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Über die Präsenz des Vergleiches im Kommunikationswissenschaftsstudium

Ein an Bourdieu orientierter Erklärungsversuch

Essay 2017 7 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Essay: Über die Präsenz des Vergleiches im Studium

Ein an Bourdieu orientierter Erklärungsversuch

Irgendwann im September 2015 im Hauptgebäude der LMU, Raum B001. Infover- anstaltung für mein im Oktober beginnendes Studium der Kommunikationswissen- schaft. Tausend Fragen, tausend Eindrücke, völlige Überforderung für eine 19- Jährige aus einem 2000 Einwohner-Dorf auf dem Land. Der Beamer geht an und auf der ersten Folie steht „Informationsveranstaltung für den Studiengang ‚Deutsch als Fremdsprache‘“. Ich schau mich um und bemerke, dass die Leute, die in dem Hörsaal sitzen, auch gar nicht so aussehen, wie die typischen KW- Studenten, die man mir beschrieben hat. Ich verlasse zügig den Raum und irre im Universitätsgebäude umher bis mich der nette Mann an der Pforte darauf hinweist, dass der Raum B001, den ich suche, der im Institut für Kommunikationswissen- schaft in der Oettingenstraße ist. Schnell „Oettingenstraße“ in Google Maps ein- gegeben und dann 20 Minuten quer durch den Englischen Garten gesprintet, um dann schweißgebadet im richtigen Raum anzukommen, wo eine nette Kommilito- nin, die exakt aussieht, wie eine typische KW-Studentin, mir sagt, dass ich noch nichts verpasst habe. Zwischen die Sneakerträgerinnen mit Dutt, Hornbrille und 80er-Jahre Jeans haben sich noch ein paar Gleichgesinnte geschlichen, die au- genscheinlich auch aus ländlicheren Gegenden kommen, weil sie wie ich nur eine Jeans und eine einfarbiges T-Shirt tragen. Ich finde sie sofort sympathisch. Die anderen irgendwie nicht so. Dieses stark stilisierte Beispiel zeigt, dass der Ver gleich besonders in sozialen Gefügen, in denen sich Gruppen neu zusammenfin- den, äußerst präsent ist. Dieses Verhalten zum Studienbeginn, durch Vergleiche Gleichgesinnte zu finden, lässt sich mit einigen Theorien Bourdieus näher erklä- ren.

Nach Bourdieus Theorie des sozialen Raums besitzt jeder Mensch eine individuel- le Position im sozialen Raum. Anhand von Determinanten wie Beruf, Einkommen, Bildungsstand oder Geschlecht, Alter und Nationalität festigt sich diese Position Dabei ist es jedoch auch möglich, dass Personen durch Veränderung dieser Merkmale ihre Position im sozialen Raum ändern, was allerdings meist ein sehr langfristiger und schwieriger Prozess ist (vgl. Schwingel, 1995). Im Beispiel der Kommunikationswissenschaftsstudentinnen (Männer werden an dieser Stelle ver- nachlässigt, da sie aufgrund ihrer geringen Anzahl für dieses Beispiel nicht rele- vant sind) würde dies bedeuten, dass jede der beginnenden Studierenden von Anfang an unterschiedliche Grundvoraussetzungen mitbringt. Alter, Bildungsstand, Nationalität und Beruf sind bei dem Großteil der Studentinnen zwar gleich oder zumindest sehr ähnlich, jedoch hat sich bei jeder Person im Laufe der Sozialisati- on durch das Elternhaus ein anderer Habitus herausgebildet.

Bourdieu zufolge ist der Habitus ein latenter Leitfaden, der das soziale Verhalten einer Person, wie zum Beispiel den Lebensstil, den Geschmack oder die Kleidung determiniert. Der Habitus selbst ist wiederum abhängig von der Posi- tion im sozialen Raum und am externalisierten Habitus wird der Status der jeweili- gen Person in der Gesellschaft, also dessen soziale Position, sichtbar (vgl. Schwingel, 1995).

„Gleich zu gleich gesellt sich gern“, heißt es im Volksmund und das scheint sich auch beim Studienbeginn der Kommunikationswissenschaft zu bewahrheiten. Die- jenigen, deren Eltern Rechtsanwälte, Ärzte oder Architekten sind, finden sich nach kurzer Zeit in Gruppen zusammen. Nicht, weil sie den Beruf der Eltern kennen, sondern weil sie aufgrund ähnlicher Positionen im sozialen Raum und ähnlicher Sozialisation Gemeinsamkeiten in ihrem Verhalten, ihrem Kleidungsstil und ihrem Geschmack erkennen. Genauso verhält es sich mit denjenigen, deren Eltern keine Akademiker sind oder denen, die auf dem Land groß geworden sind. An Klei- dungsstil und Sprache beispielsweise, die externalisierte Formen des Habitus dar- stellen, wird die soziale Position einer Person sichtbar. Um sich während des Pro- zesses der Bildung eines neuen sozialen Gefüges, wie bei dem ersten Treffen eines Semesterjahrgangs, die Zugehörigkeitsfindung zu erleichtert, ist es gerade äußerst wichtig ist, sich seiner sozialen Position entsprechend zu kleiden und zu verhalten, um sich im direkten Vergleich von anderen abzuheben oder Gleichge- sinnte zu finden. Hierbei ist jedoch zu erwähnen, dass dieses Sichtbarmachen der sozialen Position vor allem bei denen von hoher Relevanz ist, die sich in der so- zialen Hierarchie höher als andere einschätzen. Zu diesen sozialen Hierarchien hat Bourdieu ebenfalls eine Theorie entwickelt, auf die später noch detaillierter eingegangen wird. Wer aufgrund eines reichen Elternhauses oder eines beson- ders hohen Intelligenzquotienten, das zu haben glaubt, was im Subsystem der Kommunikationswissenschaft als erstrebenswert angesehen wird, der trägt dies in solchen Gruppenentstehungsprozessen nach außen.

Hier kommt Bourdieus Kapitaltheorie ins Spiel. Die bereits vorher genannten De- terminanten wie Beruf, Einkommen, Bildungsstand oder Geschlecht bestimmen die Position im sozialen Raum und stehen in direkter reziproker Beziehung mit dem Habitus und dem Kapitalvolumen einer Person. Bourdieu zufolge besitzt je- des Individuum kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital. Kulturelles Kapital ist beispielweise die Verinnerlichung von Sitten oder ein hoher Bildungsgrad, der auf die Sozialisation durch das Elternhaus und die formale Schulbildung zurückzu- führen ist. Als soziales Kapital versteht Bourdieu das, was im Volksmund „Vitamin B“ genannt wird, also soziale Kontakte, die sich im Laufe des Lebens als nützlich erweisen können, wie zum Beispiel der Freund des Vaters, der Manager bei BMW ist. Das kulturelle und das soziale Kapital lassen sich meist direkt in ökonomisches Kapital umwandeln, das in dessen objektiviertester Form nicht anderes ist als Geld. Wer gut gebildet ist oder die richtigen Beziehungen hat, wird davon wahr- scheinlich auch finanziell profitieren. Die Mischung aus kulturellem, sozialem und ökonomischem Kapital wird als das symbolische Kapital bezeichnet, das wiede- rum ausschlaggebend für die Positionierung im sozialen Raum ist (vgl. Bourdieu, 1983).

Wer bereits zu Beginn des Studiums weiß, welche Verhaltensregeln in der Univer- sität gelten, die Inhalte der Vorlesungen sofort versteht und sie anderen erklären kann, der wird aufgrund seines hohen kulturellen Kapitals im Sozialraum der Kommunikationswissenschaft höher angesehen sein. Ähnlich verhält es sich mit denen, die mit einem BMW-Cabrio und Luis Vuitton-Tasche erscheinen, da sie aufgrund ihrer hohen ökonomischen Kapitalausstattung oder der ihrer Eltern einen hohen Stellenwert im sozialen Gefüge einnehmen. Das dies von Subsystem zu Subsystem unterschiedlich sein kann, darauf wird im weiteren Verlauf des Textes näher eingegangen. Dass es in der Kommunikationswissenschaft jedoch als er- strebenswert gilt, Designerhandtaschen zu besitzen, kann jeder nachvollziehen, der einmal eine Vorlesung dieses Fachs besucht und den Gesprächen der Stu- dentinnen gelauscht hat.

Dies führt uns zu Bourdieus Klassentheorie, die besagt, dass es eine „herrschen- de“ eine „mittlere“ und eine „beherrschte“ Klasse in einer Gesellschaft gibt. Die niedrigeren Klassen würden der jeweils höheren Klasse nacheifern und durch das Nachahmen von deren Habitus versuchen, in eine höhere Position im sozialen Raum aufzusteigen. Laut Bourdieu ist dies durch hilfreiche Kontakte, also die Steigerung des sozialen Kapitals, den Erwerb eines lukrativen Jobs, was zu einem höheren ökonomischen Kapital führt oder durch Weiterbildung, also höheres kultu- relles Kapital möglich, jedoch schwierig und von langer Dauer. Damit die höhere Klasse jedoch nicht an Status verliert, weil sich soziale Aufsteiger durch Anpas- sung einen Platz in ihrem Milieu „erschleichen“, versucht die höhere Klasse sich stets von den niedrigeren Klassen abzugrenzen. Dies geschieht durch stetiges Verändern des geltenden Status Quo oder Riten, die für die niedrigeren Klassen aufgrund von mangelnder Kapitalausstattung schwer nachzuahmen sind, wie zum Beispiel Opernbesuche, die sowohl kulturelles als auch ökonomisches Kapital for- dern, oder die Vorliebe für Designermode und teuren Wein (vgl. Schwingel, 1995). Zurück in unserem Kommunikationswissenschaftsbeispiel hieße das, dass dieje- nigen, die nicht mit BMW und Designerhandtasche zur Vorlesung kommen, versu- chen, in dieser sozialen Gruppe Akzeptanz zu finden. Dieser Wille zum Aufstieg zeigt sich in den ersten Wochen nach dem offiziellen Studienbeginn. Langsam beginnen sich auch einige der durchschnittlich gekleideten, dialektsprechenden Frauen an den Habitus der in der Kommunikationswissenschaft herrschenden Klasse anzupassen. Aus dem Labello wird ein MAC-Lipgloss, aus dem Rucksack eine Michael-Kors-Handtasche und die bayerische Färbung der Sprache wird nach und nach zum gestochenen Hochdeutsch umgewandelt, weil dies der Habi- tus der herrschenden Klasse zu sein scheint.

Der Status Quo der herrschenden Klasse ist jedoch von Subsystem von Subsys- tem, also auch von Studiengang zu Studiengang unterschiedlich. An der Techni- schen Universität in der Fachrichtung Maschinenbau mit einer Designerhandta- sche in die Vorlesung zu kommen, wird dort wohl eher als unangepasst gelten und im negativsten Falle zu Akzeptanzproblemen führen, was aber vermutlich auch an der Männerdominanz in diesem Bereich liegt und dem nicht vorhandenen Zu- sammenhang zwischen Studieninhalt und der Designerhandtasche. In der Kom- munikationswissenschaft ist dies anders. Zwar wird dort im Vergleich zu Design- Studiengängen die Handtasche zum Lehrgegenstand, jedoch ist in einem von neuen sozialen Medien geprägten Fachbereich wie der Kommunikationswissen- schaft die Beachtung aktueller Trends von großer Bedeutung. Viele der Studie- renden wollen „Irgendwas mit Medien“ machen. Die praktischen Bereiche, auf die das Kommunikationswissenschaftsstudium vorbereitet, sind Fernseh-, Radio- und Printjournalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung. In all diesen Berufen spielt die Angepasstheit an aktuelle Trends eine wichtige Rolle, vor allem bei visuellen Branchen wie dem Fernsehjournalismus, den sich einige Studentinnen zum Ziel nehmen. Eine Moderationskarriere ist dabei ein häufig gehörter Berufswunsch, der bei einer Studentin aus der herrschenden Klasse mit hohem ökonomischem, kultu- rellem und sozialem Kapital viel realistischer eingeschätzt wird, als bei einer „Durchschnittsfrau“.

An dieser Stelle ist es wichtig auf das körperliche Kapital einzugehen, das in die- sem Zusammenhang eine wesentliche Rolle spielt. Frauen sind sich Pierre Bour- dieu zufolge über die Nützlichkeit ihres körperlichen Kapitals bewusst, weshalb sie ihre Schönheit gekonnt in Szene setzen und körperliche Vollkommenheit als Ideal anerkennen. (vgl. Bourdieu, 1982). Diese Vollkommenheit wird nicht zuletzt durch soziale Medien determiniert. Was auf Instagram und Facebook als Schönheitside- al und Modetrend gilt, wird auch außerhalb der Kommunikationswissenschaft ger- ne kopiert, um gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Wer schön ist, hat es wohl in jedem Studienfach und in jedem anderen gesellschaftlichen System leich- ter, in die herrschende Klasse aufzusteigen oder von Anfang an dort akzeptiert zu sein. Innerhalb der Kommunikationswissenschaft jedoch kommt diesem medien- geprägten Idealbild eine weitere Funktion zu. Wer den Mode- und Beautytrends folgt, dem wird unter Umständen sogar eine höhere Fachkompetenz zugeschrie- ben als anderen, da sie sich mit dem Fachgegenstand auszukennen scheinen.

Somit steigt nicht nur deren körperliches Kapital, das an dieser Stelle auch als po- sitionsbestimmend im sozialen Raum angesehen wird, sondern auch deren kultu- relles Kapital, was erneut einen hierarchischen Aufstieg oder einer Festigung der Position in der herrschenden Klasse mit sich bringen kann.

Zusammenfassend lässt sich folglich sagen, dass das Vergleichen besonders bei der Herausbildung neuer sozialer Gruppen eine tragende tragende Rolle spielt. Im konkreten Beispiel der Kommunikationswissenschaft hilft das Vergleichen dem Einzelnen, seinen Platz im sozialen Raum einzunehmen. Bourdieus Theorien über Kapital, Habitus, Klassen und das soziale Feld sind ebenso wesentlich durch die Praxis des Vergleichens bestimmt. Kapitalausstattung bekommt erst durch die Relation zu anderen einen Wert, genauso wie Klassen ohne Vergleiche nicht halt- bar wären. Distinktion, die die Position im sozialen Raum maßgeblich bestimmt und auch Bourdieus Theorien prägt, ist nichts anderes als eine Vergleichspraktik, die erst durch Differenzbeobachtung und Rationierung ihren Sinn erhält. Den be- sonderen Stellenwert in der Kommunikationswissenschaft erhält der Vergleich durch die Relevanz von Materialität, die zur Legitimation innerhalb des Subsys- tems beiträgt und von der individuellen Kapitalausstattung geprägt wird.

Literaturverzeichnis

Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Bourdieu, P. (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Krekel, R. (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Sonderband 2 der Zeitschrift Soziale Welt, S.183-198.

Schwingel, M. (1995): Pierre Bourdieu zur Einführung. 3. Auflage, Hamburg 2000, S.49- 124

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Details

Seiten
7
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668917835
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464114
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
über präsenz vergleiches kommunikationswissenschaftsstudium bourdieu erklärungsversuch

Autor

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