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Biozentristischer Standpunkt zur gentechnisch-modifizierten blinden Legehenne

Seminararbeit 2017 14 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhalt

1 Umweltethische Konzeptionen

2 Gentechnisch veränderte blinde Legehennen

3 Taylors egalitärer Biozentrismus

4 Biozentristischer Standpunkt zur blinden Legehenne

5 Schlusswort

6 Literaturverzeichnis

1 Umweltethische Konzeptionen

Die Umweltethik ist ein Themenbereich der praktischen Philosophie, die sich mit den postindustriellen Problemen beschäftigt. Z. B. wie kann Fortschritt, mit einhergehender Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch mit Umwelt-schutz harmonisiert werden. Welche Teile der Umwelt sind schützenswert und was ist als Umwelt oder Natur definiert? Diese Fragen sollen mit der Umweltethik beantwortet werden. In dieser Arbeit möchte ich Pro und Kontra der gentechnisch-modifizierten blinden Legehenne darstellen und mit dem egalitären Bi ozentrismus von Paul W. Taylor betrachten.

In der Umweltethik bekommen natürliche Entitäten oder Systeme Eigenwerte unterschiedlich zugeschrieben. Je nach Stärke oder Abstufung der Eigenwerte ergeben sich verschiedene Konzeptionen, eine von denen ist der Biozentrismus. Die Konzeptionen sind genauso überschneidend wie die Frage, wo ein Ökosystem anfängt oder aufhört (Vgl. Ott et al. 2016, S. 7)?

Die Konzeptionen sind den Überbegriffen Anthropozentrismus und Physiozentrismus zuzuordnen. Der Anthropozentrismus schreibt nur dem Menschen einen moralischen Eigenwert zu. Der Physiozentrismus weitet die Eigenwertzuteilung auf andere Entitäten aus. Die Konzeptionen des Physiozentrismus sind: Pathozentrismus bzw. Sentientismus, Biozentrismus, Ökozentrismus und Holismus (Vgl. Ott et al. 2016, S. 11). Man bekommt eine gute bildliche Darstellung der Konzeptionen, wenn sie als Schalen einer Zwiebel gedacht werden. Der Anthropozentrismus bildet den Kern der Zwiebel und die Schalen gehen bis zum Holismus, der die äußerste Schale bildet (Vgl. Gorke 2000, S. 88). Die Konzeptionen beschreibe ich geometrisch von innen nach außen.

Im Anthropozentrismus hat nur der Mensch einen inhärenten moralischen Eigenwert. Die Natur bzw. Lebewesen (Entitäten) bekommen einen Eigenwert aus ästhetischen oder nützlichen Gründen zugeschrieben. Demnach bekommen sie nur einen Eigenwert, wenn dieser instrumentell1 oder eudämonistisch2 nützlich ist (Vgl. Ott et al. 2016, S. 11 f.). Z. B. ist eine schädliche Handlung gegen Tieren nach Kant nur schlecht für die menschliche Moral, weil diese dadurch verroht und wer bewusst gewalttätig gegenüber Tieren ist, der kann leicht die Grenze überschreiten einen Menschen zu schädigen (Vgl. Kant 1924, S. 302 ff.). Der inhärente Eigenwert des Menschen im Anthropozentrismus stammt aus seiner Rationalität und Vernunftbegabung. Natur und Lebewesen besitzen deshalb keinen inhärenten Eigenwert (Vgl. Gorke 2000, S. 87). Deswegen wurde die Umweltethik um die folgenden Konzeptionen erweitert, in denen auch andere Entitäten einen inhärenten Eigenwert zugeschrieben bekommen.

Die nächste Schale der Zwiebel ist der Pathozentrismus, dieser gestattet allen schmerzempfindlichen Lebewesen einen Eigenwert. Allerdings ist der Begriff Sentientismus für diese Konzeption besser geeignet, denn nicht nur Schmerzen werden empfunden, sondern es geht um das reine Empfinden bzw. Fühlen (Vgl. Palmer et al. 2014, S. 426). Aus utilitaristisch-konsequentialitischem Gründen können Probleme entstehen, z. B.: Der Tod einer Person könnte für Beteiligte eine Erlösung sein und sie vom Leid befreien, demnach hätten mehrere Personen einen Nutzen davon und die Person sollte getötet werden (Vgl. Regan 1997, S. 40 f.). Empfindungsfreie Lebewesen oder natürliche Systeme werden in dieser Konzeption nicht berücksichtigt.

Die nächste Zwiebelschale ist der Biozentrismus. In dieser Konzeption bekommen alle zielgerichteten, wenn auch unbewusst zielgerichteten, Lebewesen einen inhärenten Eigenwert. Also auch Pflanzen und niedere Organismen wie Bakterien etc., denn sie besitzen eine innere Zielgerichtetheit. Diese ist z. B. die Sonnenausrichtung einer Pflanze oder Wachstum generell (Vgl. Taylor 1986, S. 44 f.). Diese Konzeption werde ich im dritten Kapitel ausführlicher erklären.

Ganze Ökosysteme bekommen im Ökozentrismus einen inhärenten Eigenwert zugeschrieben. Denn Systeme als Ganzes sind wichtig und die Auswirkungen von Schäden können ungeahnte Folgen nach sich ziehen (Vgl. Palmer et al. 2014, S. 427 f.).

Die letzte Konzeption und damit äußerste Schale der Zwiebel ist der Holismus. Martin Gorke (2000, S. 88) nennt es „eine uneingeschränkte moralische Berücksichtigung“. Alles ist inhärent wertvoll. Alle Entitäten existieren und diese Existenz ist Grund genug für eine moralische Berücksichtigung. Entitäten sind keine Instrumente, die nur Nutzen für Andere erzeugen (Vgl. Gorke 2000, S. 88).

Über die Umweltethik wurden viele Bücher von unterschiedlichen Autoren verfasst. Aus den Texten gehen die verschiedenen Konzeptionen hervor. Je nach Meinung des Verfassers sind die Gedanken-Konstrukte über die Vergabe von Eigenwerten unterschiedlich stark ausgeprägt. Das Grundgerüst bilden die von mir beschriebenen Konzeptionen, jedoch kann keine klare Grenze gezogen werden und sie überschneiden sich teilweise. Außerdem kann die Eigenwert-Zuschreibung egalitär oder hierarchisch eingeteilt sowie deontologisch, kantianisch, utilitaristisch oder tugendhaft begründet sein (Vgl. Palmer et al. 2014, S. 430).

2 Gentechnisch veränderte blinde Legehennen

Die Haltung von Legehennen in Ei-Produktionsstätten ist verschieden. Sie werden in Käfigen gehalten, in denen sie eingezwängt sind. Oder sie werden in Hallen gehalten, in denen sie dicht an dicht in großen Herden leben. Und es gibt die Freilandhaltung, wo sie sogar Auslauf haben. Dabei entsteht selbst in der Freilandhaltung ein Konflikt mit ihren Artgenossen. Die Legehennen verletzen sich durch Gefiederpicken und es kommt sogar zum Kannibalismus. Alle drei Konzepte stehen in der Kritik, denn keine bisherige Haltung ist artgerecht. Jedes Legehennen-System hat seine Vor- und Nachteile, aber letztendlich leiden viele Hennen in allen Haltungen (Vgl. Sandøe 2014, S. 2).

Der ursprüngliche Lebensstil einer Henne unterscheidet sich von den heutigen Formen der Haltung. Die Wahrnehmung der komplexen unnatürlichen Umwelt reizt die Legehennen. Deshalb haben sie Verhaltensstörungen, die schädlich für ihr Wohlergehen sind. Die Wahrnehmung erfolgt optisch über den Blickkontakt zwischen den Legehennen (Vgl. Sandøe 2014, S. 2).

1985 veröffentlichten die kanadischen Forscher Cheng und Ali einen Artikel, der die Lösung des Problems enthält. Die Legehennen sind sozial kompatibler, wenn sie blind sind. Sie können durch eine genetische Modifikation blind geboren werden. Das hätte zur Folge, das nicht nur das Verhalten zueinander besser ist, sondern durch die Minderung der optischen Kommunikation das Stressniveau sinkt, wodurch sogar die Eiproduktion gesteigert werden kann (Vgl. Sandøe 2014, S. 2).

Die utilitaristische Sicht verpflichtet eigentlich dazu, nur noch blinde Legehennen für die Eiproduktion zu nutzen (Vgl. Sandøe 2014, S. 3). Die Problematik hierbei ist, dass die Legehenne nicht das Problem ist, sondern wie Legehennen gehalten werden. Mit den blinden Legehennen wird nur das Symptom behandelt. Deshalb sollte die blinde Legehenne keine bessere Alternative sein, denn das eigentliche Problem wird nicht bekämpft (Vgl. Sandøe 2014, S. 5). Welchen Standpunkt nimmt der Biozentrismus zu diesem Thema ein? Dazu beschreibe ich diesen im nächsten Kapitel und argumentiere anhand dessen Standpunkt.

3 Taylors egalitärer Biozentrismus

Mit der chemischen und biologischen Forschung wurde ein Wissen über natürliche systemische Abläufe und Entitäten geschaffen. Dieses zeigt wie wichtig Beziehungen zwischen Tier und Umwelt für die Menschheit sind. Die Beziehungen können sehr komplex sein und erzeugen wiederum Unwissen, welches erforscht werden kann. Deshalb lernt ein Wissenschaftler sein Forschungsgebiet zu schätzen. Ebenfalls Laien können fasziniert sein und stehen, auch wenn sie es nicht sind, mit guten sowie schlechten Veränderungen in der Umwelt in Verbindung. Man sollte sich in Entitäten hineinversetzen, um die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten. Entitäten haben ihre Zielgerichtetheit und damit ihren Eigenwert. Die Selbsterhaltung und die Realisierung ihres Wohlergehens, auf ihre individuelle Weise, ist ihre Zielgerichtetheit (Vgl. Taylor 1986, S. 119 ff.). Der egalitäre Biozentrismus ist eine Konzeption, die so auch niederen Wesen einen inhärenten Eigenwert zuteilt.

Die Meritokratie3 ist nach Taylors Meinung unfair. Die Art von Dienst, Verdienst, Status oder Nutzen einer Entität, darf nicht ausschlaggebend für ihren Eigenwert sein. Des Weiteren ist es unfair, Entitäten einen Eigenwert zu geben, auf der Grundlage, dass sie in eine bestimmte Art hineingeboren wurden. Aus diesem Grund ist Taylors biozentristische Einstellung egalitär. Jede Art ist gleich in Bezug auf ihren inhärenten Eigenwert (Vgl. Taylor 1981, S. 214). Der Mensch ist ebenfalls nur eine Art, die ein kontingentes Sein auf diesem Planeten hat. Seine Apotheose durch Bewusstsein, Überlegenheit und Intelligenz ist nicht legitim, er sollte nicht entscheiden dürfen welche Art wieviel Eigenwert hat. Denn der Fakt, dass die Existenz der Arten auf der Erde arbiträr ist, gibt allen den gleichen inhärenten Eigenwert (Vgl. Taylor 1981, S. 201).

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1 Eigenwert der Natur entsteht durch den Nutzen als Instrument.

2 Eigenwert der Natur entsteht durch den „schöngeistigen“, ästhetischen Nutzen.

3 Eine Herrschaftsform in der Positionen nach Leistungen/Verdiensten vergeben werden.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668937642
ISBN (Buch)
9783668937659
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464371
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
biozentristischer standpunkt legehenne

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Titel: Biozentristischer Standpunkt zur gentechnisch-modifizierten blinden Legehenne