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Heimat. Untersuchung eines viel diskutierten Begriffs

Hausarbeit 2018 23 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Heimat im Roman
2.1. Erinnerung und Heimat
2.2. Heimat – vielseitige Bedeutungen

3. Heimat– ein differenziert diskutierter Begriff
3.1. Definitionsversuche
3.2 Über den Verlust von Heimat
3.3 Heimat als Spielball in der Geschichte

4. Fazit

1. Einleitung

„Wann geht es für dich in die Heimat?“, „Endlich in der Heimat“, oder „Hier riecht es wie in der Heimat“ sind Sätze, die jedem von uns bekannt sind. Nicht selten verwenden wir den Begriff der „Heimat“ und jeder von uns weiß für sich, was er damit meint. Jeder weiß es für sich, doch gibt es eine genaue Definition von dem, was wir als Heimat benennen? Ist es vielleicht ein Ort, oder ein Gefühl? Vielleicht sind es auch Personen und egal wo diese Personen sind, da ist Heimat? Können es Gegenstände, Gerüche oder Empfindungen sein? Ist es eines von den genannten Dingen, oder ist es etwas, dass wir so noch gar nicht kennen? Ist es die Gesamtheit des genannten? Kann Heimat verschiedene Dinge bedeuten? In der folgenden Arbeit soll deutlich werden, wie die Personen des Romans Heimatmuseum von Siegfried Lentz den Heimatbegriff verstehen und was ihr Verständnis zu diesem Begriff beeinflusst. Außerdem wird der Heimatbegriff in Verbindung mit den historischen Umständen gebracht, beispielsweise durch Erzählungen von Menschen, die den Verlust ihrer eigenen Heimat im Nationalsozialismus erfahren haben. Heimat wurde und wird sogar heute nicht nur individuell gedacht und im historischen Kontext beleuchtet, sondern aktuell auch im politischen Kontext kontrovers diskutiert. Die Veränderung des Begriffes und seine Bedeutung im Laufe der Jahre ist nicht nur spannend, sondern auch im Hinblick darauf, dass Sigfried Lenz es in seinem Roman „Heimatmuseum“ von 1978 geschafft hat, durch die handelnden Figuren zu zeigen, wie multidimensional der Heimatbegriff eigentlich ist, dass es sowohl etwas Starres, als auch etwas Wandelbares sein kann, dass es sowohl positiv als auch negativ gedacht werden muss. An dieser Stelle ist das Erscheinungsjahr des Romans von wichtiger Bedeutung. Rund 50 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus lohnt es sich noch einmal, einen Blick auf den Heimatbegriff zu werfen. Heute wissen wir, dass viele Menschen während des Krieges ihre Heimat zurücklassen mussten, sie diese durch Verfolgung verloren haben oder gezwungen wurden, sie aufzugeben. Nun ist es interessant zu hinterfragen, was diese Menschen heute mit dem Heimatbegriff verbinden, was der Begriff für sie bedeutet und ob sie eine neue Heimat finden konnten. Dabei stellt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, eine neue Heimat zu finden und wenn ja, kann man etwas aus der alten mitnehmen? Hier zeigt sich eine Vielzahl von Möglichkeiten auf Heimat und seine Begrifflichkeit zu schauen. Genau dies soll in der vorliegenden Arbeit betrachtet und am Beispiel des Romans „Heimatmuseum“ diskutiert werden. In der Literatur der damaligen Zeit gibt es keine Texte zum Heimatbegriff, welche diese in ein positives und bedeutungsvolles Licht rücken. Hier entsteht der Eindruck, dass der Begriff nach dem zweiten Weltkrieg als verpönt zu gelten scheint. Aus diesem Grunde ist es umso interessanter, dass Lenz in dieser Situation einen Roman veröffentlicht, in dem „Heimat“ mit all seinen Facetten von zentraler Bedeutung ist. In so einer kurzen Zeitspanne nach dem Krieg sollte Verständnis dafür aufgebracht werden, dass Menschen, die ihre Heimat im Krieg verloren und furchtbare Erfahrungen gemacht haben, in ihrer Freizeit nicht mit dem Thema Heimat, dem Verlust dieser und entsprechend negativer Erfahrungen „konfrontiert“ werden möchten. Beim Lesen des Werkes wird schnell deutlich, wie sehr der Ich-Erzähler Zygmunt Rogalla seine Heimat liebt. Durch die autobiographische und unkonventionelle Schreibweise, detaillierte Situations- und Handlungsbeschreibungen wird deutlich, dass es hier nicht nur um die Sehnsucht nach Heimat geht, sondern vor allem um eine kleine Lehreinheit in Heimatkunde. Heute erfahren der Heimatbegriff und seine Bedeutungen wieder viele verschiedene Zuwendungen und Verwendungen. Nicht zuletzt ist das an dem politischen Interesse erkennbar, der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat und der umgangssprachlichen Verwendung. Gerade heute, vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Romans scheint das Interesse an der wissenschaftlichen Auseinandersetzung des Begriffs von großem Interesse, wozu die „Flüchtlingskrise“, die im Jahre 2014 begann, bestimmt einen großen Teil beigetragen hat (vgl. Costadura/Ries 2016, S.7) und der damit zusammenhängenden Frage nach einem Recht auf Heimat. Die negative Belastung des Begriffes „Heimat“ ist sogar noch im 21. Jahrhundert deutlich zu spüren. In der Literatur lassen sich hierzu viele Spannungsfelder finden (vgl. hierzu beispielsweise Gebhard et. al. 2007). Erste Veröffentlichung zum Thema Heimat und gedruckte Berichterstattungen von Flüchtlingen des 2. Weltkrieges lassen sich erst ab den 80er Jahren finden. Heute, im 21. Jahrhundert werden vermehrt Forschungen zu dem Begriff und der Thematik durchgeführt beziehungsweise „Heimat“ als zu betrachtende Komponente hinzugezogen, was wiederum deutlich macht, wie schwer es ist „Heimat“ wissenschaftlich zu begreifen. Nach der Einführung wird Heimat im Roman unter dem Aspekt der Erinnerung und Krieg beleuchtet, da diese beiden Punkte eine große Rolle im Roman spielen. Weiter soll an Beispielen aus dem Roman herausgearbeitet werden, wie unterschiedlich Heimat gedacht wird und was mit dem Begriff verbunden werden kann. Beginnen wird die vorliegende Arbeit mit einem Einstieg zum Werk „Heimatmuseum“. Im zweiten Kapitel wird ein Definitionsbegriff von Heimat gewagt, was sich als große Herausforderung erweisen wird und gerade deshalb spannend ist. Außerdem wird in diesem Kapitel konkret auf den „Verlust“ von Heimat geschaut und es werden zur besseren Erläuterung Erfahrungsberichte von Kriegsflüchtlingen hinzugezogen. In diesem Zusammenhang wird die Veränderung des Begriffes im Laufe der Zeit in den Blick genommen.

2. Heimat im Roman

In diesem Kapitel wird der Inhalt des Romans „Heimatmuseum“ von Sigfried Lenz kurz vorgestellt und damit auch direkt der Heimatbegriff anhand der Handlungen und Personen aus dem Roman beleuchtet. Eine kurze Vorstellung des Inhalts des Romans ist an dieser Stelle sinnvoll, um einen besseren Einstieg in das Buch zu finden.

In dem erstmals 1978 veröffentlichten Roman versucht der durch Brandverletzungen schwer verletzte Ich-Erzähler Zygmunt Rogalla seinem jungen Besucher Martin, der der Freund seiner Tochter ist, die Gründe für seine Tat zu erklären. Er hat das Heimatmuseum angezündet, welches er von seinem Onkel weitergeführt hat und worin Artefakte zu besichtigen waren, die über das Leben der Masuren berichten. Zygmunt Rogalla ist in der kleinen Stadt Lucknow aufgewachsen und hat dort eine schöne Kindheit erlebt. Rogalla verbrachte viel Zeit mit seinem Onkel in dessen Heimatmuseum. Nachdem sein Onkel auf unerklärliche Weise verschwand, führte Zygmunt genau dieses Heimatmuseum mit großer Leidenschaft weiter. Er verteidigt es, als es zu Propagandazwecken missbraucht werden soll. Die zunächst in ferner Zukunft erscheinenden Kriege kommen nun näher und zwingen die masurischen Bewohner ihre Heimat zu verlassen. Zygmunt Rogalla kann einen Teil der Sammlung des Heimatmuseums aus Ostpreußen mit in den Westen nehmen. Im Norden Deutschlands werden die Exponate dann noch einmal in Form eines Heimatmuseums präsentiert. Der Ich-Erzähler muss daraufhin erfahren, dass die Sammlung, die er aus seiner Heimat gerettet hat, nicht die von ihm erwartete Behandlung und Beachtung erfährt, sodass er sich entschließt, dass mühsam und lange behütete Heimatmuseum niederzubrennen, um so die Artefakte zu „retten“. Lenz beendet seinen Roman mit dem Wunsch des Ich-Erzählers, „die gesammelten Zeugen unserer Vergangenheit in Sicherheit zu bringen, in eine endgültige, unwiderrufliche Sicherheit, aus der sie zwar nie wieder zum Vorschein kommen würden, wo sich aber auch niemand mehr ihrer bemächtigen könnte, um sie für sich selbst sprechen zu lassen“ (Lenz 2016, S.798f). An dieser Stelle macht der Autor noch einmal explizit deutlich, wie wichtig dem Ich- Erzähler Zygmunt Rogalla die Zeugen seiner Heimat Masuren und deren Unversehrtheit zu sein scheint. Mit Unversehrtheit sind hier nicht die Artefakte in ihrer materiellen Gestalt gemeint, sondern die Bedeutung, für die sie stehen. Jedes Exponat im „Heimatmuseum“ scheint einen symbolischen, beziehungsweise emotionalen Wert zu haben. Die verbrannten Exponate befinden sich nun nur noch in Rogallas Erinnerungen, wo niemand anders mehr ein Herankommen hat, und sie durch nichts mehr in irgendeiner Form beschädigt werden können.

Durch detaillierte Beschreibungen der einzelnen Menschen, Dinge und Gefühle, die Zygmunt Rogalla mit seiner Heimat verbindet, die beispielsweise die „Tiere der Heimat“ (ebd. S.228, S.446) oder seine „Heimatgefühle“ (S.423) betreffen, wird deutlich, wie genau der Ich-Erzähler seine Heimat beobachtet und zu kennen scheint.

2.1. Erinnerung und Heimat

Auf der Flucht vor dem Krieg ist es Rogalla möglich einzelne Artefakte aus seinem Heimatmuseum mitzunehmen, um sie in der neuen Heimat in einem neuen Heimatmuseum zeigen zu können. In diesem Zuge werden die Emotionen, die die handelnden Personen in dem Roman in Bezug auf ihre Heimat fühlen, in der wissenschaftlichen Literatur auch als „Heimatgefühl“ (Costadura/Ries 2016, S.18) bezeichnet, deutlich. Der Leser erfährt hier vermehrt die besondere Bedeutung, die diese Artefakte für den Protagonisten haben. Es erweckt den Eindruck, als ob sie die Vergangenheit sichern sollen, um die Geschichte der Masuren weiter zu erzählen. Und genau diese Tatsache kann als überaus spannend empfunden werden, da Rogalla den Artefakten dieses Können zuschreibt. Im Kontrast dazu bringen andere handelnde Personen, besonders in den Fluchtsituationen, wenig Verständnis für die „Rettung“ der alten Gegenstände auf und sehen diese nur als unnötigen Ballast. Mit Blick darauf, dass die geflüchteten Menschen von Krieg, Verfolgung und Vertreibungen bedroht sind und furchtbare Erfahrungen in ihrer Heimat gemacht haben, kann Verständnis dafür aufgebracht werden, dass sie nichts mitnehmen wollen, was sie an diese Zeit und die Heimat aus der sie vertrieben wurden erinnert, und zusätzlich weiteren Ballast für die Rettung des eigenen Lebens darstellt.

Rogalla hingegen, scheint hier das positive Bild von seiner alten Heimat, in Form seiner Artefakte mitnehmen und sichern zu wollen. Die Bedeutung dieses Wunsches seines Protagonisten, „etwas“ mit in die unbekannte Zukunft nehmen zu wollen, behält der Autor Lenz die gesamte Erzählung über bei. Eine weitere Besonderheit des Romans zeigt sich darin, dass der Ich-Erzähler seinem jungen Freund die Geschichte um sein Heimatmuseum aus seiner Erinnerung heraus erzählt und genau das, was die im Roman handelnden Personen machen, was sie denken und wie sie handeln wird aus der Sicht und den behaltenen Empfindungen des Zygmunt Rogallas wiedergegeben. Der Roman beginnt in der Gegenwart, in der Rogalla seinem Freund Martin von seiner Tat, dem Anzünden seines Heimatmuseums, erzählt. Er berichtet ganz genau, wie Briefe und Urkunden (vgl. ebd. S. 6), Armspiralen und Holzperlen (vgl. ebd. S.7) nach und nach verbrannten und das niemand versuchte den Brand zu löschen. Um seinem Verständnislosen Freund Martin den Grund für diese Tat erklären möchte, beginnt Rogalla mit der Vorgeschichte um das Heimatmuseum (vgl. ebd. S. 13ff). Von da an teilt er seinem Freund Besuch für Besuch, Kapitel für Kapitel den Verlauf seines Lebens mit und macht in seiner Geschichte Eingangs beschrieben, dass der Roman auch ein Stück weit Heimatkunde über das masurische Leben vermittelt, und nicht nur von Wehmut über den Verlust der Heimat handelt. Der Mensch erlebt im Laufe seines Lebens und dieses Erlebte bringt ihm Erfahrung und diese Erfahrung kann in Form von Erzählung aus dieser Erinnerung heraus in der Zukunft weiter gegeben werden. Erinnerungen stammen bekanntlich aus etwas Vergangenem, dass das Individuum verinnerlicht hat. Die Mitteilung dieser Erinnerungen an jemand anderen versucht das Vergangene wieder in die Gegenwart zu bringen. Die Vor- und Nachteile der dem Menschen geschenkten Gabe des Erinnerns wurde schon von Nietzsche in seinem 1874 veröffentlichten Werk: „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ thematisiert. Das macht deutlich, dass die Bedeutung von Erinnerung schon seit langer Zeit behandelt wird.

Zygmunt Rogalla zeigt mit seinen Erinnerungen, wie er die Ereignisse der Vergangenheit in seinem Bewusstsein behalten hat, natürlich gebunden an sein erlebtes und seine Empfindungen. Helmuth Plessner (1974) geht in seinem Werk „homo absonticus“ sogar soweit das er sagt, dass in Erinnerungen der Lastcharakter des Gewesenen zu erkennen ist (vgl. ebd. S. 44). Diese Sichtweisen machen deutlich, dass Erinnerungen sehr gehaltvoll für die Zukunft sein können, diese jedoch nicht nur im positiven beeinflussen müssen. In dem Roman nimmt Rogalla die Artefakte des Heimatmuseums mit den von ihm zugeschriebenen Eigenschaften mit in die Gegenwart, bevor er sie mit dem Wunsch „die gesammelten Zeugen unserer Vergangenheit in Sicherheit zu bringen, in eine endgültige, unwiderrufliche Sicherheit, aus der sie zwar nie wieder zum Vorschein kommen würden, wo sich aber auch niemand mehr ihrer bemächtigen konnte, um sie für sich selbst sprechen zu lassen“ (Lenz 1978, S.799). Diese Aussage tätigt Rogalla am Ende des Romans und damit seiner Erzählungen an seinen Freund Martin, was zeigt, wie wichtig ihm die Artefakte und die von ihm zugeschriebene Bedeutung ist, was auch daran erkennbar ist, dass er mit der Zerstörung einen Missbrauch dieser verhindern möchte. Nachdem hier ein kurzer Einblick in den Roman rund um den Heimatbegriff gegeben wurde soll im folgenden Kapitel explizierter auf den Begriff mithilfe ausgewählter Sequenzen eingegangen werden.

2.2. Heimat – vielseitige Bedeutungen

Im Folgenden wird eine Szene aus dem Roman beschrieben, bei der der Ich-Erzähler die im Roman herrschende Sichtweise auf den Heimatbegriff deutlich macht und dass sich sein Bezug zu diesem Begriff von dem der anderen Mitmenschen unterscheidet. Nachdem den Lesern die einzelnen Familienmitglieder der Rogalla-Familie und die Verbindungen zueinander vorgestellt wurden und die Situation um den andauernden 2. Weltkrieg beschrieben ist, geht es nun um die Zuschreibungen, die einzelne Mitglieder dem Heimat-Begriff machen. So sagt Rogalla beispielsweise zu seinem Freund Martin Witt: „Sie möchten – wie Bernhard – die Heimat verantwortlich machen für eine gewisse Art von hochmütiger Beschränktheit, sie möchten Ihr Fremdenhaß anlasten, den bornierten Dünkel der Seßhaftigkeit, Sie möchten sie verstehen als geheiligte Enge, in der man sich unvermeidlich seine Erwähltheit bestätigen muss, mit einem gehobelten Brett vor dem Kopf“ (ebd. S. 144). Bernhard empfindet Heimat als ein „schlimmes“ (ebd.) und „belastetes“ (ebd.) Wort. Dieses Zitat kann sich aus verschiedenen Blickwinkeln heraus interpretieren lassen, so wie die verschiedenen Personen eben Verschiedenes mit der Heimat verbinden. Zum einen kann Heimat hier verantwortlich dafür gemacht werden, dass sie etwas Begrenzbares ist und nicht alles als Heimat definiert werden kann. Zum anderen zeugt sie von Exklusion, denn diejenigen, die nicht zur Heimat gehören, werden ausgeschlossen. Hier werden Grenzen geschaffen, die eine Zuschreibung von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft definiert und andere wiederum ausschließ und das sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene in Form von Gemeinschaft, als auch auf der räumlichen Eben. Außerdem muss dich jeder Einzelne darin bestätigen, als „Mitglied“ dieser Heimat anerkannt zu werden, auch hier sowohl gesellschaftlich als auch räumlich und sogar kulturell. Denn ohne das Annehmen der vorhandenen Kultur ist die Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft namens „Heimat“ ausgeschlossen. Das am Ende des Zitats benannte „gehobelte Brett vor dem Kopf“, kann als Eigenschaft interpretiert werden, nicht weiter über den Tellerrand hinausschauen zu können und sich Heimat somit nur aus „seins“ bezieht. Rogalla betont hier die negative Sichtweise seines Sohnes auf den Heimatbegriff, allerdings lassen sich hier auch durchaus positive Komponenten erkennen: Zwar sorgt Heimat einerseits für Exklusion anderer, sie schafft jedoch auch Gemeinschaft. Sie kann als Identifikationsmerkmal anerkannt werden, wo sich Menschen, die sich zu ihr hingezogen oder mithilfe von ihr zueinander hingezogen fühlen, finden können. Heimat kann sich also durchaus als ein belastetes Wort sehen lassen, welches die geheime Botschaft der Gemeinschaft und des Eins-Seins in sich trägt. Auch hier berichtet Rogalla wieder aus seiner Erinnerung heraus. Es scheint, als ob er sich jetzt darüber im Klaren ist, dass sich das Thema „Heimat“ und seine Begrifflichkeit aufgrund des Geschehenen in einer Krise befinden. Das bedeutet somit, dass auch in seinem Bewusstsein eine Veränderung stattgefunden hat, obwohl er im Laufe seiner Erzählungen weiterhin positive gegenüber dem Begriff und der Thematik steht (vgl. ebd. ff.). Rogalla weiß, dass die Mehrheit der im Roman handelnden Personen diese Sichtweise teilt, sodass er nun folgende Aussage trifft: „Ich weiß, ich weiß: Heimat, das ist der Ort, wo sich der Blick von selbst näßt, wo das Gemüt zu brüten beginnt, wo die Sprache durch ungenaues Gefühl ersetzt werden darf“ (ebd.). Hier wird noch einmal die emotionale Ebene deutlich, auf der der Heimat hinterher getrauert wird, wenn sie verloren ist oder wo Freudentränen fließen, wenn der Mensch sich gerne nieder lässt, geleitet durch sein Gefühl. „Damit Sie mich nicht mißverstehen, lieber Martin Witt, ich gebe zu, daß dies Wort in Verruf gekommen ist, daß es mißbraucht wurde, so schwerwiegend mißbraucht, daß man es heute kaum ohne Risiko aussprechen kann“ (Lenz 2016, S.144).

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Details

Seiten
23
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668926967
ISBN (Buch)
9783668926974
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464619
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
heimat untersuchung begriffs

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