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Der Einfluss von sozialen Rollen auf die Figuren in Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie"(1914)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kafkas Quellen und Deutungsansätze in der Forschung

3. Soziale Rollen: Eine soziologische Definition

4. Die Führung und Organisation der Strafkolonie: Figuren, von denen der Leser nur indirekt erfährt
4.1. Der frühere Kommandant: Ein Repräsentant der alten Ordnung
4.1.1 Das Werk des früheren Kommandanten: Ein Apparat wird zur Maschine
4.2 Der neue Kommandant: Die Ankündigung eines Umbruchs
4.2.1 Das Werk des neuen Kommandanten: Die Hafenbauten

5. Handelnde Figuren der Erzählung
5.1 Der europäische Reisende
5.2 Der Offizier
5.3 Die Nebenfiguren: Der Verurteilte und der Soldat

6. Abschließende Schlussfolgerungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der rollenlose Mensch ist für Gesellschaft und Soziologie ein nichtexistierendes Wesen.“1 - dieser soziologische Grundsatz dient dieser Arbeit als Grundvoraussetzung. Das Konzept der sozialen Rolle, das im dritten Kapitel dieser Arbeit definiert wird, wird im Rahmen dieser Arbeit auf die Figuren In der Strafkolonie angewendet. Die Erzählung verzichtet auf bürgerliche Namen und konkrete Örtlichkeiten, die ausdrückliche Betonung der Funktionsbereiche und Rollen der Figuren legt diese Herangehensweise nahe.2 Dabei steht die Frage im Vordergrund, welche sozialen Rollen die einzelnen Figuren einnehmen, welchen Status und welche Positionen die Rollenträger innerhalb der Strafkolonie haben und welchen Einfluss dies auf das Handlungsfeld der Figuren hat. An gegebener Stelle muss außerdem die Frage gestellt werden, ob ein Rollenkonflikt erkennbar ist und wie die jeweilige Figur damit umgeht. Diese Aspekte dienen einer genauen Analyse der Figurenkonstellation und der Machtstrukturen innerhalb der fiktiven Erzählwelt.

Wie in der Forschungsliteratur mehrfach betont wird, sieht sich auch der aus Prag stammende Autor Franz Kafka (1883-1924)3 zeit seines Lebens mit verschiedenen sozialen Rollen konfrontiert. Der Titel „Der ewige Sohn“4 einer renommierten Biographie des Autors deutet auf die Schwierigkeiten Kafkas sich von einer dominanten Vaterfigur zu lösen, sich ihr nicht weiter unterzuordnen und sich eine eigene Familie aufzubauen hin.5 Die „Idee der Familie sowie […] familienbezogen[e] Rollen und Verhaltensmuste[r]“6 prägen Franz Kafka. Beziehungen zu Frauen sind meist zum Scheitern verurteilt. Beruflich gelingen ihm damals für einen Juden ungewöhnliche Erfolge bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt (AUVA). Seiner schriftstellerischen Tätigkeit muss er in Folge dessen nebenher und meist zu nächtlicher Stunde nachgehen.7 Das Schreiben kann als „Kafkas eigentliche Geliebte“8 bezeichnet werden, eine Tätigkeit, zu der er sich berufen fühlt und die er doch berufsbedingt und aus gesundheitlichen Gründen immer wieder unterbrechen muss.9

Sohn, Lebenspartner, Angestellter der AUVA und Autor: Zahlreiche Rollenerwartungen, die zur Belastung werden, für Franz Kafka unvereinbar bleiben, sich zeitweise auch in Selbstmordgedanken widerspiegeln und von denen er erst mit dem für ihn tödlich endenden Ausbruch der Tuberkulose erlöst wird.10

Die Erzählung In der Strafkolonie entsteht im Oktober 1914 während eines zweiwöchigen Urlaubs, in dem er die Schreibarbeiten an seinem Roman Der Proceß unterbricht. Kafka wird als „Lüstling des Entsetzens“ bezeichnet, einen Verlag für die Veröffentlichung findet er erst nach dem Krieg, im Jahre 1919. Am 10. November 1916 findet eine öffentliche Lesung in einer Gallerie in München statt, bei der angeblich auch Zuhörer in Ohnmacht fallen.11 Wie folgendes Zitat verdeutlicht, war Kafka selbst nicht von dem Schluss seiner Erzählung überzeugt: „Zwei oder drei Seiten kurz vor ihrem Ende sind ein Machwerk, ihr Vorhandensein deutet auf einen tiefen Mangel, es ist da irgendwo ein Wurm, der selbst das Volle der Geschichte hohl macht.“12, schreibt Kafka in einem Brief an seinen Verleger Kurt Wolff am 4. September 1917. In einem Tagebucheintrag vom 2. Dezember 1914 betont Kafka, dass er „nicht ganz unzufrieden“13 mit der Erzählung sei, schreibt jedoch in den folgenden Jahren mehrere fragmentarische Schlussvarianten.14

Im Folgenden werden in kurzen Zügen Kafkas Quellen und Deutungsansätze in der Forschung skizziert. Anschließend wird der Begriff der sozialen Rolle definiert und, wie anfangs erläutert, auf die Figuren der Erzählung angewendet.

2. Kafkas Quellen und Deutungsansätze in der Forschung

In der Forschung werden verschiedene Quellen vermutet, die Kafka zum Schreiben dieser Erzählung inspiriert haben könnten, allen voran Octave Mirbeaus (1848-1917) pornographischer und gesellschaftskritischer Roman Le jardin des supplices (1899).15

In der Strafkolonie entsteht im Zeitalter des Kolonialismus.16 Das Buch Meine Reise nach den Strafkolonien (1912) von Robert Heindl, der die Hinrichtungspraktiken in den Gefängnislagern in Australien, China und Neukaledonien beschreibt17 sowie der Aufsatz „Südsee“ (1909) von Kafkas Strafrechtslehrer Hans Groß sollen Kafka beeinflusst haben, ebenso die „Dreyfus-Affäre“ im Jahre 1995:

Die Deportation und lebenslange Verbannung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus auf die „Teufelsinsel vor der Küste Französisch-Guayanas“.18

Als Inspirationsquelle werden auch Kafkas Reisen als Angestellter der AUVA vermutet, bei denen er oft Verletzungen durch Fabrikmaschinen untersucht und protokolliert hat.19

Außerdem gibt es die These, dass die Erzählung eine Vorausdeutung auf die organisierte Art des Tötens im Nationalsozialismus ist.20

Einige Interpreten verstehen die Erzählung als Metapher des Schreibakts und als poetische Reflexion. Im Zentrum steht hier die Schreibmaschine, deren performative Kunst ihre ästhetische Vollkommenheit in Leid und Tod findet.21

Vor allem die ältere Forschung hat die Erzählung vor einem religiös- metaphysischen Hintergrund interpretiert und auf verschiedene biblische Parallelen aufmerksam gemacht.22 Hierbei wird der alte Kommandant als Gründergestalt verstanden, Parallelen zur Passionsgeschichte dargelegt und die Verzierungen der Zeichnungen des alten Kommandanten als Symbol für die Kommentarliteratur der jüdischen Heiligen Schrift verstanden. Häufig wurde auch der Versuch unternommen, Ähnlichkeiten des alten und neuen Kommandanten mit dem Umbruch vom alttestamentlichen Judentum zum neutestamentlichen Christentum darzulegen.23

Diese Arbeit geht, unabhängig von genannten Deutungen und Inspirationsquellen jedoch in erster Linie von der fiktiven Welt der Erzählung und der darin beschriebenen Figurenkonstellation aus.

3. Soziale Rollen: Eine soziologische Definition

„Der Begriff der sozialen Rolle ist ein analytisches Mittel zur Erfassung sozialer Handlungszusammenhänge und zugleich ein Konstruktionsmittel zur abstrahierenden Darstellung sozialer Strukturen“.24 Der Terminus der ‚sozialen Rolle‘ gilt in der Forschung als „soziologischer Grundbegriff“.25

Zunächst ist der Begriff der ‚sozialen Rolle‘ von ‚Position‘ und ‚Status‘ zu unterscheiden. In der Soziologie bezeichnet ‚Position‘ einen Platz oder eine Stellung innerhalb einer sozialen Struktur, welche sich durch bestimmte Verhaltensschemata auszeichnen. ‚Status‘ hingegen wird mit Begrifflichkeiten wie Rang, Wert und Prestige in Verbindung gebracht.26 Der Begriff der sozialen Rolle umfasst Verhaltens- und Einstellungserwartungen, die von der Gesellschaft an einen Positions- und Statusträger herangetragen werden.27 Diese Erwartungen haben einen stark normativen Charakter und entstehen auch durch die in der Gesellschaft vorherrschenden Werte.28 Bei der Sozialisation eines Menschen, d.h. bei der Integration in eine soziale Gemeinschaft, werden diese Normen und Werte internalisiert und automatisiert.29 Der amerikanische Soziologe Talcott Parsons (1902-1979) spricht in diesem Zusammenhang von ‚Ordnung‘, worunter er ein System kultureller und sozialer Verbindlichkeiten versteht.30 Diese wird durch gesellschaftliche Sanktionen aufrecht erhalten, die normkonformes Verhalten fördern.31

In der Soziologie geht man davon aus, dass ein Individuum verschiedene soziale Positionen einnimmt und damit mehrere soziale Rollen zu erfüllen hat.32 Soziale Rollen sind daher nicht absolut fixiert und Rollenwechsel im Laufe des Lebens sind möglich.33

Die Erwartungen, die eine soziale Rolle definieren, können Erwartungskonflikte verursachen. Hier wird zwischen Intrarollenkonflikten und Interrollenkonflikten unterschieden. Ersteres bezeichnet das Phänomen, wenn Rollensegmente (Verhaltenserwartungen innerhalb einer sozialen Rolle) in Konflikt stehen. Bei einem Interrollenkonflikt stehen die Erwartungen verschiedener Rollen, die ein Individuum innehat, in Widerspruch.34

Rollenkonflikte können verschiedene Mechanismen in Gang setzen, so u.a. den Abbruch einer Rollenbeziehung oder die Differenzierung zwischen zentralen und peripheren Rollenerwartungen.35

4. Die Führung und Organisation der Strafkolonie: Figuren, von denen der Leser nur indirekt erfährt

Die Strafkolonie der Erzählung wird nicht genauer lokalisiert, der Leser erfährt nur, dass sie sich in einem „tiefen, sandigen, von kahlen Abhängen ringsum abgeschlossenen kleinen Tal“ befindet.36 In der Forschung geht man von einer asiatischen Insel aus37 und bezeichnet sie als „öde[s], sonnenverbrannte[s] Eiland, weit weg von Europa“38. Was das Führungspersonal betrifft, so ist der Reisende, wie auch der Leser, auf Informationen der (parteiischen) Rede des Offiziers angewiesen.

4.1. Der frühere Kommandant: Ein Repräsentant der alten Ordnung

„Hat er denn alles vereinigt? War er Soldat, Richter, Konstrukteur, Chemiker, Zeichner?“ (S. 169), fragt der Reisende den Offizier als dieser in seiner Rede analeptisch von dem früheren Kommandanten berichtet. Diese Frage beantwortet der Offizier mit einem bestimmten „Jawohl“ (169). Mit großer Nostalgie und tiefer Bewunderung erzählt er dem Reisenden von dem Mann, dessen Werk „die Einrichtung der ganzen Strafkolonie“ (S. 166) sei. Auch in der Forschung ist hier von einer ungewöhnlichen „Rollenvielfalt“ die Rede.39 Seine Position als Kommandant in einer früheren Zeit hat ihm offenbar einen hohen Status zugestanden und damit auch ein großes Macht- und Handlungsfeld. Die sozialen Rollen, die der Patriarch innehat, sind vielfältig und finden nur selten Vereinigung in einem Individuum. Er ist zudem Erfinder des Hinrichtungsapparats (vgl. S. 166), war für dessen Erklärungen zuständig (vgl. S. 169), sorgte für den Erhalt des Apparats (vgl. S. 178) und fertigte „kunstvoll[e]“ Zeichnungen an, die nur vom Offizier entziffert werden können (vgl. S. 174 f.). Manche sehen ihn daher als einen der größten Machtgestalten Kafkas, denn während sich bei Figuren wie dominanten Familienvätern der Machtbereich auf den internen Bereich der Familie beschränkt,40 scheint der frühere Kommandant der Strafkolonie einen absoluten, unantastbaren, hohen Status in der Kolonie gehabt zu haben.

„[E]s ist unmöglich, jene Zeiten heute begreiflich zu machen.“ (S. 182), bedauert der Offizier und unternimmt dennoch den Versuch: „Wie war die Exekution anders in früherer Zeit!“ (S. 180). Er erzählt von einer damals großen Anhängerschaft und einer ungewöhnlichen „Überzeugungskraft“ des Kommandanten (S. 180). Diese Aussagen erinnern an einen Gotteskult.41 Eine besondere Anziehungskraft müssen vor allem die Hinrichtungen gehabt haben, bei denen „Hunderte wie Fliegen um die Grube“ (S. 182) versammelt waren.42 Bei den Ausführungen des Offiziers gerät der gewaltvolle Akt des Tötens fast in den Hintergrund, die feierliche Art und Weise wie dies mit einem „Tal von Menschen“, dem „Kommandant[en] mit seinen Damen“ sowie mit allen „hohe[n] Beamte[n]“ und Kindern (vgl. S. 180 f.), also mit allen Bevölkerungsschichten, zelebriert wurde, steht im Fokus seiner Rede. Diese Zeremonie war offenbar Katalysator für ein verbindendes Gemeinschaftsgefühl und eine „Atmosphäre religiöser Ehrfurcht“.43 Die Aussage, dass dies in der heutigen Zeit schwer zu verstehen sei, beinhaltet viel Wehmut und gibt zu verstehen, dass diese Art von Gemeinschaft im modernen Zeitalter, vielmehr unter der Führung des neuen Kommandanten, verloren gegangen ist.44 Vor diesem Hintergrund kann für eine Relativierung der Schuld des früheren Kommandanten argumentiert werden, der für die Hinrichtung unzähliger Menschen verantwortlich ist. Im Gegenzug erhielten „alle den Ausdruck der Verklärung von dem gemarterten Gesicht“ (S. 181). Es ist eine Leerstelle des Textes, ob diese Meinung tatsächlich geteilt wird oder nur eine euphemistische Darstellung des Offiziers ist.

Als Kommandant in früheren Zeiten war er offenbar eine Führergestalt, die den Menschen Orientierung gegeben hat sowie Normen und Werte innerhalb der Strafkolonie festlegte. Den kollektiven Charakter der damaligen Strafkolonie macht auch der Offizier deutlich, wenn er betont: „[…] alle wußten: ‚Jetzt geschieht Gerechtigkeit‘“ (S. 181). Glaubt man seinen Ausführungen, so musste sich der frühere Kommandant keinen Kritikern und Gegnern des Systems stellen, seine absolute Macht wurde offenbar ungefragt akzeptiert. In diesem Sinne scheinen alle die gleiche Auffassung von ‚Gerechtigkeit‘ geteilt zu haben.

In der Forschung ist von einer Herrschaftsstruktur die Rede, „[…] deren Gewaltmonopol die Vernichtung des nackten Lebens zum Zweck ihrer Selbsterhaltung einschließt […]“.45

In dieser Herrschaftsstruktur erscheinen Begriffe wie Gewaltenteilung und Demokratie als absolute Fremdwörter. Die Hierarchie hat zu diesem Zeitpunkt eine klare Struktur: Es gibt „ein Gericht, einen Richter und einen Grundsatz“46.

Die den Tod überdauernde Macht des früheren Kommandanten kommt vor allem am Ende der Erzählung zu Wort, wenn der Reisende dessen Grab im Teehaus begutachtet, „den Eindruck einer historischen Erinnerung“ erhält und „die Macht der früheren Zeiten“ spürt (S. 197). Die Prophezeiung der Auferstehung des früheren Kommandanten und der Wiedereroberung der Kolonie wirkt wie eine drohende Botschaft aus dem Jenseits, die auch umher stehende Männer, die dies offensichtlich „lächerlich“ (S. 198) finden, nicht vollständig weglächeln können. Vor allem aber deutet es darauf hin, dass die ihm zuvor anerkannten sozialen Rollen innerhalb der Strafkolonie nicht ohne Weiteres von seinem Nachfolger übernommen werden können. Sein Grabstein ist „niedrig genug, um unter einem Tisch verborgen werden zu können“ (S. 197), d.h. für eine gewisse Zeit unentdeckt bleiben kann. Seine Existenz in der Strafkolonie jedoch kann auch das Verdecken durch ein Möbelstück nicht vollständig auslöschen. In anderen Worten: Er lebt als „imaginäres Zentrum“47 fort.

Im Folgenden wird nun das „Lebenswerk“ (S. 180) des früheren Kommandanten und dessen Bedeutung für die Strafkolonie genauer untersucht.

4.1.1 Das Werk des früheren Kommandanten: Ein Apparat wird zur Maschine

„Es ist ein eigentümlicher Apparat“ (S. 164), lautet der unmittelbare Einstieg der Erzählung Kafkas und ist zudem der Beginn eines leidenschaftlichen Plädoyers des Offiziers für den Erhalt des Apparats. Der Apparat ist die materielle Hinterlassenschaft des früheren Kommandanten. Es ist das Machtinstrument aus früheren Zeiten, das dem damaligen Kommandanten den absoluten Herrschaftsstatus innerhalb der Kolonie gesichert und damit für den Erhalt bestehender Machtstrukturen gesorgt hat.48 Dank des Apparats konnte „[d]ie totale Unterwerfungsstruktur“49 aufrecht erhalten werden.

Mit kaum zu überbietendem Pathos und bemerkenswertem Euphemismus führt der Offizier den Reisenden in die Funktionsweise des Apparates, der unzählige Exekutionen durchgeführt hat, ein. Der Apparat besteht aus drei Teilen: Einem Bett, einem Zeichner und einer Egge (vgl. S. 165). Die Egge hat die Form eines Menschen (vgl. S. 172). In der Forschung wird dies als Indiz für das Abhängigkeitsverhältnis zu den Figuren interpretiert: Der Delinquent wird während der Exekution Teil der Maschine; das Urteil des Reisenden soll entscheiden, ob der Apparat auch weiterhin in der Strafkolonie genutzt wird.50 Die Hinrichtung durch den Apparat lässt sich als „tödliche Ganzkörpertätowierung“51 beschreiben. Der Verurteilte wird weder darüber in Kenntnis gesetzt, dass er zum Tode verurteilt ist, noch hat er die Möglichkeit sich zu verteidigen oder erfährt die Tat, für die er schuldig gesprochen wurde. „Er erfährt es ja auf seinem Leib.“ (S. 170), so der Offizier, „Dem Verurteilten wird das Gebot, das er übertreten hat, mit der Egge auf den Leib geschrieben.“ (S. 169). Der Apparat übernimmt die „eigentliche Ausführung des Urteils“ (S. 169). Es handelt sich um eine zwölf stündige Prozedur des Folterns, bei welcher der nackte Körper des Verurteilten wortwörtlich zerschrieben wird.

Zu seinem Bedauern stellt der Offizier allerdings auch zunehmende Mängel am Apparat fest. Früher „glänzte“ (S. 181) er, erinnert er sich an damalige Zeiten als der frühere Kommandant noch im Amt war. Heute bemerkt auch der Offizier, dass das Rad kreischende Töne von sich gibt, der Apparat einen zerrissenen Riemen hat (vgl. S. 188), einen widerlichen Filz „an dem mehr als hundert Männer im Sterben gesaugt und gebissen haben“ (S. 179), dass er während der Exekution „so sehr beschmutzt wird“ (S. 172), dass immer weniger Schaulustige an den Exekutionen teilnehmen (vgl. S. 188) und ihm die finanziellen Mittel für die Beschaffung von Ersatzteilen gestrichen werden (vgl. S. 167). Allerdings gibt sich der Offizier redliche Mühe, diese Mängel zu marginalisieren: „Wenn aber auch Störungen vorkommen, so sind es doch nur ganz kleine und sie werden sofort behoben sein.“ (S. 165). Er mahnt den Reisenden, dass dieser sich davon nicht „im Gesamturteil […] beirren lassen“ (S. 177) dürfe.

Auffällig ist auch, dass das Machtinstrument aus früheren Zeiten mit dem Terminus „Apparat“ eingeführt wird, der unweit vor der Mitte der Erzählung (S. 177) durch den Begriff „Maschine“ ersetzt wird. „Bis jetzt war noch Händearbeit nötig, von jetzt aber arbeitet der Apparat ganz allein.“ (S. 164), erklärt der Offizier. Demnach durchläuft der Apparat eine Technisierung, die ihn zunehmend eigenständig arbeiten (töten) lässt und ihm eine Massenabfertigung der Delinquenten ermöglicht. So haben Bett und Zeichner eine „elektrische Batterie“ (S. 168) und dem Verurteilten wird ein „elektrisch geheizte[r] Napf“ (S. 176) am Kopfende mit Reisbrei vorgesetzt. Die Arbeitsweise der Egge wird als „gleichförmig“ beschrieben (S. 173). Der Terminuswechsel symbolisiert die gesteigerte Produktivität der ‚Maschine‘, eine automatisierte Prozedur und das kleiner werdende menschliche Handlungsfeld bei den Exekutionen.

„Der Reisende […] sah, die Hände in den Rocktaschen, der Arbeit der Maschine zu.“ (S. 177), lautet der erste Satz mit dem Terminus ‚Maschine‘, in welchem die menschliche Passivität sehr bildlich zum Ausdruck gebracht wird.

„Sie werden ähnliche Apparate in Heilanstalten gesehen haben […]“, so der Offizier (S. 168). Mit diesem Vergleich evoziert er Parallelen zu einem erlösenden Heilsgeschehen.52 Begründet wird dies mit „dem Ausdruck der Verklärung“ auf dem Gesicht der Delinquenten nach der Folterung. Für den Offizier ist dies Argument genug, um die grausame Folter und Gewalt zu befürworten. Dass Menschen dafür als Maschinenfutter dienen, scheint mit seinen internalisierten Normen und Werten, die er ohne zu hinterfragen vom früheren Kommandanten übernimmt, konform zu sein. Ob den Delinquenten allerdings die Erkenntnis vor dem Tod (in der sechsten Stunde, die als „Wendepunkt berechnet“ (S. 175) ist) gelingt, bleibt fragwürdig. Zeichnungen des früheren Kommandanten, die der Maschine als Muster für die in den Delinquenten eingeschriebenen Urteile dienen, sind von vielen „Zierarten“ umgeben (S. 175). Der Offizier, der sich als Vertreter des früheren Kommandanten versteht, hat keine Mühe, sie zu entziffern. Für den Reisenden, einen Außenstehenden, sind sie „nur labyrinthartige, einander vielfach kreuzende Linien“ (S. 175). Das Versprechen auf Verklärung bzw. Erkenntnis durch Folter erscheint in diesem Licht als ausgeklügelter Legitimationsversuch und als leere Versprechungen, Menschenleben für den vermeintlich ‚guten Zweck‘ zu opfern und damit die hierarchische Struktur der Strafkolonie zu erhalten. Das Medium des Urteils rückt in eine ungewisse Dämmerzone, die ein Begreifen nicht hundertprozentig garantieren kann.53

Wie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal erläutert werden soll, kann das ausdrückliche „Nein“ des Reisenden (S. 188) als Peripetie der Erzählung interpretiert werden, denn damit lässt der Reisende keinen Zweifel mehr daran, dass er den Offizier in seinen Einstellungen und seiner Hingabe für die Hinrichtungsmaschine nicht unterstützen kann, vielmehr, ihr entschieden entgegen steht. Dieser Wendepunkt ist gleichzeitig Katalysator dafür, dass die Erzählung mit der Selbstjustiz des Offiziers und schließlich mit einer Maschine, die „in Trümmer“ (S. 195) liegt, endet. In der Forschung wird die „sich im Zeichen der Gerechtigkeit selbst zerstörenden Gerechtigkeitsmaschinerie“54 u.a. als unerklärliches Paradoxon bezeichnet.55 Andere hingegen suchen nach Erklärungen, bei denen die Zerstörung der Maschine nicht zwangsläufig eine Widerlegung ihrer Daseinsberechtigung bedeuten muss.56

[...]


1 Wössner, Jakobus: Soziologie. Einführung und Grundlegung. Wien [u.a.]: Hermann Böhlaus 1970, S. 86.

2 Vgl. dazu Auerochs, Bernd: In der Strafkolonie. In: Kafka Handbuch. Leben- Werk- Wirkung. Hg. v. Manfred Engel, Bernd Auerochs. Weimar: J.B. Metzler 2010, S. 210 f.

Auerochs spricht in diesem Zusammenhang von „Dekonkretisierung“.

3 Schmitz- Emans, Monika: Franz Kafka. Epoche-Werk-Wirkung. München: C.H. Beck 2010, S. 20.

4 Alt, Peter-André: Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie. München: C.H. Beck 2005.

5 Vgl. Schmitz- Emans, S. 25.

6 Ebd., S. 25.

7 Ebd., S. 25 f.

8 Kaul, Susanne: Einführung in das Werk Franz Kafkas. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010, S. 35.

9 Ebd., S. 16.

10 Vgl. Binder, Hartmut: Kafka Kommentar zu sämtlichen Erzählungen. München: Winkler Verlag 1975,

S. 174.

11 Vgl. Kaul, S. 116.

12 Kafka, Franz: Briefe. April 1914-1917. Hg. v. Hans-Gerd Koch. Frankfurt am Main: S. Fischer 2005,

S. 312.

13 Kafka, Franz: Tagebücher. Hg. v. Hans-Gerd Koch. Frankfurt am Main: S. Fischer 1990, S. 703.

14 Vgl. Auerochs, S. 208.

15 Vgl. ebd., S. 208.

16 Vgl. Alt, S. 481.

17 Vgl. ebd., S. 483.

18 Vgl. Kaul, S. 117 f.

19 Vgl. Gray, Richard T. [u.a.]: A Kafka encyclopedia. Westport: Greenwood Press 2005, S. 136.

20 Vgl. Alt, S. 484.

21 Vgl. Kaul, S. 117.

22 Vgl. Mihály, Csilla: Figuren und Figurenkonstellationen im ‚Theater des Selbst‘. Exemplarische Texterklärungen aus Franz Kafkas mittlerem Erzählwerk. Diss. Szeged: Universität Szeged 2013, S. 77 f.

23 Vgl. Auerochs, S. 212.

24 Popitz, Heinrich: Der Begriff der sozialen Rolle als Element der soziologischen Theorie. Tübingen: J.C.B. Mohr 1967 , S. 7 f.

25 Vgl. ebd., S. 7.

26 Vgl. Wössner, S. 83.

27 Vgl. Wössner, S. 86.

28 Vgl. Gerhardt, Uta: Rollenanalyse als kritische Soziologie. Ein konzeptueller Rahmen zur empirischen und methodologischen Begründung einer Theorie der Vergesellschaftung. Berlin [u.a.]: Hermann Luchterhand 1971, S. 141.

29 Vgl. Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie. Wiesbaden: Springer VS 2019 [Bd. 1, Auflage 5],

S. 101.

30 Vgl. ebd., S. 101 f.

31 Vgl. Gerhardt, S. 141.

32 Vgl. Eisermann, Gottfried: Rolle und Maske. Tübingen: J.C.B. Mohr 1991, S. 60.

33 Vgl. ebd., S. 79.

34 Vgl. Wössner, S. 86 f.

35 Vgl. ebd., S. 87 f.

36 Im Folgenden zitiere ich aus dieser Quelle durch Angabe der Seiten im laufenden Text: Kafka, Franz: In

der Strafkolonie. In: Die Erzählungen. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2014, S. 164.

37 Vgl. Alt, S. 480.

38 Vgl. Auerochs, S. 209.

39 Vgl. Alt, S. 488.

40 Vgl. Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Berlin: Erich Schmidt 1975,

S. 233.

41 Vgl. Kaul, S. 120.

42 Vgl. dazu Hiebel, Hans Helmut: Die Zeichen des Gesetzes. Recht und Macht bei Franz Kafka. München: Wilhelm Fink Verlag 1983, S.130.

Hiebel zeigt Parallelen zu Michel Foucaults Werk Surveiller et punir auf. Auch das dort dargestellte „Fest der Martern“ sei gekennzeichnet durch physische Qualen, Zerstörung und körperliche Brandmarkung durch einen Souverän ohne Möglichkeit der Verteidigung und ohne Beweisverfahren.

43 Vgl. Robertson, Ritchie: Judentum Gesellschaft Literatur. (Aus d. Engl. von Josef Billen). Stuttgart: Metzler 1988, S. 205.

44 Vgl. dazu Robertson, S. 206.

Robertson differenziert in diesem Zusammenhang zwischen „autoritätsgebundener Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ und gibt zu bedenken, dass trotz der gewaltvollen Hinrichtung und vielen menschlichen Opfern ersteres präferiert werden könne, da diese kulturelle Lebensform dazu im Stande gewesen sei, Menschen zusammen zu führen und zu vereinen.

45 Alt, S. 481.

46 Vgl. Mihály, S. 74.

47 Vgl. Hiebel, S. 141.

48 Vgl. dazu Robertson, S. 206.

Robertson zieht Parallelen zu Nietzsches Zur Genealogie der Moral, in dem Nietzsche Grausamkeit als essentiellen Bestandteil von Religion und unverzichtbar für die „Einprägung moralischen Verhaltens“ darstellt.

49 Vgl. Neumann, Bernd: Franz Kafka und der Große Krieg. Eine kulturhistorische Chronik seines Schreibens. Würzburg: Königshausen & Neumann 2014 , S. 292.

50 Vgl. Mihály, S. 64.

51 Vgl. Auerochs, S. 209.

52 Vgl. Honegger, S. 234.

53 Vgl. Alt, S. 481.

54 Vgl. Kaul, S. 119.

55 Vgl. Sellinger, Beatrice: Die Unterdrückten als Anti-Helden. Zum Widerstreit kultureller Traditionen in den Erzählwelten Kafkas. Frankfurt am Main [u.a.]: Peter Lang Verlag 1982, S. 181 f.

Sellinger spricht von „Inhaltslosigkeit bzw. Willkür dieser Rechtssprechung“.

56 Vgl. Honegger S. 240. Honegger macht darauf aufmerksam, dass die Maschine mit dem Offizier ihren letzten Anhänger und damit auch ihre Daseinsberechtigung verliert, ihre Zeit offenbar Geschichte ist. Außerdem sieht er eine mögliche Überforderung durch den Offizier, der mit seinem Urteil Gerechtigkeit fordert und gleichzeitig doch davon überzeugt ist, dass er als Vertreter des früheren Kommandanten Gerechtigkeit gewissermaßen personifiziert. In beiden Fällen ist die Zerstörung der Maschine eine logische Konsequenz und kein zwingender Prinzipienwiderspruch.

Details

Seiten
27
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668927278
ISBN (Buch)
9783668927285
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463623
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Rollen In der Strafkolonie Kafka Macht Figurenkonstellation Hierarchie Rollenkonflikte Rollenwechsel Position Status

Autor

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Titel: Der Einfluss von sozialen Rollen auf die Figuren in Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie"(1914)