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Territoriale Änderungen und Fragen der Grenzziehung durch den Friedensvertrag von St. Germain-en-Laye

Seminararbeit 2018 20 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Vorgeschichte

Ausgangslage der Verhandlungen

Der Friedensvertrag im Allgemeinen

Grenzziehung Österreichs durch den Vertrag von St. Germain
Grenze zu Italien
Grenze zum Serbisch-Kroatisch-Slowenischen Staat
Grenze zu Ungarn
Grenze zur Tschechoslowakei

Causa Vorarlberg

Exkurs: Friedensvertrag von Brest-Litovsk für die Sowjetunion

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis.

Einleitung

Die vorliegende Proseminararbeit beschäftigt sich mit den territorialen Änderungen und den zentralen Fragen der Grenzziehung Österreichs durch den Friedensvertrag von St. Germain-en-Laye. Die in den Mittelpunkt gerückte Forschungsfrage lautet konkret:

Welche territorialen Änderungen und Fragen der Grenzziehung ergaben sich für die Republik Österreich durch den Friedensvertrag von St. Germain-en-Laye?

Von der zeitlichen Eingrenzung her liegt das Augenmerk dieser Arbeit auf dem Jahr 1919, in welchem der Friedensvertrag abgeschlossen wurde. Allerdings schneidet sie auch in knapper Form ausgewählte Aspekte der Vorgeschichte, die für die territorialen Änderungen von Bedeutung sind, an. Zudem werden die Folgen des Friedensvertrags aus territorialer Sicht behandelt.

Für diese Arbeit werden einerseits Überblickswerke zur Österreichischen Geschichte herangezogen, beispielsweise Ernst Hanisch‘ Ausführungen in Der Lange Schatten der Republik oder Erich Zöllners Standardwerk Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Andererseits wird vielfach Spezialliteratur zum Friedensvertrag von St. Germain für die Erstellung der Arbeit verwendet. Zu nennen sind hier die Monographien von Friedrich Kleinwächter oder von Karl Stadler, die sich profund mit den verschiedenen Aspekten des Friedensvertrags auseinandersetzen.

Darüber hinaus waren einige Aufsätze aus Sammelbänden primär zu einzelnen territorialen Thematiken, etwa von Karl Stuhlpfarrer oder Christian Koller hilfreich für die Erstellung der Arbeit. Von zentraler Bedeutung für die allgemeinen Abhandlungen zum Friedensvertrag war klarerweise der Staatsvertrag selbst.

Konkret stellt sich der Aufbau der Arbeit folgendermaßen dar:

Das erste Kapitel der Arbeit befasst sich mit den für die Fragestellung der Arbeit bedeutsamen Ereignissen nach Kriegsende und geht insbesondere auf das Staatsgebiet von Deutschösterreich ein. Es folgt eine Auseinandersetzung zur Ausgangslage der Friedensverhandlungen.

Daran knüpfen sich allgemeine Ausführungen zum Friedensvertag an.

Das Folgekapitel widmet sich den territorialen Änderungen im Zuge des Friedensvertrags von St. Germain-en-Laye und geht in vier Unterkapiteln auf die Grenzziehung gegenüber Italien, dem Serbisch-Kroatisch-Slowenischen Staat, der Tschechoslowakei und Ungarn ein. Daran schließt sich noch ein kurzes Kapitel über die Vorarlberger Unabhängigkeitsgedanken, die thematisch in einem engen Zusammenhang zu den Ausgängen der Friedensverhandlungen stehen. Des Weiteren beinhaltet die Arbeit einen Exkurs, der den Friedensvertrag von St. Germain knapp mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vergleicht.

Im Abschlusskapitel der Arbeit wird schließlich noch ein Fazit über die zugrunde gelegte Thematik gezogen.

Vorgeschichte

Wir schreiben den Herbst des Jahres 1918: Das Ende des Habsburgerreiches steht bevor.

Am 6. Oktober formierten sich die Slowenen, Kroaten und Serben zu einem unabhängigen Staat. Einen Tag später wurde der polnische Staat ausgerufen. Am 14. Oktober erfolgte die Ausrufung der Tschechischen Republik. Wenig später, nämlich am 19. Oktober, wurde der ukrainische Staat proklamiert. Schritt für Schritt schrumpfte das ehemalige Habsburgerreich. Auch ein Manifest des scheidenden Kaisers Karl, welches als letzter Versuch zur Rettung des Reiches galt, scheiterte kläglich.1

Am 30. Oktober erfolgte schließlich die Gründung des Staates Deutschösterreich.

Nachdem Kaiser Karl am 11. November schlussendlich die Kaiserkrone niedergelegt hatte, wurde am 12. November Klarheit über die politische Staatsform von Österreich geschaffen. Der erste Satz dieser Erklärung lautete:

„Deutschösterreich ist eine demokratische Republik.“ Der dritte Satz dieser Erklärung deutete an, dass in den Köpfen der Bevölkerung, aber auch der Politiker, der Anschlussgedanke an Deutschland inhärent war:

„Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik.“2

Speziell von Seiten der Sozialdemokraten und der Deutschnationalen wurde der Anschluss propagiert. Mit der Etablierung der sozialdemokratisch-christlich-sozialen Koalition unter Karl Renner wurde das Anti-Habsburg-Gesetz erlassen, das der Monarchie gewissermaßen auch ein symbolisches Ende bereitete. Zudem wurden die kaiserlichen Symbole entfernt. Der Mythos Habsburg verschwand jedoch nicht gänzlich aus den Köpfen der Bevölkerung.3

Die neue österreichische Regierung stand nun vor der großen Herausforderung der Beanspruchung und Definition des Staatsgebietes. Das Gesetz vom 22. November 1918 über Umfang, Grenzen und Beziehungen des Staatsgebietes stellte folgende territoriale Forderungen:

Das Staatsgebiet umfasse dabei „die Länder Österreich unter der Enns einschließlich des Kreises Deutsch-Südmähren und des deutschen Gebietes um Neubistritz, Österreich ob der Enns einschließlich des Kreises Deutsch-Südböhmen, Salzburg, Steiermark und Kärnten mit Ausschluß der geschlossenen jugoslawischen Siedlungsgebiete, die Grafschaft Tirol mit Ausschluß des geschlossenen italienischen Siedlungsgebietes, Vorarlberg, Deutschböhmen und Sudetenland, sowie die deutschen Siedlungsgebiete von Brünn, Iglau und Olmütz.“4

Außerdem beanspruchte die Republik im Verlaufe des Jahres 1919 weitere Gebiete. Beispielsweise stellte man die Forderung einer Rechtshoheit weiterer böhmischer, schlesischer und mährischer Gebiete sowie das sogenannte „Zwischenstaatliche Verwaltungsgebiet“, unter welchem man zur damaligen Zeit Industriegebiete im Osten des alten Reiches verstand. Des Weiteren sind noch Preßburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg zu nennen, die nicht dezidiert als Staatsgebiet eingefordert wurden, über die man sich jedoch im Klaren war, dass sie aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit mit Deutschösterreich verbunden seien und daher auch das Selbstbestimmungsrecht erhalten sollen.5

Darüber hinaus erhoben sich im März von Seiten der Konstituierenden Nationalversammlung Stimmen gegen die besetzten Gebiete, unter denen sich unter anderem Deutschböhmen und das Sudetenland sowie einige Grenzgebiete im Süden des heutigen Österreichs befanden. Die nächste Etappe um den Kampf der Staatsgrenzen sollte der Vertrag von St. Germain darstellen.6

Ausgangslage der Verhandlungen

Österreich musste relativ lange auf eine Einladung von Seiten Frankreichs warten. Außerdem war man sich im Unklaren, wie über entscheidende Punkte für die Zukunft der Republik entschieden werden würde. Man hoffte besonders, dass der Anschluss an Deutschland durch das Vertragswerk nicht verboten werde.7

Schließlich wurde am 2. Mai 1919 von Frankreich ein Schreiben an die österreichische Regierung übermittelt, eine Delegation an den Ort der Verhandlung, nämlich Saint-Germain-en-Laye, zu entsenden. Die Delegation sollte dabei am 12. Mai in Paris ankommen.

Die österreichische Delegation stand unter der Führung von Karl Renner. Seine wichtigsten politischen Berater waren Gürteler und Schönbauer. Des Weiteren umfasste die Delegation noch eine Vielzahl anderer Funktionäre, wie etwa Generalkommissare oder Vertreter von diversen Ministerien. Die Delegation steckte sich im Zuge der Friedensverhandlungen als wichtiges Ziel, die Möglichkeit des Anschlusses an Deutschland zu wahren. Außerdem war die Verhandlungsposition dergestalt, Kärnten zu behalten, Westungarn zu gewinnen und hinsichtlich des Sudetengebietes ein Selbstbestimmungsrecht einzufordern. Bezüglich Südtirol wusste man bereits, dass die Ausgangsposition aufgrund des Londoner Geheimvertrages aus dem Jahre 1915 sehr schlecht war. Noch vor dem Aufbruch nach Paris erhielt man eine Benachrichtigung über die mit Deutschland ausverhandelten restriktiven Friedensbedingungen und die Delegation musste befürchten, dass der Friedensvertag für Österreich ähnlich hart sein sollte.8

Die Delegation begann ihre Reise dann am 12. Mai in Wien und kam schließlich am 14. Mai in Paris an. Sie wurden in ein von der Außenwelt abgeschirmtes Gebiet einquartiert, um jeglichen Kontakt mit der Außenwelt zu unterbinden. Bereits zwei Tage später wurde in sogenannten Subkomitees an den einzelnen territorialen Fragen gearbeitet. Die Friedensdelegation selbst wurde während der Dauer der Verhandlungen in Unwissenheit gelassen.9

Zuvor bereits wurde der Delegation deutlich gemacht, dass sie keinesfalls mitverhandeln und Einwände lediglich schriftlich vorbringen dürften.10

Der Friedensvertrag im Allgemeinen

Schlussendlich fand die Überreichung des Vertrages am 2. Juni statt, obwohl diese ursprünglich zwei Tage früher geplant war. In einer Ansprache erläuterte der französische Ministerpräsident Clemenceau die einzelnen Teile des Vertragswerks. Im Anschluss daran wurde dieses Papier von Clemenceaus Sekretär auf Französisch, Englisch und Italienisch an Karl Renner übergeben. Nachdem Karl Renner eine taktisch wohlkalkulierte Antwortrede vorgetragen hatte, machte man sich an die ersten Beratungen.11

Der Schock über den Friedensvertrag war groß. Besonders das Anschlussverbot sorgte für Unmut. Man sprach von einem Diktatfrieden, der Österreich auferlegt wurde.

Nach schriftlichen Einwänden Österreichs und einigen Änderungen seitens der Siegermächte wurden sämtliche 381 Artikel Anfang September an Karl Renner übergeben. Schließlich unterzeichnete dieser das Vertragswerk am 10. September 1919. Ratifiziert wurde der Vertrag dann endgültig am 25. Oktober. 12

Das Vertragswerk besteht insgesamt aus 14 Teilen, nämlich dem Vorwort, den Bestimmungen über den Völkerbund, den Grenzen Österreichs, politischen Klauseln, Schutz der Minderheiten, österreichischen Interessen außerhalb Europas, Fragen in Bezug auf die See- und Luftstreitkräfte, Fragen zu Kriegsgefangenen und Grabstätten, wirtschaftlichen Bestimmungen, Bestimmungen über Verkehrswege und allgemeine Arbeitsbestimmungen und Klauseln.13

Trotz der Tatsache, dass die Arbeit ihren Fokus auf territoriale Änderungen legt, sollen an dieser Stelle neben dem Anschlussverbot noch in aller Kürze einige wichtige Aspekte des Friedensvertrags erläutert werden. Nachdem der Staat für ein Jahr den Namen Deutschösterreich getragen hatte, wurde die Bezeichnung auf Österreich abgeändert. Reparationszahlungen waren zunächst für Österreich angedacht, wurden schließlich aber nicht durchgesetzt. Am schlimmsten traf die Bevölkerung, um zur Fragestellung dieser Arbeit zurückzukehren, dass Österreich durch den aufoktroyierten Friedensvertrag sein Ziel, alle Deutschsprachigen der ehemaligen Monarchie in einem Nachfolgestaat zu vereinigen, verfehlte.14

[...]


1 Vgl. Friedrich F. G. Kleinwächter, Von Schönbrunn bis St. Germain. Die Entstehung der Republik Österreich, Graz-Wien-Köln 1964, S. 61;72.

2 Vgl. Manfred Scheuch, Historischer Atlas, Wien 2008, S. 216.

3 Vgl. Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates, Wien 2004, S. 263–269.

4 Gemäß § 1 Gesetz vom 22. November 1918 über Umfang Grenzen und Beziehungen des Staatsgebietes von Deutschösterreich i. d. F. 15. November 1918, Staatsgesetzblatt für den Staat Deutschösterreich 1. Stück, [http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=sgb&datum=1918&page=73&size=37], eingesehen 3.6.2018.

5 Vgl. Friedrich F. G. Kleinwächter, Von Schönbrunn bis St. Germain. Die Entstehung der Republik Österreich, Graz-Wien-Köln 1964, S. 152-153.

6 Ebd., S. 154–155.

7 Vgl. Manfried Rauchensteiner, Unter Beobachtung, Wien-Köln-Weimar 2017, S. 48–49.

8 Vgl. Walter Goldinger, Der Geschichtliche Ablauf der Ereignisse in Österreich von 1918 bis 1945, in: Heinrich Benedikt, Geschichte der Republik Österreich, Wien 1977, S. 15–288, hier S. 60.

9 Vgl. Kleinwächter, Schönbrunn bis St. Germain, S. 199–203.

10 Vgl. Rauchensteiner, Unter Beobachtung, S. 49.

11 Vgl. Kleinwächter, Schönbrunn bis St. Germain, S. 205–210.

12 Vgl. Rauchensteiner, Unter Beobachtung, S. 53–55.

13 Gemäß Staatsvertrag von St. Germain i. d. F. 21. Juli 1920, Staatsgesetzblatt für die Republik Österreich 90. Stück, [http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=sgb&datum=1920&page=1077&size=45], eingesehen 3.6.2018.

14 Vgl. Hanisch, Der lange Schatten, S. 271.

Details

Seiten
20
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668921191
ISBN (Buch)
9783668921207
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462571
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1,0
Schlagworte
territoriale änderungen fragen grenzziehung friedensvertrag germain-en-laye

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Titel: Territoriale Änderungen und Fragen der Grenzziehung durch den Friedensvertrag von St. Germain-en-Laye