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Magischer Realismus im Werk "Das Begräbnis" von Wolfdietrich Schnurre

Eine literaturwissenschaftliche Analyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Textanalyse
2.2 Begriffserklärung Magischer Realismus
2.3 Der Magische Realismus in der Kurzgeschichte „Das Begräbnis“
2.4 Abgrenzung zu anderen Werken der Gruppe

3. Zusammenfassung/Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wolfdietrich Schnurre zählt zu den frühen Mitgliedern der Gruppe 47. Er war es, der den ersten Text im ersten Zusammentreffen der Gruppe 47 vorgelesen hat. Damit begann eine Reihe von Treffen der Gruppe 47, die geprägt von Lektüre und Kritik waren. Beim letzten Treffen der Gruppe 47 wurde der Text „Das Begräbnis“1 ebenfalls noch einmal von Schnurre vorgelesen.

In dieser Hausarbeit soll der magische Realismus im Werk „Das Begräbnis“ von Wolfdietrich Schnurre thematisiert werden. Dabei soll die Frage, inwiefern diese Kurzgeschichte auf Grund des magischen Realismus von den anderen gelesenen Texten der Gruppe 47 hervorsticht, geklärt werden. Dies beinhaltet auch die Klärung des Begriffs „Magischer Realismus“.

Zuerst erfolgt eine Erzählanalyse auf Grundlage der Erzähltheorie nach Gérard Genette2. Im Anschluss soll der Begriff magischer Realismus geklärt werden. Dabei werden Erklärungen von unterschiedlichen Autoren verwendet, um zu verdeutlichen, dass es zwar eine einheitliche Grundidee davon gibt, was den magischen Realismus ausmacht, jedoch jeder Autor diese Literaturform etwas anders beschreibt und versteht. Diese Begriffserklärung soll helfen, den magischen Realismus in Schnurres Kurzgeschichte „Das Begräbnis“ herauszufinden und zu interpretieren. Um den magischen Realismus und dessen Bedeutung in dem Werk zu verstehen, ist es unumgänglich auf den Inhalt der Kurzgeschichte einzugehen. Dieser soll jedoch nicht im Vordergrund stehen und wird daher grob zusammengefasst, beziehungsweise durch Beispiele wiedergegeben. Um die Frage zu klären, inwiefern die Geschichte von anderen Werken der Gruppe 47 hervorsticht, soll im Anschluss die besondere Bedeutung des Werkes thematisiert werden. Man könnte auch andere Werke der Gruppe 47 analysieren, um den Unterschied deutlich zu machen. Dies passt jedoch nicht in den Umfang dieser Hausarbeit. Deshalb wird die besondere Bedeutung anhand des Werkes selbst erklärt und Einschätzungen von Mitgliedern der Gruppe 47 sowie Literaturkritikern zu Schnurres Werk hinzugezogen.

2. Hauptteil

2.1 Textanalyse

Wolfdietrich Schnurre schrieb die Kurzgeschichte „Das Begräbnis“ 1945, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Kurzgeschichte erfährt man, dass sich die Figuren gerade in der Zeit des Krieges befinden. Inhaltlich thematisiert die Kurzgeschichte den Tod Gottes und dessen Beerdigung. Die Beerdigung wird sehr sachlich und neutral beschrieben. Statt einem Chor, der singt, hört man Harmonikamusik von einem nahe liegenden Quarantänelager3. Die Atmosphäre in der Kurzgeschichte ist trostlos, da es nachts spielt, also dunkel ist und zusätzlich regnet. Außerdem ist auffällig, dass die Beerdigung keinen der anwesenden Figuren wirklich rührt. Sie müssen diese Arbeit verrichten. Eine Ausnahme stellt lediglich die Erzählfigur dar, die sich freiwillig zum Begräbnis begibt, nachdem sie den Brief mit der Traueranzeige bekommen hat. Um die Frage, inwiefern diese Kurzgeschichte auf Grund des magischen Realismus von den anderen gelesenen Texten der Gruppe 47 hervorsticht, zu klären, muss zunächst die Kurzgeschichte „Das Begräbnis“ analysiert werden. Zur Textanalyse wurde die Erzähltheorie von Gérard Genette4 gewählt.

Zuerst einmal lässt sich feststellen, dass die Kurzgeschichte von Alltagssprache und einem Berliner Dialekt geprägt ist. Dafür findet man zahlreiche Beispiele, wie „auf m Stuhl“ oder „Liegt n Brief“ (S.9). Geschrieben wurde die Geschichte in Dialogen. Dabei fällt auf, dass man erfährt, was die Erzählfigur denkt. Sie sagt beispielsweise „Muß einer gestorben sein, denk ich.“ (S.10). Die Sprache und der Stil sind von Kargheit geprägt. Dies wird durch die Tatsache unterstützt, dass Schnurre auf Ausschmückungen durch Adjektive und Adverbien verzichtet. Er verwendet elliptische und parataktische Konstruktionen. Häufig bestehen die Sätze aus wenigen Wörtern. Ausdrücke wie „Klopft‘s.“, „So.“, oder „Nehm ihn“, verdeutlichen dies (S.9). Die Kurzgeschichte beginnt in medias res, nachdem es klopft. Durch dieses Klopfen wird ein Erzähler während seiner handwerklichen Arbeit unterbrochen. Er findet einen Brief auf dem Tisch worauf steht: „Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb heute nach Langem, mit himmlischer Geduld ertragenem Leiden: Gott“ (S.9).

Genette sagt, um einen Text zu analysieren, muss man sich die Zeit anschauen5. Die Kurzgeschichte wird chronologisch erzählt. Die Geschehnisse werden der Reihe nach berichtet und durchlebt. Überwiegend findet man zeitdeckendes Erzählen vor, jedoch gibt es viele Ellipsen. Die Erzählung steht dabei still, während das Ereignis weitergeht. Zur Frequenz lässt sich sagen, dass es sich um repetitives Erzählen handelt. Es wird wiederholt erzählt, was sich einmal ereignet hat. Ein Beispiel dafür ist, dass der Erzähler allen anderen Figuren berichtet, dass Gott gestorben sei. Dies erzählt er seiner Frau, einer Figur, die er auf der Straße trifft und dem Zeitungsmann6 (S.11). Auffallend sind die mitleidslosen Reaktionen der jeweils anderen Figuren auf den Tod Gottes. Sie reagieren mit „“Na und?“, „Nanu; heute erst?“ und „Armer Deubel. Kein Wunder“ (S.10). Der Krieg scheint schon viele Jahre anzudauern und die Menschen haben die Hoffnung und den Glauben verloren. Nicht nur das Mitleid für den Tod Gottes fehlt, die Menschen haben auch untereinander kein Mitgefühl mehr. Dies wird deutlich, als eine Frau ein Fenster aufmacht und Hilfe schreit (S.11). Keiner der beteiligten Figuren beachtet die Frau. Ebenfalls auffällig ist der Kommandoton der Totengräber. Sie rufen beispielsweise „„Haaaaaau - ruck !“ oder „Maaaaaarsch !“ (S.12). Diese Ausdrücke erinnern an Kommandotöne von Soldaten in militärischen Aktionen. Analysiert man die Geschichte weiter, stellt man fest, dass sich Symbole darin verstecken. Diese tragen zwar nicht primär zum Textverständnis bei, sollen jedoch die eigentliche Kernaussage der Kurzgeschichte verstärken. „Der Pfarrer hinkt“ (S.12). Das Hinken des Pfarrers steht für das Wanken des Glaubens. Die Menschen haben durch die lange Kriegszeit keine wirkliche Hoffnung mehr und sind dabei den Glauben und die Hoffnung zu verlieren. Ein weiteres Symbol ist die Stickstofffabrik, die mehrmals im Text vorkommt. „In der Stickstoff-Fabrik rattern die Maschinen. Ihre Schornsteine sind von unten erleuchtet.“ (S.13) Zum einen steht die Stickstofffabrik für die Zerstörung. Der Krieg hat viele Gebäude und Straßenzüge zerstört. Er zerstörte ebenfalls das Leben vieler Familien. Zum anderen steht das Düngemittel für das Wachstum von etwas Neuem. Nach dem Krieg könnte die Stadt neu entstehen. Der Glaube und die Hoffnung könnten wieder wachsen. Überlegt man, aus welcher Sicht erzählt wird, kommt man zu der Schlussfolgerung, dass es sich um eine interne Fokalisierung handeln muss. Der Erzähler sagt hier nicht mehr, als die Figur weiß. Dies liegt auch daran, dass es sich um einen homodiegetischen Erzähler handelt. Der Erzähler ist als Figur, in Form eines Ich-Erzählers am Geschehen beteiligt. Näher betrachtet, lässt sich feststellen, dass es ein erlebendes Ich ist. Das erlebende Ich ist direkt am Geschehen beteiligt und erlebt die Geschichte in diesem Moment. Die Figur in „Das Begräbnis“ erlebt den Tod Gottes, dessen Beerdigung und die Reaktionen der anderen Figuren in dem Moment. Genette7 betrachtet die Stimme, um Texte zu analysieren. Zum Zeitpunkt des Erzählens lässt sich feststellen, dass es sich um gleichzeitiges Erzählen handelt. Das Erzählte findet im gleichen Moment wie das zu Erzählende statt. Beispielsweise beginnt der Einstieg mit „Steh ich in der Küche auf m Stuhl. Klopft’s. Steig ich runter, leg den Hammer weg und den Nagel“ (S.9).

Der Magische Realismus stellt ein weiteres Merkmal in dieser Kurzgeschichte dar. Was das ist und inwieweit dieser die Art der Kurzgeschichte beeinflusst, soll nun im Folgenden geklärt werden.

2.2 Begriffserklärung Magischer Realismus

Die Literaturform des Magischen Realismus findet sich in zahlreichen Werken wieder. Vereinfacht gesagt, vermischt der Magische Realismus Magie und Fantasie mit der Realität. Michael Scheffel untersuchte diese Literaturform und machte deutlich, dass es sich dabei um keine neue Form handelt, sondern eine Strömung aus der Kunst der zwanziger Jahre neu aufgegriffen wird8. Dabei werden die irrealen Eigenschaften nicht betont. Sie gehören zur Handlung dazu und stehen auf einer Ebene mit der Realität. Heute ist der Magische Realismus der Literatur eine gute Möglichkeit für die Schriftsteller um besonders interessante Werke, die sich sowohl mit der Realität, als auch mit der Fantasiewelt beschäftigen, zu erschaffen.

Richter führte in der Nachkriegsliteratur den Begriff des magischen Realismus9 ein, der immer wieder aufgegriffen wurde. Dazu äußerte er sich in seiner Zeitung.

Im Magischen Realismus ist die Wirklichkeit transparent und das Unwirkliche real, sind die zwei Komponenten des Lebens, das Sichtbare und das Unsichtbare, das Physische und das Metaphysische, das Wirkliche und das Unwirkliche in eine Form gegossen. […] Ein vertiefter Realismus, ein Realismus, der sich mit der Gestaltung der Oberfläche nicht begnügt, der nicht nachzeichnet oder fotografiert, sondern das Hintergründige unserer Zeit in den Vordergrund rückt, das Unbewußte bewußt werden lässt und für den die irrationalen unsichtbaren Vorgänge ebenso zur Wirklichkeit gehören wie ihre sichtbaren Wirkungen, das ist es, was uns von dem deutschen Realismus der Vergangenheit trennt10.

Hans Werner Richter erklärt den Begriff des Magischen Realismus ohne dabei auf dessen Ursprung einzugehen. Es wird deutlich, dass unterschiedliche Autoren, eine unterschiedliche Vorstellung davon haben, was diese Literaturform genau definiert. Deshalb ist es wichtig zu klären, was Wolfdietrich Schnurres Verständnis davon ist, um einen genaueren Blick auf seine Kurzgeschichte „Das Begräbnis“ zu werfen. Zuerst einmal lässt sich feststellen, dass sein Verständnis ganz anders als das der Herausgeber des Rufs ist. Als Beispiel für Werke des Magischen Realismus führt er neben seiner Kurzgeschichte auch die von Ernst Kreuder mit dem Titel „Die Gesellschaft vom Dachboden“11 an. Schnurre beschreibt, dass die Autoren „vom greifbar Realen ausgehend, ihren Stoff genau so viel verfremden, daß der innere Bezug deutlich blieb, das Thema, in die story eingebettet, jetzt aber sah man genau hin, einen Zentimeter über dem Erdboden schwebte“12. Vergleicht man die Aussage von Richter mit der von Schnurre, wird deutlich, dass Richter den Magischen Realismus als Möglichkeit sieht, die Wirklichkeit zu verschleiern, während Schnurre auch den Inhalt seiner Kurzgeschichten durch den Magischen Realismus bestimmen lässt. Schnurre beschreibt die Entwicklung des Magischen Realismus aus seinen Erinnerungen.

Der magische Realismus zeigte sehr bald die typischen Verfallserscheinungen […] und begann sich mehr und mehr völlig von seinem eigentlichen Objekt, dem noch nicht wieder mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehenden Menschen, zu lösen […], während sich aus dem blanken, dem vordergründigen Realismus, der sich weiterhin ausbreitete endlich der Realismus zu entwickeln begann, den ich schlicht den eigentlichen nennen möchte und dessen einprägsamste Verkörperer etwa Wolfgang Borchert und Heinrich Böll mit ihren ersten Kurzgeschichten waren13.

Schnurre distanziert sich mit dieser Aussage von dem magischen Realismus, der in den zwanziger Jahren entstanden ist. Für ihn entwickelte sich der eigentliche Realismus erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Insgesamt lässt sich sagen, dass der magische Realismus eine Möglichkeit bietet über den Realismus hinaus schreiben zu können.

[...]


1 Schnurre, Wolfdietrich: Das Begräbnis (1945/46), in: Bellmann, Werner (Hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten, Stuttgart 2003, S 9-17.

2 auf der Grundlage: : Martinez, Matias / Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie.9. Auflage.München: C.H.Beck, 2012.

3 Vgl. Schnurre, Wolfdietrich: (1945/46), S. 11.

4 Martinez, Matias / Scheffel, Michael (2012), S.83.

5 Martinez, Matias / Scheffel, Michael (2012), S.83.

6 Vgl. Schnurre, Wolfdietrich (1945/46), S. 11.

7 Martinez, Matias / Scheffel, Michael (2012), S.84.

8 Vgl. Scheffel, Michael: Magischer Realismus.Band16.Tübingen:Stauffenburg,1990.7.

9 Vgl. Richter, Hans Werner: Zum Thema des Abgründigen auf der Bühne unserer Zeit, in: Der Ruf (Unabhängige Blätter der jungen Generation). 1946.13.

10 Richter, Hans Werner: Skorpion, in Der Skorpion, hg. Von Hans Werner Richter unter Mitwirkung von Alfred Andersch.1948 unveröffentlicht.8.Zitiert nach Embacher.99.

11 Schnurre, Wolfdietrich:Schreiben nach 1947, S..97.

12 Schnurre, Wolfdietrich: Schreiben nach 1945.197. Da es nur einige wenige Aussagen von Schnurre zu dieser Zeit gab, ist dieser Teil des Kapitels hauptsächlich im Präteritum geschrieben.

13 Schnurre, Wolfdietrich: Schreiben nach 1945, S.197.

Details

Seiten
12
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668916005
ISBN (Buch)
9783668916012
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461978
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
Magischer Realimus Kurzgeschichte Wolfdietrich Schnurre Das Begräbnis

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Titel: Magischer Realismus im Werk "Das Begräbnis" von Wolfdietrich Schnurre