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Wissenschaft und Fortschritt - Optimismus als Strategie. Eine Gegenüberstellung Donna Haraways "Cyborg-Manifesto" (1985) und James Le Fanus "The Rise and of Fall Modern Medicine. The New Genetics" (1999)

Hausarbeit 2017 11 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Einleitung

Anhand medizinischer Erfolge seit 1945 lässt sich eine Entwicklung im Fortschrittsdenken erkennen, die noch Ausläufer des sogenannten Zeitalters des Optimismus sind. Es bedeutet, Wissenschaft, sei es in Technik und Medizin, ist ein Weg der Gesellschaft, den Status Quo zu verbessern und zu optimieren. In vielerlei Hinsicht kann man den Erfolg dieser Entwicklungen an mehreren Indikatoren ablesen, vor allem in den Industrieländern: Steigende Lebenserwartung, und im globalen und geschichtlichen Kontext: Vervielfachung der Weltbevölkerung. Menschheitsgeschichtlich gesehen hat sich die Bevölkerung der Welt seit Christi Geburt auf einem konstanten Level gehalten, die Schwarze Pest und andere Krankheiten sowie hohe Kindersterblichkeit führten dazu, dass das Bevölkerungswachstum mehr oder weniger konstant verlief. Die Industrialisierung führte zu einer Massenproduktion bisher aufwändig hergestellter Produkte und Nahrungsmittel, medizinische Erfolge wie die Entdeckung von Penicillin führten dazu, dass bisherige, aus heutiger Sicht nicht nennenswerte Erkrankungen wie Influenza oder Angina, geheilt werden konnten und sich neben anderen Faktoren die Weltbevölkerung seit 1950 von 3 Milliarden bis heute mehr als verdoppelt hat. Auch in anderen Technologien, vor allem in der Waffenproduktion, wurden „herausragende“ Leistungen erbracht – die Atombombe gilt als hochkomplexe Entwicklung, etwa 17.000 ist die Anzahl verschiedener Bombentypen heute, potentiell könnte die gesamte Zivilisation sich selbst in wenigen Tagen dem Erdboden gleich machen. Dieses pessimistische (und realistische) Szenario, dessen Brisanz sich in Zeiten des Kalten Krieges unter dem US- Präsidenten Ronald Reagen zuspitzte, ließ die Philosophin und Biologin Donna Haraway zu ihrem wohl bekanntesten Werk anregen: Die Neuerfindung der Natur: Primaten Cyborgs und Frauen aus dem Jahre 1985. Donna Haraway erschuf mit ihrem Essay die Utopie der Cyborg, sieht die medizintechnischen Entwicklungen und die Verflechtung Mensch und Maschine als einen unaufhaltsamen Prozess und spricht davon, die momentane und zukünftige Entwicklung zu „genießen“ anstatt ihr mit Skepsis zu begegnen. Doch hier stelle ich die wesentliche Frage dieser Seminararbeit – handelt es sich tatsächlich um diesen unaufhaltsamen Fortschritt, insbesondere in der Medizin? In „The Rise and Fall of Modern Medicine“ spricht der Autor James La Fanu davon, dass viele, welche der Öffentlichkeit als medizinische Erfolge „verkauft“ wird, am Ende des Tages weniger weitreichend sind und z.B. die Genetik als professionelle, vertrauenswürdige Wissenschaften gilt und im großen Geschäft Fuß gefasst hat. Diese Erfolge stellt James Le Fanu stark in Frage stellt, insbesondere in den modernen Biotechnologien und der Genetik des späten 20. Jhdts, während Donna Haraway ihre Utopie teilweise auf diesen unaufhaltsamen Entwicklungen aufbaut.

1. Donna Haraway und das Cyborg-Manifesto

Das Cyborg-Manifesto von Donna Haraway gilt als Versuch, die technischen Entwicklungen, insbesondere im Zeitalter der Digitalisierung und der Genetik, und die Menschheitsgeschichte zu vereinen. Oft werden Erneuerungen in Medien, Technik und Medizin mit viel Pessimismus begegnet, die Welt scheint dem Untergang geweiht zu sein, Robotoren werden die Macht an sich reißen, also eine Ontologie sein (ein gängiges Thema von Science-Fiction, z.B. in Filmen wie „Matrix“ oder „I am Robot“) und die Eigenschaften, die offenbar den Menschen ausmachen, gehen immer mehr verloren, der Mensch wird sozusagen von seiner Umwelt und von seinem „wahren“ Menschsein (z.B. der Fortpflanzung) entfremdet. Haraway, Philosophin und Biologin, versucht jedoch mit ihrer Idee der Cyborg eine Utopie zu erschaffen, die sozusagen die Angst vor diesen Entwicklungen nehmen soll, ganz im Gegenteil meint sie sollte man diesen Prozess, der schon in vollem Gange ist und nicht aufzuhalten ist, zu „genießen“. Keineswegs handelt es sich dabei um ein festes Weltbild der Cyborg, sondern die Grenzen und Möglichkeiten dieser Utopie sind sehr elastisch und bieten die Möglichkeit eines Neubeginns der Menschheitsgeschichte, dem Übergang von der Moderne in die Postmoderne. So könnte man auch von einem Epochenwechsel sprechen, den sie herbeisehnt, eine neue und revolutionäre Art zu denken, eine zweite französische Revolution, eine Zäsur. In Zeiten des Kalten Krieges und einer weltweiten atomaren Bedrohung, verstecktem und offensichtlichem Rassismus und Ungerechtigkeit in allen nur erdenklichen Lebensphären sieht sie in der Utopie der Cyborg die Möglichkeit, einen Neustart (einen Reset) hinzulegen, einen radikalen Bruch bisheriger Denkmuster und Kategorisierungsversuche, sie spricht schon zu Beginn von der Idee, dem Mythos Cyborg als eine Blasphemie par excellence : „Dieses Essay versucht, einen ironischen, politischen Mythos zu entwickeln, der Feminismus, Sozialismus und Materialismus die Treue hält. Eine Treue, die vielleicht eher der Blasphemie gleichkommt als dem ehrfürchtigem Glauben an die reine Lehre oder der Identifikation. Blasphemie war immer schon darauf angewiesen, die Dinge sehr ernst zu nehmen. Innerhalb der säkularisierten, aber darum nicht weniger religiösen, protestantischen Tradition US- amerikanischer Politik, die Politik des sozialistischen Feminismus eingeschlossen, kenne ich keinen besseren Ausgangspunkt. Blasphemie schützt uns von der moralischen Mehrheit in den eigenen Reihen, ohne die Notwendigkeit von Solidarität preiszugeben“ (Hammer/Stiess 1995 nach Haraway 1985, S.33). Blasphemie wird oft mit Gotteslästerung gleichgesetzt und impliziert, dass sogenannte modernen Gesellschaften in der Tradition der Vernunft, trotz Säkularisierung unterschiedlichen Ausmaßes, noch zu großen Teilen einer bestimmten Gottheit verbunden ist. Zweifelsohne greift sie aber nicht nur alte Denkmuster und die Gottesehrfurcht an, sondern auch moderne Denkmuster, mit ihrer Blasphemie an, findet zu viele Widersprüche und unüberwindliche Probleme auch im sozialistischen Feminismus (Etwa: Können weiße Frauen für die Rechte schwarzer Frauen sprechen?) und sieht überhaupt den Begriff oder die Kategorie „Frau“ als problematisch: „There is nothing being „female“ that naturally binds women. There is not even such a state as „being“ female, itself a highly complex category constructed in contested sexual scientific discourses & other social practices.” Die Blasphemie ist also die psychologische Strategie Haraways durch ihre Kritik an der bisherigen feministischen Arbeit diese nicht zu Nichte zu machen, sondern ein weg, komplett neues Denken mittels der Utopie der Cyborg im Sinne einer gerechteren Weltordnung vorzuschlagen. Sie will sozusagen den Berggipfel von einer anderen Seite stürmen, und sie schlägt mitten auf dem Weg eine neue Route vor, da es kein Vorankommen gibt.

Wie eingangs schon erwähnt sieht Donna Haraway schwarz für momentane Entwicklungen – vor allem in den politischen, eine immerwährende Krise, die mit einer nuklearen Bedrohung das Aus für die Menschheit bedeuten könnte, und damit liegt sie keineswegs falsch, potentiell könnte die Zivilisation mehrfach mit allen möglichen Waffen endgültig zerstört werden. Aus diesem Pessimismus (bzw. Realismus) heraus verfasst sie als optimistisch wirkende Persönlichkeit das Cyborg-Manifesto. Doch hier sollte auch nachgefragt werden, ob diese Verflechtung Mensch/Maschine ihren unaufhaltsamen Lauf nehmen wird. Die Cyborg könnten so sein, wie Haraway sich auf den Roman Superluminal von Vonda McIntyres bezieht: „Orca, eine genetisch veränderte Taucherin, kann mit Killerwalen sprechen und unter Tiefseebedingungen überleben. Allerdings sehnt sie sich danach, als Pilotin den Weltraum zu erkunden, wofür sie jedoch bionische Implantate benötigt, die ihre Nähe zu TaucherInnen der Cetaceen gefährden. Die Transformationen erfolgen durch virale Vektoren, die einen neuen genetischen Entwicklungscode tragen, durch Transplantationschirurgie, Implantation mikroelektronischer Geräte, Analogdoubles und andere Mittel“ (Hammer/Stiess 1995 nach Haraway 1985, S.69). Diese Beschreibung, wie konkret die Cyborg ihre Welt verändern können und wie Technik und Medizin/Genetik dies ermöglichen, sollte jedoch nicht als prophetische Aussage und wortwörtlich verstanden werden, wie erwähnt handelt es sich bei den Cyborgs zum Teil um utopische Vorstellungen und Science Fiction und einer sehr optimistischer Einstellung gegenüber den Möglichkeiten der Technik und Medizin. Doch ist dieser Fortschritt unaufhaltsam, wird das alles irgendwann auch möglich sein? Andere Stimmen stehen versuchen ein anderes Bild der jüngsten „Errungenschaften“, vor allem in den Biotechnologien, zu entwerfen.

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Details

Seiten
11
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668906860
ISBN (Buch)
9783668906877
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462795
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
Gut
Schlagworte
wissenschaft fortschritt optimismus strategie eine gegenüberstellung donna haraways cyborg-manifesto james fanus rise fall modern medicine genetics

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Titel: Wissenschaft und Fortschritt - Optimismus als Strategie. Eine Gegenüberstellung Donna Haraways "Cyborg-Manifesto" (1985) und James Le Fanus "The Rise and of Fall Modern Medicine. The New Genetics" (1999)