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Der Journalismus hält den Atem an. Die Partizipation des Journalismus und der Einfluss sozialer Medien während der Katastrophenberichterstattung

Hausarbeit 2017 26 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen zur Katastrophenberichterstattung
2.1 Grundsätze des Journalismus – der Pressekodex
2.2 Journalismus im Ausnahmezustand
2.2.1 Katastrophenberichterstattung
2.2.2 Nachrichtenwerttheorie
2.2.3 Journalismus im Internet-Zeitalter

3 Kommunikation in Sozialen Medien
3.1 Das Internet als Informationsquelle und der Nutzer als Publizist
3.2 Journalismus im Medienumbruch – die Partizipation

4 Fallbeispiel „Münchner Amoklauf“

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis & Medienverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung

Als im Sommer 2016 der 18-Jährige David S. am Münchner Olympiazentrum mehrere Menschen tötete, stand die Metropole bis in die Nacht hinein still. In den Straßen herrschte Panik, obwohl der Amokläufer sich selbst längst schon das Leben genommen hatte. Wenig später wurde die Polizei für den vorbildlichen Umgang mit Gerüchten gelobt. Doch neben der Katastrophe, die ein Jugendlicher angerichtet hatte, wurde auch das Ausmaß der Einflussnahme von sozialen Medien deutlich.

Immer wieder werden Diskurse über den weiteren Verlauf des Journalismus laut, er scheint vor einer Existenzkrise zu stehen. In Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung hat der Journalismus seine Monopolstellung nicht mehr so sicher wie noch vor einigen Jahren. Neben Redaktionen und Medieninstitutionen gibt es mit dem Auftauchen des Internets und zuletzt der sozialen Medien noch eine Menge anderer Publizisten. Die Hemmschwelle zur Veröffentlichung von Informationen ist erheblich gesunken und gerade in Spartenthemen blüht die Blogosphäre. Zwar arbeiten Enzyklopädien wie Wikipedia mit Verifizierungen, trotzdem kann jeder, der technisch in der Lage dazu ist, sein ‚Wissen‘ verbreiten.

Doch neben der themenspezifischen Profession hat der Journalismus in seiner institutionellen Rolle vor allem eines: viel Verantwortung. In Fällen von Terroranschlägen, Naturkatastrophen und anderen Unfällen ist es besonders anspruchsvoll die wahrheitsgemäße Weitergabe von Meldungen zu wahren. Denn die meisten Menschen möchten in genau diesen Unglücksfällen vor allem die Antworten, die ihnen nur der Journalismus geben kann. Doch was geschieht, wenn sich das Verhältnis von Kommunikator und Empfänger wandelt? Wie wird die Katastrophenberichterstattung beeinflusst, wenn die Möglichkeit zu veröffentlichen nur mehr als einen Klick entfernt ist? Ob und wie gefährlich ist es, wenn das Geben von Antworten nicht mehr nur einer öffentlichen Instanz vorbehalten ist?

Die vorliegende Arbeit soll sich unter anderem mit diesen Fragen auseinandersetzen. Um mehrere Perspektiven dieser Fragestellungen beleuchten zu können, soll im ersten Teil der Arbeit ein Einblick in das Feld der Journalismusforschung gegeben werden. Die Grundsätze des Journalismus sollen anhand des Pressekodex vorgestellt werden, bevor die Besonderheiten der Aufgaben desselbigen in Zeiten von Katastrophen und Krisen im Rahmen der Kommunikationswissenschaft verdeutlicht werden sollen. Relevant scheint außerdem die Auseinandersetzung mit der Nachrichtenwerttheorie, die bis heute stets weiterentwickelt wird. Sie soll die Faktoren erläutern, die die Wichtigkeit für die Empfänger steigern oder sinken lassen. Dieser Aspekt wird für die Bearbeitung des Fallbeispiels eine Rolle spielen. Um auf die sozialen Medien und deren Einflussnahme auf den Journalismus hinzuführen, wird dieser in Bezug auf das Internet-Zeitalter eingeschätzt. Der zweite Schwerpunkt der Arbeit beschäftigt sich mit der Kommunikation im Social Web, genauer den sozialen Medien, die in der Informationsflut eine immer tragendere Rolle spielen. Die Veränderung der Informationsbeschaffung und die Entwicklung hin zur many-to-many-Kommunikation werden hier behandelt. Um letztendlich einen aktuellen Bezug zum Thema herzustellen, werden die theoretischen Schwerpunkte im Fall des Münchner Amoklaufs angewandt, um die Chancen und möglicherweise Versuchungen der Partizipation des Journalismus aufzuzeigen. Die Bearbeitung dieser Aspekte erfolgt auf diese Art und Weise, um die beiden Komponenten möglichst unabhängig voneinander vorzustellen, um die Komplexität der Problematik im Fall des Münchner Amoklaufs deutlich zu machen. Dabei werden die einzelnen Theorien nur oberflächlich behandelt, um die Bandbreite dieser Problematik deutlich zu machen.

2 Theoretische Grundlagen zur Katastrophenberichterstattung

Journalismus wird auch als Zeitungs-bzw. Pressewesen bezeichnet, mit dem Ziel, die Bürger eines Landes oder eine andere Zielgruppe zu informieren. Journalisten sind im Bereich der Berichterstattung tätig. Die Publikation der Beobachtung von Geschehnissen und gesellschaftlich relevanten Themen ist die Arbeit eines Journalisten. Journalismus kann als öffentliche Kommunikation zusammengefasst werden. (vgl. Dudenredaktion (k.A.))

2.1 (Rechtliche) Grundsätze des Journalismus – der Pressekodex

Innerhalb der demokratischen Gesellschaftsform sind die Grundrechte Presse-, Informations- und Meinungsfreiheit verankert. Sie finden in einer journalistisch-ethischem Regelwerk Ausdruck, das erstmals 1973 durch den deutschen Presserat vorgelegt wurde. Der Presserat wurde 1956 gegründet, um eine unabhängige Berichterstattung zu generieren, entgegen der Idee, die Presse staatlich zu regeln. Der Pressekodex wird bis heute aktualisiert, jedoch stets nach dem Modell der freiwilligen Selbstkontrolle. (vgl. Deutscher Presserat (k.A.))

„Die publizistischen Grundsätze konkretisieren die Berufsethik der Presse. Sie umfasst die Pflicht, im Rahmen der Verfassung und der verfassungskonformen Gesetze das Ansehen der Presse zu wahren und für die Freiheit der Presse einzustehen.“ (Deutscher Presserat 201 6, S. 3)

Der Pressekodex ist besteht sowohl aus Grundsätzen, als auch nachträglich ergänzten Richtlinien und dient vor allem zur Prüfung der Arbeit eines Journalisten im Falle einer Beschwerde. (vgl. Deutscher Presserat (k.A.))

Im Zuge der vorgelegten Arbeit sind einige Ziffern besonders relevant, wenn es um die Verantwortung der Journalisten geht. Wie auch im Grundgesetz steht die „Wahrung der Menschenwürde“ (Deutscher Presserat 2017, S. 3) an erster Stelle. Doch innerhalb der ersten Ziffer des Leitsatzes ist ein Aspekt noch wichtiger als der eben genannte, die „Achtung vor der Wahrheit“. (Deutscher Presserat 2017, S. 3) Das oberste Gebot journalistischer Arbeit ist demnach die „wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“, die der öffentlichen Meinungsbildung dienen soll, ohne die Informationsfreiheit etwa durch das eigene Missfallen einer Auffassung (siehe Richtlinie 1.2 – Wahlkampfberichterstattung). (Deutscher Presserat 2016, S. 8)

Ziffer 2 beinhaltet das Prinzip der Sorgfalt im Zuge der Informationsbeschaffung. D.h. die

„Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. […] Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.“ (Deutscher Presserat 2016, S. 9)

Hier wird vor allem deutlich, dass Journalisten sich nicht nur an bestimmten Richtlinien bezüglich der korrekten Arbeitsweise orientieren sollen, sondern auch ein weiterer Gedanke mitschwingt. Eine Art Eid verpflichtet die Mitglieder journalistischer Verbände zu absoluter ethischer Verantwortung gegenüber dem Berufsbild, dem Presserat und vor allen Dingen der Öffentlichkeit.

Auch die Grenzen des Journalismus werden im Pressekodex aufgezeigt, wie etwa der Schutz der Identität von Personen. Außerdem beachtet die Presse „bei Unglücksfällen und Katastrophen“, dass „Rettungsmaßnahmen für Opfer und Gefährdete Vorrang vor dem Informationsanspruch der Öffentlichkeit haben.“ (Deutscher Presserat 2016, S. 13)

Der Journalismus arbeitet demzufolge nach dem Prinzip, möglichst viele Informationen zu erhalten und zu verbreiten, ohne die Menschenwürde, das Recht auf Privatsphäre oder der Wahrheitspflicht zu verletzen. „Andererseits dürfen Rechte nicht so weit ausgedehnt werden, dass die Medien ihre öffentliche Aufgabe nicht mehr wahrnehmen können.“ (Eberwein/Branahl 2011, S. 2) Trotzdem kommt es immer wieder zu Verletzungen der Persönlichkeitsrechte, zur Verhöhnung und Vorführung von Opfern oder respektlosem Umgang mit vertraulichen Informationen. Besteht ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit für die Gesellschaft, darf die Berichterstattung auch vorrangig zum Datenschutz stehen. Im Falle einer Anklage der Berichterstattung, wird der Fall individuell von einem Gericht abgewogen. (vgl. Eberwein/Branahl 2011, S. 1)

2.2 Journalismus im Ausnahmezustand

Zu dem eben beschriebenen journalistischen Aufgaben gehört auch die Pflicht, sich schwierigen Themen anzunehmen und ebenso in Katastrophenfällen Recherche zu betreiben und hartnäckig nach Antworten auf die Fragen zu suchen, die sich jedermann stellt. Schnelligkeit und wahrheitsgemäße Meldungen sind in sogenannten „Breaking-News-Situationen“ wichtiger denn je. (Filipovic 2015, S 50.) Im Folgenden soll die besondere Situation der Katastrophenberichterstattung beschrieben werden, sowie der steigende Druck auf Journalisten, der sich durch die Relevanz des Internets als Informationsquelle einstellt.

2.2.1 Katastrophenberichterstattung

Der Begriff ‚Katastrophe‘ bezeichnet nicht nur ein schweres Unglück (Duden), sondern ist aus medientheoretischer Perspektive schon zahlreich behandelt wurden. Gerade Ereignisse wie der 11. September oder aber auch Naturkatastrophen werden auf medialer Ebene oftmals stark kritisiert. „Die Ausrichtung an einer Ereignisrealität ist dem Journalismus als Wahrheits-bzw. Richtigkeitsprinzip eigen.“ (Filipovic 2015) Zwar versucht der Journalismus seinen Grundsätzen gerecht zu werden, trotzdem haben werden in Zeiten von Kriegen, Krisen und Katastrophen dieser Instanz besondere Bedingungen gegeben.

Beruft man sich auf die Grundsätze des Journalismus, wie sie im Pressekodex verankert sind, so werden neben Grenzen auch erhebliche Pflichten erkennbar. Die Wahrheit gilt als oberstes Gebot, genauso wie Hartnäckigkeit. Am Anfang einer Katastrophenberichterstattung steht eine von Nachrichtenagenturen vermittelte Meldung, die außer der Tatsache keine weiteren Informationen beinhaltet. Kaum ist die Neuigkeit einmal publiziert, gilt es, den Bürgern so zeitnah wie möglich weitere Umstände zu erklären. (vgl. Filipovic 2015, S.50)

Ein Phänomen, das gerade infolge solcher Meldungen gefährlich werden können, sind Spekulationen ohne tiefergehende Bestätigung. Kommt es zu Lücken im Fluss der Informationen, werden „Wahrscheinlichkeiten kommuniziert, nicht selten mit dem Effekt der Vorverurteilung von mutmaßlichen Tätern oder Verursachern.“ (Filipovic 2015, S. 50) Gerade in Momenten der Unsicherheit hat die Öffentlichkeit das starke Bedürfnis, dass nach Wahrheiten um im Ernstfall das Leben des Einzelnen schützen zu können. Die Information, als immaterielles Werkzeug zur Teilhabe, hat somit sämtliche Steuerungsfunktionen inne, und ist außerdem Grundbedingung für das demokratische Leben. Diese Verbindung gibt dem Einzelnen das Recht, aktiv und passiv am Meinungsbildungsprozess teilzunehmen, d.h. über öffentliche Situationen sowohl zu informieren, als auch informiert zu werden. (vgl. Dombrowsky 2013, S. 42) Speziell in Krisensituationen verlangen die zu Informierenden eine objektive Berichterstattung, deren Objektivität und persönliche Brauchbarkeit stetig geprüft wird. Denkbar schwierig ist es, beide Seiten dabei zu vereinen. Informierende versuchen nach bestem Wissen und Gewissen eine breite Masse zu informieren. Andererseits werden Antworten angezweifelt, stets mit dem Ziel sich und andere vor Schaden zu bewahren. (vgl. Dombrowsky 2013, S. 47)

2.2.2 Nachrichtenwerttheorie

Journalisten werden täglich mit Massen an Informationen und Meldungen von Nachrichtenagenturen konfrontiert. Da nicht jede Meldung auch umfassender Berichterstattung erfordert und zulässt, ist Auswahl unbedingt notwendig. Im Zuge der Selektion existiert im Bereich der Kommunikationswissenschaften die Nachrichtenwerttheorie. Mit ihr beschäftigten sich Theoretiker wie Walter Lippmann, Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge oder aber auch Winfried Schulz. Nach Galtung und Ruge spielten besonders die Nähe des Landes, in dem sich etwas ereignet hat, eine immense Rolle, sei es auf räumlicher, kultureller, wirtschaftlicher oder politischer Ebene. (vgl. Maier 2010, S. 18)

Die Listung der verschiedensten Nachrichtenfaktoren begann Anfang des 20. Jh. durch Walter Lippmann, auf den sich viele Weitere berufen sollten. Er steht dem Informationsfluss mit einer bestimmten Strategie gegenüber: standardisierte Selektionsverfahren sollen bei der Auswahl von relevanten Nachrichten helfen. Aus Studien mit diversen Tageszeitungen filterte er Kriterien heraus, die ein Ereignis publikationswürdig machen. Er verwendete 1922 erstmals den Begriff des ‚Nachrichtenwerts‘ (engl. news value). (vgl. Maier 2010, S. 29)

Diese Kriterien decken sich größtenteils mit heute gängigen Faktoren: Faktizität, Überraschung, Negativität, Konflikt, Demonstration/Streik, direkte Betroffenheit der Leser). Dabei geht er aber nicht auf den Begriff des Nachrichtenfaktors direkt ein. (vgl. Maier 2010 S. 30)

Die wohl bekannteste Auflistung von Nachrichtenfaktoren stammt von den bereits genannten Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge. Sie gingen davon aus, dass die Faktoren den Wert einer Nachricht ein Ereignis relevant machen können. Außerdem sind die Faktoren komplementär, d.h. das Fehlen eines Faktors kann durch die Existenz eines anderen Faktors ausgeglichen werden. In der Tabelle werden diese Faktoren genannt und kurz erläutert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Maier 2010 S. 36 ff., S. 139 ff.)

Bis heute differenzieren Kommunikationswissenschaftler weitere Nachrichtenfaktoren und gehen dabei auf jeder Ebene ins Detail. Für die weitere Arbeit und die Einschätzung des Fallbeispiels „Münchner Amoklauf“ bzw. der Berichterstattung dazu, wird sich innerhalb dieser Arbeit auf die Nachrichtenfaktoren nach Galtung und Ruge festgelegt, da eine genauere Version der Merkmale und die Einordnung des Amoklaufs in diese den Rahmen der Hausarbeit sprengen würde.

Heute sind exakte Messungen über das Interesse für bestimmte Meldungen einfach durch Onlinemessungen von den Seitenbetreibern abzulesen. Die Zahlen zeigen, wie ‚berichtenswert‘ ein bestimmtes Ereignis für die Rezipienten war. Man geht davon aus, dass Unglücksfälle, Naturkatastrophen und Skandale den höchsten Nachrichtenwert besitzen. (vgl. Filipovic 2015, S. 49)

2.2.3 Journalismus in Internet-Zeitalter

Im Zuge der modernen Kommunikationswissenschaften werden stets neue mediale Phänomene beobachtet: kurze und prägnante Meldungen sind in Zeiten der Kurzmitteilung wichtiger denn je, oftmals reichen 140 Zeichen, um Inhalte in das Netz zu befördern. Aus Journalisten scheinen Multimedia-Redakteure zu werden, die außer Recherche- und Textarbeit auch Video- und Audiodateien bearbeiten und sie einzusetzen wissen. Rasant entwickeln sich Technik und Wirtschaft weiter und erzeugen innerhalb der Gesellschaft Dynamiken, die das Internet-Zeitalter charakterisieren. Doch welche Trends bilden sich aus dieser Schnelllebigkeit heraus und welchen Einfluss nehmen sie auf den Journalismus?

Zum einen werden über Ländergrenzen hinweg in Echtzeit kommuniziert, ohne dafür weitere Voraussetzungen erfüllt werden müssen. Kommunikation über weite Entfernungen hinweg kann auch als Globalisierung zusammengefasst werden. Im Gegensatz dazu kann die Themensetzung journalistischer Themen über das Internet mit Hilfe regionaler Bezüge stattfinden. Lokalisierung kann den Bezugsrahmen der Kommunikatoren erheblich beeinflussen. (vgl. Quandt 2003, S. 262 ff.)

Des Weiteren finden auch thematische Umstrukturierungen statt, die den Journalismus berühren. Vernetzung kann auch thematische Bündelung bedeuten, sowie die Bildung von Communities. Durch die weitreichende Vielfalt der Abdeckung von verschiedenen Themen werden auch Special-Interests und ihre Nutzer erreicht. Ebenso bedeutet dies aber auch eine Segmentierung von neuen Splittergruppen, die vor allem in politischer Hinsicht die Möglichkeit haben, zu wachsen. Demzufolge scheinen radikale Tendenzen unumgänglich. (vgl. Quandt 2003, S. 264 ff.)

Doch auch in praktischer Hinsicht entstehen durch das Internet neue Trends für den Journalismus. Die Technisierung und weitreichende Digitalisierung lässt den Journalismus zu einer schnelllebigen und computerbasierten Arbeit heranwachsen. Informationen bzw. Meldungen werden kaum noch von Journalisten selbst erfasst, sondern nur von Nachrichten-Agenturen weitergereicht. Die steigende Relevanz von Online-Nachrichtenplattformen verändert auch die ökonomische Struktur des Journalismus, sodass die Finanzierung kaum noch über Publizierungen, sondern Werbung stattfindet. (vgl. Quandt 2003, S. 265)

Letztendlich verlangen neue Medien auch neue Teilbereiche und sind der Grund für eine Ausdifferenzierung und Entdifferenzierung gesellschaftlicher Bereiche. Neue Aufgaben kommen hinzu, andere Anforderungen werden verschoben oder aufgelöst. Engels beschreibt diese Veränderung von unabhängiger, journalistischer Tätigkeit/neutral informativer Zielsetzung hin zur inhaltlich, kreativen/produzierend, technischen Verwaltung. (vgl. Quandt 2003, S. 268 ff.)

Die Organisation von Kommunikation findet nicht mehr nur in Redaktionen und PR-Agenturen statt, sondern erfordert von staatlichen Stellen ebenso eine Internetpräsent wie von einer offiziellen Nachrichtenseite. (vgl. Quandt 2003, S. 269 ff.) Deutlich wird, dass sich eine neue Konkurrenz der Informationen einstellt:

„Es liegt nahe, dass in einem solchen offenen und öffentlichen Kommunikationsraum die unterschiedlichsten Kommunikationsformen um die Publikumsgunst konkurrieren, aber sich auch teilweise annähern und hinterfragen.“ (Quandt 2003, S. 270)

Mit der Dynamik des Internets ist jedoch ein weiterer Aspekt besonders relevant für die journalistische Arbeit. Die angeforderte Aktualität in einer Gesellschaft, die sich „angeblich im permanenten Breaking-News-Modus befindet“. (Trappel 2015) Schnelligkeit und Aktualität ist nicht erst seit dem Web 2.0 ein Anspruch an den Journalismus. Jedoch scheinen mit der Echtzeit-Kommunikation noch weitere Dimensionen zu entstehen, die dem Journalismus konkurrieren: die Empfänger als neue Publizisten.

3 Kommunikation in den Sozialen Medien

Folgt man den Ausführungen von Tim O’Reilly, so können die Anfänge des Internets, wie man es heute kennt als ‚Web 2.0‘ bezeichnet werden. Charakteristisch für diese, teilweise kritisierte, Bezeichnung sind die Möglichkeiten der Vernetzung über Applikationen, sowie die kollektive Intelligenz, die sich durch die gemeinsame Schaffung eines großen Wissensvorrates auszeichnet. (vgl. Kirchhoff 2015, S. 22 ff.)

Das Social Web hingegen kann nicht an einer einzelnen Person als Urheber festgemacht werden. Die wohl stärkste Eigenschaft der Sozialen Medien ist das Bild eines „aktiven, produzierenden, meinungsstarken Otto-Normal-Internetnutzer“ (Kirchhoff 2015, S. 24) der ohne eine hohe Hemmschwelle eigene Beiträge, Kommentare und visuelles Material veröffentlichen kann. Bekannte Social-Media-Plattformen sind beispielsweise Facebook, Twitter, Instagram, YouTube oder der Messenger WhatsApp. (vgl. Kirchhoff 2015, S. 21)

Im folgenden Kapitel sollen die für die Forschungsfrage relevanten Entwicklungen des Social Web erläutert werden, um die Veränderung des Journalismus deutlich zu machen.

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Details

Seiten
26
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668926592
ISBN (Buch)
9783668926608
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463071
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Journalismus Soziale Medien Krisenkommunikation

Autor

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Titel: Der Journalismus hält den Atem an. Die Partizipation des Journalismus und der Einfluss sozialer Medien während der Katastrophenberichterstattung