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Funktion und philosophische Ausrichtung des ersten Canticums (V. 125-204) in Senecas Tragödie "Hercules Furens"

Hausarbeit 2018 31 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Mittel- und Neulatein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Senecas Lebensumstände und seine philosophische Ausrichtung

3. Chorlieder bei Seneca

4. Inhalt und kontextuelle Einbindung des ersten Canticums

5. Interpretation des ersten Canticums (V. 125-204)
5.1 Erster Abschnitt: Das Morgenlied (V. 125-158)
5.1.1 Darstellung der Morgendämmerung (V. 125-136)
5.1.2 Darstellung des ländlichen Lebens (V. 137-158)
5.2 Übergangsverse (V. 159-163)
5.3 Zweiter Abschnitt: Darstellung verschiedener Lebenswege (V. 164-201)
5.3.1 Darstellung des städtischen Lebens (V. 164-174)
5.3.2 Darstellung der Hinfälligkeit menschlicher Existenz (V. 175-191)
5.3.3 Aufruf zum epikureischen λάθε βιώσας (V. 192-201)

6. Funktion und philosophische Ausrichtung des ersten Canticums

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1 Textausgaben, Übersetzungen und Kommentare
8.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Bei der Auseinandersetzung mit Senecas Tragödie Hercules Furens fällt fällt auf, dass das Werk vielfach interpretiert wurde und diese Interpretationen durchaus kontrovers zueinander stehen. So wird beispielsweise einerseits Hercules als Idealbild des stoischen Weisen interpretiert. Andererseits wird seine Figur als Frevler ausgelegt, der seinen Untergang selbst verschuldet. Überdies wird Senecas Werk als eine stoische Abhandlung in tragischer Form gedeutet. Gegensätzlich dazu steht die Interpretation, bei der ein Vorhandensein von stoischer Philosophie innerhalb der Tragödie negiert wird. Die Vielfalt an Interpretationen verdeutlicht die Komplexität an Themenbereiche, die bezüglich der Tragödie Hercules Furens untersucht werden können. In dieser Hausarbeit steht speziell das erste Canticum (V. 125-204) aus Senecas Tragödie Hercules Furens im Fokus.

Das Ziel dieser Ausarbeitung besteht darin, die Funktion und die philosophische Ausrichtung des ersten Chorliedes herauszuarbeiten. Dabei soll zum einen der Frage nachgegangen werden, inwiefern und zu welchem Zweck auf stoisches und epikureischen Gedankengut im Chorlied verwiesen wird. Zum anderen wird der Chor an sich und die Funktion des ersten Chorliedes untersucht. Als Textgrundlage dient die Textausgabe mit der deutschen Übersetzung und von Margarethe Billerbeck aus dem Jahre 1999.

Im Anschluss an die Einleitung folgt ein Abschnitt, in dem Senecas Leben und Lebensumstände sowie seine philosophische Haltung konzis dargestellt werden. Das nächste Kapitel thematisiert die Chorlieder im Allgemeinen bei Seneca. Anschließend folgt eine Inhaltsangabe mitsamt einer Erläuterung der kontextuellen Einbindung des ersten Canticums. Auf Grundlage dieser theoretischen Grundlagen schließt die Interpretation des ersten Canticums an. Zugunsten der Übersichtlichkeit ist diese in Unterkapitel gegliedert, jedoch werden Vor- und Rückgriffe zwischen den Textpassagen erfolgen. Im sechsten Kapitel wird explizit auf die Funktion und philosophische Ausrichtung des Textabschnittes eingegangen. Zuletzt werden die Erkenntnisse und Argumente noch einmal ganzheitlich betrachtet, um zu einem Fazit zu gelangen. In dieser Hausarbeit wird das generische Maskulinum verwendet.

2. Senecas Lebensumstände und seine philosophische Ausrichtung

Um das Werk Hercules Furens vollständig verstehen zu können und die Forschungsfrage, die Funktion und philosophische Ausrichtung des ersten Chorliedes untersuchen zu können, ist es unausweichlich die gesellschaftlichen und politischen Geschehnisse zu Senecas Lebenszeit sowie sein Verhältnis zur Philosophie zu betrachten. In diesem Kapitel werden die für die Interpretation des ersten Chorliedes wichtigsten philosophischen Grundlagen konzis dargestellt.

Nach Hiltbrunner habe der Stoiker Seneca in seinen Tragödien aus den philosophischen Lehren mit ihrer Wirkung seiner Prosaschriften geschöpft.1 Seneca sah in der Philosophie ein Werkzeug zur „praktische(n) Lebensbewältigung“2. Seine Philosophie orientierte sich an der Lebenspraxis.3 Die philosophisch-protreptische und paränetische Intention wird auch in Hercules Furens deutlich.4 In der Tragödie steht der einzelne Mensch an zentraler Stelle und eignet sich so für die „Darstellung der moralphilosophischen Lebensdeutung der Stoiker“5. Weniger lag es Seneca daran, ein philosophisches Ideal zu entwerfen — dies tat bereits die Stoa mit ihrem Ideal des stoischen Weisen — sondern er wollte vielmehr den Menschen mit seiner Philosophie als Wegbegleiter des Lebens helfen.

Ein Grund dafür lag in der Politik der damaligen Zeit: Nach dem „glänzenden Zeitalter des Augustus“6 folgte in Rom das Kaisertum mit seinen Intrigen und Missständen. Denn durch die Unberechenbarkeit der Kaiser Caligula und Nero wurde die nationale Identität aufgelöst und im Zentrum standen Individualismus und Kosmopolitismus7. Auch Seneca war u.a. als Erzieher Neros mit den politischen Begebenheiten verbunden. Umso älter und mächtiger Nero wurde, desto weniger Einfluss hatte Seneca auf seinen Zögling.

Zwei große philosophische Strömungen gab es neben dem Mittelplatonismus in der hellenistischen Zeit: Den Epikureismus und Stoizismus. Trotz ihrer Diversität haben sie ein und dasselbe Ziel, zu dem man auf verschiedene Weisen gelangt: Die Glückseligkeit (eudaimoni a) durch Seelenruhe (ataraxi a). Auf Basis der Naturwissenschaften und Naturphilosophie untersuchen beide Strömungen die Frage „nach dem individuellen Lebensziel (télos) und dessen Verwirklichung“8. Die Ethik9 und die „ontologische und erkenntnistheoretische Fundierung ihrer Systeme“10 stehen dabei an besonderer Stelle. Der Epikureismus legt den Schwerpunkt auf eine individualistische Lebensführung durch Lustmaximierung und der Stoizismus auf eine „Weiterentwicklung traditioneller philosophischer Erkenntnisse“11, bezogen auf die Gesellschaft und das Individuum.

Mit Blick auf Seneca ist die jüngere Stoa, auch Stoa der Kaiserzeit genannt, relevant. Diese erstreckt sich vom 1. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr. Der Themenbereich der Ethik ist im Stoizismus stark mit dem Aufbau der Welt verbunden. Nach stoischer Auffassung gibt es ein aktives Prinzip, Gott, und ein passives Prinzip, die Materie. Ersteres durchdringt als pneuma / spiritus und als ein vollkommen vernunftbegabtes Wesen alles auf der Welt — vom Weltall bis hin zum Individuum. Zwischen Gott und der Welt besteht dadurch eine „‚universelle Sympathie‘“12. Überdies ist alles durch den Logos determiniert. Verwickelt in die göttliche Natur soll der Mensch als Kosmopolit danach streben, gemäß der Natur (secundum naturam vivere), also im Einklang mit dem göttlichen Logos, zu leben.13 Überdies spielt der Begriff Adiaphora für die Interpretation des ersten Chorliedes eine wichtige Rolle. Nach Blänsdorf hat Seneca die Macht der Adiaphora über die Individuen erkannt. Dieses Streben möchte Seneca mit seiner philosophischen Lehre bekämpfen.14 Denn die „Dinge des Lebens mit alleiniger Ausnahme von Stärke und Schwäche in der eigenen Brust, von Tugend und Laster, sind weder gut noch schlecht, sondern liegen in der Mitte, sind media, gleichgültig“15. Aus diesem Grund haben sie nur eine relative Bedeutung: Adiaphora haben keinen Wert an sich, sondern werden erst durch die Vorstellung oder Bewertung des Menschen gut oder schlecht.16 Daraus entstehen Affekte, die letztendlich die Tragödie dominieren.17

Zur etwa gleichen Zeit wie die Stoa entstand die Schule Epikurs, dessen Begründer in einem Garten abseits des öffentlichen Lebens lehrte. Das Tetrapharmakos stellt die vier Hauptlehren dar und umfasst die folgenden Bereiche: Götter, Tod, Lust und Schmerz. Als philosophische „Heilkunst“18 sind sie so zu verstehen, dass der Mensch seelisch wohlauf ist, wenn er über diese vier Bereiche im Verstande ist. So existieren erstens Götter, aber sie haben keinen Einfluss auf die Welt. Gegensätzlich zum Stoizismus leben sie in Intermundien. Die Welt ist nicht von göttlicher Ursache und Substanz durchdrungen. Zweitens ist der Tod nicht zu fürchten. Denn wenn man lebt, gibt es den Tod nicht und wenn der Tod da ist, gibt es den Menschen nicht mehr. Drittens ist das Ziel der Lust die Freiheit von Schmerz und Bedürfnislosigkeit. Daran schließt der vierte Bekenntnissatz an, dass der Epikureer Freiheit von Schmerz anstrebe. Er geht davon aus, dass jeder Schmerz von begrenzter zeitlicher Ausdehnung sei und ein langandauernder Schmerz erträglicher und nicht als Schmerz betitelt werden könne.19 Entgegen dem stoischen Leitgedanken vita activa zieht der Epikureer ein vita contemplativa vor. So wählt er die Muße aufgrund eines Vorsatzes und lebt gemäß dem Leitsatz λάθε βιώσας, „Lebe im Verborgenen“.20

3. Chorlieder bei Seneca

Das dritte Kapitel thematisiert den Chor an sich, also dessen Identität, und die Chorlieder in Senecas Hercules Furens. Im sechsten Kapitel wird auf Grundlage der Theorie und der aus der Interpretation des ersten Canticums gewonnenen Erkenntnissen die Funktion des ersten Chorliedes verdeutlicht. Überdies wird dort die Frage geklärt, wen der Chor repräsentiert.

Die Tragödie Hercules Furens handelt von Hercules, der nach seinem Gang in die Unterwelt nach Theben zurückkehrt und dort seine Familie aus der Macht des Thronräubers Lycus befreit. Anschließend ermordet er im Wahnsinn seine Frau und seine Kinder. Als Vorlage der gesamten Tragödie dient wohl Euripides Werk

Herakles.21 Innerhalb der gesamten Tragödie tritt der Chor viermal auf. Über die Identität des Chores erhält man nur Hinweise aus den Versen an sich, da der Chor sich weder identifiziert, noch von anderen dramatis personae vorgestellt wird, noch sein Kommen begründet wird.22 So scheint der Chor in Senecas Tragödien ein separates Element zu sein, dessen Alter und Nationalität nicht explizit genannt wird.23 Jedoch weisen die Beschreibung der Morgendämmerung und die geographischen Angaben darauf hin, dass er aus Bürgern Thebens besteht.24

Nach Mazzoli besteht eine Ringkomposition zwischen dem ersten und vierten sowie zwischen dem zweiten und dritten Chorlied.25 Das erste Chorlied schließt an Junos Prolog an und thematisiert ein städtisches und ländliches Leben sowie die Hinfälligkeit menschlicher Existenz. In den letzten Versen fordert der Chor schließlich zum epikureischen Lebensideal λάθε βιώσας auf.

Vor dem zweiten Chorlied befiehlt Lycus, nachdem er von Megara abgewiesen wurde, einen Scheiterhaufen für sie und ihre Kinder errichten zu lassen. Er geht fort, um ein Opfer darzubringen und ein Getöse deutet Hercules Wiederkehr an. Anschließend beginnt das zweite Chorlied (V. 524-591), in dem der Chor anhand von zwei Beispielen das ungerechte Handeln Fortunas gegenüber Hercules beklagt. Nachdem Hercules in den Versen 542-546 als Sieger dargestellt wird, spricht ihn der Chor direkt an. Er fragt, durch welche Hoffnung er in die Unterwelt getrieben wurde (V. 547-549). Nach der Darstellung der Unterwelt (V. 550-557) folgt der Wunsch des Chores, Hercules möge lebend aus dem Totenreich zurückkehren (V.558-568). Das Beispiel des Schicksals von Eurydike und Orpheus zeigt die Möglichkeit der Bezwingung der Unterwelt durch Hercules Kräfte (V. 569-591).

Nach Hercules Rückkehr aus der Unterwelt und dessen Erkenntnis, dass das Leben seiner Familie durch Lycus bedroht ist, eilt er in den Palast, um den Tyrannen zu bestrafen. Während Theseus derweil über die Unterwelt und die Taten des Cerberus berichtet, wird der Auftritt des Chores angekündigt. Im dritten Chorlied (V. 830-894) wird zunächst Hercules Gang in die Unterwelt thematisiert (V. 830-837). Darauf folgt ein Passus — angelehnt an das erste Chorlied — über die Lebensweise von Menschenmassen in Städten (V. 838-863), der ebenfalls das Motiv des Todes beinhaltet. Anschließend überlegt der Chor, wie er sich angesichts des Todes zu verhalten habe (V. 864-874). In den Versen 875 bis 894 folgt eine Lobpreisung auf den Helden und dessen Rückkehr.

Nachdem Hercules Lycus im Palast erschlagen hat, zurückgekehrt ist und von der Wut befallen seine eigenen Kinder und seine Frau getötet hat, sinkt er betäubt zu Boden, ohne dass er der Aufforderung seines Vaters, ihn zu töten, nachkommen kann. Es folgt das vierte Chorlied (V. 1054-1137), in dem der Chor dazu anregt, den Fall Hercules zu betrauern (V. 1054-1062). Anschließend bittet der Chor die Götter, den Helden durch den Schlaf von seinem Wahn zu befreien (V. 1063-1081). Darauf wird der unruhige Schlaf beschrieben (V. 1082-1095) und die Äußerung genannt, Hercules solle im blinden Irren verweilen, um unschuldig bleiben zu können (V. 1096-1099). Anschließend setzt der Chor seine Wehklage fort (V. 1100-1121), dass Hercules seine Stimmung deutlich machen solle. Es folgt ein Rückbezug zum Beginn des vierten Canticums. Im letzten Abschnitt des vierten Chorliedes bezieht sich der Chor auf Hercules Kinder, die er zum Gang in die Unterwelt auffordert (V. 1122-1137). Im Vergleich zum dritten Chorlied, in dem der Chor die Überwindung des Todes erhofft, wird der Tod im letzten Chorlied anerkannt.

4. Inhalt und kontextuelle Einbindung des ersten Canticums

Das erste von vier Chorliedern, im anapästischen Dimeter verfasst, schließt inhaltlich an Junos Worte aus dem Prolog an (clarescit dies V. 123).26 Zunächst wird beschrieben, wie nach beendeter Nacht die Sonne aufgeht . Mit der Morgendämmerung beginnt zugleich die harte Arbeit mitsamt aller Sorgen (V. 137 und 138). Der Blick richtet sich auf die menschlichen und tierischen Pflichten in den Morgenstunden: Der Hirte, der seine Herde Futter abfressen lässt, das Muttertier, das seine Jünglinge zu säugen hat, die Thrakische Buhlerin, dessen Nestlinge ernährt werden wollen sowie der Angler, der auf einem Felsen sitzend auf einen Fischfang wartet (V. 139-158). In den folgenden drei Versen folgt ein Übergang von denjenigen, die ein ruhiges Leben auf dem Land führen und zufrieden sind mit dem, was sie haben, zu denen, die von Angst beunruhigt in den Städten umherirren (V. 159-163). Diese Zwischenverse kennzeichnen den Übergang von dem ersten Teil der Chorliedes, der die Morgendämmerung und das ländliche Leben thematisiert, zu dem ab Vers 164 beginnenden zweiten Teil: Die Darstellung des Stadtlebens und der Vergänglichkeit menschlicher Existenz. Ab Vers 163 werden an Beispielen des Klienten, des Knausers, des Politikers und des Winkeladvokaten die morgendlichen Pflichten eines Stadtbewohners aufgeführt (V. 163-174). In den letzten Versen des ersten Canticums besingt der Chor die Hinfälligkeit menschlicher Existenz (V. 175-191). In einer Aufforderung zu einem zurückgezogenen und bescheidenen Lebenswandel (V. 192-201) endet das erste Canticum. In den letzten drei Versen werden die nachfolgenden Personen angekündigt (V. 202-204). Diese drei Abschlussverse sind für die Interpretation des ersten Canticums jedoch weniger relevant.

5. Interpretation des ersten Canticums (V. 125-204)

Die Interpretationen zu Senecas Werk im Gesamten und zu dem ersten Chorlied sind sehr verschieden und widersprechen sich teilweise. Nach den theoretischen Grundlagen folgt nun eine Interpretation des ersten Canticums (V. 125-204). Der Fokus wird auf den Versen 125 bis 201 liegen. Zugunsten der Übersicht ist die Interpretation in Unterkapitel gegliedert. Diese sind nicht einzeln zu lesen, da stetig Bezüge zwischen den einzelnen Kapiteln bestehen. Bei der Einteilung der gesamten Interpretation herrscht auch in der Fachliteratur keine eindeutige Meinung. Zwierlein gliedert das erste Chorlied in zwei große Abschnitte mit jeweils zwei Strophen, bei denen er annimmt, dass eine Symmetrie erkennbar sei.27 Zudem postuliert er, die Verse 146 bis 151 vor den Vers 137 einzuordnen.28 Billerbeck hingegen nimmt eine Dreigliederung bei dem Aufbau vor: das Morgenlied (V. 125-158), ein kurzes Zwischenstück (V. 159-163) und die Darstellung verschiedener Lebenswege (V. 164-201).29 Der Aufbau der Interpretation in dieser Hausarbeit ist an Billerbecks Einteilung orientiert. Jedoch werden die beiden großen Abschnitte aufgrund der jeweiligen Inhalte und zugunsten der Übersichtlichkeit unterteilt.

5.1 Erster Abschnitt: Das Morgenlied (V. 125-158)

Als Vorlage für diesen ersten Teil des Chorliedes dient vermutlich die Parodos von Euripides Werk Phaeton (V. 63-90) und die Phaeton-Episode in Ovids Metamorphosen (Met. 2,114-115).30 In der Fachliteratur ist der erste Abschnitt unter dem Namen „Morgenlied“ zu finden.31 In dieser Hausarbeit folgt die Interpretation der Verse 137 bis 158, die nach Billerbeck ebenfalls zum Morgenlied gehören, in einem zweiten Unterkapitel.32 Lebens hervorzuheben. Dies ermöglicht es, die Darstellung des ländlichen

5.1.1 Darstellung der Morgendämmerung (V. 125-136)

Zunächst, besingt der Chor, dass die matten Sterne nur noch vereinzelt am sich neigenden Firmament funkeln und die besiegte Nacht die schweifenden Sterne sammelt (V. 125-127). Phosphoros, der Morgenstern, treibt den glänzenden Zug zusammen und das Tageslicht wird nach der Drehung der Deichsel hervorgerufen (V. 128-131). Schon blickt der Titan nach seiner Ausfahrt aus bläulichen Fluten vom Gipfel des Oeta vorwärts; schon röten sich die Dornengestrüppe, übergossen vom Tageslicht, berühmt durch Cadmus Bacchantinnen, und die Schwester Phoebus flieht, um wiederzukehren (V. 132-136).33

Der Aufgang der Sonne wird bereits in Junos Prolog angedeutet (clarescit dies V. 123). Die Darstellung der Morgendämmerung wird in Vers 125 durch das gliedernde und sich noch zweimal wiederholende iam fortgeführt. Gerade in den ersten Versen dominieren militärische Metaphern (vgl. micant V. 125, nox victa vagos contrahit ignes V. 126-127, cogit…agmen V. 128). Das Verb micare kann sowohl das Blitzen der Waffen als auch das Funkeln der Sterne bedeuten. Fitch verweist zudem auf den Aspekt, dass Sterne wie Feuerstellen in einem unbewachten feindlichen Lager schimmern.34 So sammelt die besiegte Nacht die schweifenden Sterne gleichwie versprengte Truppen zusammen. Durch das gliedernde dreifach wiederholte iam und durch die Militär-Metaphern wird zudem eine negative Konnotation in der Darstellung der Morgendämmerung deutlich: Der Tagesablauf ähnelt einem immer wiederkehrenden Krieg.35 Es ist anzunehmen, dass der schnelle Wechsel, der durch das iam unterstützt wird, die Vergänglichkeit menschlicher Existenz andeutet, die in den folgenden Versen 178-180 thematisiert wird.36 Shelton hingegen legt die Textpassage so aus, dass sich nach Junos Wut im Prolog die Stimmung des Stückes ändert. Während die Göttin die Unordnung des Kosmos, die Hercules durch seinen Gang in die Unterwelt verursacht hat, darstellt, wird im Chorlied das Vorhandensein einer kosmischen Ordnung wieder aufgezeigt.37 Es entspricht einer stoischen Weltauffassung. Denn wie es im Militär eine streng geregelte Ordnung gibt, ist auch das Weltbild bzw. die Wiederkehr von Tag und Nacht nach stoischem Gedankengut determiniert. Die Morgendämmerung verdeutlicht somit auch eine Wende von Junos Prolog und der thematisierten Unordnung, bei der Götter den Himmel verlassen, Sterbliche zu ihm aufsteigen sowie Hercules in die Unterwelt hinabsteigt.

[...]


1 Vgl. Hiltbrunner (1985) 1004.

2 Hobert (1992) 20.

3 Vgl. Nickel (1982) 6.

4 Vgl. Chaummartin (2004) 668 und Eisgrub (2002) 4.

5 Vgl. Lefèvre (1972) 4.

6 Zink (1978) 10.

7 Aus dem Griechischen von kósmos „Welt“ und politēs „Bürger“ abgeleitet. Nach stoischer Sicht nimmt jeder Mensch an einer „universellen Menschengemeinschaft“ teil. Siehe Goulet-Cazé (1999) 778 und 779.

8 Hobert (1992) 15.

9 Der Begriff „Ethik“ meint die „Beschäftigung mit derjenigen charakterlichen Verfassung, deren Besitz für den Menschen am besten ist“. Siehe Inwood (1998) 162.

10 Müller (1991) 11.

11 Hobert (1992) 15.

12 Williams (2003) 13.

13 Vgl. Garmaier (2012) 116.

14 Vgl. Blänsdorf (1998) 46.

15 Vgl. Egermann (1972) 41.

16 Vgl. Egermann (1972) 41.

17 Vgl. Egermann (1972) 41.

18 Müller (1991) 13.

19 Vgl. Geyer (2000) 56 und 57.

20 Vgl. Geyer (2000) 58.

21 Vgl. Billerbeck (1999) 1.

22 Vgl. Billerbeck (1999) 141.

23 Vgl. Shelton (1978) 40 und Zwierlein (1986) 72-76.

24 Vgl. Davis (1993) 42.

25 Vgl. Mazzoli (2004) 574.

26 Vgl. Billerbeck (1999) 141.

27 Vgl. Zwierlein (1986) 38.

28 Vgl. Zwierlein (1986) 36.

29 Vgl. Billerbeck (1999) 241.

30 Vgl. Littlewood (2004) 107 und 108; Billerbeck (1999) 241.

31 vgl. Billerbeck (1999) 241.

32 Vgl. Billerbeck (1999) 241.

33 Vgl. Billerbeck (1999) 102 und 103.

34 Vgl. Fitch (1987) 163.

35 Vgl. Eisgrub (2002) 28.

36 Vgl. Heil (2013) 81.

37 Vgl. Shelton (1978) 42.

Details

Seiten
31
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668919280
ISBN (Buch)
9783668919297
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462380
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Schlagworte
funktion ausrichtung canticums senecas tragödie hercules furens

Autor

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