Lade Inhalt...

Wie kann man Menschen mit Depressionen angemessen begleiten? Die Sicht einer gerontopsychiatrischen Fachkraft

Ausarbeitung 2018 36 Seiten

Gesundheit - Gerontologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Depression
1.1 Altersdepression
1.2 Klinischer Verlauf
1.3 Ursache und Entstehung von Depressionen

2 Beobachtung
2.1 Der Weg zur Diagnose
2.2 Situation in der Gerontopsychiatrie
2.3 Therapie und Begleitung
2.3.1 Medikamentöse Therapie
2.3.2 Psychotherapie
2.3.3 Zusätzliche therapeutische und pflegerische Maßnahmen
2.3.4 Stationäre Einweisung
2.3.5 Suizid
2.3.6 Depressionsprävention

3 Rolle der gerontopsychiatrischen Fachkraft

4 Schlusswort

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellen Verzeichnis

Anlage Verzeichnis

Facharbeit: Begleitung von Menschen mit Depression aus gerontopsychiatrischer Sicht

Einleitung

Mein Name ist Reinhold Klein und ich arbeite seit Mai 2016 im Fürst-Ludwig-Haus (FLH) in Kirchberg an der Jagst auf dem Wohnbereich für gerontopsychiatrisch veränderte Menschen. Die Einrichtung mit bis zu 63 Heimplätzen befindet sich in der Altstadt Kirchbergs in unmittelbarer Nähe vom Schloss.

Zu Beginn möchte ich erwähnen, dass ich mich bei meiner Facharbeit nicht auf ein bestimmtes Geschlecht festlege oder wie heute üblich die Form mit dem großen “I“ wähle, was wie ich finde, bei den LeserInnen den Lesefluss stört. Darum werde ich abwechselnd die weibliche, männliche oder neutrale Form wählen, so wie es gerade gut passt und sich flüssig schreiben und lesen lässt. Damit gehen wir zu der eigentlichen Einleitung über.

Das Thema Depressionen begleitet mich seit vielen Jahren. Vor etwa 7 Jahren betreuten wir eine Bewohnerin, die an Depressionen litt. Ich hatte damals den Eindruck, dass sie nicht richtig begleitet wurde. Auch in meinem privaten Umfeld, gibt es Menschen mit Depressionen.

Diese Faktoren beeinflussten die Wahl für mein Thema. Im Rahmen der Facharbeit, bei meiner Recherche, wollte ich mehr zu der Entstehung, dem Verlauf und der Therapie von Depressionen erfahren. Anfang Januar 2018 zog eine ältere Dame auf unserem Wohnbereich ein. Die Dame wirkte anfänglich verwirrt. Nach wenigen Wochen ließ zunehmend die Motivation nach, aufzustehen und zu Essen und zu Trinken. Tod und Sterben waren immer Thema bei ihr. Lebensbilanzmüdigkeit oder doch Depression?

Depressionen zählen zu den häufigsten affektiven Störungen. Im Laufe des Lebens und besonders im Alter müssen Verluste bewältigt und Krisen überwunden werden. Diese und andere Ursachen führen bei 5,2 Prozent1 der Menschen in Deutschland zu Depressionen. Die Erkrankung ist nicht nur für den Betroffenen sondern auch für sein Umfeld sehr belastend. Angehörige und Pflegende sollten Bewältigungsstrategien kennen und anwenden um mit diesen Belastungen gut umgehen zu können.

Depressiv Erkrankte ziehen sich häufig zurück, wirken teilnahmslos, klagen über Schmerzen, Konzentrationsstörungen Müdigkeit und Schlafstörungen. Sie grübeln ständig, machen sich Selbstvorwürfe und fühlen sich wertlos. Alte Menschen mit schweren Depressionen können zudem den Eindruck erwecken an Demenz erkrankt zu sein.

Es gibt Instrumente und Beobachtungskriterien, welche Hinweise auf eine bestehende Depression geben. Hausärzte sind auf die Beobachtungen und Hinweise der Pflegenden angewiesen um die Diagnose Depression zu stellen und die entsprechende Medikation und Therapien zu verordnen.

Anmerkung der Redaktion: Diese Abiildung wurde aus redaktionellen Gründen entfernt

Einen geeigneten Therapeuten zu finden, zu dem man Vertrauen aufbauen kann, der in der Region seine Praxis hat und Hausbesuche macht, ist selbst für jüngere und erwachsene Erkrankte schwer. Der alte Mensch im Pflegeheim erhält zwar nach Diagnosestellung die medikamentöse Therapie, jedoch die Psychotherapie, die ihm ebenso zusteht und auch im hohen Alter wirksam ist findet nicht oder kaum Anwendung. Woran liegt das?

Was können Pflegekräfte tun, um diesen Mangel zu kompensieren?

Aktuell werden die Heimbewohner im FLH lediglich von den Hausärzten betreut. Eine psychiatrische Betreuung durch einen Facharzt findet zurzeit nicht statt. Die wenigen Fachärzte in der Region sind ausgelastet und können keine Hausbesuche anbieten.

Bei der Recherche für die Facharbeit, fand ich viele Antworten auf meine Fragen und weitere Fragen tauchten auf.

Die dringendste Frage, die mich seit Jahren begleitet: Gewähren oder fordern?

Ich habe erkannt, dass eine Depression nicht gleich eine Depression ist. Es gibt mehrere Formen von Depressionen sowie Ursachen und Gründe warum ein Mensch an Depressionen erkranken kann. Ebenso viele Behandlungsformen und Ansätze gibt es um einen Erkrankten zu begleiten.

Was ist für welchen Menschen am besten geeignet. Da wir letztendlich alle gleich und doch verschieden sind, möchte ich hier die verschiedenen Methoden aufzeigen.

1 Depression

„Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann. Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen. Milde Formen können ohne Medikamente behandelt werden, mittlere bis schwere Fälle müssen jedoch medikamentös bzw. durch professionelle Gesprächstherapie behandelt werden. Für eine verlässliche Diagnose und Therapie im Rahmen der primären Gesundheitsversorgung sind keine Spezialisten erforderlich. Die spezialisierte Versorgung ist allerdings für eine kleine Gruppe der Menschen mit komplizierten Depressionen oder für diejenigen erforderlich, die nicht auf die Behandlungen der primären Gesundheitsversorgung ansprechen. Depressionen setzen oft in einem jungen Alter ein. Sie betreffen häufiger Frauen als Männer und Arbeitslose sind ebenfalls stärker gefährdet.“ 2

Die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken liegt bei Männern bei 12 Prozent und bei Frauen bei 26 Prozent.3 Männer erkranken nicht zwangsläufig seltener an einer Depression, vielmehr wird vermutet, dass eine Depression bei Männern seltener erkannt wird.4 Für diese These spricht, dass dreimal mehr Männer einen Suizid begehen. Sehr oft liegt hier eine Depression zu Grunde. Bei Männern äußern sich depressive Symptome anders und sie gehen anders mit ihnen um. Männer verarbeiten häufig emotionale Probleme über externalistische Strategien. Verhalten wie Aggression, Wut, riskantes Verhalten oder verstärkten Suchtmittelkonsum können bei einem Mann auf eine Depression hinweisen. Zudem gehen Männer seltener zum Arzt als Frauen.

1.1 Altersdepression

Die Altersdepression unterscheidet sich in ihren Symptomen nicht wesentlich von der Depression von Erwachsenen. Dennoch sollte man hier differenzieren.

Menschen die heute in Deutschland geboren werden, haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78,4 Jahren (Männer) und 83,4 Jahren (Frauen). Die Lebenserwartung wird bis 2060 um vermutlich fünf bis sechs Jahre ansteigen.5 Diese Entwicklung ist zwar erfreulich, hat aber auch ihren Preis. Mit der steigenden Lebenserwartung steigt auch das Risiko alterstypische Erkrankungen zu erleiden.

„Depressive Beschwerden sind mit etwa 25 Prozent Prävalenz eindeutig die häufigste psychische Symptomatik in der älteren Bevölkerung. Dabei dominieren oft weniger klare Störungsbilder mit subklinischer bzw. wechselnder Symptomatik, was jedoch unbedingt behandlungsbedürftig ist.“6

Eine Altersdepression wird diagnostiziert, wenn diese erstmalig nach dem 60. bzw. 65. Lebensjahr auftritt.7 Menschen die bereits depressive Episoden durchgestanden haben oder in jungen Jahren häufig krank waren, haben ein erhöhtes Risiko erneut an Depressionen zu erkranken.

Durch das Vorhandensein von anderen körperlichen Erkrankungen kann die Diagnosestellung im Alter erschwert sein. Weitere körperliche Symptome, die zur Depression gehören, werden eher dem normalen Alterungsprozess zugeschoben. Hier werden dann nur die körperlichen Symptome behandelt, die Depression jedoch bleibt unbehandelt und kann sich chronifizieren.

Eine schwere Depression im Alter kann mit einer Demenz verwechselt werden, da die Symptome ähnlich sein können. Die Gefahr besteht darin, dass die Depression nicht erkannt und damit nicht behandelt wird. Der depressive Mensch denkt er sei dement und verhält sich entsprechend.

Auch eine mittelgradige depressive Episode kann unter Umständen nicht erkannt werden, wenn der Eindruck entsteht, dass der alte Mensch lebensbilanzmüde sei und sich aufgegeben hat.

1.2 Klinischer Verlauf

Depressionen gehören laut ICD10-Klassifizierungen als depressive Episode zu den affektiven Störungen. Sie werden in drei Bezeichnungen eingeteilt. Zur Diagnosebestimmung werden genaue Kriterien herangezogen. Es wird zwischen Kern- und Zusatzsymptomen unterscheiden.

Kernsymptome: Traurigkeit, Interessen- und Freudverlust, Antriebslosigkeit

Zusatzsymptome: Vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Gedanken an den Tod, Pessimistische Zukunftsperspektive, Schlafprobleme, Appetitverlust, Konzentrationsprobleme.

Weitere körperliche Symptome: Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Nachlassen der Libido, Schmerzen (Kopf, Rücken, Gelenk, Muskeln), Herzschmerzen, Verdauungsprobleme, Kreislaufprobleme, Atemnot

Die Zahl der vorliegenden Symptome entscheidet über den Schweregrad der Depressionen. Die Symptome müssen mindestens 2 Wochen anhalten.

F32.0 Leichte depressive Episode 2 Kernsymptome + 2 Zusatzsymptome Die Symptome können belastend sein, jedoch kann der Erkrankte oft weiterhin den Alltagsaufgaben nachkommen.

F32.1 Mittelgradige depressive Episode 2 Kernsymptome + 3-4 Zusatzsymptome Die Symptome werden als sehr belastend empfunden. Alltägliche Aufgaben können nur mit sehr viel Mühe bewältigt werden.

F32.2 Schwere depressive Episode 3 Kernsymptome + >4 Zusatzsymptome Der Erkrankte leidet unter den Symptomen erheblich, Die Bewältigung des Alltags ist kaum möglich. Zudem kann Lebensgefahr aufgrund Suizidgedanken bestehen.

Unbehandelt kann eine depressive Episode von Wochen, Monate oder gar Jahre andauern und sich chronifizieren. Chronisch verlaufende Depressionen haben oft eine Dauer ab 2 Jahre.

1.3 Ursache und Entstehung von Depressionen

Die Ursachen von Depressionen sind bis heute nicht abschließend geklärt. Es wird von einem Zusammenspiel von verschiedenen auslösenden und begünstigenden Faktoren ausgegangen. Seelische und psychosoziale Belastungen spielen ebenso eine Rolle wie genetische Veranlagung, Mangelernährung und biochemische Vorgänge im Zentralnervensystem.

Depressionen im Alter sind umso wahrscheinlicher, wenn der alte Mensch schon früher unter Depressionen gelitten hat, oder in jungen Jahren häufig krank war. Körperliche Einschränkungen, chronische Erkrankungen, bestimmte Arzneimittel, eine kürzlich zurückliegende Operation bzw. Krankenhausaufenthalt erhöhen das Depressionsrisiko.

Ältere Menschen, mit wenigen Interessen, geringer Anpassungsfähigkeit, Verlust von Ressourcen haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen.

Auch überfürsorgliche Pflege von Angehörigen und Pflegenden tragen dazu bei, dass zu Pflegende abhängig und hilflos gemacht werden. Dies führt zu einer Minderung des Selbstwertgefühls und trägt bei der Entstehung einer Depression bei. Der Pflegende ist sich dessen nicht bewusst, denn es ist ja gut gemeint.

Nachfolgend werden Faktoren aufgelistet, die nachweislich an der Entstehung von Depressionen beteiligt sind.

Biochemische Veränderungen im Gehirn: Die Konzentration von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin sind bei einer Depression herabgesenkt. Durch dieses Ungleichgewicht an Botenstoffen, ist die Kommunikation zwischen den einzelnen Nervenzellen im Gehirn gestört. Da nicht ausreichend Signale von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergeleitet werden, sind davon die Hirnbereiche die für die Verarbeitung von Gefühlen und dem Schlaf-Wach-Rhythmus betroffen. Schwankungen im Bio-Rhythmus haben starke Auswirkungen auf die physische Gesundheit.

Genetische Faktoren: Waren bereits die Eltern an Depressionen erkrankt, so gilt es heute als gesichert, dass deren Kinder ein erhöhtes Risiko haben, an einer affektiven Störung zu erkranken.8 Das Risiko zu erkranken kann um das Dreifache erhöht sein.

Dies wird auch belegt durch sogenannte Adoptivstudien. Hier wird ermittelt wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Mensch an Depressionen erkrankt, wenn entweder die leiblichen Eltern oder Adoptiveltern an Depressionen erkrankt sind. Die wenigen vorhandenen Studien sprechen eher dafür, dass das Risiko zu erkranken höher ist, wenn die leiblichen Eltern bereits erkrankt waren.

Da bisher noch kein Depressionsgen gefunden wurde, wird davon ausgegangen, dass mehrere Gene beteiligt sind, die untereinander und mit Umweltfaktoren agieren.

Psychische Belastungen lösen dann eine depressive Episode aus, wenn eine bestimmte Vulnerabilität vorliegt.

Vitamin und Mineralstoffmangel: Ein Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen können eine Depression begünstigen. Bekannt sind hier Zink, Jod, Lithium, Niacin, Magnesium, Pantothensäure, Vitamin B1, B2, B6 und B12, Biotin und Folsäure.9

Biographische Faktoren: Das Altern ist geprägt von Verlusterfahrungen. Verluste gehören zum Leben dazu. Nahestehende Personen sterben, Renteneintritt, Sinne und Fähigkeiten schwinden oder gehen verloren. Armut und Vereinsamung im Alter, sind auch heute noch ein Thema. Damit schwinden Coping Strategien, sodass der ältere Mensch nicht mehr so leicht kompensieren kann. Kritische Lebensereignisse können die Persönlichkeit des alternden Menschen so schädigen, dass weitere Verluste als bedrohlich empfunden werden und nicht mehr verkraftet werden. Es kommt durch langanhaltenden Stress zu einer dauerhaften Cortisonerhöhung welche die Depression begünstigt.

Depression als Folge einer Heimunterbringung: Eine Heimunterbringung wird häufig durch eine Vielzahl an Verlusten begleitet, die dem alten Menschen zu schaffen machen. Der Großteil der alten Menschen im Pflegeheim ist pflegebedürftig, das bedeutet, dass Ressourcen verloren gegangen sind. Durch geregelte Tagesabläufe kann Selbstbestimmung und Privatheit verloren gehen.

Manche sozialen Kontakte brechen weg, da die alten Nachbarn und Bekannte nicht die Möglichkeit oder Motivation haben den Pflegebedürftigen im Heim zu besuchen.

Depressive Symptome als Nebenwirkung von Arzneimitteln: Alte pflegebedürftige Menschen erhalten in der Regel mehr als drei, manchmal bis zu 12 unterschiedliche Präparate. Neben der erwünschten Wirkung zeigen diese auch unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen. Es kommt auch vor, dass so Arzneimittel verordnet werden um Nebenwirkungen von anderen Arzneimitteln zu behandeln. Zeigt ein alter Mensch depressive Symptome, sollte im Zuge der Differentialdiagnose, die Medikamentenliste kritisch betrachtet werden. Es reicht oftmals, wenn die Dosis des entsprechenden Arzneimittels reduziert oder auf einen anderen Wirkstoff umgestellt wird. Die depressiven Symptome können durch diese erwiesenermaßen Depressionen begünstigen, da sie Einfluss auf den Neurotransmitterstoffwechsel haben. In Zusammenarbeit mit der Apotheke können Wechselwirkungen erkannt werden. Die häufig verordneten Präparate sind nach Anwendungsbereichen gelistet. Diese Liste ist nicht vollständig, sondern beinhaltet hauptsächlich Arzneimittel welche Heimbewohner häufig verordnet bekommen.

- Herz und Kreislauf: Beta und Alpha-Blocker können Depressionen auslösen durch die Wirkung auf das ZNS oder durch den gesenkten Blutdruck
- Hormone u.ä.: Kortikoide können Depressionen auslösen, besonders nach längerer Einnahme oder hoher Dosis.
- Thyreostatika: bewirken eine geringere Freisetzung von Schilddrüsenhormonen und damit häufig eine reaktive Depression, da die antriebssteigernde Wirkung des Hormons fehlt.
- Antibiotika: können zu Depressionen führen. Da diese jedoch nur für einen geringen Zeitraum gegeben werden, ist diese Nebenwirkung zu vernachlässigen.
- Zytostatika: sind Mittel die bei Krebserkrankungen im Rahmen der Chemotherapie eingesetzt werden.
- NSAR: fast alle Antirheumatika und Analgetika können je nach Dosis und Einnahmedauer psychische Störungen und damit auch Depressionen auslösen.
- Neuroleptika: können bei Menschen mit Schizophrenie eine Verschlechterung der Stimmung verursachen. Haldol gilt hier als besonders problematisch.
- Antidepressiva können depressive Symptome verstärken, Diese wirken stark auf den Neurotransmitterstoffwechsel. Die antriebssteigernde Wirkung setzt recht zeitnah nach der ersten Einnahme ein, die antidepressive Wirkung erst nach 2 Wochen, bei alten Menschen kann es bis zu 4 Wochen dauern. Hier gilt besondere Vorsicht, wenn während der Depression suizidale Gedanken geäußert werden. Antidepressiva sollten nach dem Abklingen der Symptome weiter eingenommen werden, da ansonsten die Symptome erneut auftreten können. Diese sollten nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt und selbständig abgesetzt werden. Manche Patienten haben Angst vor einer Abhängigkeit.
- Stimulanzien: wirken anregend auf die Körperfunktionen und das Nervensystem, diese lösen nach dem Absetzen sehr oft Depressionen aus. Manchmal sogar unmittelbar nach der Einnahme. Hier spricht man von einer paradoxen Wirkung.
- Anticholinergika: hemmen die Wirkung von Acetylcholin, dem Hauptüberträgerstoff des Parasympathikus und wirken damit auf das vegetative Nervensystem. Sie lösen daher potenziell Depressionen aus.
- Parkinsonmittel: wirken auf den Dopaminhaushalt und können auch die anderen Glückshormone Serotonin und Noradrenalin aus dem Gleichgewicht bringen. Diese wirken auf die Psyche und können damit auch depressive Symptome zeigen.
- Opiate: bewirken neben der schmerzlindernden Wirkung eine Euphorisierung, bei manchen jedoch auch das Gegenteil.
- Insuline: wirken auf den Blutzuckerspiegel. Wenn dieser stark schwankt, löst dies Stimmungsschwankungen aus.

Depressive Symptome im Rahmen einer Alkohol/Drogenabhängigkeit: Unter Einwirkung von Alkohol oder Drogen können sich depressive Symptome zeigen, da der Überträgerstoffwechsel gestört ist und der soziale Druck auf den Süchtigen erhöht ist. Die Symptome klingen allerdings nach wenigen Tagen ab, sobald der Konsum eingestellt wird.

Depressive Syndrome als Folge einer körperlichen Erkrankung: Es ist sehr wahrscheinlich, im Laufe des Lebens, bei der hohen Lebenserwartung, eine Verschlusskrankheit, eine Durchblutungsstörung, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. Eine Parkinson-Erkrankung wirkt sich durch den veränderten Dopamin-Spiegel auch auf die anderen Botenstoffe aus. Diese geraten aus dem Gleichgewicht. Diese Erkrankungen begünstigen auch eine Depression im Alter.

Depression als Helfer: Das soziale Umfeld des alten Menschen besteht häufig aus Familie, Freunden, Nachbarn, Bekannten sowie Mitarbeitern (Pflegende) des Alten- und Pflegeheims. Von diesen wird der ältere Mensch versorgt und unterstützt. Man geht davon aus, dass jedes Verhalten in einem bestimmten Zusammenhang Sinn macht. In der systemischen Betrachtungsweise, sucht man den Zusammenhang der zu dem auffälligen Verhalten führt. Hier bei der Depression wird angenommen, dass es sich um ein Muster handelt und nicht etwa um eine Erkrankung. Das bedeutet, dass die depressive Episode, das depressive Verhalten, aus gutem Grund stattfindet. Diesen Grund und auch die Rolle der Depression gilt es herauszufinden.10 11

Das kann unter Umständen bedeuten, dass die Depression da ist, damit sich nahestehende Personen mehr um den „Erkrankten“ kümmern.

Depression oder Demenz: 12

Eine schwere depressive Episode im Alter kann ein ähnliches Erscheinungsbild zeigen wie eine Demenz. Der Serotoninmangel führt dazu, dass Gedächtnisinhalte schlechter in das Langzeitgedächtnis aufgenommen werden. Diese Gedächtnislücken führen beim alten Menschen und den Pflegenden zum Verdacht einer Demenz. Besteht beim Betroffenen die Angst eine Demenz zu haben, verstärkt dies die Depression. Die Folge sind mehr Gedächtnislücken.13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Unterschiede Depression und Demenz

Bei genauer Betrachtung lässt sich eine Depression von einer Demenz gut unterscheiden. Um eine Depression und Demenz erfolgreich abzugrenzen, ist eine genaue ärztliche und psychologische Untersuchung erforderlich. Pflegekräfte können genau beobachten und dies dokumentieren.

2 Beobachtung

Um die Befindlichkeit von zu Pflegenden einschätzen zu können, müssen Pflegende genau beobachten. Ein erster Verdacht entsteht, wenn der alte Mensch tägliche Aufgaben nicht mehr bewältigen kann oder schon morgens kleine Aufgaben wie Aufstehen und sich anziehen, wie ein unüberwindlicher Berg empfunden werden.

Eine Veränderung im Verhalten des alten Menschen kann beobachtet werden. Der Antrieb ist reduziert, er zeigt ein verändertes Schlafverhalten und Auffälligkeiten in der Stimmung. Das Essverhalten, die Verdauung und die Konzentration sind verändert. Gewichtsschwankungen sind zu beobachten. Interessen und die Selbstbewertung lassen nach.

[...]


1 (aerzteblatt.de 2017)

2 (Weltgesundheitsorganistation 2012)

3 (Hautzinger 2016, 23)

4 (Großmann 2017)

5 (statista 2017)

6 (Hautzinger 2016, 24)

7 (Faust, Depressionen im höheren Lebensalter 2016)

8 (Wittchen, et al. 2010, 15)

9 (Winkler 2000)

10 (Johannsen und Fischer-Johannsen 2007)

11 (Salomon 2001)

12 (Grond 1993, 18)

13 (Dürr 2017)

Details

Seiten
36
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668952089
ISBN (Buch)
9783668952096
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464727
Note
1
Schlagworte
Depressionen Depressionen im Alter Validation Psychopharmaka

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Wie kann man Menschen mit Depressionen angemessen begleiten? Die Sicht einer gerontopsychiatrischen Fachkraft