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Die Erkenntnis des Geistes bei Descartes

Eine Untersuchung des Cogito-Arguments

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Der Einstieg – Radikaler Zweifel

2. Ego sum, Ego existo – Der Ausweg aus dem Zweifel

3. Res Cogitans – Die denkende Substanz
3.1. Der besondere Zugang zum eigenen Geist

4. Zwischen Intuition und Deduktion – Cogito (ergo) sum

5. Meditation als Methode – Die Erkenntnistheorie Descartes‘

Schluss

Einleitung

Zurückgezogen in die Einsamkeit lässt sich René Descartes in den Niederlanden nieder, um sich an das Projekt zu machen grundlegende Prinzipien der Wissenschaft aufzustellen. Es entsteht mit den Meditationen über die erste Philosophie sein Hauptwerk. In dieser Arbeit werde ich die Erkenntnis des Geistes in Descartes‘ Meditationen untersuchen.

Nachdem die Meditierende in der ersten Meditation in einen tiefen Zweifel verfällt und alle ihre bisher als gewiss geglaubten Überzeugungen verschwimmen, gelangt die Denkerin in der zweiten Meditation zu einer ersten Erkenntnis. Ihre Existenz als denkendes Ding ist ihr gewiss. Damit ist die Erkenntnis des Geistes vollzogen, mit der sich diese Arbeit befasst. Im ersten Abschnitt werde ich die Argumentation nachvollziehen, mit der Descartes in den fundamentalen Zweifel einführt. Dieser Zweifel ist der Ausgangspunkt, auf dem die gesamten weiteren Meditationen aufbauen. Der zweite Abschnitt befasst sich mit dem Satz Ego sum, ego existo, der der Meditierenden ihre Existenz versichert und als ihre erste Erkenntnis einen Ausweg aus dem großen Zweifel einleitet. Bevor ich dann im vierten Abschnitt den Beweisgang, der Descartes zu seiner ersten Gewissheit führt, genauer analysiere, wende ich mich im dritten Abschnitt zunächst der genaueren Bestimmung der geistigen Substanz zu, die in der zweiten Meditation vollzogen wird. Nachdem ich die Erkenntnis des Geistes in der zweiten Meditation nachgezeichnet habe, gilt es Descartes‘ Methode genauer zu betrachten und zu untersuchen, woraus die erste Erkenntnis der Meditierenden entspringt. In den Texten Descartes‘ lassen sich sowohl für die Deutung der Erkenntnis aus Intuition als auch für die Deutung als Deduktion Belege finden. Ich greife die Vereinigung beider Deutungen von Andreas Kemmerling (2009) auf.

Im letzten Abschnitt werfe ich einen genaueren Blick auf die Methode Descartes‘. Ich argumentiere dafür, die Bedeutung der Meditationen als solche zu achten und hebe die außerordentliche Bedeutung hervor, die die Erkenntnis des Geistes in der zweiten Meditation für die gesamte Philosophie Descartes‘ hat.

1.Der Einstieg – Radikaler Zweifel

René Descartes beginnt seine Meditationen mit einer weitreichenden Feststellung. Alle Kenntnisse, die er bis dahin erworben hat, können nicht länger als gewiss gelten. Daher war er der Meinung, er „müsse einmal im Leben von Grund auf alles umstürzen und von den ersten Grundlagen an ganz neu anfangen, wenn ich später einmal etwas Festes und Bleibendes in den Wissenschaften errichten wollte.“ (Descartes & Schmidt 1986:63, Hervorhebung von mir) Hier sind die Grundlagen des Programms angelegt, das Descartes in den Meditationen verfolgt. An dieser Stelle sind zwei Dinge hervorzuheben. Erstens will Descartes den radikalen Zweifel nur „ einmal im Leben “ vollziehen, um zweitens „ etwas Festes und Bleibendes in den Wissenschaften “ zu errichten. Descartes will also nicht im tiefen Zweifel verharren und in den Skeptizismus abgleiten. Gerade aus dem Zweifel heraus möchte er zu wahrer Erkenntnis gelangen. Er macht sein Projekt noch einmal deutlich, indem er klarstellt er, „habe es schließlich jetzt nicht mit praktischen Gegenständen zu tun, sondern nur mit Gegenständen der Erkenntnis." (Descartes & Schmidt 1986:73)

In der ersten Meditation führt Descartes die Leserin in drei Argumentationsschritten in den umfassenden Zweifel über alles bisher Geglaubte ein. Zunächst verwirft er alle Kenntnisse, die er durch Sinneserfahrung erworben hatte. Die Sinne, so stellt er fest, haben ihn manches Mal getäuscht und wer einmal täuscht, dem schenkt man kein Vertrauen. Schon gar nicht, wenn es um die Fundamente allen Wissens geht. (vgl. Descartes & Schmidt 1986:65) Dieser Zweifel an den Sinneswahrnehmungen reiche jedoch nicht hin, um offensichtlichere Tatsachen zu verwerfen, wie z. B. die, dass er einen Körper habe. Dieser vermeintlichen Gewissheit stellt er jedoch das Traumargument entgegen. Er könne nie sicher den Schlaf vom Wachen und damit Geträumtes und wirklich Erlebtes unterscheiden. (vgl.Descartes & Schmidt 1986:67)

Den stärksten Grund seiner drei Schritte in den Zweifel stellt allerdings die hypothetische Annahme eines böswilligen Täuschergottes dar. Descartes nimmt an, dass zumindest die Möglichkeit der Existenz eines Wesens besteht, welches alles vermag.

„Warum aber soll dieser [Gott] es nicht etwa so eingerichtet haben, daß es überhaupt keine Erde, keinen Himmel, nichts ausgedehntes, keine Gestalt, keine Größe, keinen Ort gibt und daß trotzdem alles dies mir genauso wie jetzt da zu sein scheint?“ (Descartes & Schmidt 1986:69)

Nichts, was die Meditierende bis dahin für wahr gehalten hatte, scheint über die Macht erhaben, die ein böser Dämon ausüben könnte. Und so ist Descartes „schließlich zu dem Geständnis gezwungen, daß man an allem, was ich einst für wahr hielt zweifeln könne“. (Descartes & Schmidt 1986:71) Daraus folgert er, dass er zumindest für den Moment annehmen muss, er „habe überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt, Ausdehnung, Bewegung und Ort sind Chimären.“ (Descartes & Schmidt 1986:77)

Im Weiteren werde ich Descartes‘ fundamentalen Zweifel als Ausgangspunkt seiner Metaphysik akzeptieren. Ich möchte zeigen, wie Descartes von dieser Grundlage aus die Erkenntnis sicherer und unbezweifelbarer Wahrheiten entwickelt und welche Bedeutung der Methode des Meditierens zukommt.

2.Ego sum, Ego existo – Der Ausweg aus dem Zweifel

Die größte Hürde, die es an diesem Punkt für die Meditierende zu überwinden gilt, ist die hypothetische Annahme eines Täuschergottes, eines genius malignus. „Als gewiß soll nur das gelten, das nicht einmal unter der Annahme in Zweifel gezogen werden kann, daß es einen höchst mächtigen Täuscher gibt, der den Denker in allem täuscht, in dem ihm dies möglich ist.“ (Kemmerling 2009:32) Die Meditierende befindet sich in einer epistemischen Extremsituation. Alle ihr bis dahin bekannten Wege des Erkenntnisgewinns sind ihr versperrt. Ausgangspunkt allen Wissens, welches sie erlangen kann ist der radikale Zweifel, der in ihre Meditation einführte. Descartes verfolgt in seinen Meditationen den Umsturz grundlegender Erkenntnisprinzipien, welche die sinnliche Erfahrung für das Erlangen jeden Wissens voraussetzen. In der zweiten Meditation entwickelt er nun ein neues, von den Sinnen unabhängiges Fundament jeden Wissens.

Die Meditierende befindet sich zu Beginn der zweiten Meditation in einer Lage, in der ihr Sinneserfahrung und die körperliche Existenz nicht als gewiss gelten können. „Aber ich habe in mir die Annahme gefestigt, es gebe gar nichts in der Welt, keinen Himmel, keine Erde, keine Geister, keine Körper: also bin ich doch auch nicht da?“ (Descartes & Schmidt 1986:79) Aus dieser Situation heraus gilt es nun, einen Weg zu sicheren Erkenntnissen zu erschließen, die stabil genug sind, die Fundamente allen Wissens zu bilden. „Nein, ganz gewiss war ich da, wenn ich mich von etwas überzeugt habe.“ (ebd. Hervorhebung von mir) Diese Annahme, existiert zu haben, die Descartes hier trifft, stützt sich jedoch auf seine Erinnerung, die für den Moment ebenfalls als völlig ungewiss gelten muss. Sie ist eine Annäherung an erste Gewissheit, über den radikalen Zweifel ist sie aber nicht erhaben. „Zweifellos bin also auch ich, wenn er mich täuscht; mag er mich nur täuschen, soviel er kann, so wird er doch nie bewirken können, daß ich nicht sei, solange ich denke, ich sei etwas.“ (Descartes & Schmidt 1986:79) Dessen kann sich Descartes sicher sein, ungeachtet der Möglichkeit, von einem allmächtigen Wesen getäuscht zu werden. Und das pointiert er nun in der ersten und einzigen Erkenntnis, die er zu diesem Zeitpunkt zulassen kann, nachdem er „alles genug und übergenug erwogen habe, muß ich schließlich festhalten, daß der Satz » Ich bin, Ich existiere «, sooft ich ihn ausspreche oder im Geiste auffasse, notwendig wahr sei.“ (Descartes & Schmidt 1986:79 Hervorhebung von mir)

Descartes ist sicher, hierin eine unbezweifelbare Wahrheit entdeckt zu haben. Ich bin, ich existiere ist ein Satz, der sich in seinen Augen nicht bezweifeln lässt. Mit dieser Erkenntnis bleibt jenes Ich zunächst jedoch leer. Die Meditierende begibt sich, nachdem sie sich ihrer Existenz versichert hat, auf den Weg, ihr klar und deutlich erkanntes Ich mit Inhalt zu füllen. Es geht darum, Attribute der Ich-Substanz zu finden und im Besonderen eine primäre, diese Substanz konstituierende Eigenschaft. “A principle attribute to Descartes represents the nature of a thing, that is, what we can perceive, clearly and distinctively, as belonging to the nature (or essence) of that thing” (Alanen 2003:61) Und diese Wesenseigenschaft des Ich entdeckt Descartes nun im Denken. „Und das Denken? Hier werde ich fündig: das Denken ist es; es allein kann von mir nicht abgetrennt werden;“ (Descartes & Schmidt 1986:83) Damit ist das Wesen seines Ich bestimmt. Die Meditierende erkennt sich als denkendes Ding. Es ist das Denken, das den Geist konstituiert. Die Existenz der Denkerin ist gewiss, solange sie denkt, sie existiere. (vgl. Descartes & Schmidt 1986:83) Es könne sein, so Descartes, dass er aufhöre zu existieren, wenn er nicht mehr denke. Das Denken kann von der geistigen Substanz so wenig abgetrennt werden, wie die drei Seiten vom Dreieck, oder die rechten Winkel vom Quadrat. Wer das Wesen des Geistes eingesehen hat, kann die Eigenschaft des Denkens nicht konsistenter Weise leugnen.

3. Res Cogitans – Die denkende Substanz

Es reicht Descartes jedoch nicht aus, allein die Natur des Geistes im Denken begriffen zu haben. Es gilt auch, den Begriff des Denkens näher zu bestimmen. „Also was bin ich nun? Ein denkendes Ding. Was ist das? – Ein Ding, das zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, will, nicht will, das auch bildlich vorstellt und empfindet.“ (Descartes & Schmidt 1986:87) Damit stattet Descartes seinen denkenden Geist mit allerlei Kapazitäten aus.

“Thinking as Descartes understands it, covers not only acts of the reason or the pure intellect (nous), but all kinds of conscious and unconscious mental states, including acts of the will and imagination, as well as emotions and sense perceptions. What is common to all these different modes of thought is that we are aware of their occurrence while actually attending to them: they are ‘thoughts’ in Descartes sense insofar as they are o r can be immediately perceived.” (Alanen 2003:54)

Descartes fasst alle geistigen Akte im Denken zusammen. Nicht allein der Intellekt, auch das bildliche Vorstellen (imaginatio) sowie sinnliche und emotionale Erfahrung sind Akte des Denkens. Damit vermeidet Descartes eine Aufspaltung der Seele in verschiedene Teilseelen. Das denkende Ding ist eine ungeteilte und untrennbare Substanz, die als solche klar und deutlich aufgefasst wird. Alle Akte, die in ihr stattfinden, sind Akte des Denkens.

Am Ende der zweiten Meditation wendet sich Descartes seinem Verhältnis zu Sinneswahrnehmungen von körperlichen Gegenständen zu. Hier wird die Bedeutung des weiten Begriffs vom Denken deutlich. Unter anderem an der Wahrnehmung eines Stücks Bienenwachs möchte Descartes aufzeigen, dass er nicht äußere körperliche Gegenstände auffasst, sondern dass er allein einen Akt des Denkens vollzieht. In diesem Gedankenexperiment beschreibt Descartes seine Wahrnehmung eines Stücks Wachs. Er erläutert alle die Eigenschaften, die er an ihm festzumachen scheint. Nachdem er jedoch das Wachs in die Nähe des Feuers geführt hat, sind die zuvor wahrgenommen Merkmale des Stücks verschwunden und das Wachs zeigt sich ihm in völlig neuer Gestalt. (vgl. Descartes & Schmidt 1986:89–91 ) „So muß ich schließlich gestehen, daß ich mir nicht einmal bildhaft vorstellen kann, was dieses Stück Wachs hier ist, sondern es allein durch den Geist auffasse.“ (Descartes & Schmidt 1986:91–93) Es sind nicht die Eindrücke des Wachses, die die Meditierende durch ihr Sehen oder Berühren des Stücks erfährt, die ihr Verständnis des Dinges bestimmen. Die Wahrnehmung des Wachses ist allein ein Akt ihres Denkens und damit einzig ein Zustand der geistigen Substanz.

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Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668923249
ISBN (Buch)
9783668923256
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463869
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Philosophisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Descartes Cogito Meditationen Geist Erkenntnis Frühe Neuzeit Cogito ergo sum Zweifel Sekptizismus

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Titel: Die Erkenntnis des Geistes bei Descartes