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Informationsasymmetrien in der Versicherungswirtschaft - Eine ökonomische Untersuchung über Arten, Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten

Hausarbeit 2005 49 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen und Definition von Versicherung
2.1 Zentrale Begriffe
2.1.1 Gefahren
2.1.2 Risiko
2.1.3 Bedingungen
2.2 Definition des Versicherungsbegriffes
2.3 Der Versicherungsmarkt und typische Informationsmängel

3. Prinzipal-Agent Theorie
3.1 Verborgene Handlungen und verborgene Informationen
3.2 Verborgene Eigenschaften
3.3 Verborgene Absichten

4. Informationsasymmetrien auf Versicherungsmärkten
4.1 Adverse Selektion
4.1.1 Allgemeine Betrachtung
4.1.2 Versicherungsmarktspezifische Betrachtung
4.1.3 Bekämpfungsmöglichkeiten
4.2 Moralisches Risiko
4.2.1 Allgemeine Betrachtung
4.2.2 Versicherungsmarktspezifische Betrachtung
4.2.2.1 Einordnung des Versicherungsbetruges
4.2.2.2 Arten des Versicherungsbetruges
4.2.3 Bekämpfungsmöglichkeiten

5. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 3.1 Verborgene Handlungen bei festem Honorar

Abbildung 3.2 Verborgene Handlungen bei variablem Honorar

Abbildung 3.3 Verborgene Eigenschaften

Abbildung 4.1 Nachfragerverhalten ohne Informationsasymmetrie

Abbildung 4.2 Nachfrageverhalten bei Informationsasymmetrie

Abbildung 4.3 Anbieterverhalten ohne Informationsasymmetrie

Abbildung 4.4 Anbieterverhalten bei Informationsasymmetrie

Abbildung 4.5 Die Erscheinungsformen des moralischen Risikos

Abbildung 5.1 Informationsasymmetrie in der Versicherungswirtschaft

1. Einleitung

Die Problematik der asymmetrischen Informationsverteilung ist sowohl in der Versicherungswissenschaft als auch in der Versicherungspraxis seit langer Zeit bekannt. Kaum unterschieden wird bislang jedoch zwischen den einzelnen Erscheinungsformen und deren Ursachen, sodass die Möglichkeiten konkreter Gegenmaßnahmen einge-schränkt sind. Angesichts der Höhe des Schadens[1], der jährlich für die Versicherungs-wirtschaft durch Informationsasymmetrien entsteht, ist jedoch durchaus ein Motiv für die Entwicklung von Begrenzungsmöglichkeiten gegeben.

Das Ziel dieser Arbeit besteht daher darin, über eine Analyse der verschiedenen Arten von Informationsasymmetrien auf Versicherungsmärkten und deren Motive zu differen-zierten Bekämpfungsmöglichkeiten zu gelangen. Zum Einstieg werden zunächst die grundlegenden Merkmale der Versicherungswirtschaft mit Hilfe zentraler Begriffe dargestellt und versicherungsmarktspezifische Probleme hinsichtlich vollständiger In-formationen aufgezeigt. Danach wird die Prinzipal-Agent Theorie erläutert. Es folgt der Hauptteil, der die Probleme von Informationsasymmetrien auf Versicherungsmärkten darstellt. Dabei werden die Phänomene adverse Selektion und moralisches Risiko unter-schieden, die zunächst allgemeingültig und anschließend versicherungsmarktspezifisch analysiert werden. Die Trennung und die ausführliche Betrachtung der verschiedenen Formen macht es anschließend möglich, differenzierte Bekämpfungsmöglichkeiten zu entwickeln. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse ab.

2. Grundlagen und Definition von Versicherung

In der Theorie existieren eine Vielzahl von Ansätzen und Definitionen für Versiche-rung. Zunächst werden Ausgangspunkte bzw. zentrale Begriffe des Versicherungs-wesens aufgezeigt. Danach folgt eine gängige Definition des Versicherungsbegriffes mit anschließender Erläuterung der wesentlichen Merkmale. Als Übergang auf die später betrachtete Prinzipal-Agent Theorie werden die Probleme des Versicherungs-marktes hinsichtlich vollständiger Informationen dargestellt.

2.1 Zentrale Begriffe

Ausgangspunkt von Versicherung bildet die Unsicherheit. Mit Unsicherheit wird die Eintrittswahrscheinlichkeit zukünftiger Umstände beschrieben, die jenseits der Kontrolle der Wirtschaftssubjekte liegt. Es existieren also Gefahren für den Einzelnen, die zum Erleiden von Verlusten durch den Eintritt bestimmter Ereignisse führen können. Je nach Messbarkeit dieser Unsicherheit unterscheidet man zwischen Ungewissheit und Risiko. Risiko ist dabei die Kategorie, bei der die Unsicherheit messbar ist und somit durch Versicherung gemindert werden kann. Im Fokus der Betrachtung für den Versicherer stehen neben dem Risiko sowohl grundsätzliche als auch individuell durch den Versicherungsnehmer verursachte Bedingungen. Im Gegensatz dazu kann Ungewissheit nicht gemessen und folglich auch nicht durch Versicherung eliminiert werden. Im Folgenden werden die für die weitere Analyse relevanten Begriffe im Einzelnen dargestellt.[2]

2.1.1 Gefahren

Gefahren bezeichnen bestimmte Ereignisse, die die Möglichkeit des Eintritts von wirtschaftlichen Nachteilen begründen. Konkret werden darunter die unmittelbaren Ursachen von Verlusten verstanden, die Personen, Sachen oder Vermögen bedrohen können. Je nach Entstehungsursache unterscheidet man zwei Arten:

1. Subjektive Gefahren

Subjektive Gefahren beruhen unmittelbar auf menschlichem Verhalten und werden deshalb auch menschliche Gefahren genannt; Menschen können die Ursachen also beeinflussen. Als Beispiele können hier Kriegsereignisse, Diebstahl oder Brandstiftung genannt werden.

2. Objektive Gefahren

Da objektive Gefahren nicht von dem Menschen kontrolliert bzw. direkt beeinflusst werden können, werden sie auch als natürliche Gefahren bezeichnet. Hierunter fallen beispielsweise Naturkatastrophen.[3]

2.1.2 Risiko

Grundsätzlich liegt Risiko nur dann vor, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind. Zum einen muss offen sein, was sich zukünftig ergibt, also die Möglichkeit mindestens zweier Zustände muss bestehen, und zum anderen muss wenigstens einer dieser Zustände ein unerwünschtes Resultat mit sich bringen. Um den Begriff des Risikos genauer abzugrenzen, muss unterschieden werden zwischen der Seite des Versicherungsnehmers und der des Versicherers. Wie bereits erwähnt ist Risiko für den Versicherungsnehmer eine messbare Unsicherheit bezüglich des Eintritts zukünftiger Ereignisse, welche durch verschiedene Maßnahmen gemindert werden kann. Diese Handlungsalternativen beim Umgang mit Risiken lassen sich als Instrumente der Risikopolitik auffassen. Neben der Möglichkeiten der Risikotragung und Risikover-meidung ist somit die Risikoabwälzung auf einen Versicherer als Begründung von Versicherung aufzuführen. Spricht man von Risiko aus Sicht des Versicherers, das für dessen Kalkulation wichtig ist, so muss man eine Vielzahl von Risikoarten unter-scheiden. Die wichtigsten werden im Folgenden erläutert.

1. Objektives Risiko

Das objektive Risiko ist von dem Versicherungsnehmer nicht beeinflussbar. Darunter sind Gefahrenmerkmale zu verstehen, die von dem Gegenstand oder der Person, die versichert ist, selbst ausgehen oder von außen auf diese einwirken.[4]

2. Subjektives Risiko

Das Ausmaß des subjektiven Risikos hängt von dem Versicherungsnehmer und jenen ab, die mit der versicherten Sache oder Person in Kontakt sind. Es handelt sich also um Gefahren, die sich aus Charaktereigenschaften oder bestimmten Verhaltensweisen ergeben. Somit kann direkt auf die Wahrscheinlichkeit des Schadeneintritts Einfluss genommen werden. Bei erhöhten subjektiven Risiken kann es deshalb zu Risikoaufschlägen bei der Prämie oder sogar der Ablehnung des Versicherungsschutzes kommen.[5]

3. Moralisches Risiko

Während objektives und subjektives Risiko als klassische Risikoarten bezeichnet werden können, wurde dem moralischem Risiko früher nicht so starke Aufmerksamkeit gewidmet. Inzwischen kennt man viele Arten des moralischen Risikos. Diese reichen von geringerer Sorgsamkeit zu den versicherten Sachen bis hin zum geplanten gesetzwidrigen Versicherungsbetrug. Das moralische Risiko stellt für die Versicherungswirtschaft insbesondere in finanzieller Hinsicht ein Problem dar, sodass vor allem die Versicherungsunternehmen einen Anreiz zu dessen Eindämmung haben. Da das moralische Risiko ein zentraler Bestandteil der Informationsasymmetrie ist, wird es zum späteren Zeitpunkt ausführlich betrachtet.[6]

2.1.3 Bedingungen

Eine weitere Möglichkeit der Betrachtung ist diese Unterscheidung verschiedener Bedingungen. „Als „hazard“[[7] Anm.d.Verf.] werden Bedingungen bezeichnet, welche die Wahrscheinlichkeiten für einen Verlust erhöhen oder die Schadenshöhe vergrößern[...].“[8] Hierbei wird zwischen zwei wesentlichen Arten differenziert:

1. Physical hazards

Die physical hazards bezeichnen Umweltbedingungen, die zu einer erhöhten Schadenwahrscheinlichkeit führen können. Sie können durch den Versicherungsnehmer nicht direkt beeinflusst werden und sind mit dem objektiven Risiko für den Versicherer vergleichbar.

2. Intangible hazards

Die nicht-physischen Bedingungen (intangible hazards) können ebenfalls zu einer erhöhten Schadenwahrscheinlichkeit führen, beruhen jedoch auf dem Verhalten des Versicherungsnehmers. Sie sind vergleichbar mit dem subjektiven Risiko für den Versicherer. Zu dieser Art zählen jedoch unter anderem auch das legale moralische Risiko („moral hazard“) und der Versicherungsbetrug („morale hazard“), die im weiteren Verlauf ausführlich diskutiert werden.[9]

Die bisherige Betrachtung lässt erahnen, wie viel Ansätze und Varianten für Versicherung existieren, die oft ähnliche Sachverhalte darstellen. Die Verwendung von den Begriffen Risiko, Bedingungen und Gefahren ist dabei oft konvergent.

2.2 Definition des Versicherungsbegriffes

Wie bereits die Bandbreite der verschiedenen Begriffsansätze vermuten lässt, existieren viele Definitionen von Versicherung. Grundgedanke ist, dass mehrere Personen oder Personengruppen, die von gleichartigen Gefahren bedroht sind, das finanzielle Risiko im Fall des Gefahreneintritts auf die Versicherung übertragen und dafür eine Prämie zahlen. Weit verbreitet ist eine Definitionsvariante nach der Bedarfsdeckungstheorie. Demnach ist Versicherung die gegenseitige Deckung eines im Einzelnen ungewissen, insgesamt aber schätzbaren Geldbedarfs auf der Grundlage eines zwischenwirt-schaftlichen Risikoausgleichs. Folglich sind drei wesentliche Merkmale kennzeichnend:[10]

1. Deckung eines Geldbedarfs

„Aufgabe der Versicherung ist es, Mittel für einen möglicherweise entstehenden Geldbedarf zur Verfügung zu stellen. Ausgelöst wird dieser Bedarf durch die Verwirklichung einer drohenden Gefahr und die Notwendigkeit des Ausgleichs der wirtschaftlichen Folgen.“[11]

2. Ungewissheit des Bedarfs

Wichtig für das Funktionieren einer Versicherung ist die Ungewissheit über den Eintritt des versicherten Ereignisses, welcher zufällig erfolgen muss. Zeitpunkt oder Umfang der Verwirklichung der versicherten Gefahr dürfen weder dem Versicherungsnehmer noch dem Versicherer zuvor bekannt sein. Denn sowohl Motivation des Versicherungsnehmers zum Beitritt in die Versichertengemeinschaft als auch Rechnungsgrundlagen für die Kalkulation des Versicherers hängen von dieser Ungewissheit ab. Hinzu kommt, dass die Deckung von Gefahren nur möglich ist, wenn der erforderliche Geldbedarf für den Versicherer schätzbar ist. Wird etwa vorsätzlich in diese Ungewissheit eingegriffen, stimmen Relation von Prämie und Leistung nicht und die

Versicherungsgrundlagen versagen.

3. Risikoausgleich

Die Versicherung ist darauf begründet, dass die Versicherungsnehmer gleichartig bedroht, jedoch nur wenige tatsächlich von den Gefahren betroffen sind. Jeder zahlt Prämie ein, woraus anfallende Schäden gedeckt werden. Somit findet ein Risikoausgleich zwischen den Versicherungsnehmern statt. Das Gelingen der Versicherung erfordert deshalb ein Gleichgewicht zwischen der Summe aller Einnahmen und Ausgaben. Man spricht vom Äquivalenzprinzip, dessen Erfüllung eine exakte Kalkulation seitens des Versicherers erfordert. Diese Kalkulation orientiert sich an statistischen Grundsätzen, die über Wahrscheinlichkeit des Schadeneintritts Auskunft geben. Die Wahrschein-lichkeit hängt dabei grundsätzlich von den bereits erwähnten verschiedenen Risikoarten (objektiv, subjektiv und moralisch) ab. Da diese mehr oder weniger von dem Versicherungsnehmer beeinflussbar sind, ist es somit möglich, entscheidend auf das Gelingen einer Versicherung einzuwirken.[12]

2.3 Der Versicherungsmarkt und typische Informationsmängel

Um den Versicherungsmarkt und seine spezifischen Probleme hinsichtlich vollständiger Informationen darzustellen, soll zunächst kurz das theoretische Modell eines vollkommenen Markts betrachtet werden. Dies Modell, das als Standardansatz zur Analyse von Märkten dient, setzt bestimmte Annahmen voraus, die folgendermaßen zusammengefasst werden können:

- Homogenität der Güter:

Die Güter auf dem Markt sind sachlich gleichartig, es bestehen also keine sachlichen Präferenzen.

- Fehlen sonstiger Präferenzen

Die Wettbewerbsbedingungen müssen für alle Anbieter und Nachfrager gleich sein. Es bestehen keine räumlichen, persönlichen oder zeitlichen Präferenzen.

- Unendlich schnelle Reaktion der Marktteilnehmer

Angebot und Nachfrage treffen sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort, so kann jeder Marktteilnehmer ohne zeitliche Verzögerung auf Marktverän-derungen reagieren.

- Vollständige Markttransparenz und Informationskenntnis

Die Marktteilnehmer sind vollständig, kostenlos und richtig über die Güter und deren Preise informiert.[13]

In der Realität kommt die Börse dem Modell des vollkommenen Marktes am nächsten, da die Bedingungen eines Punktmarktes ohne zeitliche Differenzen, die Homogenität der Güter und weitgehende Markttransparenz dort erfüllt werden können. Vorherrschend ist jedoch die Form eines unvollkommenen Marktes, bei der eine oder mehrere Voraussetzungen für einen vollkommenen Markt fehlen. Dieser Markttyp kann dafür sorgen, dass der Preismechanismus, der die Knappheit eines Gutes ausdrücken soll, nicht mehr funktioniert; man spricht von „Marktversagen“. Für den Versicherungsmarkt stellt diesbezüglich vor allem die vollständige Markttransparenz ein Problem dar. Für den vollkommenen Markt wird unterstellt, dass sämtliche Akteure vollständig, rechtzeitig und kostenlos informiert sind. In der Realität werden jedoch viele Entscheidungen getroffen, ohne auch nur über annähernd vollständige Informationen zu verfügen. Dabei existieren Fälle, in denen Marktakteure in einem Ausmaße uninformiert sind, dass der Markt in seiner Funktionsweise wesentlich beeinträchtigt ist und „versagt“. Für die spätere versicherungsmarktspezifische Analyse werden zunächst die grundlegenden beiden Arten von Informationsmängeln betrachtet.[14]

1. Unsicherheit

Unsicherheit bezeichnet in diesem Zusammenhang Situationen, in denen die zukünftige Entwicklung auch nicht unter sehr großem Aufwand mit vollkommener Gewissheit prognostiziert werden kann. Es besteht somit nicht die Möglichkeit der (vollständigen) Beseitigung der Informationsmängel.

2. Unkenntnis

Für die weitere Analyse bedeutender ist jedoch die Unkenntnis. Diese liegt dann vor, wenn die Marktakteure zwar nicht ausreichend informiert sind, es prinzipiell aber möglich wäre, diese Lücke durch Informationsbeschaffung zu beseitigen. Zu beachten ist dabei allerdings, dass die Gewinnung von Informationen nur solange sinnvoll sein kann, wie deren Kosten den Erwartungswert des Ertrages aus der Informationsbeschaffung nicht übersteigen. Die Kosten, um den Akteuren eine ausreichende Marktübersicht zu ermöglichen, sind oft relativ gering. Auf dem Versicherungsmarkt hingegen können Informationsmängel häufig nur gegen einen erheblichen Aufwand und meist auch nicht vollständig beseitigt werden.

Für die weiteren Überlegungen ist die Unkenntnis somit ein grundlegender Aspekt. Ausgangspunkt bilden dabei Tauschbeziehungen, in denen der eine Marktpartner besser informiert ist, als der entsprechende Akteur auf der Marktgegenseite. Man spricht hierbei von einer asymmetrischen Informationsverteilung, deren einzelne Formen und Ausprägungen in dem Abschnitt der Informationsasymmetrie später genauer zu untersuchen sein werden. Als allgemeine Theorie dieser Phänomene lässt sich der Prinzipal-Agent Ansatz auffassen, der im Folgenden erläutert wird.[15]

3. Prinzipal-Agent Theorie

Die Prinzipal-Agent Theorie, auch bezeichnet als Sachwalterbeziehung, stellt einen grundlegenden Rahmen für die mit asymmetrisch verteilten Informationen verbundenen Probleme dar. Zunächst wird unterschieden zwischen der uninformierten Marktseite, dem Prinzipal (=Auftraggeber), und der informierten Marktseite, dem Agent (=Beauftragter). Der Prinzipal beauftragt dabei den Agenten, bestimmte Handlungen vorzunehmen bzw. Leistungen für ihn zu erbringen. Folgende typische Merkmale werden angenommen:

- das Hauptziel des Prinzipals ist die Maximierung des Ergebnisses
- das Ergebnis (E) der Handlung des Agenten ist vom Aufwand des Agenten (e) sowie Zufallseinflüssen (q) abhängig
- die Handlungen des Agenten sind weder beobachtbar noch können deren Auswirkungen vollständig auf die Anstrengungen des Agenten zurückgeführt werden
- der Agent verfolgt nicht nur die Ziele des Prinzipals, sondern auch seine eigenen Ziele der Nutzenmaximierung (beispielsweise maximales Einkommen); diese Ziele können denen des Prinzipals entgegenstehen

Die genannten Aspekte sind ausschlaggebend für die Probleme ungleich verteilter Informationen im Rahmen der Prinzipal-Agent Theorie. Im Folgenden werden diese einzeln betrachtet sowie erste Lösungsansätze zur Bekämpfung von Informations-asymmetrie entwickelt. Diese Gegenmaßnahmen werden dann in der versicherungs-marktspezifischen Analyse im Rahmen des Abschnitts der Informationsasymmetrie später aufzugreifen sein.[16]

3.1 Verborgene Handlungen und verborgene Informationen

Die Probleme der verborgenen Handlungen und verborgenen Informationen entstehen vor allem durch zwei der bereits aufgeführten Merkmale der Prinzipal-Agent Theorie. Ansatzpunkt einerseits ist, dass das Ergebnis nicht allein von den Anstrengungen des Agenten, sondern auch von unbeobachtbaren Zufallseinflüssen bestimmt wird. Zudem kann der Prinzipal nicht erkennen, mit welcher Sorgfalt und welchem Engagement sich der Agent für ein erfolgreiches Ergebnis einsetzt. Demnach ist es auch nicht möglich, bei schlechtem Resultat unbedingt auf eine schlechte bzw. bei gutem Resultat auf eine gute Leistung zu schließen und die Vergütung des Agenten an das Ergebnis zu koppeln. Im Hinblick auf das Bestehen von Zufallsvariablen können dann verborgene Handlungen („hidden action“) auftreten. Ferner entstehen andererseits Situationen verborgener Informationen („hidden information“) durch die Tatsache, dass die Handlungen des Agenten weder beobachtbar sind, noch deren Auswirkungen vollständig auf die Anstrengungen des Agenten zurückgeführt werden können. Die Unterschiede der beiden Arten sind relativ gering und deren Differenzierung aus der Sicht des Prinzipals letztendlich unerheblich, da die Auswirkungen, wie später

aufgezeigt wird, für ihn dieselben sind. Gleichwohl soll im Folgenden zunächst auf die Formen einzeln eingegangen und diese anhand von Beispielen verdeutlicht werden.[17]

1. Verborgene Handlungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch die Tatsache, dass der Prinzipal den Agenten nur eingeschränkt beobachten kann, besteht die Gefahr, dass der Agent sich nicht an Verein-barungen hält. Er hat also die Möglichkeit unbemerkt vertraglich zugesagte Handlungen zu vernachlässigen oder vereinbarungsgemäß zu unterlassene Handlungen vorzunehmen. Ein solches Verhalten ist vor allem zu erwarten, wenn er dadurch seinen eigenen Nutzen erhöhen kann. Würde das Ergebnis (E) allein von den Anstrengungen des Agenten (e) abhängig sein ( E = f(e) ), würden verborgene Handlungen kein Problem darstellen, da sie aufgrund des Ergebnisses„enttarnt“ werden würden. Man hätte dann demzufolge die Mög-lichkeit, das Honorar (H) des Agenten entsprechend anzupassen ( H = f(E) ). Durch die vorhandenen Zufallseinflüsse (q) ist dies jedoch nicht realisierbar, da man den Agenten bei schlechtem Ergebnis „bestrafen“ würde, obwohl er dies unter Umständen nicht zu verantworten hat. Somit sind ungleich verteilte Informationen hier nur relevant, wenn unbeobachtbare Zufallseinflüsse auf das Ergebnis einwirken ( E = f(e,q) ). In diesem Fall kann das Honorar des Agenten nur fest sein (H), unabhängig davon, wie das Ergebnis ausfällt. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht das Problem der verborgenen Handlungen.

[...]


[1] In diesem Zusammenhang sind vor allem die Schätzungen bezüglich der Schäden durch Versicherungs-

betrug alarmierend. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) schätzt diese für

die deutsche Versicherungswirtschaft auf ca. vier Milliarden Euro jährlich.

Vgl. dazu http://www.versicherungen.de/versicherungsbetrug.0.html, 06.01.2005.

[2] Vgl. Zweifel, P. u. Eisen, R. (Versicherungsökonomie, 2003), S. 1ff und Wein, T. (Wirkungen der

Deregulierung im deutschen Versicherungsmarkt, 2001), S. 10ff.

[3] Vgl. Ebd., S. 11 und Koch, P. u. Holthausen, H. (Individualversicherung Versicherungslehre 1, 2002),

S. 1-3.

[4] Vgl. Zweifel, P. u. Eisen, R. (Versicherungsökonomie, 2003), S. 47-49 und Koch, P. u. Holthausen, H.

(Individualversicherung Versicherungslehre 1, 2002), S. 6-8.

[5] Vgl. Holthausen, H. u.a. (Individualversicherung Versicherungslehre 2, 2002), S. 229.

[6] Vgl. Nell, M. (Das moralische Risiko und seine Erscheinungsformen, 1998), S. 10.

[7] hazard (engl.) = Gefahr, Risiko, Umstand, Zufall

[8] Wein, T. (Wirkungen der Deregulierung im deutschen Versicherungsmarkt, 2001), S. 11.

[9] Vgl. Ebd., S. 11-12.

[10] Vgl. Ebd., S. 12ff.

[11] Koch, P. u. Holthausen, H. (Individualversicherung Versicherungslehre 1, 2002). S. 14.

[12] Vgl. Wein, T. (Wirkungen der Deregulierung im deutschen Versicherungsmarkt, 2001), S. 12-13.

[13] Vgl. Seidel, H. u. Temmen, R. (Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, 2002), S. 118-119 und. Grill, W.

u.a. (Allgemeine Wirtschaftslehre, 2002), S. 324-325.

[14] Vgl. Fritsch, M. u.a. (Marktversagen und Wirtschaftspolitik, 2003), S. 278ff. und Zweifel, P. u.

Eisen, R. (Versicherungsökonomie, 2003), S. 293ff.

[15] Vgl. Fritsch, M. u.a. (Marktversagen und Wirtschaftspolitik, 2003), S278ff.

[16] Vgl. Zweifel, P. u. Eisen, R. (Versicherungsökonomie, 2003), S. 190 ff, Wein, T. (Wirkungen der

Deregulierung im deutschen Versicherungsmarkt, 2001), S. 48ff und Fritsch, M. u.a. (Marktversagen

und Wirtschaftspolitik, 2003), S. 290-291.

[17] Vgl. dazu ausführlich Ebd., S. 291-294, Zweifel, P. u. Eisen, R. (Versicherungsökonomie, 2003),

S. 294ff und Varian, H.R., (Grundzüge der Mikroökonomik, 2004), S. 690ff.

Details

Seiten
49
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638436199
Dateigröße
703 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46424
Institution / Hochschule
Leibniz Akademie Hannover - Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Hannover
Note
sehr gut (1,3)
Schlagworte
Informationsasymmetrien Versicherungswirtschaft Eine Untersuchung Arten Ursachen Bekämpfungsmöglichkeiten

Autor

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Titel: Informationsasymmetrien in der Versicherungswirtschaft - Eine ökonomische Untersuchung über Arten, Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten