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Daniel Keyes "Blumen für Algernon". Besteht eine Korrelation zwischen Intelligenz und dem persönlichen Glück?

Eine wissenschaftliche Untersuchung

Hausarbeit 2015 15 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung / Problematisierung
1.1 Definitorische Annäherung an den Intelligenzbegriff und Differenzierung
1.2 Definitionsversuch für ein glückliches Dasein.

2 Daniel Keyes: „Blumen für Algernon“ (1966)
2.1 Auswirkungen der überdurchschnittlich gesteigerten Intelligenz auf das Individuum Charlie Gordon
2.2 Auswirkungen auf Charlie Gordons Umfeld
2.3 Algernon als Spiegelbild für Charlie Gordon.

3 Science Fiction und Realität: Technologien zur Steigerung der Intelligenz und mögliche Konsequenzen
3.1 Folgen für die Gesellschaft und das Individuum
3.2 Ausweglosigkeit des Menschen zwischen Intelligenz und Glück

Literaturverzeichnis

1 Einleitung / Problematisierung

1.1 Definitorische Annäherung an den Intelligenzbegriff und Differenzierung

Intelligenz im Allgemeinen bezeichnet die „Fähigkeit [des Menschen], abstrakt u. vernünftig zu denken u. daraus zweckvolles Handeln abzuleiten (…).“1 Allerdings definiert jeder Mensch Vernunft oder zweckvolles Handeln anders für sich und somit muss jedes Indivi- duum diese eigenständig hinterfragen. Treffend formuliert hat dies Gottfredson, indem er behauptet, dass Intelligenz nicht nur reines Bücherwissen oder akademische Spezialbega- bung ist, sondern vielmehr das Vermögen unsere Umwelt und den Sinn der Dinge zu verste- hen.2 Deswegen benutzt man häufig fälschlicherweise den Begriff Intelligenz beim Men- schen als Synonym für den IQ (Intelligenzquotienten) nach David Wechsler, jedoch ermittelt dieser nur die „Abweichung zwischen individuellem Leistungswert und Leistungsmittelwert der korrespondierenden Altersgruppe“3. In dieser Arbeit wird also unterschieden zwischen: akademischer Intelligenz (hier auch als Synonym für den Intellekt, welcher sich mittels IQ- Test ermitteln lässt), sozialer Intelligenz und emotionaler Intelligenz. Der Begriff der sozia- len Intelligenz lässt sich nur schwer definieren, kann aber an einigen Punkten festgemacht werden: Empathie, Urteilen in sozialen Situationen und somit die Fähigkeit solche Situatio- nen zu Erkennen und adäquat zu handeln.4 Die emotionale Intelligenz schließt die soziale Intelligenz gewissermaßen mit ein, bezieht sich aber noch auf Selbstwahrnehmung, -reflek- tion und –steuerung, sowie die Wahrnehmung der Umwelt. Man muss also Emotionen bei sich selbst und bei anderen wahrnehmen, verstehen und ausdrücken können.5

Intelligenz ist abhängig von den geltenden Normen und Werten in einer Gesellschaft und wird somit mit Eigenschaften verbunden, die im beruflichen oder sozialen Leben vorteilhaft sind.6 Westliche Kulturkreise sind durch Technik geprägt und haben dieser somit deren fort- schrittlichen Entwicklungsstand zu verdanken. Daher wird Intelligenz größtenteils Men- schen mit hohem Bildungsstand zugeschrieben.7

1.2 Definitionsversuch für ein glückliches Dasein

Mit dem Begriff des Glücks verhält es sich ähnlich wie mit dem der Intelligenz. Er ist schwer zu fassen, da das eigene Glück immer von individuellen Bedingungen und Voraussetzungen geprägt ist. Schopenhauer legt als einzige Quelle für das Glück die eigene Persönlichkeit fest. Grundlegende Faktoren hierbei sind zum Beispiel Gesundheit, Ausgewogenheit im Temperament, Verstand und im eigenen Willen, sowie ein gutes Gewissen.8 Das Glück liegt in einem Selbst und ist nicht durch Äußerlichkeiten zu erreichen.9

Diese Formel für ein glückliches Dasein scheint recht plausibel und wirft gleichzeitig die Frage auf, warum in der technologisch geprägten Informations-Gesellschaft dennoch Burn- out und Depression, die den exakten Gegensatz zum persönlichen Glück darstellen, sich als Volkskrankheit etabliert haben. Durch den ungezähmten Wissens- und Informationsstrom in den Zeiten der Technisierung, hat nahezu jeder Mensch die Möglichkeit, sich in seiner Persönlichkeit durch Wissensgewinnung und Bildung vollständig zu entfalten und seine In- teressen auszubauen. Da jeder nach Intelligenz, als Folge von höchst ausgeprägtem Wissen strebt, liegt die Vermutung nahe, dass hier ein Zusammenhang zwischen Intelligenz und glücklichem Dasein besteht.

Da nicht jedem Individuum die gleichen Grundvoraussetzungen in Form von genetischer Anlage oder Möglichkeit zur Bildung gegeben sind, versucht die Wissenschaft, die nach immer mehr Erkenntnis strebt, dem nachzuhelfen. Am literarischen Beispiel von Daniel Keyes „Blumen für Algernon“, welches in dieser Arbeit herangezogen wird, greift der Mensch als Wissenschaftler in die Natur des Menschen ein und versucht hier eine „Super- Intelligenz“ zu erschaffen. Die technische Entwicklung der vorangegangenen Jahrzehnte be- ziehungsweise des letzten Jahrhunderts, machten das Eingreifen erst möglich.

Ein Grund für das Streben nach Intelligenz ist der Versuch den höchstmöglichen Stand an Wissen zu erreichen und zufrieden zu sein, mit sich selbst und der Welt/Gesellschaft, was in dieser Arbeit mit der Definition des persönlichen Glücks gleichgesetzt wird. Da Literatur immer bis zu einen gewissen Grad als Spiegel der Gesellschaft angesehen werden kann, wird zur Beantwortung der Frage, ob der zuvor definierte Begriff von Intelligenz mit dem Glücks- begriff in der Gesellschaft korreliert.

2 Daniel Keyes: „Blumen für Algernon“ (1966)

In „Blumen für Algernon“ wird der retardierte, zu Beginn des Romans 32-jährige Charlie Gordon durch eine Operation am Gehirn und durch Medikamente der erste Mensch, bei dem durch dieses wissenschaftliche Experiment die Intelligenz enorm gesteigert wird. Somit könnte man ihn als die biologische Variante eines Androiden betrachten, da hier durch das Eingreifen der Molekular-Medizin künstliche Intelligenz (jedoch nicht im Sinne eines Comupters) geschaffen wird.10

Abgesehen von den emotionalen Prozessen und Veränderungen, die im Folgenden noch detaillierter betrachtet werden, lässt sich die Steigerung der Intelligenz nach der Operation, sowie das letztendliche Scheitern des Experiments anhand der Orthografie und Interpunktion des Romans erkennen, da dieser ausschließlich aus sogenannten ‚tagebuchartigen Fort- schrittsberichten‘ aus Charlies Perspektive besteht.

Die Labormaus Algernon dient im gesamten Roman als Analogiemodell, da an ihm das- selbe Experiment erstmals „erfolgreich“ durchgeführt wurde. Jedoch sind die Entwicklun- gen, Rückschläge, emotionellen Probleme und das endgültige Scheitern des Versuchs in Form von Algernons Tod eine Art Prognose und Aussicht auf sein Schicksal für Charlie selbst.

2.1 Auswirkungen der überdurchschnittlich gesteigerten Intelligenz auf das Individuum Charlie Gordon

Einer der Wissenschaftler, der behandelnde Psychiater von Charlie Gordon, Dr. Strauss, warnt ihn: „Je intelligenter Sie werden, desto mehr Probleme werden Sie haben, Charlie. Ihr intellektuelles Wachstum wird Ihr emotionelles Wachstum überflügeln.“ (S. 50)11 Charlie behauptet lediglich, dass er keine Probleme habe (S. 50). Zu diesem Zeitpunkt ist er eigent- lich zufrieden und glücklich, er freut sich in gewisser Weise darauf intelligent zu werden. Unter den Problemen, die ihn durch sein intellektuelles Wachstum erwarten, kann er sich nichts vorstellen, da er diese Art von Problemen aufgrund seiner geistigen Beschränktheit nicht kennt.

Kurz nach der Operation, die keine Sofortwirkung zeigt, sondern Charlie lediglich die Fä- higkeit gibt, überdurchschnittlich schnell und viel lernen zu können, behauptet er noch: „Ich sagte ist mir egal wen die leute über mich lachen. File leute lachen über mich und sie sind meine freinde und wir amisiren uns.“ (S. 25) Zu diesem Zeitpunkt kann er aufgrund seiner geistigen Verfassung noch nicht erkennen, dass die meisten seiner „Freunde“, zumindest nimmt er sie als diese wahr, sich nur über ihn lustig machen. Charlie weist trotz seines nied- rigen IQs eine gewisse soziale Intelligenz auf, obwohl sie nicht sehr stark ausgeprägt ist: er besitzt kein Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen, hat aber nichtsdestoweniger ei- nen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und zeigt Empathie. Er wird regelmäßig Tests un- terzogen, bei einem davon muss er den parallel zu der Maus Algernon den Weg durch ein Labyrinth finden. Anfangs empfindet er noch Hass für die Maus, da diese bereits den Höhe- punkt ihrer intellektuellen Möglichkeiten erreicht hat und den Lösungsweg schneller findet (S. 25). Da er rasch intelligenter wird, besiegt er Algernon schon bald und zeigt ein schlech- tes Gewissen (S. 35), im weiteren Verlauf des Romans baut er eine enge emotionale Bindung zu Algernon als „Leidensgenosse“ auf. Später findet er heraus, dass seine vermeintlichen Freunde ihn immer nur um sich haben wollten, um sich über ihn lustig zu machen (S. 42). Durch diese Erkenntnis stellt sich eine erste Veränderung ein, da ihm an diesem Punkt be- wusst wird, dass er keine Freunde hat. An dieser Stelle sorgt seine neugewonnene Intelligenz das erste Mal für Unzufriedenheit. Er ärgert sich, ist jedoch der festen Überzeugung, dass die anderen Menschen ihn spätestens mögen werden, wenn er intelligenter wird (S. 51). Er hat also noch die Hoffnung, dass sich auf zwischenmenschlicher Ebene etwas zum positiven ändert. Anders als erwartet, wird er bei seinen Arbeitskollegen aber nicht beliebter je intel- ligenter er wird, sondern spürt regelrecht deren Feindseligkeit ihm gegenüber (S. 68). Zu- nächst freundet er sich mit ein paar jüngeren Studenten an (S. 71), diese Verbindung entwi- ckelt sich jedoch nicht weiter, da Charlies Intellekt nicht nur den der Studenten schon kurz darauf um vieles übersteigt und nicht nur der Neid, wie zuvor bei seinen Arbeitskollegen, sondern auch das Fehlen der gemeinsamen intellektuellen Ebene sind Gründe dafür. So gerät er in einen Gewissenskonflikt, der ihm psychisch sehr zu schaffen macht, als er entdeckt, dass einer seiner Kollegen den Chef hintergeht und nicht weiß, wie er dieses Problem best- möglich für alle löst (S. 86). Seine soziale Intelligenz ist in ihrem Ausprägungsgrad so nied- rig, dass es ihm schwer fällt adäquat zu handeln. Allerdings erkennt er in dieser Situation erstmals eine Problematik, die mit reiner akademischer Intelligenz eben nicht zu lösen ist und fragt sich: „Was ist richtig, was falsch? Welche Ironie, daß all meine Intelligenz mir nicht dazu verhilft, ein Problem wie dieses lösen zu können.“ (S. 89) Soziale Intelligenz lässt sich nur schwer erlernen und macht es für Charlie fast unmöglich bei zwischenmenschlichen Beziehungen vorausblickend und verständnisvoll zu handeln, und es tritt genau das Dilemma ein, das Dr. Strauss ihm zu Anfang prophezeit hat. Er wird immer unglücklicher, da sich die Probleme häufen.

[...]


1 Duden, Deutsches Universalwörterbuch. Herausgegeben von der Dudenredaktion, Dudenverlag, Mann- heim/Zürich, 20117, S.839f.

2 Zitiert nach: Rost, Detlef H.: Intelligenz. Fakten und Mythen. Beltz Verlag, Weinheim/Basel, 2009, S. 2.

3 Funke, Joachim; Vaterrodt, Bianca: Was ist Intelligenz? Mit 11 Abbildungen und 4 Tabellen. Verlag C. H. Beck, München, 20093, S. 22.

4 Rost, 2009, S. 82f.

5 Ebd. S. 108f.

6 Funke, 2009, S. 9.

7 Rost, 2009, S. 5.

8 Zitiert nacht: Schmidt, Ina: Macht denken Glückliche? Eine philosophische Betrachtung. J. Kamphausen Verlag, Bielefeld, 2010, S. 162.

9 Schmidt, 2010, S. 163.

10 Wittig, Frank: Maschinenmenschen. Zur Geschichte eines literarischen Motivs im Kontext von Philosophie, Naturwissenschaft und Technik. Königshausen und Neumann, Würzburg, 1997, S. 13.

11 Die folgenden Seitenangaben im Text beziehen sich auf: Keyes, Daniel: Blumen für Algernon. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva-Maria Burgerer. Klett-Cotta, Stuttgart, 2006.

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668925007
ISBN (Buch)
9783668925014
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465045
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
daniel keyes blumen algernon besteht korrelation intelligenz glück eine untersuchung

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