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Die Verfilmung "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von 1957

Über das Konzept der Heldenreise nach Christopher Vogler

Hausarbeit 2018 19 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Felix Krull – Im Spannungsfeld von Heldentum, Moral und Kriminalität

3. Die Heldenreise in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1957) 4
Stadium 1 – Gewohnte Welt
Stadium 2 – Ruf des Abenteuers.
Stadium 3 – Weigerung des Helden.
Stadium 4 – Begegnung mit dem Mentor
Stadium 5 – Übertreten der ersten Schwelle.
Stadium 6 – Feinde, Freunde, Tests.
Stadium 7 – Vordringen zum Kern.
Stadium 8 – Feuerprobe/Entscheidende Prüfung.
Stadium 9 – Belohnung.
Stadium 10 – Rückweg aus der Feuerprobe.
Stadium 11 – Auferstehung.
Stadium 12 – Rückkehr mit dem Elixier

4. Fazit

1. Einleitung

Held. Moral.

Große Worte, weite Felder.

Aber was genau soll ein Begriff wie ‚Held‘ bedeuten, in Zeiten, in denen alle paar Monate der nächste hoch budgetierte Blockbuster in die Kinos kommt, in denen nicht nur Helden, sondern Super helden wie Iron Man, Batman, Superman und diverse andere antike Männlichkeitsideale gefeiert, von Millionen Menschen weltweit als gut und erstrebenswert erachtet werden und dabei doch so weit von der Realität entfernt sind. Die meisten Zuschauer dieses ‚Mainstream-Kinos‘ werden über das Heldenkonzept dieser Filme nicht oder nur wenig reflektieren und auch in den meisten Aufstellungen der ‚besten Filme aller Zeiten‘, die in regelmäßigen Abständen von verschiedenen filmnahen und -fernen Institutionen aufgestellt werden, finden sich solche Produktionen gewöhnlich nicht wieder.1 Was hat es auf sich mit diesen ‚Helden‘? Was sind sie, was macht den Helden2 aus? Und muss er moralisch handeln? Diese Fragen sind elementar für das Verständnis von Felix Krull, dem Protagonisten des in dieser Ausarbeitung zu untersuchenden Films. Es wird analysiert werden, inwieweit sich seine Geschichte, dargestellt in der Verfilmung von 1957, mit dem laut Joseph Campbell seit Jahrtausenden etablierten Erzählkonzept der Heldenreise vereinbaren lässt.3 Andersherum formuliert: Passt das Konzept der Heldenreise auf die Verfilmung Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull von 1957 (fortan: BdHFK)? Dies ist die Leitfrage der vorliegenden Untersuchung.

Um herauszufinden, ob, und falls ja, inwieweit sich das Konzept der Heldenreise, genauer das Konzept nach Christopher Vogler und seinem Fachbuch Die Odyssee des Drehbuchschreibers auf BdHFK anwenden lässt, wird zuerst eine Definition vorgenommen: Ist Felix per definitionem ein Held? Handelt er moralisch?

Nach der Erörterung, was ein Held zu einem solchen macht, werden die zwölf Stadien der Heldenreise dann direkt auf Felix Krull als Figur und die Handlung des Films angewendet.4

Der Timecode bezieht sich auf die DVD-Veröffentlichung des Films, die 2004 bei Kinowelt Home Entertainment erschien. Die Laufzeit zu anderen Ausgaben des Films, etwa der ‚Edition Filmjuwelen‘ aus dem Jahr 2017, weicht meist nur um wenige Sekunden ab, weshalb sich der in den Fußnoten angegebene Timecode mit etwas Spielraum auch auf andere Ausgaben übertragen lässt.

2. Felix Krull – Im Spannungsfeld von Heldentum, Moral und Kriminalität

Sieht man sich BdHFK an, wird klar, dass Felix ein ambivalenter Charakter ist: Den Schmuck, den er bei der Einreise nach Frankreich gestohlen hatte, versetzt er mit Kalkül, gesteht später aber dem Opfer ohne Notwendigkeit, dass er der Dieb ist. Felix hat keinerlei moralische Bedenken, sich als Graf auszugeben und falsche Briefe an dessen Eltern zu schreiben. Trotzdem weigert er sich, die Ehre der Familie Kuckuck zu beschmutzen, auch wenn ihm Gefängnis droht. Insofern lässt sich nicht behaupten, Felix wäre nur auf sich selbst bedacht. Er ist ein Krimineller, definitiv. Aber frei von Moral ist er keineswegs, selbst wenn er manchmal (im Sinne der Allgemeinheit) unmoralisch und (im Sinne des Gesetzes) illegal handelt.

Laut Duden5 ist ein Held „jemand, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt“ oder „jemand, der sich durch außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg auszeichnet und durch sein Verhalten zum Vorbild (gemacht) wird“6. Betrachten wir Felix Krull und sein Verhältnis zu diesen Kriterien: Er stellt sich unerschrocken einer schweren Aufgabe. Er erhält auch Bewunderung, etwa von Seiten Lord Kilmarnocks, Stankos oder Eleanor Twentymans [vgl. Kapitel 3, Phase 6], jedoch ist der Verdacht naheliegend, dass die Gesellschaft im Allgemeinen es ist, die ihm Bewunderung entgegenbringen müsse, damit Felix den Heldenstatus erhält. Zudem wird ihm die Bewunderung besagter Figuren nicht zuteil, weil er unerschrocken handelt, sondern weil sie auf seinen Charme hereinfallen. Durch außergewöhnliche Tapferkeit zeichnet sich Felix auch nicht aus, weder im Krieg, noch anderweitig. Ob er durch sein Verhalten zum Vorbild wird, bleibt offen, da ihm einige Figuren zwar Bewunderung entgegenbringen7, Bewunderung und Vorbildlichkeit jedoch nicht synonym sind. Hier kommt der in der Definition unerwähnte Aspekt der Moral bzw. des gesellschaftlichen Nutzens ins Spiel, denn nur weil jemand große Hindernisse auf dem Weg zum persönlichen Ziel überwindet und dafür bewundert wird, ist er nicht zwingend ein Held. Auch Hannibal Lecter, Graf Dracula und Darth Vader kämpfen mit aller Kraft für ihre Ziele, sind aber keine Helden, sondern gerade die entgegengesetzten Mächte, die den Protagonisten daran hindern wollen, dessen Ziele zu erreichen. Dennoch sind sie keine Helden im Sinne der Definition. Was deren Leidenschaft und Hingabe von denen Luke Sky-walkers, Clarice Starlings und Dr. van Helsings unterscheidet, ist gerade der moralische Aspekt: Helden, selbst Antihelden, dienen dem übergeordneten Konzept des ‚Guten‘. Lecter, Vader und Dracula dagegen dienen nur sich selbst und ihren egoistischen Zielen.

Unter dem Aspekt des moralisch Guten und dem Nutzen für die Gesellschaft erscheint Felix erneut als widersprüchlicher Charakter: Wir werden Zeuge, wie er im Zug auf dem Weg nach Paris einem kleinen Mädchen eines der Bonbons schenkt, die ihm seine Mutter zuvor für die Reise zugesteckt hatte.8 Spendabel ist Felix also – und selbstlos, wie auch die für die Argumentation zentrale Episode im Gefängnis zeigt, als er den Ruf der Familie Kuckuck nicht ruinieren möchte. Jedoch muss auch eingewendet werden, dass Felix dennoch kaum zögert, Professor Kuckuck einzuweihen und dessen Bild seiner Frau und damit womöglich die Ehe zu zerstören.9

An dieser Stelle reicht die Definition des Duden nicht mehr aus. Betrachten wir Voglers eigene Ansprüche an Heldenfiguren: Er sei „ein Mensch, der bereit ist, seine eigenen Bedürfnisse dem Nutzen der Gemeinschaft zu opfern. […] Im tiefsten Sinne liegt dem Heros oder Helden damit der Begriff der Selbstaufopferung zugrunde“.10 Auch hier ist klar: Das trifft nicht auf Felix zu. Einer Gemeinschaft opfert er nichts, erst recht nicht seine eigenen Ideale. Das bedeutet jedoch nicht, dass er sich pauschal unmoralisch verhält.

Betrachten wir, wie der Duden ‚Moral‘ definiert: „Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden“11. Felix hält sich nicht an diese Normen, denn allein durch den Umstand, dass er kriminell agiert, ist klar, dass er die Normen der Gesellschaft untergräbt. Was von der Gesellschaft als ‚verbindlich‘ akzeptiert wird, wird jedoch im Laufe des Films immer wieder konterkariert, etwa als Diane ihm aufträgt, in ihrem Beisein ihren Schmuck zu stehlen (offensichtlich mit Lustgewinn: „Wie mich das köstlich erniedrigt!“).12

Es wird klar, dass die Frage, ob Felix sich heldenhaft oder moralisch verhält, nicht final geklärt werden kann, da der Begriff sehr schwammig und Felix ein komplexer Charakter ist. Gerade das lässt ihn jedoch vielschichtig und damit realistischer erscheinen, denn, wie wir alle, verhält er sich manchmal selbstlos, manchmal egoistisch. Als klassischer Held kann er jedoch nicht gelten, weder nach Definition des Dudens noch nach den Anforderungen Voglers. Was lediglich feststeht: Felix ist der Protagonist – und zwingend muss der Held eines Dramas, Romans oder Films womöglich gar kein Held nach klassischen Maßstäben sein.

3. Die Heldenreise in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1957)

In diesem Kapitel wird das Konzept der Heldenreise nach Christopher Vogler auf BdHFK angewendet.

Stadium 1 – Gewohnte Welt

Nach dem Vorspann (oder währenddessen) wird in den meisten Filmen zunächst der Handlungsort etabliert, gewöhnlich mit einem establishing shot, der dem Zuschauer verrät, wo man sich in der Szene und oft auch für den Rest der Handlung befindet: In einer Großstadt, auf einer abgelegenen Farm, im All, usw. Außerdem wird der Held in seinem üblichen Alltag gezeigt, was die eigentliche Leistung der ‚Gewohnten Welt‘ ist, denn sie muss „einen lebhaften Kontrast zu der fremdartigen neuen Welt“13 schaffen, in die der Held alsbald gestoßen wird.

In BdHFK zeigen die ersten Aufnahmen eine Art abgewandeltes Familienwappen, das schon die Champagnerproduktion des Vaters einführt, und Felix‘ Eltern, die vor dem Garten des herrschaftlichen Hauses sitzen. Im Mittelgrund sieht man einige behutsam positionierte Gartenzwerge, die die Gutbürgerlichkeit der Bewohner unterstreicht, während Felix‘ Voice Over erklärt, wer die Leute sind. Darüber hinaus erfahren wir, wie wohlhabend Felix‘ Eltern sind: „Als äußeres Zeichen unseres damaligen Wohlstandes mochte eine französische Gouvernante gelten, die sich mit meinem Vater zu gut und daher mit meiner Mutter ganz und gar nicht vertrug.“14 Allein diese Aussage wirft zum einen die Frage auf, weshalb der Wohlstand zum Zeitpunkt des späteren Erzählens nicht mehr vorhanden war, und es wird zudem der Konflikt Mutter-Vater-Gouvernante etabliert, der sich jedoch schnell als nicht handlungstragend entpuppt, denn Vater wie Gouvernante werden nach zwei Minuten aus der Handlung geworfen. Auch die Einführung des Säuglings Felix etabliert weniger die ‚Gewohnte Welt‘, als dass sie ein Rückblick ist, denn unmittelbar nach dieser ersten Szene, die ohne einen Schnitt auskommt, wird der Niedergang des Champagner-Imperiums dargestellt, sowohl visuell, als auch durch das Voice Over. Nach kaum zwei Minuten wird der Zuschauer Zeuge eines Zeitsprungs von etwa 20 Jahren15 und der erste handlungstreibende Konflikt wird etabliert: Felix soll eingezogen werden und möchte sich dem entziehen. Hier wird sowohl die ‚Gewohnte Welt‘ etabliert, die sich zwar von der eigentlichen frühen Kindheit unterscheidet, jedoch die Basis der Figurenentwicklung ist, denn Felix wäre, wenn sein Vater den Wohlstand nicht eingebüßt hätte, sicherlich nicht so ambitioniert gewesen, in die gehobene Welt aufzusteigen – schließlich wäre er dort bereits angekommen. Und zum anderen wird hier der Held etabliert, denn Felix ist sehr zuversichtlich, dass er nicht eingezogen werden wird und schon am nächsten Tag nach Paris aufbrechen kann, denn er habe „große Teile der einschlägigen medizinischen Fachliteratur genaustens studiert“ und das Zugticket nach Paris bereits gekauft.16 Was genau er vorhat, erfahren weder der Zuschauer noch seine Familie an dieser Stelle, wie sich aus den irritierten Reaktionen seiner Schwester, Mutter und Prof. Schimmelpreesters ablesen lässt.17

Wir erfahren also zusammengefasst, dass Felix aus einst gehobenem Hause kommt, heute jedoch einer bestenfalls bürgerlichen Familie angehört – und dass er durchtrieben und manipulativ ist und seine Karten nicht offen auf den Tisch legt. Der „Makel oder Mangel“18, der laut Vogler einem Helden anhaften muss, damit er dreidimensional wird und Anknüpfungspunkte für Zuschauersympathie bietet, ist der Verlust des Vaters, was auf den ersten Blick ein Paradebeispiel ist: Den Helden „fehlt etwas Wichtiges, oder ihnen ist gerade etwas weggenommen worden. In vielen Fällen haben sie einen Familienangehörigen verloren; Mutter oder Vater sind gestorben oder ein Geschwister ist entführt worden.“19 Aus dem Verlust des Vaters ergibt sich Felix‘ Motivation jedoch nur mittelbar, denn es ist eigentlich der Verlust seines gesellschaftlichen Standes, der ihn antreibt:

[...]


1 Dennoch soll eingewendet werden, dass „Avengers: Infinity War“ auf der weltweit größten Filmplattform „Internet Movie Database“ (IMDb) kurz nach dem Kinostart auf Platz 9 der ‚besten Filme aller Zeiten‘ kletterte und sich am 13.09.2018, ein halbes Jahr nach Kinostart, noch immer auf Platz 43 befand – noch vor kanonisierten Filmen wie „Citizen Kane“, „Metropolis“ oder „Vom Winde verweht“. Jedoch basiert dieses Ranking auf den Wertungen der Benutzer und nicht auf denen von Filmkritikern oder gar auf wissenschaftlicher Basis.

2 In dieser Ausarbeitung ist zum Zweck der einfacheren Lesbarkeit immer von der männlichen Form die Rede. Selbstverständlich sind damit ebenso Protagonistinnen und Heldinnen gemeint.

3 Vgl.: Campbell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt 1999.

4 Es geht allein um Felix Krull als Filmfigur; die Romanvorlage wird nicht beachtet.

5 Es gibt selbstverständlich viele weitere Definitionen von ‚Held‘ oder ‚Heldentum‘, jedoch erscheint es sinnstiftend, sich auf die minimalste Definition zu beschränken. Der Duden liefert zudem noch eine weitere Definition des Helden, die sich jedoch auf Mythologie bezieht und daher ungeeignet erscheint.

6 Bibliografisches Institut: Duden Online. Abschnitt zu ‚Held‘. Berlin 2018, URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Held. Zuletzt eingesehen am 17.09.2018.

7 Auch das Publikum soll ihn und seine Taten zweifelsfrei bewundern.

8 17:55 – 18:03.

9 Hier muss jedoch wiederum eingewendet werden, dass der Umstand, dass Felix die Information über die Untreue seiner Frau an Kuckuck weitergibt, eine mutige, selbstlose Geste ist, denn einerseits hatte sie ihn verführt und nicht umgekehrt und andererseits geht er damit das nicht geringe Risiko ein, dass Kuckuck ihm nicht weiter zuhören möchte oder ihm womöglich die notwendige Hilfe versagt.

10 Vogler, Christopher: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. 6. Auflage, Frankfurt 2010, S. 87.

11 Bibliografisches Institut: Duden Online. Abschnitt zu ‚Moral‘. Berlin 2018, URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Moral. Zuletzt eingesehen am 18.09.2018.

12 38:35 – 40:55.

13 Vogler: S. 57 f.

14 02:02 – 02:30.

15 Insofern kann diese allererste Szene als Prolog wie auch Analepse gelten.

16 05:46 – 05:50.

17 05:22 – 05:54.

18 Vogler, S. 171.

19 Ebd., S. 175.

Details

Seiten
19
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668921399
ISBN (Buch)
9783668921405
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463038
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Thomas Mann Literaturverfilmungen Film Felix Krull Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull Filmwissenschaft Filmwissenschaften Literaturwissenschaft Literaturwissenschaften Germanistik Deutsch

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Titel: Die Verfilmung "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von 1957