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Die Rolle des Iblis im Sufismus

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Iblis – Grundlagen und erste Quellen
2.1. Iblis im Koran
2.2. Iblis in den Ahadith
2.3. Die Rolle des Iblis im Islam

3. Iblis im Sufismus
3.1. Iblis als Teil des Menschen selbst
3.2. Das Eingreifen des Iblis in das menschliche Handeln
3.3. Iblis als Sünder: Stolz und Ungehorsam
3.4. Iblis als Modellcharakter des Mystikers

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Weblinks

1. Einführung

Das Böse als personifizierte Kraft ist in allen abrahamitischen Religionen bekannt. Während das Judentum zwar schon in frühen Quellen über dämonologische Ausarbeitungen verfügt, wird der Satansbegriff im Alten Testament noch vielseitig und nicht zwingend religiös belegt verwendet und findet selten eine direkte Erwähnung. Apokryphe Quellen und spätere christliche Lehren hingegen haben dieses Bild weiterentwickelt und den Luzifer -Mythos geschaffen. Diese narrative Figur ist im Islam unter dem Namen Iblis bekannt und bereits mehrfach im Koran erwähnt.

In dieser Arbeit sollen nicht nur die Grundzüge des im Islam beschriebenen Iblis vorgestellt werden; vielmehr ist es die Absicht der Autorin, seine spezifische Rolle in der islamischen Mystik, dem Sufismus zu beleuchten.

2. Iblis– Grundlagen und erste Quellen

Die literarischen Grundlagen zur Figur des Iblis sind im Vergleich zu christlichen Quellen zum gleichen Thema deutlich solider. Der Name wird insgesamt 16 Mal erwähnt, dabei am Häufigsten in den Suren 2, 7, 15, 17, 26 und 38. In diesen Texten findet wiederholt die Erschaffung Adams und die Weigerung des Iblis, sich vor Allahs Schöpfung zu verbeugen Erwähnung. Es wird angenommen, dass das Wort von der arabischen Wurzel ب ل س abgeleitet wird.

2.1. Iblis im Koran

Die ausführlichste Beschreibung des Iblis findet sich in Sure 7:

„ U n d wir haben doch euch (Menschen) geschaffen. Hierauf gaben wir euch eine (ebenmäßige) Gestalt. Hierauf sagten wir zu den Engeln: „Werft euch vor Adam nieder.“ Da warfen sie sich (alle) nieder, außer Iblis. Er gehörte nicht zu denen, die sich niederwarfen. Gott (w. Er) sagte: „Was hinderte dich daran, dich niederzuwerfen, nachdem ich (es) dir befohlen habe?” Iblis (w. Er) sagte: „Ich bin besser als er. Mich hast du aus Feuer erschaffen, ihn (nur) aus Lehm.“ (Gott (w. Er) sagte: „Geh von ihm (d. h. vom Paradies) hinab auf die Erde! Du darfst darin nicht den Hochmütigen spielen! Geh hinaus! Du gehörst (künftig) zu denen , die gering geachtet sind.” 1

Viele der weiteren Koranpassagen enthalten mehr oder weniger identische Textstellen, die teils wörtlich übereinstimmen, aber dem Narrativ auch zusätzliche Elemente hinzufügen. So wird Iblis in Sure 7 als Engel unter Gleichrangigen präsentiert; in Sure 18 wird er jedoch explizit als Djinn bezeichnet.2 Sure 26, 95 beschreibt in knappen Zügen seine „Heerscharen“. Die Suren 23 und 154 fügen dem ihm attribuierten Stolz noch die Eigenschaften des Verfluchtseins und des Unglaubens hinzu.

2.2. Iblis in den Ahadith

Iblis wird namentlich in den Ahadith kaum erwähnt. So findet sich bei Al-Bukhari eine Erwähnung, bei Muslim wird der Name fünf Mal erwähnt.5

Diese Ahadith benutzen die Figur des Iblis ausschließlich als Gegner des Gläubigen in der narrativen Darstellung. Eine Weiterentwicklung dieser Figur im Sinne der Mystik ist hier noch nicht zu erkennen. Allerdings deuten sich hier schon erste Grundzüge einer grundsätzlichen Rollenbeschreibung an. So erwähnt Al-Bukhari den Namen Iblis synonym mit Unglaube und Falschheit.6 Muslim beschreibt ihn unter anderem als Angreifer des Propheten; in einem anderen Hadith beschreibt er die Umtriebigkeit des Iblis im Paradies bei Adams Erschaffung.7 Tatsächlich hat auch Awn herausgestellt, dass eine Bearbeitung der Ahadith in Hinsicht auf eine Quellensammlung zu Iblis in dieser Form noch nicht existiert.8 Erwähnungen unter anderen Begrifflichkeiten wie ash-Shaitan sind in den Ahadith, aber auch im Koran deutlich häufiger.9

2.3. Die Rolle des Iblis im Islam

Iblis als Figur des personifizierten Bösen hat sowohl in seiner Definition als auch in seiner Rollenbesetzung vielschichtig. Die Koranpassagen erwähnen ihn primär in seiner Rolle als verstoßener und ungehorsamer Engel, der seinen Status durch die Sünde des Stolzes und des Ungehorsams einbüßt.10 Das Narrativ des gefallenen Engels geht nur zu geringem Anteil auf biblische Quellen zurück; mehr dazu findet sich jedoch in apokryphen Texten aus der christlichen Frühgeschichte wie z.B. dem Buch Adams 11 und dem Buch Henoch 12 sowie späteren Erläuterungen christlicher Gelehrter wie z.B. Origenes13 und Tertullian14. Das im Laufe der Jahrhunderte entstandene Narrativ des ungehorsamen Engels, welcher erst spät den Namen Luzifer enthielt, wird in vielen Analysen als eine sehr wahrscheinliche Grundlage der Iblis -Beschreibungen aufgefasst.15

Eine der beiden Problematiken in der Betrachtung des Iblis ist die Frage seiner Abstammung: Ist er Djinn oder Engel? So erläutern Wensinck und Gardet, dass Iblis von verschiedene islamischen Gelehrten verschiedene Abstammungsgeschichten zugesprochen werden: Bei al-Zamakhshari wird er als Djinn aufgefasst, was ihn zur Sünde befähigt; der Begriff „Engel“ solle in diesem Kontext daher sowohl Engel als auch Djinn beschreiben.16 Al- Baydawi hingegen argumentiert, dass Iblis in seinen Wünschen einem Engel, jedoch in seinem Handeln einem Djinn entspräche.17 Andere Interpretationen setzen eine Engelskaste voraus, die zur Sünde befähigt sind; eine weitere Variante erzählt, wie Iblis als Djinn der Erde als Gefangener im Himmel unter den Engeln lebte und als Richter über die Djinn gehorsam diente bis zur Schöpfung des ersten Menschen.18

In der Mehrzahl widmen sich diese Erklärungsansätze der Diskrepanz zwischen dem zwingend vorausgesetzten Gehorsam der Engel und dem abweichenden Verhalten von Iblis der semantischen Ebene durch die Analyse der gewählten Begrifflichkeiten „Engel“ und „Djinn“ bzw. „Feuer“ (nar) und „Licht“ (nur).

Eine weitere Problemebene stellt die Frage nach dem Handeln des Iblis dar: was tut er, und zu welchem Zweck? Zuerst einmal lässt sich diese Frage anhand des Korans selbst beantworten: Er begeht die erste dokumentierte Sünde der Menschheitsgeschichte – Ungehorsam, verursacht durch seine prominente ungewöhnliche Charaktereigenschaft, den Stolz. In dieser Funktion als „erster Sünder“ dient er als Erklärungsmodell für die Sünde in der Welt. Durch seinen Sturz auf die Erde und die ihm durch Allah zugestandene Handlungsfreiheit dort ist er fähig, Menschen vom rechten Weg abzubringen. Erneut liefert der Koran die Erläuterung, welche Taten Iblis mit Allahs Einverständnis begehen wird:

„ Iblis (w. Er) sagte: „Gewähre mir Aufschub bis zu dem Tag, da sie (d. h. die Menschen) (vom Tod) erweckt (du zum Gericht versammelt) werden!“ Gott (w. Er) sagte: „Du sollst zu denen gehören, denen Aufschub gewährt wird.“ Er sagte: „Darum, daß du mich hast abirren lassen oder: „So wahr du mich hast abirren lassen?), will ich ihnen auf (?) deinem geraden Weg auflauern. Hierauf will ich von vorn und von hinten und zur Rechten und zur Linken über sie kommen (und sie ganz irremachen). Und du wirst finden, daß die meisten von ihnen nicht dankbar sind.“ Gott (w. Er) sagte: „Geh aus ihm hinaus! (Du sollst) verabscheut und verworfen (sein). Wer (auch immer) von ihnen dir folgt, die Hölle werde ich mit euch allen anfüllen.“ 19

In den folgenden Versen wird beschrieben, wie Iblis, noch immer im Paradies, Adam und Eva durch Lügen und Einflüsterungen verführt, vom verbotenen Baum zu essen, woraufhin auch sie auf die Erde verbannt werden.20 Ob diese räumliche Zuordnung jedoch korrekt ist, ist nicht abschließend beantwortet.21

Die Rolle als Einflüsterer und Verführer beschreibt jedoch nur einen Teil seines Wesens nach dem Fall. Weitet man die Analyse des Korans daraufhin aus, wie oft der Begriff „Satan“ benutzt wird, erhöht sich die Anzahl an Fundstellen sprunghaft.22 In den meisten Fällen ist diese Veränderung in der Terminologie dem Rollenbild des Iblis geschuldet, welcher bis zu seinem Fall noch seinen ursprünglichen Namen beibehält, nach seiner Verbannung jedoch als ash-Shaitan in eben dieser Verführerrolle auftritt.23

Es gibt jedoch ebenfalls Passagen, in denen zusätzliche Hinweise auf seine Natur gegeben werden. So dient er als stilistisches Vergleichsmittel in Sure 2, Vers 275 um das Verbot des Zinsnehmens zu erläutern. In Sure 4, Vers 117, wird er gleichbedeutend mit Götzendienst angesprochen. Sure 5, 90 und 91 spricht ihn im Kontext des Glücksspiels und der Trunkenheit an. In Sure 17, 27 werden die Verschwender ihm gleichgesetzt. Sure 17, 53 hebt nochmals die bereits frühzeitig angedeutete Rolle als Feind des Menschen hervor, indem sie ausführt, dass ash-Shaitan Zwietracht in die Herzen der Menschen sät. In Sure 25, 29 wird er gemäß seiner Eigenschaft als Enttäuscher als derjenige beschrieben, beschrieben, der den Menschen stets im Stich lässt. In Sure 31, 21 findet sich der Hinweis auf seine strafende Rolle in der Hölle.

Weiterführende Literatur hingegen erweitert das Rollenspektrum, indem die Aufgaben und die Einflussmöglichkeiten des Iblis weiter differenziert. Insbesondere die Ahadith weisen Iblis in seiner Rolle als ash- Shaitan drei erkennbare Einfluss-Sphären zu: die Fähigkeit, mit dem Menschen durch seine Psyche zu interagieren, Eingriffe in die Handlungen und physischen Prozesse des Menschen, und eine erhöhte Macht zur Ausübung dieser Möglichkeiten während der Dämmerung und Nacht.24

Die Fähigkeiten des Iblis zur Einflussname auf den Menschen werden teilweise genauer ausdefiniert: So beschreibt Muslim seine Fähigkeit, jede beliebige Gestalt anzunehmen; so kann er sich zum Beispiel in Tiere verwandeln, aber auch in der Gestalt eines wissenssuchenden Gläubigen aufzutreten, um diesen durch Sophisterei zu verwirren. Ebenfalls wird ihm die Macht über die Träume zugestanden, in denen er als geliebter Mensch erscheint.25 Muslim sowie Al-Bukhari erläutern des Weiteren die Absichten und Möglichkeiten, das Gebet des Gläubigen sowohl psychisch als auch physikalisch durch Ablenkung und Verwirrung zu unterbrechen.26 Die besonders auffällige Formulierung, ash-Shaitan sei in der Lage, als schwarzer Hund in diesem Kontext zu erscheinen, ist insofern beachtenswert, als dass dieses Bild sich auch in sufischen Beschreibungen wiederfindet.

[...]


1 Alle Koranzitate nach: Der Koran, übersetzt von Rudi Paret, 12. Auflage, Stuttgart: Kohlhammer 2014, 7, 11-13.

2 De r Koran, 18, 50.

3 De r Koran, 2, 34.

4 De r Koran, 15, 34.

5 “Suche in Koran und Hadith” Kirche & Theologie im Web, Zugriffsdatum 28.09.2017, http://www.theology.de/schriften/koran/sucheinkoranhadith.php#03451d9b830c5db0c.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Peter J. Awn, Satan’s Tragedy and Redemption: Iblis in Sufi Psychology (Niederlande: Leiden, Brill, 1983), 45.

9 Ebd., 46.

10 A. J. Wensinck, und I. Gardet, „Iblis.“, Encyclopedia of Islam, 2. Edition, Brill Online Reference Works, Zugriffsdatum 25.09.2017, http://referenceworks.brillonline.com/entries/encyclopaedia-of-islam-2/iblis-SIM_3021.

11 Florian Theobald, Teufel, Tod und Trauer: Der Satan im Johannesevangelium und seine Vorgeschichte (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2015), 70.

12 Monika Elisabeth Götte, Von den Wächtern zu Adam: Frühjüdische Mythen über die Ursprünge des Bösen und ihre frühchristliche Rezeption. (Tübingen: Mohe Siebeck, 2016), 16.

13 Ebd., 150-1.

14 Peter-André Alt, Ästhetik des Bösen (München: C. H. Beck, 2011), 33.

15 Götte, Von den Wächtern zu Adam, 231.

16 Wensinck und Gardet, „Iblis.“.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 De r Koran, 7, 14-18.

20 De r Koran, 7, 19-25.

21 Anmerkung der Autorin: In verschiedenen Quellen wird an dieser Stelle korrekterweise hinterfragt, wie die Kommunikation zwischen Iblis und Eva vollzogen wird, da der Befehl Allahs, ihn aus dem Paradies zu verbannen bereits ergangen ist, aber sein Aufenthaltsort nicht genannt wird. Ob Iblis und Eva sich räumlich am selben Ort befinden oder die Kommunikation disloziert stattfindet, ist daher Gegenstand theologischer Interpretationen.

22 Awn, Satan’s Tragedy and Redemption, 19.

23 Ebd.

24 Ebd., 46.

25 Ebd., 49.

26 Ebd., 51.

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668911635
ISBN (Buch)
9783668911642
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464274
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – CERES
Note
1,3
Schlagworte
Iblis Satan Teufel Sufis Sufismus Mystik

Autor

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