Lade Inhalt...

Wie bewirkt die Herrschaftslegitimation das Lagerwesen?

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Aktueller Forschungsstand

3 Theoretische Konzepte
3.1 Herrschaftslegitimation
3.2 Repression als „die dritte Säule autokratischer Stabilität“ nach J. Gerschewski
3.3 Totalitarismus und Lagersystem nach H. Arendt

4 Empirische Analyse
4.1 Nordkorea
4.2 Russland
4.3 Belarus

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diktaturen verfügten schon immer über eine starke Repressionsmaschinerie zum Nutzen der Regimestabilisierung. Die Repressionsmethoden sind mannigfaltig und unterscheiden sich sehr oft vom Land zu Land, auch entsprechend zu dem Typ des jeweiligen diktatorischen Regimes.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Herrschaftslegitimation autokratischer Regime und ihrer Auswirkung auf das Lagerwesen. Der Forschungsfrage liegt die Annahme zugrunde, dass diejenigen Diktaturen, die sich durch eine starke ideologische Basis legitimieren, in der Regel einen starken Hang zum Lagersystem aufweisen. Daraus ergibt sich die Vermutung, dass nur die totalitären Systeme ein Lagerwesen aufweisen. Doch was ist eigentlich Totalitarismus? Und wodurch unterscheidet er sich von den anderen autokratischen Regimetypen?

Dazu findet sich bei Juan Linz: „der grundsätzliche Unterschied zwischen autoritären Regimen und totalitären Regimen ist wahrscheinlich in der Tatsache zu suchen, dass ohne eine Ideologie, die der autoritären Herrschaft Bedeutung und Zweck verleiht, und ohne eine utopische Verpflichtung auf Veränderungen und Wandel der Gesellschaft, die eher private Sphäre der meisten Menschen im autoritären Regime unkontrolliert bleiben wird“ (Linz 1999: 540). Laut U. Backes können als totalitär jene autokratischen, d. h. hierarchisch-unkontrollierten, machtkonzentrierenden Herrschaftssysteme gelten, die über eine ideokratische Herrschaftslegitimation verfügen und mithin auf der Grundlage eines alle Lebensbereiche umfassenden Orientierungssystems mit exklusivem Geltungs-, Erklärungs- und Deutungsanspruch einen unbegrenzten Herrschaftsanspruch formulieren und diesen in umfassender Weise umsetzen – insbesondere durch die gelenkte Mobilisierung der Bevölkerung, eine strenge Kommunikationskontrolle und die weitgehende Vernichtung des politischen, sozialen und kulturellen Pluralismus (Backes 2007: 625). Demnach, wenn man Autokratie-Typen nach der Herrschaftslegitimation unterscheidet, ist Totalitarismus als eine Form der Ideokratie zu bezeichnen (ebd.). Diese Herrschaftsform zeichnet sich durch einen unbegrenzten Herrschaftsanspruch aus und legitimiert sich aufgrund einer verbindlichen Staatsreligion oder einer Staatsideologie.

Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, festzustellen, ob es tatsächlich Lager nur in Ideokratien gibt. Mit anderen Worten: es soll überprüft werden, ob ausschließlich Totalitarismen über Lagersysteme verfügen können oder auch Autoritarismen.

Die empirische Analyse erfolgt in Form eines deskriptiven Vergleichs dreier Länder, die dabei verschiedene Autokratietypen vorstellen: Nordkorea, Russland sowie Belarus. Im Fall von Nordkorea haben wir es mit einem totalitären Regime zu tun; die beiden anderen Länderbeispiele sind als Autoritarismen einzuordnen.Eine abschließende Betrachtung wird versuchen, aufgrund von gewonnenen Ergebnissen des Ländervergleichs die aufgeworfene Forschungsfrage zu beantworten.

2 Aktueller Forschungsstand

Das US-Außenministerium und Menschenrechtsgruppen haben die Existenz von nordkoreanischen Zwangsarbeitslagern anhand von Satellitenfotos und Interviews mit Augenzeugen nachgewiesen. Heutzutage gibt es weltweit 26 solche Augenzeugen. Trotzdem bestreitet die nordkoreanische Regierung das Vorhandensein der Lager auf dem Territorium Nordkoreas.

Laut Menschenrechtsgruppen und US-Außenministerium werden ungefähr 150.000 bis 200.000 Häftlinge sechs Lagern festgehalten. Die Zwangsarbeitslager sind unterschiedlich groß: jeweils von 5.000 bis 50.000 Lagerinsassen. Laut südkoreanischem Geheimdienst und Menschenrechtsgruppen ist das größte Lager 50 Kilometer lang und 40 Kilometer breit.

Im Jahre 2011 hat Amnesty International neue Bauten in den schon vorhandenen Lager gefunden. Davon ausgehend wird vermutet, dass die Zahl der Häftlinge demnächst steigen soll. Bis jetzt gibt es nur einen einzigen bekannten Lagerfluchtversuch, der gelungen ist. Am 02.01.2005 gelang es dem 23-jährigen Shin Dong-hyuk, aus dem Lager №14 „Bezirk der absoluten Kontrolle“ zu fliehen. Die Repressionsmaschine Russlands zeichnet sich durch zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und politische Verfolgungen der Oppositionellen und Andersdenkenden aus. In der Literatur gibt es heute nicht genügend Informationen über die speziellen Abteilungen von Inlandsgeheimdienst FSB und seine Aufgaben.

Eine ähnliche Situation lässt sich auch in Belarus beobachten. Die Mehrzahl der Berichterstattungen dort handelt von einzelnen politischen Repressionen und Menschenrechtsverletzungen, insbesondere im Bezug auf die Anti-Lukaschenko-Demonstrationen von 2006. Eine tiefere Aufarbeitung des Regimes in der Literatur scheitert teilweise an den Informationsdefiziten im Themenbereich weißrussischer KGB.

3 Theoretische Konzepte

3.1 Herrschaftslegitimation

Wolfgang Merkel schlägt vor, die politischen Systeme nach ihrer Herrschaftslegitimation zu unterscheiden, dem Selbstverständnis der Regierenden; dem Herrschaftszugang, der Art der Auswahl der Regierenden; dem Herrschaftsmonopol, d.h. der Akteure der Herrschaftsausübung; der Herrschaftsstruktur, d.h. der Organisation des Herrschaftsapparats sowie dem Herrschaftsanspruch und der Herrschaftsweise, d.h. der Art der Herrschaftsausübung.

Unter Herrschaftslegitimation versteht man „die ideelle Grundlage der Herrschaft, jene Werte, Vorstellungen und Orientierungen, aus denen die Herrschenden die Maximen ihres Handelns ableiten“ (Backes 2007: 616). Dabei stützt sich die Herrschaftslegitimation oft auf Tradition, Religion, Mentalität, Ideologie, Feindbilder oder Personenkult. Sie bildet den Schlüssel für die systemische Unterscheidung von vier Autokratietypen: Despotie, Ideokratie, Absolutismus und Autokratie (ebd.: 617).

3.2 Repression als „die dritte Säule autokratischer Stabilität“ nach J.Gerschewski

Jedes autokratische Regime sorgt für eigene Systemstabilität mithilfe von verschiedenen Mitteln. J. Gerschewski meint, dass die Interaktionsbeziehungen zwischen den Herrschenden und den Herrschaftsunterworfenen eine entscheidende Rolle für die Stabilität autokratischer Regime spielen, vor allem in den drei Funktionsbereichen: Legitimation, Kooptation und Repression. Im Folgenden werden sie als „drei Säulen autokratischer Stabilität“ von ihm bezeichnet (Gerschewski 2012: 2). Zwischen ihnen besteht nach der Auffassung von J. Gerschewski eine komplementäre Beziehung, d.h. die drei Säulen autokratischer Stabilität bewirken sich gegenseitig.

Dabei entspricht jeder Säule jeweils ein Unterstützungsmotiv, zum Beispiel ist die Grundlage der Legitimation der Glaube an die Rechtmäßigkeit des Regimes. Kooptation fußt auf dem nutzenmaximierenden Akteur, während Repression auf der Angst vor Sanktionsmaßnahmen basiert (ebd.: 12).

Für die vorliegende Arbeit ist nur die dritte Säule autokratischer Stabilität relevant, nämlich die Repression. Unter Repression wird laut J. Gerschewski „den von einem Regime ausgeübten oder angedrohten Gebrauch von Sanktionen gegenüber einem Individuum oder einer Organisation“ verstanden (ebd.).

3.3 Totalitarismus und Lagersystem nach H. Arendt

Die theoretische Grundlage für die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit bildet das philosophisch-politische Werk von Hannah Arendt, „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Im dritten Teil ihres Buches namens „Totalitäre Bewegung und totale Herrschaft“ wirft die Philosophin die Frage nach dem Wesen totaler Herrschaft auf.

Diese zentrale Frage ihres philosophisch-politischen Werkes beantwortet H. Arendt mit dem folgenden berühmten Satz: „Das Wesen totalitärer Herrschaft ist Terror“ (Arendt 1962: 680). Nach ihrer Auffassung scheidet Terror die Individuen aus um der Gattung willen, opfert Menschen um der Menschheit willen, und zwar nicht nur jene, die grundsätzlich seine Opfer werden, sondern grundsätzlich alle (ebd.: 681). Damit beweist die berühmte Philosophin, dass grundsätzlich jeder Mensch ohne Ausnahme ein potenzielles Opfer in einem totalitären System werden kann.

Der entwurzelte moderne Massenmensch traut seiner eigenen Urteilskraft nicht mehr und wird so Opfer der totalitären Propaganda und ihrer ideologisch-fiktiven Weltsicht. Wer sich dieser einheitlichen Ideologie widersetzt, ist dem Terror durch Staatsapparat und Geheimpolizei ausgesetzt (Basier 2006: 684).

Wie es schon angedeutet wurde, bildet die totalitäre Ideologie die Grundlage für die totalitäre Herrschaft. Das „eigentliche Ziel der totalitären Ideologie ist […] Transformation der menschlichen Natur selbst, die so wie sie ist, sich dauernd dem totalitären Prozess entgegen stellt. Um diese Transformation handelt es sich in den Konzentrationslagern“ (Arendt 1962: 670). Den Menschen total zu beherrschen ist nicht so einfach, dafür braucht man ein etabliertes System, in dem diese der Natur des Menschen widrige Transformation erfolgen kann.

Dieses System kann nur ein Lagersystem sein, da die „[...] in den Lagern etablierte Gesellschaft des Sterbens die einzige Form ist, in der es gelingen kann, sich des Menschen total zu bemächtigen“, so H. Arendt (ebd.: 666). Demzufolge dienen die Konzentrations- und Vernichtungslager dem totalen Herrschaftsapparat als Laboratorien, in denen experimentiert wird, ob der fundamentale Anspruch der totalitären Systeme, dass die Menschen total beherrschbar sind, zutreffend ist (ebd.: 644).

So lässt sich feststellen, dass Totalitarismus eng mit dem Lagerwesen verknüpft ist und ein totalitäres System die Lager benötigt, denn „[...] diese Lager sind […] die eigentliche zentrale Institution des totalen Macht- und Organisationsapparats“ (ebd.: 645). Und somit werden die Konzentrationslager in diesem Zusammenhang zur „konsequentesten Institution totaler Herrschaft“ (ebd.: 648).

4 Empirische Analyse

Im praktischen Teil dieser Arbeit wird geprüft, ob ausschließlich totalitäre Regime über Lagersyteme verfügen. Die Methode der empirischen Analyse ist ein deskriptiver Ländervergleich aufgrund von Ländercharakteristika. Dafür sind drei Vergleichsfälle hinsichtlich ihrer Herrschaftslegitimation ausgewählt worden, nämlich Nordkorea als Ideokratie, Russland als elektorale Autokratie, und Belarus als starke Autokratie. Die Ländercharakteristika erfolgt anhand von folgenden Kategorien: Feindgruppen, Kontrollmittel, Strafmittel, Inhaftierung, Todesstrafe und Zwangsarbeitslager.

4.1 Nordkorea

Nordkorea gilt als Beispiel einer Ideokratie und weist demzufolge alle Züge eines totalitären Regimes nach Carl Joachim Friedrich auf, nämlich: utopische Ideologie, Massenpartei, terroristische Geheimpolizei, Nachrichtenmonopol, Waffenmonopol und Wirtschaftsmonopol (Friedrich 1999: 230). Am Beispiel von Nordkorea sieht es folgendermaßen aus: Juche als Staatsideologie, kommunistische Massenpartei, Geheimdienst, massive Propaganda und Nachrichtenmonopol, Waffenmonopol, Wirtschaftsmonopol in Form von einer zentral gelenkten Planwirtschaft. Als zentrale Instrumente der Herrschaftsausübung nennt C. J. Friedrich die Massenpartei, die Geheimpolizei, das Nachrichtenmonopol und die Lenkung der Wirtschaft (Basier 2006: 686). Wie es schon gezeigt wurde, sind diese im nordkoreanischen ideokratischen Staat vorhanden.

Auch die totalitären Charakteristika nach Juan Linz sind in Nordkorea erfüllt, und zwar ein monistisches Machtzentrum, eine verbindliche Staatreligion, nämlich Konfuzianismus, eine Staatsideologie, Massenmobilisierung und Militarisierung der Bevölkerung (Andersen 1985: 44). Nordkorea als ein sozialistischer Staat ist auf einer Juche-Ideologie aufgebaut, die aus drei Teilen besteht, nämlich aus einer persönlichen Verehrung von Kim-Il Sung und seiner Familie; aus den durch wissenschaftliche Beweise untermauerten sozialistischen Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit, also aus kommunistischer Ideologie, und als Drittes aus einem nationalistischen Ideengut unter Rückgriff auf die Vergangenheit und die gegenwärtige außenpolitische Bedrohungssituation (Frank 2008: 374).

Wie in jedem kommunistischen Staat gelten in Nordkorea als die wichtigsten inneren Feindgruppen die sogennanten „Klassenfeinde“, die zu vernichten sind. Kim-Il Sung hat sich diesbezüglich auf folgende Weise geäußert: „Klassenfeinde müssen ohne Ansehung der Person bis ins dritte Glied ausgemerzt werden “ (Harden 2012: 21). Demnach erfolgt die Inhaftierung als zentrales Repressionsmittel in Form von Sippenhaft. Das bedeutet, dass die Familienmitglieder (die sogenannte Sippe) für die die Taten ihrer Angehörigen haften. In Nordkorea reicht diese Sippenhaft bis in die dritte Generation hinein.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668932463
ISBN (Buch)
9783668932470
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464260
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Schlagworte
herrschaftslegitimation lagerwesen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Wie bewirkt die Herrschaftslegitimation das Lagerwesen?