Lade Inhalt...

Elitärer Minimalismus durch Reproduktion der Konsumgesellschaft

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 Konsumgesellschaft
2.2 Minimalismus

3 Reproduktion der Konsumgesellschaft durch den Minimalismus
3.1 Überfluss und Verschwendung und das Streben nach Glück
3.2 Verlust menschlicher Beziehungen
3.3 Zwang zur Freiheit und Identitätsbildung

4 Zugänglichkeit des Minimalismus

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis
6.1 Bücher
6.2 Internetseiten

1 Einleitung

Laut Zygmunt Bauman und Jean Baudrillard leben wir in einer Gesellschaft, in der wir unsere Bedürfnisse, Beziehungen und unsere Identität über Konsum definieren.1 Mitmenschen, Medien und Konzerne suggerieren ihren Konsument*innen, bestimme Güter zu brauchen, um glücklich zu sein. Dennoch wollen aktuell immer mehr Menschen außerhalb der Konsumgesellschaft leben und ihre Identität und ihr Glück unabhängig von Gütern aufbauen, indem sie bewusst ihren Besitz und ihren Konsum reduzieren.2

In dieser Hausarbeit soll gezeigt werden, dass dieser als Minimalismus bezeichnete Lebensstil das System der Konsumgesellschaft reproduziert und eine gesellschaftliche Strömung bildet, die Menschen aus niedrigeren Bildungsschichten im Moment nur schwer zugänglich ist.

Dafür werden im ersten Kapitel die Begriffe Konsumgesellschaft mit Hilfe der Theorien von Zygmunt Bauman und Jean Baudrillard und Minimalismus definiert. Im zweiten Kapitel sollen die Antriebskräfte der Konsumgesellschaft und die Mechanismen zur Reproduktion des Systems erläutert werden, und inwiefern der Minimalismus das System ebenfalls reproduziert. In einer abschließenden Erörterung im dritten Kapitel soll es darum gehen, wie die Reproduktion des Systems Menschen aus niedrigeren Bildungsschichten der Zugang zum Minimalismus erschwert.

2 Definitionen

2.1 Konsumgesellschaft

In einer Konsumgesellschaft bildet das Stillen menschlicher Bedürfnisse durch Konsum die Grundlage und Antriebskraft der Gesellschaft, sowohl wirtschaftlich als auch sozial.3 Konsum und ein Überfluss an Gütern werden als selbstverständlich angesehen.4 Dieses Phänomen wird Konsumismus genannt.

In der Moderne herrschte eine Gesellschaft der Produzenten, in welcher der Fokus vor allem auf Sicherheit liegt. Disziplin und Gehorsam waren wichtige Werte, welche die Stabilität der Gesellschaft sichern sollten (z.B. in Massenfabriken und -armeen). Produkte, die robust, langlebig und massiv waren, wurden bevorzugt, selbst wenn sie erst später nützlich sein könnten.

In der Konsumgesellschaft der Postmoderne werden Planung, Investitionen und Aufbewahrung seitens der Konsument*innen zugunsten einer sofortigen Bedürfnisbefriedigung aufgegeben. In der „nowist culture“ oder „hurried society“5 wird die Zeit pointilistisch verstanden: Jeden Augenblick könnte die optimale Möglichkeit eintreffen, jede Chance muss genutzt werden. Die ständige Angst, etwas zu verpassen, begleitet die Konsument*innen. Psychische und physische Mobilität werden zum Statussymbol.6

Viel wichtiger als der Erwerb ist das Wegwerfen von Produkten: Nur wer flexibel ist und leichtes Gepäck hat, verfügt über die notwendige Mobilität.7 Beziehungen und Dinge, die keine sofortige Bedürfnisbefriedigung bringen, müssen entsorgt werden.

Dennoch werden in der Konsumgesellschaft mehr Bedürfnisse erzeugt als gestillt. Zum einen werden Produkte auf eine Art und in einer Auswahl angeboten, die den Konsument*innen suggeriert, sie brauchen das Produkt, um glücklich zu sein, obwohl sie zuvor nie das Bedürfnis nach diesem Produkt hatten.8 Viele Produkte stehen in einem solchen Kontext zueinander, dass mit dem Erwerb eines Produkts weitere Produkte als erforderlich angesehen werden.9 Mit der Befriedigung eines Bedürfnisses werden also neue Bedürfnisse erzeugt, die gestillt werden müssen.10 Zum anderen werden Produkte durch Innovationen und Erweiterung der Auswahl ständig ab- und entwertet, sodass die Konsument*innen dazu animiert werden, die veralteten Produkte durch neue zu ersetzen.11 „[D]as Versprechen der Befriedigung bleibt nur so lange verführerisch, wie das Verlangen ungestillt ist“12. Dieses Ausnutzen der Irrationalität und Emotionen der Konsument*innen nennt Zygmunt Bauman auch „Ökonomie der Täuschung“.13

2.2 Minimalismus

Der Minimalismus ist ein Lebensstil, der auch aktuell noch von Vertreter*innen vor allem über Blogs und Plattformen wie YouTube geprägt wird. Wie sie den Minimalismus definieren, ist daher ausschlaggebend für die Strömung und dient deshalb hier als Grundlage der Definition und der späteren Argumentation.

Wikipedia bezeichnet Minimalismus allgemein als „einen Lebensstil, der sich als Alternative zur konsum­orientierten Überflussgesellschaft sieht. Konsumkritische Menschen versuchen, durch Konsumverzicht Alltagszwängen entgegenzuwirken und dadurch ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben zu führen.“14

Der Fokus soll statt auf materiellen Gütern auf dem Immateriellen liegen: Zufriedenheit, Beziehungen, Zeit. „Es geht darum, sein Leben aufzuräumen, [und] es (neu) zu ordnen […] Es schafft den Platz und die Zeit, die wir brauchen um uns selbst zu definieren, uns über Wünsche und Träume klar zu werden und diese dann auszuleben und umzusetzen.“15 Stichworte wie „Mehr Klarheit. Mehr Freiheit.“16 fallen und nicht nur Gegenstände, sondern auch Beziehungen, Tätigkeiten und Verpflichtungen werden „reduziert“17.

3 Reproduktion der Konsumgesellschaft durch den Minimalismus

In diesem Kapitel sollen Aspekte der Konsumgesellschaft mit den Zielen des Minimalismus verglichen werden, um zu zeigen, dass der Minimalismus in gewissen Formen die Konsumgesellschaft reproduziert.

Dafür werde ich zunächst den Zusammenhang zwischen Überfluss, Verschwendung und dem Ziel des Glückfindens in der Konsumgesellschaft erläutern. Anschließend wird erklärt, inwiefern der Minimalismus versucht, aus diesem System auszubrechen, aber dennoch die gleichen Ziele wie die Konsumgesellschaft verfolgt.

Danach gehe ich kurz auf die Beeinträchtigung von Beziehungen durch die Konsumgesellschaft ein und inwiefern der Minimalismus versucht, diesen Effekt einzudämmen.

Zuletzt wird gezeigt, dass in der Konsumgesellschaft ein Konsumzwang herrscht und inwieweit sich dieser auf die Identitätsbildung des Menschen auswirkt. Dann wird erörtert, wie auch der bewusste Nicht-Konsum von Produkten dem Zwang der Identitätsbildung unterliegt.

3.1 Überfluss und Verschwendung und das Streben nach Glück

Ziel und Versprechen einer Konsumgesellschaft ist es, „im irdischen Leben […] sofortiges und fortwährendes Glück“18 zu finden. Unglücklichsein in der Konsumgesellschaft wird als Abweichung von der Norm angesehen und gesellschaftlich sanktioniert.19 Kredite sollen Menschen zu einem ungehinderten Konsum befähigen, wodurch die Nachfrage reguliert und Sparen vermieden wird.20 Menschen, die sparen, und solche, die ihr Glück nicht in Konsum, Erwerb und Verschwendung sehen, gelten als Gegner des Systems.21

Der Grad des Glücks stellt den „ultimativen Test ihres Erfolgs oder Scheiterns“22 dar. Somit muss das Glück messbar gemacht werden. Dies geschieht über das Bruttosozialprodukt: Je größer das Bruttosozialprodukt (BIP) und je stärker das Wachstum, desto glücklicher sollen die Menschen sein.23 Da das BIP sämtliche Konsumvorgänge aufaddiert, wird Konsum als direkte Ursache des Glücks verstanden. Hier wird wieder die „Ökonomie der Täuschung“ deutlich, da auch die mit Naturkatastrophen, Umweltschäden und Unfällen einhergehende Arbeit als positiv im BIP verbucht werden, wohingegen z.B. die Arbeit von Hausfrauen und Kultur kaum oder gar keine Beachtung erfahren.24 Nach einer Studie der US-Universität Princeton25 gibt es keine Korrelation zwischen Glück und dem Besitz von viel Geld oder vielen Gütern, sofern die Grundbedürfnisse abgedeckt sind. In Gesellschaften mit großem wirtschaftlichen Wachstum herrschen sogar gegenteilige Tendenzen, da das Stresslevel steigt, Beziehungen gestört werden und psychische Krankheiten häufiger auftreten.26

Nicht nur der Konsum steht im Vordergrund, sondern vor allem auch der Überfluss. Er bezeichnet die überschüssige Ware, die weggeworfen und als Grundvoraussetzung für das Finden des Glücks angesehen wird. Daher ist das Wegwerfen von Dingen wichtiger als Konsum und Überfluss. Die Menge der überschüssigen, wegwerfbaren Produkte ist das ultimative Maß für das Glück einer Gesellschaft und erzeugt eine Art „Konsummentalität“.27 Der Verlust des Bezugs zur Produktion lässt die Produkte als „Wunder“ dastehen. Die Produkte werden naturalisiert und Überfluss als Naturrecht empfunden.

Der Überfluss scheint zu versprechen, dass es genug für alle gibt, sodass die Ungleichheit nach und nach abgebaut wird. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: In der Realität können sich nur die wohlhabenderen Konsument*innen den Überfluss leisten, womit Armut reproduziert wird.28

Minimalismus basiert auf dem Glauben, dass Menschen nicht mehr zwischen dem unterscheiden können, was sie wollen und was sie wirklich brauchen.29 Der Konsum und Besitz weniger Produkte soll zu einer Besinnung auf das Wesentliche und die Loslösung der Bedürfnisse von Produkten führen. Die Zeit, die dadurch entsteht, dass Minimalist*innen sich nicht mehr so oft und lange mit Konsumgütern auseinandersetzen, soll in Selbstentwicklung und menschliche Beziehungen investiert werden. Gute Lebensqualität wird hier mit viel Raum und Zeit, besonders „Ordnung, Übersicht und Klarheit“, gleichgesetzt.30

Wie im oberen Abschnitt erwähnt, baut die Konsumgesellschaft vor allem auf Verschwendung, also dem Wegwerfen von Objekten auf. Während der Einstieg in den Minimalismus häufig das Wegwerfen von Dingen erfordert, soll es bei diesem Lebensstil nicht darum, sondern um die bereits definierte Philosophie dahinter gehen.31 Das natürliche Streben nach Glück und der Versuch im Moment zu leben, werden als Basis des Minimalismus betrachtet.32 Beide sind von der Konsumgesellschaft erzeugte Mechanismen zur Reproduktion des Systems. Insofern reproduziert der Minimalismus auch durch seine Konsumverweigerung die Konsumgesellschaft, denn in der Auseinandersetzung dreht es sich durch den Nicht-Konsum immer noch um Konsum und Güter.

3.2 Verlust menschlicher Beziehungen

Nach Jean Baudrillard sind wir von mehr Objekten als Menschen umgeben.33 Zygmunt Bauman schreibt: „Konsumieren ist eine höchst einsame Aktivität“34.

Beziehungen scheinen unter dem System der Konsumgesellschaft zu leiden. Feste Gruppen werden aufgelöst, stattdessen kommt es zu lockeren Schwarmbildungen. Die von Schwärmen suggerierte Sicherheit ist in der Überzeugung begründet, dass die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit eines Weges höher ist, je mehr Menschen diesem Weg folgen.35

Konsument*innen investieren so viel Zeit in die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, dass ihre sozialen Beziehungen in den Hintergrund rücken. Als Beispiel hierfür verwendet Zygmunt Bauman Fast Food: die anstrengende Arbeit des Knüpfens und Bestärkens von Beziehungen und der gemeinsame Konsum werden auf ein Minimum beschränkt, sodass die Konsument*innen mehr Zeit für sich selbst und ihre Bedürfnisse haben.36 Dieser Prozess wird als „Individualisierung“ bezeichnet.37

Zusammen mit der Informationsflut, welche die Konsument*innen täglich erleben, beschäftigen sie sich nur wenig direkt mit Geschehnissen in ihrer Welt. Das Sammeln möglichst vieler Informationen über diese Geschehnisse durch die Medien soll die „Schuld der Passivität“38 tilgen. Dabei vermittelt dieser Akt ein Gefühl der Sicherheit, da die Konsument*innen sich informiert und schuldbefreit fühlen, gleichzeitig jedoch nicht dabei waren, selbst also nicht betroffen sind.39

[...]


1 Vgl. Bauman 2017 und Baudrillard 2014

2 Vgl. Michel 2017: Minimalismus, s. 13 im Literaturverzeichnis

3 Vgl. Bauman 2017, Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 340

4 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 283

5 Vgl. Stephen Bertman

6 Vgl. Bauman 2017: Pos. 742

7 Vgl. Bauman 2017: Pos. 839

8 Vgl. Bauman 2017: Pos. 1086

9 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 308

10 Vgl. Bauman 2017: Pos. 732

11 Vgl. Bauman 2017: Pos. 1080, Baudrillard 2014: Pos. 289

12 Bauman 2017: Pos. 1067

13 Bauman 2017: Pos. 1100

14 Wikipedia 2017: Einfaches Leben, s. 19

15 Michel 2017: Die wichtige Wahrheit, s. 13

16 Herrmann 2017: Was ist Minimalismus?, s. 9

17 Herrmann 2017: Was ist Minimalismus?, s. 9

18 Bauman 2017: Pos. 1016

19 Vgl. Bauman 2017: Pos. 1025, Pos. 1505

20 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 1158

21 Vgl. Bauman 2017: Pos. 1074, Baudrillard 2014: Pos. 1166

22 Bauman 2017: Pos. 1025, Pos. 1032

23 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 525

24 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 525

25 Vgl. Deaton und Kahneman 2010: High income improves evaluation of life but not emotional well-being, s. 5

26 Vgl. Schwartz 2015: Most Americans, rich or not, stressed about money: Surveys, s. 16

27 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 383

28 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 706

29 Vgl. Michel 2017: Brauchen vs. Wollen. Oder: Wach endlich auf!, s. 13

30 Vgl. Michel 2017: Die wichtige Wahrheit, s. 13

31 Vgl. Michel 2017: Maximalist, s. 13

32 Vgl. Michel 2017: Glücklich & Zufrieden, s. 13

33 Vgl. Baudrillard 2014

34 Bauman 2017: Pos. 1802

35 Vgl. Bauman 2017: Pos. 1790

36 Vgl. Bauman 2017: Pos. 1814

37 Vgl. Bauman 2017: Pos. 1128

38 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 448

39 Vgl. Baudrillard 2014: Pos. 428

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668915541
ISBN (Buch)
9783668915558
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462219
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
minimalismus konsumgesellschaft reproduktion gesellschaftsanalyse elite aufräumen youtube lebenstil image

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Elitärer Minimalismus durch Reproduktion der Konsumgesellschaft