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Wenn Diagnosen krank machen. Der Fall Vera Stein

Psychiatrische Diagnostik in der Kritik

Hausarbeit 2016 19 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fokus | Fragestellung
1.2 Erkenntnisinteresse | Vorgehensweise

2. Der Fall Vera Stein
2.1 Exkurs: Geschichte derPsychiatrie
2.2 Psychiatrische Diagnostik in der Kritik
2.3 Diagnostikund Stigmatisierung

3. Schluss
3.1 Fazit

Literaturverzeichnis

„Die Gesellschaft schafft die Mittel zur Kategorisierung von Personen und den kompletten Satz von Attributen, die man fur die Mitglieder jeder dieser Kategorien als gewohnlich und naturlich empfindet.“ (Goffman 1967, 9f.)

„Sie ist verruckt geworden! Sie ist verruckt geworden!“ wurde ringsum gerufen. ,,Sollten... sollten wir sie nicht binden?“flusterte der General dem neben ihm stehenden Ptizyn zu. „Oder sollten wir nicht nach der Polizei schicken? ... Sie ist ja verruckt geworden, total verruckt.“ „N-nein, das ist vielleicht gar nicht Verrucktheit“, flusterte Ptizyn zuruck, der bleich wie eine Wand geworden war, am ganzen Leibe zitterte und seine Augen von dem bereits schwelenden Packchen nicht loszureifien vermochte. (Dostojewski 1868/69, 147)

Aber wieso bin ich hier? Bin ich etwa verruckt? (...) Bedeutet „verruckt“ nicht einfach: an eine andere Stelle geruckt zu sein und der vorgeschriebenen Norm entglitten? Menschen, die aus der ublichen Bahn des Lebens geworfen waren und dem Alltag nicht mehr entsprachen, bezeichnete und bezeichnet man als verruckt oder irre.“ (Vgl. Stein 1993, 31)

1. Einleitung

Diagnose „unzurechnungsfahig“ - so lautet der Titel des 2006 unter dem Pseudonym „Vera Stein“1 veroffentlichten Berichtes der Psychiatrie-Erfahrenen2 Waltraud Storck. Als habe jemand den Umschlag des Buches mit einem Stempel versehen, prangt das verhangnisvolle Adjektiv mitten auf dem Titelbild. Und tatsachlich meint man auf dem darunterliegenden Ausschnitt einer verschwommenen Schwarz-WeiB-Fotografie einen Stempel erkennen zu konnen. Ruhend zwar, auf dem Rand des Stempelkissens abgelegt, doch zweifelsohne jederzeit einsatzbereit. Es ist allein die Kenntnis ihres Falls, die das harmlose Objekt mit Bedeutung aufladt. So ist man als wissende_r Betrachter_in geneigt, es als Symbol zu begreifen, gleichermaBen fur die Macht und die Bereitschaft derjenigen, die sich in der Position befinden, (moglicherweise fatale) Diagnosen zu stellen. Weiterhin konnte das Bild des Stempels als Verweis auf die nachhaltige Stigmatisierung von mit psychischen Erkrankungen diagnostizierten Personen verstanden werden. Beide dieser moglichen Interpretationen sind fur die vorliegende Arbeit von Bedeutung, finden sich in ihnen doch die Ausgangspunkte fur die im Folgenden erlauterte Fragestellung.

1.1 Fokus | Fragestellung

Die exemplarische Betrachtung des Falls Vera Stein soil den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bilden. Hierauf basierend soil zum einen die psychiatrische Diagnostik auf mogliche Willkur hin untersucht und zum anderen die schiere Unmoglichkeit aufgezeigt werden, sich einer diagnostizierten psychischen Erkrankung zum Trotz als geistig gesund, sprich mundig, zu behaupten und Zwangsbehandlungen abzuwenden.

Im Sinne von Allen Frances‘ ,,Was ist normal und was nicht?“ (Frances 2013, 25) soil weiterhin untersucht werden, inwieweit Psychiatrie und Klassifikationssysteme die Pathologisierung abweichenden Verhaltens unterstutzen. Anhand des Fallbeispiels Vera Stein soil dargelegt werden, dass die korperliche und seelische Unversehrtheit eines Menschen durch die vermeintlich heilende Zuwendung medizinischer, psychiatrischer Disziplin Schaden nehmen kann, was wiederum zu der Frage fuhrt: Handelt es sich bei der Psychiatrie um eine Institution, welche die Pathologisierung menschlichen Verhaltens zur Bedingung macht, um sich selbst am Leben zu erhalten - und daher von der mit einer fatalen Diagnosestellung einhergehenden Stigmatisierung der betroffenen Personengruppe profitiert?

1.2 Erkenntnisinteresse | Vorgehensweise

Es ist die Veranderlichkeit dessen, was als „normal“ respektive „abnormal“ gilt, die den Kern des Interesses bildet. Es bedarf daher neben einer Beleuchtung der mit einer Diagnose einhergehenden Konsequenzen, wie z.B. der hierdurch beeinflussten Fremdwahrnehmung einer Person, auch eines dem begrenzten Rahmen der Arbeit angemessenen historischen Ruckblicks, um die Wurzeln heutiger Behandlungsmethoden darzulegen. Auch soil mithilfe eines solchen Exkurses der Einfluss von Zeitgeist und Forschungsstand auf den Umgang mit den ein von der (herrschenden) Normalitat abweichendes Verhalten zeigenden Individuen verdeutlicht werden. Ausgehend von der hieran anschlieBenden kritischen Betrachtung psychiatrischer Diagnostik soil wiederum auf die Aktualitat von Stigmatisierung, Diskriminierung und Exklusion psychisch kranker Menschen eingegangen werden, zeigen doch sowohl der Fall Vera Stein als auch jungere Falle: Noch heute dient die Diagnose „psychisch krank“ als Legitimation fur Zwangseinweisungen/-behandlungen sowie die (an die Stelle der Entmundigung getretenen) angeordnete Betreuung der hiervon Betroffenen. Eine kurze Betrachtung der gangigen Klassifikationssysteme sowie der hiermit einhergehenden Schwierigkeiten wird wiederum in einem die vorliegende Arbeit abschlieBenden Fazit munden.

2. Der Fall Vera Stein

Der psychiatrische Leidensweg von Vera Stein begann im Januar 1974. Nachdem sich die damals 14-jahrige wiederholt gegen den autoritaren Erziehungsstil ihrer Eltem, insbesondere ihres Vaters, aufgelehnt hatte, konsultierten diese eine Psychologin, welche nach einigen Tests den Verdacht auf eine Unterform der Schizophrenie auBerte. Das Madchen wurde daraufhin in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Frankfurt am Main uberwiesen, wo man bei ihm unter Berucksichtigung der vaterlichen Schilderungen und der „erblichen Vorbelastung“ - Steins GroBmutter litt ebenfalls unter psychischen Storungen - eine „Krankheit aus dem schizophrenen Formenkreis, fruhkindliche Hirnschadigung, asoziale Personlichkeit“ (Stein 2000, zit. n. Rohrmann 2007, 79) diagnostizierte. Die Diagnose war der Ausloser fur einen - mit Unterbrechungen - insgesamt sieben Monate andauernden Aufenthalt in der geschlossenen Station selbiger Psychiatrie, hinter deren Mauern das Madchen nach eigener Aussage gefangen gehalten wurde, ohne dass es die Chance gegeben hatte, zu entkommen (vgl. Stein 2006, 9). So kehrte es erst Anfang 1975 in sein Elternhaus zuruck. An dem konflikttrachtigen Verhaltnis zum Vater aber hatte sich nichts geandert und keine zwei Jahre darauf veranlasste dieser - ungeachtet der mittlerweile erreichten Volljahrigkeit seiner Tochter, noch dazu ohne jegliche gerichtliche Anordnung - deren Einweisung in eine Bremer Privatklinik. Wieder war die Station geschlossen, wieder wurden die Entlassungswunsche des Madchens verweigert. Stattdessen verabreichte man ihm gegen seinen Willen „Mengen Psychopharmaka“ (Stein 2006, 9), wogegen sich zur Wehr zu setzen lediglich eine Verschlimmerung des „Teufelskreis[es] Psychiatrie“ (Stein 2006, 9) bedeutet hatte (vgl. Stein 2006, 9; vgl. Rohrmann 2007, 79ff). So verfuhr man, nachdem Stein einmal die Flucht aus der Klinik gegluckt, sie dann jedoch von Polizisten in Handschellen dorthin zuruckgefuhrt worden war, „gleich nach den ublichen Methoden“ (Rohrmann 2007, 79), indem man das Madchen gewaltsam fixierte und ihm hochdosierte Medikamente verabreichte (vgl. Rohrmann 2007, 79): ,,Die Spritzen gab es immer, wenn ich mich gewehrt und Widerstand geleistet habe oder versucht habe, wegzulaufen“ (Stein 2000, zit. n. Rohrmann 2007, 80). Die hierbei empfundene Ohnmacht bringen auch die Zeichnungen Steins zum Ausdruck, mit denen sie ihren 1993 veroffentlichten Erfahrungsbericht Abwesenheitswelten - Meine Wege durch die Psychiatrie illustrierte, zeigen diese sie selbst doch meist als winzige Einzelperson, umringt von einer Gruppe deutlich groBerer Figuren. Der Bericht selbst lasst erkennen, dass die Diagnose einer psychischen Erkrankung, wie in diesem Fall der Schizophrenic bzw. einer Unterform derselben, mit dem Verlust der Selbstbestimmung sowie der Legitimation von gewalttatigen Ubergriffen seitens des Klinikpersonals einhergehen kann:

„Zu viert nahmen sie mich in einen harten Griff und druckten meinen Mund auf. Als die Flussigkeit hineingeschuttet wurde, schlug ich gegen das Tropfenglaschen, so daB es uberschwappte und spritzte (...)• Ich wollte mich losreiBen und spuckte so gut es ging aus. Mein Treten und Schlagen nutzte gar nichts. Alle hielten mich fest, und ich bekam eine Injektion in die Vene. Der Arzt drohte, dies geschehe jetzt immer, wenn ich die Medizin verweigem wurde. AuBerdem ordnete er dem Personal an, in Zukunft morgens und mittags noch 30 Tropfen hoher zu dosieren. Solche Gewalt lieB mich mein totales Ausgeliefertsein spuren, was immer brausendere Wutausbruche entfachte“ (Stein 1993, 36).

Fast zwei Jahre verbrachte Vera Stein in der Bremer Klinik, bevor man sie in das Landeskrankenhaus GieBen verlegte. 13 weitere Monate verweilte sie dort, bis eine ehemalige Mitpatientin und deren Mann ihre Entlassung erreichten und die gesundheitlich mittlerweile stark eingeschrankte junge Frau bei sich zu Hause aufnahmen. Das schlagartige Absetzen der qualende Nebenwirkungen verursachenden Psychopharmaka hattejedoch so Starke Entzugserscheinungen zur Folge, dass sich Stein schon bald darauf fur weitere drei Monate in die Obhut der Bremer Privatklinik begab, um die Medikamente neu einstellen zu lassen und im Anschluss daran allmahlich zu reduzieren (vgl. Stein 2006, 9). Es habe Jahre gedauert, schildert sie die Zeit nach den Psychiatrieaufenthalten, bis sie erholt genug gewesen sei, um trotz Beeintrachtigungen wieder einigermaBen selbststandig in Alltag und AuBenwelt zurechtzukommen (vgl. Stein 2006, 10). Neben den gesundheitlichen sind auch die existenziellen und finanziellen Einschrankungen Steins den Jahren in den Kliniken anzulasten, war es ihr doch in dieser Zeit weder moglich zu arbeiten noch Rentenbeitrage zu zahlen, weshalb sie lediglich eine kleine Erwerbsunfahigkeitsrente bezieht (vgl. Rohrmann 2007, 83). Entsprechend kampfte sie, als sie im Jahr 1997 vor Gericht zog, um gegen die Kliniken zu klagen, die sie misshandelt und eingesperrt hatten, nicht nur um Rehabilitation und Schmerzensgeld, sondern auch um Schadensersatz. Zwei Psychiater_innen bescheinigten ihr unabhangig voneinander die psychische Gesundheit: Vera Stein sei zu keinem Zeitpunkt schizophren gewesen, habe sich vielmehr in einer pubertaren Krise befunden. Die klare Gutachtenlage fuhrte zwar zunachst dazu, dass das Landgericht Bremen der Klage Steins stattgab, doch wurde es 2 U Jahre spater vom Oberlandesgericht wieder aufgehoben. Als der Bundesgerichtshof Anfang 2002 beschloss, eine Revision gegen das Urteil nicht zur Entscheidung anzunehmen, zog Stein vor das Bundesverfassungsgericht, erfuhr jedoch erneut Ablehnung. Erst ihre beim Europaischen Gerichtshof fur Menschenrechte eingereichte Individualbeschwerde sollte schlieBlich zum Erfolg fuhren (vgl. Rohrmann 2007, 83): Im Juni 2005 erging das Urteil., demnach Vera Stein ohne Rechtsgrundlage in der Klinik untergebracht und mehr als zwanzig Monate lang behandelt worden sei, wobei ihre zwangsweise medizinische Behandlung eine schwere und irreversible Gesundheitsbeeintrachtigung verursacht und ihr die Moglichkeit genommen habe, ein selbstbestimmtes Berufs- und Privatleben zu fuhren (vgl. EGMR 2005, zit. n. Rohrmann 2007, 83). Die Bundesrepublik Deutschland wurde zu 75.000 Euro Schadensersatz sowie zur Ubemahme der bis dahin von Vera Stein getragenen Gerichtskosten in Hohe von 18.000 Euro verurteilt.

Die Geschichte von Vera Stein ist kein Einzelfall. Auch bei Klaus-Peter Loser und Gustl Mollath handelt es sich um bekannte Opfer von Fehldiagnosen und Justizirrtumern, die in jahrelanger Inhaftierung, Misshandlung und Zwangsmedikation mundeten. Dabei zeigt das Beispiel des erst 2014 freigesprochenen Mollaths, dass die von Stein und Loser in den 1970er und 1980er Jahren erfahrene Zwangsbehandlung, bis heute Aktualitat besitzt (vgl. Lakotta 2014).

Wie aber kann es uberhaupt „dazu kommen, dab ein menschliches Wesen mit Ledermanschetten auf einem Tisch festgeschnallt wird und diese Qual und Demutigung stundenlang ertragen muss?“ (Millett 1993, 421) Hinsichtlich einer solchen Frage gilt es zu berucksichtigen, dass die geschilderten Methoden auf eine lange Tradition zuruckblicken.

2.1 Exkurs: Geschichte derPsychiatrie

Bereits das Alte Testament beinhaltet Behandlungsansatze zum Umgang mit psychisch kranken Menschen, auch weib man von der Existenz sogenannter „Narrenhauser“ und Zwangsanstalten im 16. und 17. Jahrhundert (vgl. Kirpal 2010, 2). Dem begrenzten Rahmen angemessen, soil die Geschichte des Wahnsinns, wie die Zeitspanne von der Antike bis zum 18. Jahrhundert gemeinhin bezeichnet wird, von der Betrachtung ausgeklammert werden. Zwar stehen die Defizite heutiger psychiatrischer Versorgung Dirk Blasius zufolge in engem Zusammenhang mit jener Vergangenheit, in der die sogenannten Irren nicht als Kranke, sondern als Sicherheitsrisiko fur Staat und Gesellschaft wahrgenommen wurden - die Landeskrankenhauser seien Symbole „repressiver“ Irrenbehandlung und stunden fur ein System verwalteten und gesellschaftlich verdrangten Wahnsinns (vgl. Blasius 1980, 4) -, im Fall Vera Stein aber war die Diagnose Hebephrenie, sprich eine Erkrankung, ausschlaggebend fur die stationaren Aufenthalte und hiermit einhergehenden Behandlungsmethoden.

[...]


1 Die Entscheidung Waltraud Storcks, ihre Geschichte unter einem Pseudonym zu veroffentlichen, soil in der vorliegenden Arbeit respektiert und Storck ausschlieblich „ Vera Stein“ genannt werden.

2 Mag die Bezeichnung „Psychiatrie-Erfahrene“ angesichts der schweren physischen wie psychischen Folgeschaden, unter denen Stein bis heute leidet, auch zunachst euphemistisch anmuten, so wurde sie einzig verwendet, um den zwar gangigen, doch nicht selten mit eher negativ konnotierten Aspekten wie Passivitat, Unterlegenheit und Hilflosigkeit assoziierten Begritf „Opfer“ zu vermeiden. So wirkt dieser angesichts der Unermudlichkeit, mit welcher Stein sich fur ihre wie auch fur die Rechte anderer Betroffener einsetzte und einsetzt, nicht nur unpassend. Er konnte zudem die Ablosung des einen Stigmas durch ein anderes begunstigen und Stein emeut eine Rolle zuschreiben. „Psychiatrie-Erfahrene“ erscheint vor dem Hintergrund des Er- und Uberlebten Steins hingegen als angemessene und aufgrund der Verwendung von Organisationen wie z.B. dem Bundes- bzw. den Landesverbanden Psychiatrie- Erfahrener als eine von dem betroffenen Personenkreis akzeptierte Bezeichnung.

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668923911
ISBN (Buch)
9783668923928
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463717
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
15
Schlagworte
Antipsychiatrie Psychiatrie Vera Stein Zwangskontext

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