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Das WKS-Modell nach Willem Kleine Schaars. Eine Methode zur Begrenzung des Abhängigkeitsverhältnisses bei Menschen mit geistiger Behinderung?

Facharbeit (Schule) 2018 11 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Themenbegründung
1.2 Fragestellung
1.3 Vorgehensweise

2. Biografie und zeitliche Einordnung des Wirkungsbereichs

3. Darstellung der Leitidee

4. Pädagogische Schlussfolgerungen

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Themenbegründung

Im Rahmen des Leistungsnachweises im Lernfeld 1 zum Thema „Pädagogische Vorbilder – meine persönliche Haltung weiterentwickeln“, habe ich mich mit dem niederländischen Pädagogen Willem Kleine Schaars befasst. W. Kleine Schaars ist mir bereits seit meinem Freiwilligen Sozialen Jahr 2016/2017 in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung ein Begriff, da dort nach seinem pädagogischen Konzept gearbeitet wird. Regelmäßige Coachings und die tägliche praktische Umsetzung brachten mir seine Methode näher und veranlassten mich schließlich dazu, mein erworbenes Wissen für die Ausarbeitung dieser Hausarbeit zu vertiefen und mit meinen persönlichen positiven Erfahrungen zu verknüpfen. Des Weiteren ist Willem Kleine Schaars in der Pädagogik noch keine bekannte Persönlichkeit, was es für mich umso reizvoller macht, über seine Persönlichkeit sowie sein Konzept zu recherchieren, mich mit seiner Leitidee kritisch auseinanderzusetzen und in Hinblick auf meine Themenfrage meine Ergebnisse in dieser Hausarbeit festzuhalten und zu präsentieren. Zudem könnte dies für das WKS-Modell zu einer zunehmenden Bekanntheit und pädagogischen Bedeutung beitragen sowie das Interesse an der Arbeit mit Menschen mit Behinderung erhöhen.

1.2 Fragestellung

Infolge des 2017 in Kraft getretenen Bundesteilhabegesetzes, welches für Menschen mit Beeinträchtigung mehr Teilhabe und Selbstbestimmung vorsieht, wird der Blick der ausgebildeten sowie werdenden Erzieher*innen, neben der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen o.Ä., zunehmend auf Menschen mit Behinderung gerichtet. Das eigene Menschenbild, besonders das Bild vom Klienten, sowie eigene Handlungsmuster werden reflektiert. Anknüpfend daran stelle ich meiner Hausarbeit die Frage „Das WKS-Modell nach Willem Kleine Schaars – Eine Methode zur Begrenzung des Abhängigkeitsverhältnisses bei Menschen mit geistiger Behinderung?“ voran. Die Frage soll bereits Einblick darüber geben, dass ich mich in meinen folgenden Ausführungen mit Menschen mit Beeinträchtigung auseinandersetze und mich somit von in der Pädagogik etablierten Persönlichkeiten und Konzepten abgrenze. Des Weiteren nimmt meine Themenfrage indirekt Bezug auf das Bundesteilhabegesetz, was von Aktualität und

Relevanz für den Erzieherberuf zeugt. Zudem werden mit dem Aufwerfen der Themenfrage keine konkreten inhaltlichen Aspekte des WKS-Modells vorweggenommen.

1.3 Vorgehensweise

Bevor ich mich mit der Leitidee des WKS-Modells auseinandersetze, möchte ich einen Überblick über den Begründer Willem Kleine Schaars geben und das Konzept zeitlich einordnen. Darauf aufbauend werde ich die pädagogischen Grundannahmen des WKS-Modells erörtern und die Zusammenhänge anhand mehrerer Schaubilder verdeutlichen. Anschließend nehme ich auf dieser Grundlage Bezug auf meine Themenfrage und leite daraus pädagogische Schlussfolgerungen für mich sowie für den Erzieherberuf allgemein ab.

In meinen Ausführungen orientiere ich mich überwiegend an dem Buch „Durch Gleichberechtigung zur Selbstbestimmung. Menschen mit geistiger Behinderung im Alltag unterstützen“ von Willem Kleine Schaars. Außerdem dienen mir Auszüge aus einer trägerinternen PowerPoint-Präsentation vom UNIONHILFSWERK sowie einrichtungsinterne Merkblätter als Hauptquellen. Zusätzliche Informationen entnehme ich dem Internet. Die genauen Quellenbelege sind im Quellen- beziehungsweise Literaturverzeichnis aufgeführt.

2. Biografie und zeitliche Einordnung des Wirkungsbereichs

Bevor ich die fachlichen Inhalte des WKS-Modells darstelle, ist es zunächst notwendig, die Entstehungsgeschichte der Methode darzulegen, sie zeitlich einzuordnen sowie den hinter dem Konzept stehenden Begründer Willem Kleine Schaars vorzustellen.

Willem Kleine Schaars arbeitete mehrere Jahre in den Niederlanden in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, Psychiatrien und Altenheimen.

Im Zuge seiner praktischen Erfahrungen erkannte Schaars, dass Menschen, die in Abhängigkeitsverhältnissen leben, schnell die Regie über ihr eigenes Leben verlieren, indem Betreuer und andere Personen im Umfeld des Klienten stellvertretend Handlungen und Entscheidungen übernehmen, zu denen der Klient selbst imstande wäre.

Im Jahr 1985 wurde Schaars zum Leiter der Wohnstätte de Blokhorst in Zwolle, Niederlande. Dort entwickelte er gemeinsam mit der Sonderpädagogin Marja Appel ein neues Konzept, welches das damals etablierte Versorgungsmodell ersetzen sollte. 1992 veröffentlichten Schaars und Appel das Assistenzmodell in dem Buch „Groeien naar gelijkwaardigheid“ (Deutsch: Anleitung zur Selbstständigkeit), welches als praxisorientiertes Betreuungsmodell universell in verschiedensten Einrichtungen der Betreuung, Pflege und Erziehung Anwendung finden sollte. Das bislang praktizierte Konzept, welches laut Schaars „zu versorgend, zu stark auf Betreuung ausgerichtet und viel zu bestimmend“1 (Kötzle 2011, zitiert nach Willem Kleine Schaars 2000) sei, wurde durch die neue zu erprobende WKS-Methode revolutioniert. Die Erprobungsphase in der Wohnstätte zeigte, dass achtundsechzig von neunundsiebzig Klienten vom betreuten Wohnen in Wohngruppen zum betreuen Einzelwohnen wechseln konnten. Dieser Erfolg trug erheblich zur Bekanntheit und Verbreitung des WKS-Modells bei. Bis heute findet die WKS-Methode auch zunehmend Anwendung in belgischen, schweizerischen und deutschen Einrichtungen, darunter beim UNIONHILFSWERK, der Diakonie und der Lebenshilfe. Willem Kleine Schaars ist gegenwärtig als Autor und selbstständiger Berater tätig und bietet Seminare für Einrichtungen an, die sein Konzept übernehmen möchten. Des Weiteren bildet er WKS-Coaches aus, die sich dafür qualifizieren, in ihren jeweiligen Einrichtungen das pädagogische Team anzuleiten und mit der Arbeit nach dem WKS-Modell vertraut zu machen. Die konkreten Leitideen und Überzeugungen des WKS-Modells werde ich im Folgenden erläutern.

3. Darstellung der Leitidee

Wie ich bereits beschrieben habe, wurde WKS entwickelt, um Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen mehr Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung zu ermöglichen. Entwickelt und erprobt wurde die Methode in einer Wohnstätte für Menschen mit Behinderung. Willem Kleine Schaars verfolgte hierbei die Grundhaltung, dass jeder Mensch die Regie über seine Möglichkeiten habe. Dies verdeutlicht, dass W. Kleine Schaars sein Konzept nicht auf die Behindertenhilfe beschränkt, sondern es als universell umsetzbare Methode für Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen sieht. Das WKS-Modell sei somit auf andere Betreuungsbereiche anzuwenden, wie zum Beispiel in Einrichtungen für Menschen mit psychischer Erkrankung, schwer erziehbare Jugendliche oder Demenzerkrankte. Somit sei WKS ein geeignetes Verfahren für Menschen, die auf Hilfe, Betreuung und Begleitung angewiesen sind und in ihrem Prozess zur angestrebten Selbstständigkeit Unterstützung benötigen. Wie die WKS-Methode in Bezug auf Menschen mit geistiger Behinderung konkret in der Praxis umzusetzen ist, möchte ich zunächst anhand eines Schaubildes nach Willem Kleine Schaars zur Vorstellung des Klienten veranschaulichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1, Vgl.: Der persönliche Rahmen eines Klienten nach Willem Kleine Schaars. Quelle: Lauschus, Jan; Zeh, Stefan: „WKS-Modell (nach Willem Kleine Schaars)“ Auszug aus der Handreichung zum WKS-Modell vom UNIONHILFSWERK .

Im Mittelpunkt des WKS-Modells steht der Klient. Willem Kleine Schaars geht davon aus, dass jeder Klient seinen persönlichen Rahmen hat. Dieser Rahmen zeigt die Kompetenzen beziehungsweise Ressourcen des Klienten auf. In diesem Rahmen ist der Klient dazu in der Lage, seine Entscheidungen selbst zu treffen. Der persönliche Rahmen eines Klienten unterscheidet sich von dem Rahmen eines gesunden Menschen insofern, als er sich nicht automatisch mit zunehmendem Lebensalter erweitert. Bei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung bleibt er durch die kognitive Einschränkung kleiner. Dies sei nach Schaars die Ursache dafür, dass man in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung dazu neigt, in den persönlichen Rahmen des Klienten einzugreifen, da man seine Möglichkeiten leicht unterschätze. Dieses Eingreifen in den persönlichen Rahmen wird als Überbehütung (siehe Schaubild Abb. 1) bezeichnet, was dem Grundsatz der anzustrebenden Selbstbestimmung entgegensteht. Das folgende Schaubild soll dies verdeutlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Lauschus. Jan; Zeh, Stefan: „WKS-Modell“ (nach Willem Kleine Schaars“. Auszug aus der Handreichung zum WKS-Modell vom UNIONHILFSWERK.

Sobald ein Betreuer dem Klienten eigene Vorschläge zur Lösung eines Problems nach den eigenen Wert- und Normvorstellungen unterbreitet, greift er in den Freiraum der betroffenen Person ein. Der „überbehütete“ Klient kann darauf mit Widerstand, Resignation und Aggression reagieren, da er lediglich die Vorschläge des Betreuers prüft, ohne die Möglichkeit bekommen zu haben, selbst eine Lösung zu finden. Dies wird vom Klienten als Bevormundung und Eingriff in die eigene Autonomie empfunden.

Demgegenüber steht die Überforderung, bei der der Rahmen der Selbstbestimmung zu weit gesetzt ist, wodurch der Klient nicht mehr dazu in der Lage ist, die Folgen seiner eigenen Entscheidungen einzuschätzen. Hier ist es notwendig, den Rahmen der betroffenen Person kleiner zu setzen und ihn stärker zu begleiten.

An dieser Stelle wird deutlich, dass weder die Überbehütung noch die Überforderung den Klienten in seiner Entwicklung zur Selbstbestimmung unterstützen.

Der Kern des WKS-Modells liegt darin, eine Balance zwischen Überbehütung und Überforderung zu finden. Das bedeutet für die praktische Arbeit, dass für jeden Klienten der genaue Rahmen gefunden werden muss, in dem ihm ein gewisses Maß an Selbstverantwortung zusteht, aber auch Sicherheit durch eine kontinuierliche Begleitung gewährleistet wird. Diese individuelle Begleitung im Prozess der zunehmenden Selbstbestimmung wird zwei pädagogischen Fachkräften mit unterschiedlichen Funktionen zugeordnet. Ausgangspunkt der Methode ist das Verhältnis von Klient und Alltagsbegleitung . Der Alltagsbegleiter (kurz: AB) ist für alle Lebensbereiche des Klienten im Alltag als beratender und assistierender primärer Ansprechpartner zuständig. Er weist auf Absprachen hin und ist im Prozess des Klienten die einzige Person, die gegebenenfalls reglementierend eingreift. Überprüft wird dieser Prozess durch die Prozessbegleitung . Der Prozessbegleiter (kurz: PB) beobachtet die Beziehung zwischen dem Alltagsbegleiter und dem Klienten und achtet darauf, dass der Klient sein Leben nach seinen Möglichkeiten bestimmen kann. Zudem prüft der Prozessbegleiter die Machtposition des Alltagsbegleiters hinsichtlich des Abhängigkeitsverhältnisses des Klienten und gibt darüber Rückmeldung. Dies ist notwendig, da der Klient vom Alltagsbegleiter einen Auftrag erteilt bekommt. Der Auftrag sollte gemeinsam mit dem Klienten vereinbart und gegebenenfalls schriftlich festgehalten werden sowie ein realistisches Ziel verfolgen. Der Klient hat hierbei die Aufgabe, sich mit dem Auftrag auseinanderzusetzen, indem er eigene Entscheidungen sowie eigene Lösungen selbstbestimmt entwickelt. In dieser Phase der Lösungsfindung hat der Prozessbegleiter die Aufgabe, dem Klienten zur Seite zu stehen und zu unterstützen, ohne das Problem selbst zu lösen. Die Unterstützung beruht auf aktivem Zuhören, gezielten Fragen und Neutralität. Er darf Verständnis für die Situation zeigen, ohne dabei seine eigene Meinung einzubringen. Ein wichtiger Aspekt des WKS-Modells ist, dass der Prozessbegleiter nicht die Rolle eines „Sprachrohrs“ einzunehmen hat. Die Inhalte der Gespräche zwischen ihm und dem Klienten bleiben vertraulich und es ist seine Aufgabe, die Kommunikation zwischen dem Klienten und seinem Alltagsbegleiter anzuregen. Auch die Kommunikation zwischen dem Alltagsbegleiter und dem Prozessbegleiter spielt eine wesentliche Rolle. Der vom Alltagsbegleiter erteilte Auftrag wird an den Prozessbegleiter übermittelt, welcher zu diesem und dem dahinterstehenden Problem gegebenenfalls Feedback geben darf, ohne dabei Partei zu ergreifen.

[...]


1 Kötzle, Elena: „Bachelorarbeit Assistenzmodell nach Willem Kleine Schaars (WKS)“, Göppingen 2011, S. 21

Details

Seiten
11
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668928756
ISBN (Buch)
9783668928763
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463207
Note
0,7
Schlagworte
wks-modell willem kleine schaars methode begrenzung abhängigkeitsverhältnis menschen geistige behinderung

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