung soll korrigieren, ermahnen und kontrollieren, bekommt somit aber einen “negativen“ Charakter, wobei die Motive aus der Reformpädagogik wie Liebe, Zuwendung, Ermutigen und Ermuntern den zu Eziehenden in seiner Eigenkreativität besser unterstützen. Zur Erziehung gehören konkrete Personen, die erziehen, aber nicht darin aufgehen, wie zu Erziehende, die aber nicht zu Zöglingen werden. Das erzieherische Handeln macht die Absicht zu anderem Handeln aus. Die Intention eines Pädagogen wird bewusst gestaltet und reflektiert und stellt einen Prozess dar. Außer ihrer Intention ist sie durch Zweck- und Zielsetzung gekennzeichnet. Erziehung ist systematisch geplant und wird bewusst durchgeführt.

Die Absicht im Handeln von Erziehung will psychische Dispositionsgefüge anderer Menschen verbessern oder erhalten. Gerade daher, dass pädagogisches Handeln eine Absicht verfolgt, ist sie immer unterschiedlich, weil jeder Erzieher eine andere Intention verfolgt. Es gibt viele Menschenbilder und Varianten des Handelns von Pädagogen und deshalb auch kein „richtiges pädagogisches Handeln.“4 Erziehung kann aber auch ohne Absicht geschehen, indem sie funktional ist. Dabei ist der Einfluss auf das Verhältnis oder auf das Geflecht sozialer Interaktionen absichtslos.

Ein Grundproblem von Erziehung ist, dass Ziele, die von außen erwartet werden, nicht unbedingt aufgehen können. Pädagogisches Handeln findet zwischen zwei Wesen statt und ist daher immer ein soziales und wechselseitiges Handeln. Es bezieht sich auf Veränderungen und Bedingungen des Menschen und ist demnach am Handeln des anderen orientiert. Aus diesem Handeln des Gegenübers ergibt sich sozusagen ein Spielraum, weil hier frei gehandelt wird. Dieser Spielraum beinhaltet demnach das Handeln des Pädagogen und des Zöglings. Zudem ist das Handeln an den Dialog zwischen ihnen gebunden. Der Ausgang der Handlung ist offen, daher also auch zum Nichtgelingen verurteilt. Er liegt in der Hand des Zöglings.5 Erzieher und Zögling müssen zusammen agieren, sonst kann Erziehung nicht stattfinden. Zu berücksichtigen sind dabei die individuellen Voraussetzungen der Aneignung des Zöglings, d.h. seine Fähigkeiten, die durch z.B. eine Behinderung eingeschränkt werden. Sie geben die Ziele des Subjekts vor. Da jeder Mensch Erziehung erlebt hat, sind die Sachverhalte umstritten und meistens nicht objektiv und werden diskutiert. PädagogInnen handeln unmittelbar im Umgang mit der Klientel und fördern das Können, Wissen, die verstehende Einsicht sozialer Selbstfindung, emotionale Stabilisierung, Urteils- und Kritikfähigkeit und ein schrittweisendes Vorankommen an Mündigwerden6. Winkler (2004) schreibt, Erziehung sei ein ortsgebundenes Handeln. Der zu Erziehende muss sich daher die Ortsbedingungen aneignen und Kontrolle über seine Bewegungen bekommen. Zudem hat ein Pädagoge direkten Einfluss auf den Menschen durch Vorgaben, Anleitungen, Kontrolle und Konsequenzen. Als wichtige Aufgabe von Erziehung stehen u.a. die Persönlichkeitsbildung, Sozial- und Moralerziehung.6

3.2 Therapie und Heilen

Zunächst möchte ich näher darauf eingehen, was eine Therapie ist, um den Begriff Heilen, der mit der Therapie einhergeht, näher zu beleuchten. Eine Therapie gliedert sich in zwei Bereiche auf. Zum einen ist sie medizinisch und stellt somit eine Heilbehandlung somatischer Krankheiten dar, zum anderen ist sie psychologisch. Durch Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter erfolgen Behandlungen im pathologischen Verhalten und Erleben. Ziel einer Therapie ist es, die krank machenden Ergebnisse von Fehlerziehung und erlittenen Traumata zu korrigieren. Konflikte sollen gelöst, Selbstverwirklichung und Erfolg in Familie, Gesellschaft und Beruf ermöglicht werden. Wichtig sind dafür die Persönlichkeit des Therapeuten, seine Beziehung zum Patienten, psychologische Methoden, Hypnose und Psychopharmaka.

Therapien unterscheidet Böhm in:

1. Intensität der Methode: unterstützende, erzieherische, beratende und medizinische Maßnahme
2. Teilnehmer: Einzel-, Gruppentherapie
3. Theoretisches Bezugssystem

Die Ansätze unterscheiden sich durch Ziele und Verhalten und Techniken der Therapeuten.7

Erste Therapieverfahren in frühen Gesellschaftsformationen sollten existenziellen Problemen und psychischen Belastungen bei einzelnen Individuen entgegenwirken. Sinnstiftende und kollektive Perspektiven wurden vermittelt, um eine Einheit von Sinn und Bedeutung wieder herzustellen. Die Mediziner gingen ganzheitlich (körperlich, seelisch, geistig) vor und die traditionelle Konstellation war das Arzt - Patienten - Verhältnis. Therapie umfasst bestimmtes Handeln in der Theorie und in der Praxis. Dieses Handeln in der Theorie ist in der Regel die direkte Umsetzung oder Anwendung in der Praxis. Einen allgemeinen Therapiebegriff zu bestimmen ist schwierig, weil der theoretische Bezug allein immer wieder neuen Entwicklungen bzw. Therapieverfahren unterliegt. Die Therapie hat enorme Ausdehnung und Anerkennung erfahren, trotzdem gibt es nicht die Therapie.

Therapien werden herangezogen, um Störungen, Auffälligkeiten, Abweichungen von Menschen entgegenzuwirken. Ihren Schwerpunkt hat sie demnach bei der Herstellung von Wohlbefinden und der Gesundheit des Menschen. Sie versucht, auf die Gesundheit einzuwirken oder sie mit körperlichem Training, medikamentösen Behandlungen u.a. zu fördern. Therapie ist immer ein Verfahren, was von einem Therapeuten praktiziert wird.8

Heilen findet in einem bestimmten Beziehungsgeflecht statt und zwar in dem Arzt - Patienten - Verhältnis. Der Begriff kommt aus der Medizin. Heilen und Heilung sind Begriffe, die mit Krankheit in Verbindung stehen, aber auch in einen Bereich der Pädagogik, in der Heilpädagogik, Eingang gefunden haben. Aus medizinischer Sicht brauchen Krankheiten ein ärztliches Heilen.9 Eine heilende Handlung bedeutet, einen Menschen zu behandeln, indem man ihn anregt, belebt, fördert, unterstützt, stärkt oder ermutigt.10 Der Begriff Heilung hat mit der Wiederherstellung von Gesundheit zu tun, wozu der Einsatz von Heilmitteln und Heilmethoden gehört.11

3.3 Heil-, Sonder- und Behindertenpädagogik

Unter dieser Überschrift möchte ich einen Fachbereich der Pädagogik erläutern. In diesem wird deutlich, dass Erziehung und Therapie nicht unbedingt voneinander abgegrenzt werden können, bzw. dass es nicht unbedingt erforderlich ist. Die Heilpädagogik ist 1861 von Georgens und Deinhardt eingeführt worden. Sie bezeichnet theoretischwissenschaftliche Aspekte und die Heilerziehung. Die Heilpädagogik befasst sich mit gefährdeten, gestörten oder behinderten Kindern. Ziele der Heilpädagogik sind die Prophylaxe, die Förderung und die Rehabilitation im Sinne der (Wieder)Gewinnung der Arbeitsfähigkeit eines Individuums zudem die Eingliederung und damit die Integration eines Menschen (mit Behinderung) in die Lebensform der Gesellschaft.12 In der Heilpädagogik ist das Leben der Menschen von Bedeutung. Zielsetzungen und Fähigkeiten sollen von den Menschen herausgebildet werden, um ihnen ihre Lebensführung zu ermöglichen und ihnen ein Bild für die Zukunft zu schaffen.13 Krankheit und Erziehung stehen in einem Verhältnis zueinander und konkretisieren Zustände.14 Heilen muss präzise sein, um die pädagogische Eindeutigkeit zu erlangen, um in Beziehung mit Erziehung und Bildung zu kommen. „Mensch-Werden“ ist ein Begriff aus der Pädagogik und der Medizin. Zur „Mensch-Werdung“ gehören das Erleben und Erfahren der Zeit, der Mitwelt und der Erziehung, um im Hineinwachsen in die Welt zum Menschen zu werden.15

Die Heilpädagogik enthält die Begriffe „Heil“ oder „heil“ und „Heilung“ oder „heilen“. Dadurch könnte man eine Pädagogik auch zu einer heilenden Pädagogik umbenennen. Aber hierbei ist Kritik geäußert worden, dass durch kombinierte medizinisch - pädagogische Maßnahmen sich Beeinträchtigungen im Sinne des Gesundmachens „heilen“ ließen. Die Pädagogik „heilt“ jedoch anders als die Medizin.

Aus diesem Grund wird der Begriff in Deutschland oft als Sonder- oder Behindertenpädagogik bezeichnet. Dabei kommt es auf die Akzentuierung der Begriffe an, wie “Sonder“ oder “Heil“. Therapiemethoden haben zum Ziel, behindernde Faktoren zu beseitigen oder zu relativieren. Der Begriff „Heilen“ bezieht sich in der Pädagogik auf die üblichen Aufgaben und Mittel (wie Lob und Unterstützung). Der Begriff „Heilen“ wird Bereichen in der Medizin und Pädagogik zugeteilt. Pädagogisches und medizinisches Heilen bedeutet für beide „Gesundmachen“, obwohl das in der Pädagogik kein Gegenstand ist. Heilpädagogik ist daher eine ganzheitliche Pädagogik, wenn sie heilt, wirkt sie auf Körper, Geist und Seele ein.16 Heilen zielt auf personale Zustandsverbesserung ab. Mit der Heilung entspringt aus pädagogischer Sicht der Begriff der Förderung, so schreibt Wilkens, indem sie Bezug auf Brezinka (1990, 92) nimmt, die über einen Handlungsprozess erreicht werden soll.17 Weiterhin schreibt sie von Gröschke (1998, 271), dass die Situation, in der sich ein Mensch befindet mit der Heilung im pädagogischen Sinne über eine Förderung verbessert wird. Heilung kann in der Heilpädagogik auch als Entwicklungsförderung gesehen werden.18 Durch die Wahrnehmung von Erziehungsbedürfnissen soll versucht werden, Fähigkeiten dauerhaft zu verbessern.

Die Begriffe, die in dem Wort Heilpädagogik stecken, sind die pädagogischen Schlagwörter. „Heilung“ könnte man mit dem Begriff der „Methode“ oder der „pädagogischen Tätigkeit“ vergleichen. Die Begriffe dienen der Orientierung, die aber einen pädagogischen Hintergrund haben. Diese Begriffe sind individuell erlebbar und sinnlich erfahrbar und deswegen nicht zu generalisieren. Hinzu kommt, dass sie aus ihrem Sinnzusammenhang pädagogisch oder medizinisch zu deuten bzw. zu interpretieren sind. Heilen ist ein Geschehen, welches durch Handlung gekennzeichnet ist.19 Wilkens nimmt Bezug auf den Autor Bleidick (1971,41) und meint, dass Heilen und Heilung in der Heilpädagogik an medizinische Wirklichkeiten gebunden seien und medizinische Begriffe für Aussagen demnach pädagogisiert werden müssten.20

Im heilpädagogischen Sinne muss Erziehung sich von den wechselnden Anforderungen und Möglichkeiten in Situationen der pädagogischen Heilung leiten lassen. Der Pädagoge, der in diesem Fall zum heilenden Pädagogen wird, hat sich an bestimmte soziale Aspekte einer Erziehungsbedürftigkeit und Individualisierung zu orientieren. Sein Ziel wären, die Gesundheit des Klienten und ein erhöhtes Maß an Selbstbestimmung. Deswegen erfordert ein heilendes Handeln integrative Ansätze, um sich am Leben orientieren zu können. Mündig sein bedeutet, was die Erziehung erreichen möchte, in gesellschaftlichen Bezügen die eigenen Bedürfnisse und Interessen selbstbestimmt vertreten zu können.21

Die Heilpädagogik wird im engeren Sinne je nach geografischen Gebieten gebraucht. Sie steht dem Begriff der Sonderpädagogik nahe und ist teilweise mit ihr identisch. Ihre Aufgaben überschneiden sich teilweise. Um diese Begriffe voneinander abzugrenzen, möchte ich die Sonderpädagogik näher erläutern. Die Sonderpädagogik meint jenen Bereich, der sich um die Verbesserung von erschwerten Situationen und um die Behebung besonderer Gefährdung und Benachteiligungen in allen Lebensaltern bemüht. Die Übergänge zwischen einzelnen Formen der Beeinträchtigungen sind fließend. Aufgabengebiete der Sonderpädagogik sind:

- Sondererziehung bei vorliegender Behinderung
- Förderungserziehung bei Behinderung
- Förderungserziehung bei vorliegender Störung
- Soziale Erziehung

Gliedern lässt sich der Begriff in folgende Bereiche:

- Substitutiv: Unterstützende Sonderpädagogik, Übung der beeinträchtigten Funktionsbereiche
- Kompensierend: Erschließung und Benutzung nicht beeinträchtigter Funktionsbereiche
- Subventionierend: Erleichternde Erziehungsbedienungen, verringerte Leistungsanforderungen
- Integrativ: Weitest möglich gemeinsame Erziehung von Menschen mit und ohne Behinderung in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Kritik an der Sonderpädagogik ist, dass eine Hervorhebung des Besonderen geschieht, in der die Herausstellung von Defiziten überhand gewinnen kann. Diese Vorgehensweise ist selektiv und kann im Sinne von Aussonderung missverstanden werden. Aus diesen Kritikpunkten entsteht eine Verbindung zur Heilpädagogik, die im Unterschied ganzheitlich ausgerichtet ist.22

[...]


1 Vgl. Scheuerl 1979, S. 8-13

2 Vgl. Böhm 1994, S. 519ff

3 Vgl. Gudjons 2003, S. 175

4 Vgl. Götz- Hege 2000, S. 335

5 Vgl. Giesecke 1993, S. 18f Vgl.

6 Vgl. Winkler 2004, S. 70-73

7 Vgl. Böhm 1994, S. 681f

8 Vgl. Götz- Hege 2000, S. 335-340

9 Vgl. Wilkens 2000 S. 47

10 Vgl. ebd., S. 54

11 Vgl. ebd., S. 15

12 Vgl. Böhm 1994, S. 299

13 Vgl. Wilkens 2000, S. 73

14 Vgl. ebd., S. 83

15 Vgl. Wilkens 2000, S. 84

16 Vgl. ebd., S.17

17 Vgl. Brezinka in Wilkens 2000, S. 124

18 Vgl. Gröschke in Wilkens 2000, S.123

19 Vgl. Wilkens 2000, S.20f, 45f

20 Vgl. Bleidick in Wilkens 2000, S.13ff

21 Vgl. Wilkens 2000, S.87, 89f

22 Vgl. Böhm: Wörtebuch der Pädagogik.Stuttgart.1994, S. 637ff

Details

Seiten
51
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638434294
ISBN (Buch)
9783638707756
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46185
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Allg. Erziehungswissenschaft
Note
Sehr gut
Schlagworte
Tier Arbeit Erziehen Heilen Beispiel Reitens Hausarbeit Vordiplom

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Titel: Das Tier in der pädagogisch-therapeutischen Arbeit. Erziehen und Heilen am Beispiel des therapeutischen Reitens