Lade Inhalt...

J.G. Mullens Memoiren. Authentische Arbeitsverhältnisse zwischen afrikanischen Angestellten und Kolonialmächten?

Afrika im frühen 20. Jahrhundert

Hausarbeit 2018 17 Seiten

Geschichte - Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Überblick
2.1. A living man from Africa
2.2. Arbeitsverhältnisse und Autorität

3. Die Memoiren des J.G. Mullen
3.1. Äußere und innere Quellenkritik
3.2. Analyse

4. Schluss

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kolonialismus- ein wohlbekannter Begriff, der, bringt man ihn mit der Geschichte des afrikanischen Kontinents zusammen, stets Bilder von Vertreibung, Eroberung und Ausbeutung seitens der Europäer hervorruft. Der Fakt, dass bei der Interaktion zweier Parteien nicht nur eine der beiden eine gewisse Handlungsgewalt innehat, wird jedoch oft vernachlässigt. Dabei ist gerade die Rolle der afrikanischen Akteure im Zuge der Kolonialpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts bedeutsam und interessant, präzise gesagt die Rolle der afrikanischen Angestellten für den kolonialen Apparat. Diese Hausarbeit soll der Beantwortung der im Seminar behandelten Frage nach den Arbeitsverhältnissen beider Parteien dienen. Welche Bedeutung hatten Intermediäre, Übersetzer und Schreiber für die koloniale Politik? Und inwieweit haben sie diese beeinflusst?

Dieser Bereich ist von der aktuellen Forschung bisher weniger beleuchtet worden als andere, was vor allem daran liegt, dass es nicht viele schriftlich erhaltene Quellen aus der Sicht afrikanischer Angestellter gibt, die den Fokus auf Arbeitsbeziehungen legen. Bei der hier zu analysierenden Quelle handelt es sich um die Memoiren J. G. Mullens, einem ghanaischen Schreiber, der seine Erlebnisse vor und während des Ersten Weltkrieges schildert.

Die ausgewählte Literaturbasis bildet insbesondere das 2006 von Benjamin N. Lawrance, Emily Lynn Osborn, und Richard L. Roberts herausgegebene Werk “Intermediaries, Interpreters, and Clerks: African Employees in the Making of Colonial Africa.” Dieses Werk legt den Fokus auf die Rolle afrikanischer Angestellter vom frühen 19. Jahrhundert bis hin zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Ziel dieser Arbeit ist festzustellen, ob es sich bei den Memoiren J.G. Mullens um ein authentisches Beispiel für die Arbeitsverhältnisse zwischen Kolonialmächten und afrikanischen Angestellten im frühen 20. Jahrhundert handelt. Zu diesem Zweck soll erst auf die historische Entwicklung, ausgehend vom Beginn des 19. Jahrhunderts, eingegangen werden, um dem Leser einen Überblick auf die für den behandelten Zeitraum relevanten Verhältnisse zu geben.

Anschließend wird die Quelle kritisch überprüft und analysiert, um festzustellen, ob sich die historischen Entwicklungen in den Berichten J.G. Mullens wiederspiegeln.

2. Historischer Überblick

Um den Einfluss afrikanischer Angestellter auf den kolonialen Verwaltungsapparat des frühen 20. Jahrhunderts nachvollziehen zu können, ist es hilfreich, im Zuge eines kurzen historischen Rückblicks auf die politische Geschichte des Kontinents die maßgeblichen Entwicklungen zu beleuchten.

Dass sich die Hochphase der Euroimperialismus vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erstreckte, ist bekannt. Allerdings gab es bereits vor dem Wettlauf um Afrika und der Intensivierung des direkten, systematischen Imperialismus vor allem seitens der Briten und Franzosen koloniale und missionarische Bestrebungen, die sich auf beinahe den gesamten afrikanischen Kontinent ausbreiteten.1

Dank der einige Jahrhunderte zuvor vorangegangenen Erschließung großer Teile Afrikas und des daraus resultierenden wachsenden Interesses der Europäer an der ihnen so fremden Lebensweise, etablierten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr Missionsgesellschaften, die sich die Bekehrung der einheimischen Bevölkerung zum Ziel setzten. Da so gut wie alle Quellen und Erlebnisberichte in diesem Zusammenhang europäischer Natur sind, wundert es nicht, dass das Bild der primitiven Einheimischen, denen man die Blume der westlichen Zivilisation zu schenken gedachte, lange Zeit abendländische Überzeugung geblieben ist. Jedoch ist diese Darstellung ebenso überholt und einseitig wie die der hoffnungslos unterlegenen indigenen Bevölkerung im Angesicht der gewaltigen Kolonialmacht. Frederick Cooper kritisierte diese Dichotomie bereits im Jahr 1994 in einem seiner Artikel dahingehend:

„ T he binaries of colonizer/colonized, Western/non- Western, and domina- tion/resistance begin as useful devices for opening up questions of power but end up constraining the search for precise ways in which power is deployed and the ways in which power is engaged, contested, deflected, and appropri- ated.“ 2

Wie diese wechselseitige Interaktion der beteiligten Akteure im Hinblick auf Arbeitsbeziehungen und Machtausübung tatsächlich beschaffen war, soll im Folgenden anhand historischer Beispiele und Entwicklungen, unter anderem von einem bedeutenden frühen Intermediär namens Jan Tzatzoe, dargelegt werden.

2.1. A living man from Africa

Das Interesse der oben erwähnten europäischen Missionsgesellschaften an afrikanischen Gemeinschaften führte zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu vermehrten Expeditionen in bis dahin wenig bekanntes Terrain.

So sandte eine dieser Gesellschaften, die in London gegründete London Missionary Society (LMS), den von ihr gesponserten Missionar Joseph Williams im Jahre 1816 an die südafrikanische Küste in das Gebiet rund um den Great Fish River, das von dem dort heimischen Volk der Xhosa bewohnt wurde. Williams sollte als erster europäischer Missionar eine dauerhafte Missionsstation dort errichten und im Zuge seiner Arbeite die christliche Lehre unter den Einheimischen verbreiten.3

Dabei stand ihm ein junger Angehöriger der Xhosa, Jan Tzatzoe, zur Seite, der ihm den Kontakt mit den Einheimischen nicht nur erleichterte, sondern überhaupt erst ermöglichte. Der biografische Text „A living Man from Africa: Jan Tzatzoe, Xhosa Chief and Missionary, and the Making of Ninetheenth- Century South Africa“ des Südafrika- Historikers Roger S. Levine schildert die Entwicklungen innerhalb der William’schen Missionsstation hinsichtlich der Rolle Tzatzoes als Übersetzer und Diplomat. Da weder Williams, noch andere Mitglieder des kolonialen Apparats die Sprache der Xhosa beherrschten, war Tzatzoe eine unverzichtbare Mittlerfigur, die nicht nur entscheidend für die Evangelisierung der Einheimischen war, sondern auch den kolonialen Einfluss der britischen Administratoren vorantreiben und festigen sollte.4 So schreibt Levine:

„ T z atzoe is the critical figure at the station. William speaks through him in every conversation on the life of Jesus, on thefts of cattle, on improved farming meth- ods, on the use of colonial currency.” 5

Dabei handelte es sich keinesfalls um einfache Dienstbarkeiten. Tzatzoe musste als Mitglied der Xhosa und Sohn eines Xhosa Chiefs auf der einen Seite die Interessen seiner Landsmänner berücksichtigen, wie zum Beispiel den Erhalt ihres traditionellen Herrschaftssystems. Auf der anderen Seite stand die herausfordernde Aufgabe der Missionierung, für die er die wichtigste Figur darstellte.

Die südafrikanische Anthropologin Monica Wilson verwendet hierfür den Begriff „cultural broker“6, der sich nicht nur auf die Vermittlung der fremden Sprachen bezieht, sondern eben vor allem darauf, die unterschiedlichen Kulturen zusammenzubringen. Dies gilt insbesondere für eine solch prekäre Situation, in der einer der Akteure ungefragt ins Territorium des anderen eindringt und seine Glaubenslehre verbreiten will.

Da Tzatzoe in jungen Jahren in der westlich des Great Fish River gelegenen Bethelsdorp mission station eine sprachliche und religiöse Erziehung durch die Missionare der LMS erhalten hatte7, was für die Söhne von Chiefs nicht unüblich war, gingen seine Fähigkeiten weit über die eines einfachen Dolmetschers hinaus. Er stand nicht nur vor der Aufgabe, Williams‘ Predigten zu übersetzen, sondern musste vor allem das den Xhosa unbekannte Konzept des christlichen Gottes so vermitteln, dass es für sie verständlich und nachvollziehbar war.8 Sein Wort war also maßgeblich für die Vermittlung zwischen den Einheimischen auf der einen, und dem kolonialen Apparat und der Missionsgesellschaft auf der anderen Seite.

2.2. Arbeitsverhältnisse und Autorität

Tzatzoes Biographie ist ein gut dokumentiertes Beispiel dafür, wie viel Vertrauen in die Arbeit afrikanischer Angestellter gesetzt wurde.9

In dieser Hinsicht änderte sich im Laufe des 19., und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nichts. Im Gegenteil: Je einflussreicher die Kolonialmächte in Afrika wurden, die immer größere Verwaltungsstationen errichten ließen, desto unabdingbarer wurden Übersetzer, Schreiber und Vermittler. Um die „Grundzüge der Administration aufrechtzuerhalten“ waren die europäischen, der Landessprache in der Regel nicht mächtigen Kolonialangestellten allein quantitiv nicht imstande.10 Was Anthony Kirk- Greene als „Thin white line“11 bezeichnet, ist die verhältnismäßig geringe Anzahl kolonialer Offiziere und Kommandanten einer Station, die auf die Kooperation der gebildeten Einheimischen angewiesen waren.

Die Positionen, die afrikanische Angestellte erreichen konnten, hingen oft von deren Vertrauensverhältnis zum jeweiligen Stationsoffizier ab. Bevor die potentiellen Karrieren von Übersetzern und Schreibern von dem im ausgehenden 19. Jahrhundert immer strikter werdenden bürokratische Kolonialapparat determiniert und eingeschränkt wurden, konnte beispielsweise ein Schreiber, der sich verdient gemacht hatte, in Abwesenheit seines Offiziers für mehrere Monate die administrative Leitung einer Station übernehmen.12

Auch später, während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, war ein solches Vertrauensverhältnis in manchen Fällen vorhanden. So schreibt der bekannte afrikanische Autobiograph und ehemaliger Angestellter der französischen Kolonialverwaltung Ouagadougous, Amadou Hampâté Bâ, im Jahre 1922 über seinen Kommandanten:

„ M onsieur Sylvandre brachte mir so großes Vertrauen entgegen, daß ich sogar manche Unterschriften leisten durfte.“ 13

Obwohl sich die afrikanischen Angestellten aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit und Unersetzbarkeit in einer gewissen Machtposition befanden, was die Art der Übersetzungen und möglichen Manipulation der europäischen Offiziere anging, lag die reale Handlungsgewalt letztendlich doch bei den kolonialen Autoritäten, insbesondere bei Kommandanten. Trotz der Abhängigkeit der Kolonialmächte von Angestellten wie Tzatzoe war ihre Einstellung gegenüber diesen stets von Misstrauen geprägt, was Lauren Benton folgendermaßen formuliert:

„ I ntermediaries were often viewed as essential to rule but at the same time dangerous […]. Debates about whether such intermediaries should be re- garded as ‘foreign’ subordinates with the power to undermine state authority or as colonial officials deserving of protection...” 14

Wie sich die Lebenslage eines Clerks oder Intermediärs entwickelte, schien ganz von dem Ort seines Wirkens und der dort das Kommando innehabenden Autorität abzuhängen. Den Berichten von Amadou Hampâté Bâ zufolge gab es in größeren Stationen und Hauptstädten wie Ouagadougou (Wagadugu) „ Friedendrichter, eventuell Zeugen oder Freunde in Schlüsselpositionen“ 15, die etwaige willkürliche Handlungen des Kommandanten erschwerten. In kleineren Dörfern jedoch stand dieser Willkür nichts im Wege, da es keine sonstige kontrollierende Autorität neben der des Hauptmannes gab.

Ebenfalls ausschlaggebend für den Umgang mit einem afrikanischen Angestellten war dessen Status, den er über die Jahre seiner Arbeit hinweg erreichte. Als die Briten im Laufe des 19. Jahrhunderts mit immer mehr militärischem Widerstand seitens der Xhosa gegen die fortschreitende Kolonisierung zu kämpfen hatten, rückte Tzatzoe aufgrund von Spionagevorwürfen ins Licht des oben erwähnten Misstrauens der führenden Administratoren. Dank des hohen Ansehens, den er sich für seine Arbeit bei den britischen Kolonisten verdient hatte, fiel seine Verhaftung jedoch weitaus humaner aus, als man annehmen würde:

„ S hould Tzatzoe be arrested I wish him to be lodged well […] but well fed & allowed to walk with an escort & to have his wife&c with him if he desires it.” 16

Diese Anordnung des diensthabenden Gouverneurs, Sir George Cathcart, macht deutlich, dass Tzatzoe selbst unter Verdacht noch mit Respekt behandelt wurde, was sicherlich nicht auf alle afrikanischen Angestellten im kolonialen Dienst zutraf.

Nicht nur Respekt, Ansehen und geregelte Arbeitszeiten waren eine bedeutsame Motivation für junge, gebildete, afrikanische Männer. Die generelle Aussicht auf ein besseres Leben mit guten Berufsaussichten und der Chance auf Besitz und Vermögen war für diese Gruppe sehr attraktiv. Einzelnen gelang sogar der Aufstieg zum Schriftsteller, wie z.B. Amadou Hampâté Bâ oder Sol Plaatje, einem südafrikanischen Übersetzer, Journalist und Autor des frühen 20. Jahrhunderts.

Anhand der genannten Beispiele stellt man also fest, dass die Natur der Arbeitsbeziehungen zwischen Kolonialherren und afrikanischen Angestellten nicht immer konstant und geregelt war, sondern oft von individuellen Entwicklungen abhing. Wie dieser Prozess bei der in der Hausarbeit zu behandelnden Quelle geschildert wird, soll nun im Folgenden analysiert und kritisch betrachtet werden.

[...]


1 Vgl. Viera Vilhanova: Christian Missions in Africa and their Role in the Transformations of African So- cieties, in: Asian and African studies 16, 2007, S. 249- 250.

2 Frederick Cooper: Conflict and Connection: Rethinking Colonial African History, in: The American Historical Review, Vol. 99, No. 5, 1994, S. 1516- 1545.

3 Intermediaries, Interpreters, and Clerks: African Employees in the Making of Colonial Africa, Emily Lynn Osborn/ Richard L. Roberts/ Benjamin N. Lawrance (Hrsg.), University of Wisconsin Press, 2006, S. 37.

4 Vgl. Intermediaries, Interpreters, and Clerks, S. 44.

5 Roger S. Levine: A Living Man from Africa: Jan Tzatzoe, Xhosa Chief and Missionary, and the Mak- ing of Ninetheenth- Century South Africa”, Yale University Press, 2010, S. 36.

6 Intermediaries, Interpreters, and Clerks, S. 39.

7 Intermediaries, Interpreters, and Clerks, S. 39.

8 Vgl. Intermediaries, Interpreters, and Clerks, S. 50- 51.

9 Vgl. Intermediaries, Interpreters, and Clerks, S. 41.

10 Staats- Gewalt: Ausnahmezustand und Sicherheitsregimes: historische Perspektiven, Alf Lüdtke/ Michael Wildt (Hrsg.), Wallstein Verlag, Göttingen 2008, S. 156.

11 Staats- Gewalt: Ausnahmezustand und Sicherheitsregimes, S. 157.

12 Intermediaries, Interpreters, and Clerks, S. 13.

13 Amadou Hampâté Bâ: Oui, mon commandant! In kolonialen Diensten; Zweiter Band der Lebenserinnerungen, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1997, S.155.

14 Lauren Benton: Law and Colonial Cultures: Legal Regimes in World History, 1400- 1900, Cambridge University Press, Cambridge 2002, S. 17.

15 Amadou Hampâté Bâ : Oui, mon commandant!, S. 178.

16 Levine: A Living Man from Africa, S.81.

Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668917224
ISBN (Buch)
9783668917231
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461983
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Geschichtswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Afrika Arbeit Afrikanische Angestellte Angestellte Afrikaforschung Kolonialismus Kolonien Imperialismus

Autor

Teilen

Zurück

Titel: J.G. Mullens Memoiren. Authentische Arbeitsverhältnisse zwischen afrikanischen Angestellten und Kolonialmächten?