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Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsstörungen

Was genau sind ADS und ADHS?

Hausarbeit 2017 41 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2. Die Definition von Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsstörungen

3. Abgrenzung zwischen ADS und ADHS

4. Empirische Analyse von störungsbetroffenen Personen.

5. Genetische und psychologische Arten der Aufmerksam- keitsstörungen
a. Genetische Ursachen: Funktionsstörungen im Gehirn
b. Die Posteriorisierungsstörung
c. Die Posttraumatische Belastungsstörung
d. Das Neglect Syndrom

6. Aktuelle Behandlungsmöglichkeiten
a. Therapeutische Behandlung
b. Medikamentöse Behandlung

7. Das Suchtpotenzial bei der Einnahme von Stimulanzien

8. Diskussion

Anhang: Abbildungen

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitsfälle von 1997-2015

Abb. 2: Kinder und Jugendliche mit ADHS-Diagnose

Abb. 3: Prävalenz von ADHS-Diagnosen nach Geschlecht..

Abb. 4: Einige Neurotransmitter und ihre Funktionen

Abb. 5: Dopamin-System im menschlichen Gehirn

Abb. 6: Noradrenalin-System im menschlichen Gehirn.

Abb. 7: Suchtpotenzial von Methylphenidat

Abb. 8: Ritalin- Verbrauch von 1993-2013

Abb. 9: Zentraler Sicherheitsregler beim gesunden Menschen

Abb. 10: Steuerung der Gefahrenbewältigung im Menschen.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Unterschiede zwischen ADS/ADHS

Tabelle 2: Gemeinsamkeiten von ADS/ADHS

1 Einleitung

„Kaum ein Thema aus dem Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit wird so kontrovers und emotional diskutiert.“ 1 Dieses Zitat von Sandra Schmiedeler verdeutlicht, wie ambivalent das Thema des Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsyndroms (nachfolgend: ADS/ADHS) betrachtet wird. Lange Zeit vernachlässigte die Forschung die Diagnostik und Behandlung dieses Störungsbildes, insbesondere wenn es um die Forschung im Vorschulalter geht. Hier ist der durchschnittliche Störungsbeginn anzusiedeln. Oft wird die Aufmerksamkeitsstörung auch als eine Modeerscheinung gewertet, von der zunehmend Kinder und Erwachsene betroffen sind.2

Aus diesem Grund verfolgt die Arbeit das Ziel, zu beweisen, dass es für die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung wissenschaftliche Erklärungen gibt, die belegen, dass es sich um eine Erkrankung handelt, die ihren Ursprung sowohl auf neurologischer, genetischer als auch umweltbedingter Ursache findet. Ausgehend von diesem Ziel, werden im Rahmen der vorliegenden Arbeit die nachfolgenden Forschungsfragen beantwortet:

- Wie definiert die Wissenschaft Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsstörungen?
- Welche Unterschiede existieren zwischen ADS und ADHS und wie lassen sich diese in das Spektrum der Aufmerksamkeitsstörungen einordnen?
- Welche aktuellen Behandlungsmöglichkeiten stehen den Betroffenen zur Verfügung?

Für eine hinreichende Beantwortung dieser Fragen sowie zum aufbauenden Verständnis, verschafft das erste Kapitel einen Überblick darüber, wie Aufmerksamkeit- und Aufmerksamkeitsstörungen definiert werden und wie das anatomische Aufmerksamkeitssystem aufgebaut ist.

Über die Abgrenzung zwischen ADHS und ADS sowie die Erläuterung vom Typus, Symptomen und Besonderheiten wird in Kapitel drei Aufschluss gegeben. Nachfolgend gibt der Autor einen Überblick über die empirische Erfassung Störungsbetroffener. Kapital fünf umfasst die Erläuterung unterschiedlicher Formen bzw. Ursachen von Aufmerksamkeitsstörungen und zeigt im Rahmen dieser wissenschaftlich fundierten Störungsbilder auf, dass diese eine Erklärung für ADS/ADHS sein können. Das Kapitel sechs erläutert daraufhin die aktuellen Behandlungsmöglichkeiten. Anschließend wird in Kapitel sieben eine Analyse hinsichtlich einer möglichen Abhängigkeit der verabreichten Pharmaka durchgeführt. Abschließend werden in der Diskussion die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst, reflektiert und die vorhandenen Behandlungsmethoden kritisch bewertet.

Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit besteht darin, zu wiederlegen, dass es sich bei ADHS/ADS um eine Modediagnose handelt und dass es für die aufgeführten Symptome und Probleme der Betroffenen fundierte und wissenschaftlich belegte Erklärungen gibt. Dies greift der Autor ebenfalls im letzten Kapitel für das abschließende Resümee auf.

2. Die Definition von Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsstörungen

Aufmerksamkeit wird im Bereich der Wissenschaft als ein Zustand des Bewusstseins definiert. Während das Bewusstsein vielmehr als ein allgemeiner Zustand des Wahrnehmens, Erlebens und Empfindens bezeichnet wird, handelt es sich bei dem Begriff Aufmerksamkeit um eine Steigerung des Bewusstseins, nämlich ein konzentriertes, intensives Filtern der äußeren Einflüsse und Reize. Dies kann willkürlich oder durch eine zielgerichtete Selektion geschehen. Das Individuum und die Umwelt in der es sich befindet sowie persönlich erlernte Handlungskonzepte spielen bei dieser Selektion eine zentrale Rolle.3 Diese Fähigkeit, zu einem bestimmten Zeitpunkt große Mengen an äußeren Einflüssen, Informationen und Reize, die visuell und auditiv auf ein Individuum und seine Sinnesorgane einwirken zu filtern, wird selektive (fokussierte) Aufmerksamkeit genannt. Unsere Aufmerksamkeitsstreuung kann durch persönliche Interessen, bzw. Motive beeinflusst werden. In diesem Fall wenden wir uns willkürlich diesen Reizen zu (Top-down Prozess), für die wir ein Eigeninteresse hegen. Eine unwillkürliche Zuwendung zu bestimmten Reizen kann durch sensorische Merkmale, wie bspw. die Farbe eines Objektes oder Intensität von Geräuschen bzw. Stimmen zu Stande kommen. Die unwillkürliche Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Auffälligkeit (Salienz) bezeichnet man als Bindung der Aufmerksamkeit.4 Die dritte Art von Aufmerksamkeitssteuerung bezeichnet man als willentliche Erkenntnissuche. Hier begibt sich die Person auf die Suche nach bestimmten Informationen um einen Gedanken auszuschmücken oder zu einer Erkenntnis zu gelangen. Sie wendet ihre Aufmerksamkeit erst dann davon ab, wenn das Bedürfnis nach Informationen gestillt ist.5

Der beschriebene Prozess der Filterung, aus dem vielfältigen Angebot der Reize in unserer Umwelt, um ein effizientes und störungsfreies Handeln zu gewährleisten, ist essentiell notwendig.6 Eine Verarbeitung aller Reize zur gleichen Zeit würde ein geordnetes Handeln unmöglich machen.7 Diese Fähigkeit der selektiven Aufmerksamkeit besitzen wir von Geburt an, optimieren sie jedoch mit zunehmendem Alter, indem wir uns immer kontrollierter Gegenständen in der Umwelt zuwenden können. Es gelingt uns somit immer besser eine Unterscheidung zwischen aufgabenrelevanten und irrelevanten Aspekten zu treffen und diese strategisch geschickter und effizienter anzugehen.8 Ein Phänomen welches beschreibt wie die selektive Aufmerksamkeit funktioniert, ist das sogenannte „Cocktailparty-Phänomen“:

Sie befinden sich auf einer Party mit vielen Menschen, lauter Musik und führen eine Unterhaltung. Da Sie hauptsächlich an der Unterhaltung interessiert sind, schaffen Sie es durch Konzentration, die vielen äußeren Einflüsse und akustischen Reize auszublenden und Ihre Aufmerksamkeit auf Ihr Gegenüber zu richten. Nehmen Sie plötzlich wahr, dass eine andere Person Ihren Namen nennt, so kann es sein, dass für Sie fortan das andere Gespräch interessanter ist und Sie Ihre Aufmerksamkeit anderweitig ausrichten.9 In diesem Zusammenhang ist die sogenannte Vigilanz (Daueraufmerksamkeit) aufzuführen. Sie ist für die Beibehaltung der Aufmerksamkeit über eine längere Zeitspanne verantwortlich.10

Anatomisch betrachtet lässt sich das Aufmerksamkeitssystem im Gehirn in zwei grundlegende Elemente aufteilen. Zum einen den Bereich für die Erkennung neuer Stimuli/Reize, welches den rechten Parietallappen, die Colliculi superiores und das Pulvinar beinhaltet.11 Eine Beeinträchtigung einer dieser Areale führt dazu, dass die Aufmerksamkeit gestört wird und eine räumliche Lokalisation sowohl bei visuellen, als auch auditiven Reizen nicht mehr möglich ist.12 Zum anderen das Arbeitsgedächtnis, bestehend aus Cingulum und präfrontaler Cortex. Diese ist zuständig für die nicht fokussierte Aufmerksamkeit sowie exekutive Funktionen wie Organisation, Priorisierung und Selbstkontrolle. Metaphorisch gesehen könnte man dieses mit einem Dirigenten vergleichen, der organisiert, aktiviert, fokussiert und anweist. Die rechte Hirnhälfte ist für die Aufrechthaltung der Aufmerksamkeit verantwortlich, während die linke Hirnhälfte für die Lokalisierung und selektive Aufmerksamkeitsprozesse zuständig ist.13

Die Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource, auf die Menschen mit einer ADS/ADHS schlechter zugreifen und diese für sich nicht effektiv nutzen können. Den Betroffenen fällt es schwer über einen längeren Zeitraum wichtige, handlungsrelevante Informationen zu filtern und diese zu selektieren. Sie können die Flut der Reize nicht bewältigen und nicht zwischen relevanten und irrelevanten Stimuli bzw. Reize differenzieren. Die Unfähigkeit sich fokussieren zu können und seine Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten sowie Reize zu filtern, bezeichnet man als Aufmerksamkeitsstörung. Wird diese Störung auf das soeben beschriebene „Cocktailparty-Phänomen“ übertragen, nimmt die von der Aufmerksamkeitsstörung betroffene Person alle Gespräche im Raum gleichermaßen wahr. Die Aufmerksamkeitsstörungen können genetischen, psychischen- bzw. umweltbedingten Ursprungs sein und in verschiedenen Ausprägungen auftreten.14

3. Abgrenzung zwischen ADS und ADHS

Sowohl bei ADS als auch bei ADHS existieren keine singulären Symptome, die eindeutig auf diese Krankheit hinweisen. Es ist vielmehr eine Summe von Anzeichen, die eine umfassende Untersuchung und ausführliche Anamnese verlangen. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen Krankheitsbildern ist das Auftreten einer Hyperaktivität bei ADHS.15 Weitere Kernsymptome die ADHS von ADS abgrenzen, sind Impulsivität, Aggressivität und eine daraus resultierende Störung des Sozialverhaltens. Kinder mit ADHS sind somit meistens verhaltensauffälliger. Sie stören den Unterricht in der Schule und geraten häufig in Konflikte mit anderen Kindern. Ein Grund dafür ist meistens, dass Sie die Emotionen ihres Gegenübers oft überinterpretieren oder gar falsch deuten.16 ADS-Betroffene hingegen werden häufig als langsam, verträumt, ängstlich, sensibel und in sich gekehrt charakterisiert. Das hat zur Folge, dass Symptome und Diagnostik der ADS-Betroffenen ohne Hyperaktivität oft nicht eindeutig sind. Bei einem hypoaktiven17 Kind steht zudem nicht die Persönlichkeitsstörung, sondern die Lern- und Leistungsschwäche (verursacht durch die ausbleibende Fähigkeit zur Daueraufmerksamkeit und Konzentration) im Vordergrund. Die Literatur spricht hier von einer nach „innen gerichteten“ Hyperaktivität, da das Kind zwar äußerlich ruhig, im inneren allerdings aufgewühlt ist. Dem Betroffenen fehlt die Fähigkeit sich selbst zu motivieren, Gefühle zu steuern und Durchhaltevermögen zu entwickeln. Wissenschaftliche Tests haben bewiesen, dass die betroffenen Kinder oft überdurchschnittlich intelligent sind, oftmals sogar hochbegabt. Trotz dessen liegt immer eine Diskrepanz zwischen der tatsächlich vorhandenen aktuellen Leistungsfähigkeit und den erbrachten Leistungen in der Schule vor.18 Aus dem schulischen Versagen resultieren oftmals ein seelisches Leiden und ein Mangel an Selbstbewusstsein sowie ein starker Drang zur Autonomie. Viele Kinder können aufgrund ihrer Intelligenz die vorhandenen Schwächen jahrelang durch erhöhten Kraftaufwand kompensieren, sodass das Umfeld nichts von ihrer psychischen Beeinträchtigung mitbekommt und die Betroffenen keine professionelle Hilfe erhalten. Die Konsequenz ist eine sogenannte Schulangst, die teilweise von Kopf- und Bauchschmerzen begleitet wird. Das Kind gerät schnell in Panik und resigniert bei Misserfolgen. Es hat wenig Freude am Leben, Versagensängste sowie Selbstwertkrisen.19 Entscheidend bei beiden Arten der Störungen ist, dass der Betroffene mit seinen Interessen, Eigenarten, Stärken und Schwächen nicht in die „normale“ Gesellschaft passt, seine Persönlichkeit nicht entfalten kann und sich oft selbst ausgrenzt.20

Wissenschaftlich wurde bereits bewiesen, dass die fehlende Diagnostik und die daraufhin ausgebliebene Behandlung im Kindesalter oft dauerhafte psychische Erkrankungen sowie weitere Spätfolgen, wie z.B. Depressionen, Angststörungen, Zwangskrankheiten und Persönlichkeitsstörungen im Erwachsenenalter zur Folge haben.21 Zusammenfassend werden beide Typen abgrenzend gegenübergestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Unterschiede zwischen ADS/ADHS

(Quelle: Eigene Darstellung)

Folgende Gemeinsamkeiten bzw. Auffälligkeiten beider Störungsbilder (welche denselben Ursprung haben können) lassen sich zusammenfassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle: Gemeinsamkeiten von ADS/ADHS (Quelle: Eigene Darstellung)

4. Empirische Analyse von störungsbetroffenen Personen

Die nachfolgenden Statistiken visualisieren einen deutlichen Anstieg der diagnostizierten psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren. Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (kurz: DAK) hat in diesem Zusammenhang festgehalten, wie die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen von 1997 bis 2015 gestiegen ist. Dieses Ergebnis zeigt, dass die Erkrankungen bei Frauen um ca. 230% und bei Männern um ca. 200% zugenommen haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.: Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitsfälle von 1997-2015

(Quelle: Statista (22.01.2017), https://de.statista.com)

Dieser Trend lässt sich ebenfalls auf die Prävalenz der letzten Jahre von ADS/ADHS übertragen bzw. feststellen, dargestellt in der folgenden Abbildung der allgemeinen Ortskrankenkasse (kurz: AOK). Diese zeigt eine Verdoppelung der Diagnose seit 2006.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. : Kinder und Jugendliche mit ADHS-Diagnose

(Quelle: Statista (22.01.2017), https://de.statista.com)

Bei Jugendlichen im Alter von 11-13 Jahren wurde ADHS in Deutschland zwischen den Jahren 2006 bis 2012 am häufigsten diagnostiziert, wie es die nachfolgende Abbildung 3 darstellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. : Prävalenz von ADHS-Diagnosen nach Geschlecht

(Quelle: Statista (22.01.2017), https://de.statista.com)

Es ist davon auszugehen, dass die Symptome bei den Betroffenen sich bereits früher kenntlich gezeigt haben, seit der ersten Feststellung eines auffälligen Verhaltens, bis zur Diagnose allerdings viele Jahre vergangen sind.

Im Zusammenhang mit dem in der Einleitung verfassten Ziel, stellen sich dem Autor folgende Fragen:

- Handelt es sich tatsächlich um eine Zunahme dieser Erkrankung oder lässt sich der Anstieg dadurch erklären, dass diese Art von Störungen bzw. psychische Erkrankungen im Allgemeinen lange Zeit vernachlässigt oder nicht anerkannt wurden?
- Ist nicht letztendlich die Sensibilisierung, bzw. die gesteigerte Wahrnehmung dieser Thematik u.a. durch zunehmende Berichterstattung in den Medien und eine deutlich verbesserte Diagnostik bzw. der Fortschritt der Wissenschaft die Ursache dafür, dass die statistischen Zahlen diesen signifikanten Anstieg widerspiegeln?

Ein Ärztereport der Barmer gesetzliche Krankenkasse (kurz: GEK), thematisiert in der Zeitschrift „Die Welt“, liefert Indizien für die Beantwortung dieser Fragen. In diesem Artikel wurde festgestellt, dass die Stadt Würzburg einen 6% höheren Anteil an Kindern mit der Diagnose ADS/ADHS als der Rest der Bundesrepublik aufweist. Würzburg verfügt über eine hohe Dichte an spezialisierten Ärzten auf diesem Fachgebiet. So greift das folgende Zitat von Kai Behrens, dem Barmer-Sprecher auf, dass eine objektive Bewertung der statistischen Auswertungen nur schwer möglich ist.22 Es liegt die Vermutung nahe „dass die Universitätsmedizin in Würzburg mit einem ADHS-Schwerpunkt, einige Kinderpsychiater sowie damit vernetzte oder dort fortgebildete Kinder- und Hausärzte für die überdurchschnittlichen Anteile bei Diagnosen und Verordnungen mit ursächlich sind“.23

Weiterhin wird in dem Artikel folgende Aussage getroffen: „Spricht man mit Betroffenen in Würzburg, so kann man durchaus hören, dass die hohe Präsenz der Ärzte in Würzburg etwas mit den Diagnose-Zahlen zu tun hat.“24 Eine logische Konsequenz, wenn man bedenkt, dass das Krankheitsbild ADHS viele Jahre eher sekundär in der Forschung behandelt wurde.

5. Genetische und psychologische Arten der Aufmerksam- keitsstörungen

ADS/ADHS ist ein durchaus kontroverses Thema, welches oft in der Diskussion steht und als Allzweckdiagnose für Störungen bei Kindern verurteilt wird. In der Realität ist dieses Krankheitsbild sowohl in seiner Diagnostik als auch in der Behandlung besonders anspruchsvoll, da kein einheitliches Krankheitsbild existiert. Mit der Forschung über neurochemische bzw. neurophysiologische Ursachen für diagnostizierte Aufmerksamkeitsstörungen wurde erst Anfang der 70er Jahre begonnen, so dass diese noch am Anfang steht.25

Die in den folgenden Kapiteln beschriebenen Ursachen für Aufmerksamkeitsstörungen können zu einer ADS/ADHS führen und sind in ihrer Diagnostik genau zu betrachten, um den Betroffenen eine für sie geeignete Medikation verabreichen zu können. Obwohl ADS/ADHS als psychische Erkrankung kategorisiert werden, liegt der Ursprung oft in der Genetik, bzw. in fehlerhaften Funktionsvorgängen innerhalb unseres Gehirns. In diesem Fall wird die Störung erst im zweiten Schritt durch ihre Folgen zu einer psychischen Erkrankung, unter der Betroffene oft jahrelang leiden. Liegt der Ursprung in der Umwelt, kann es sich bspw. um ein traumatisches Erlebnis handeln, welches nicht verarbeitet werden kann und so Abläufe innerhalb des Gehirns beeinflusst und verändert. Die folgenden Unterkapitel erläutern, wie Aufmerksamkeitsstörungen entstehen und dienen dem Autor zur abschließenden Bewertung, ob es sich bei ADS/ADHS um eine Modediagnose handelt.

Die von Hudziak et al. in 2005 durchgeführten Studien belegten anhand von Zwillingsstichproben, dass die Krankheit bei 22% aller Betroffenen unter Einfluss von Umweltfaktoren entstanden ist. 78% sind hingegen durch genetische Komponenten zu belegen. Die Studie von Rohde et al. (2005) unterstützt diese Aussage. Rhode et al. durch Forschungen belegen, dass ADHS in ähnlichen Ausprägungen und Häufigkeiten in allen Kulturkreisen aufzufinden ist und somit umweltbedingte Faktoren eine nebensächliche Rolle spielen.26

Obwohl es sich in den meisten Fällen um ein angeborenes anatomisches Defizit handelt, existieren dennoch Fälle, in denen der Einfluss traumatischer Erlebnisse eine bewusste Kontrolle über das Gehirn verhindern kann. Die andauernden Angstsignale, die vom Hirnstamm gesendet werden, bewirken mit zunehmender Zeit eine negative Veränderung der Gene, bzw. fehlerhafte Vorgänge innerhalb des Gehirns (Posteriorisierungsstörung). Die stärkste Ausprägung ist die posttraumatische Belastungsstörung (nachfolgend: PTBS), welche in Kapitel 5.3 näher beschrieben wird. Der Erfolg einer therapeutischen Maßnahme würde in diesem Fall bewirken, dass sich die anatomischen Defizite zurückbilden oder ganz verschwinden.27

a. Genetische Ursachen: Funktionsstörungen im Gehirn

Zahlreiche neurochemische und radiologische Untersuchungen beweisen, dass eine Reihe von Auffälligkeiten existieren, welche sich in das Spektrum genetischer Funktionsstörungen im Hirn einordnen lassen. Die häufigste Ursache sind Anomalien im dopaminergen und noradrenergen System.28 Es kann sich bspw. um ein Ungleichgewicht von bestimmten Botenstoffen handeln, dass durch einen nicht ausreichend aktivierten präfrontalen Cortex (Frontallappen) verursacht wird. Eine Dysbalance, oder der Mangel bestimmter Neurotransmitter bewirkt fehlerhafte Vorgänge bei der Filterung oder Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit und ist eine Erklärung für bestimmte Auffälligkeiten, bzw. Symptome Störungsbetroffener. Durch die hochmodernen PET29 - und SPECT30 -Untersuchungen konnte wissenschaftlich belegt werden, dass bei den Betroffenen einer ADS/ADHS ein verringerter Glucoseverbrauch durch das Stirnhirn stattfindet. Glucose dient dem Gehirn als Treibstoff. Somit handelt es sich um eine Funktionsstörung im Stirnbereich und einiger Nervenzentren, die mit dem Stirnhirn in Verbindung stehen.31 Eine Verabreichung von stoffwechselanregenden Mitteln (Stimulanzien) sorgt in diesem Fall dafür, dass auch dieser Vorgang wie bei „gesunden“ Kindern funktioniert.32

[...]


1 Schmiedeler, (2011), S. 2

2 Vgl. Schmiedeler, (2011), S. 2f.

3 Vgl. Jansen (2015), S.197ff. zitiert nach Kiefer (2008); S. 157ff; Schmiedeler (2011), S. 31f.

4 Vgl. Jansen (2015), S. 133f. zitiert nach Goldstein (2015), S. 130.

5 Vgl. Jansen (2015), S. 136 zitiert nach Becker-Carus (2011), S. 235.

6 Vgl. Jansen (2015), S 127. zitiert nach Krummenacher, Müller (2008), S.105.

7 Vgl. Müsseler (03.02.2017), http://www.spektrum.de.

8 Vgl. Schmiedeler (2011), S. 39.

9 Vgl. Hagendorf, Krummenacher, Müller, Schubert. (2011), S. 179f.; Vgl. Jansen (2015), S. 202ff. zitiert nach Becker-Carus (2011), S. 231f.

10 Vgl. Müller et al. (2011), S. 180.

11 Vgl. Krause, Krause (2014), S. 22f.

12 Vgl. Jansen (2015) zitiert nach Anderson (2013), S. 64f.

13 Vgl. Krause, Krause (2014), S. 22f.

14 Vgl. Gawrilow (2016), S. 42.

15 Vgl. Simchen (2011), S. 49ff.

16 Vgl. Gawrilow (2012), S. 28f.

17 hypoaktiv (griechisch)= unteraktiv

18 Vgl. Simchen (2011), S. 49f.

19 Vgl. Simchen (2011), S. 13ff.

20 Vgl. Treu (2014), S. 10.

21 Vgl. Gawrilow (2012), S. 36f.

22 Vgl. Peters (27.11.2016), https://www.welt.de.

23 Peters (27.11.2016), https://www.welt.de

24 Peters (27.11.2016), https://www.welt.de

25 Vgl. Treu (2014), S. 9ff.

26 Vgl. Krause (2013), S. 21ff.

27 Vgl. Treu (2014), S. 119f.

28 Vgl. Krause (2014), S. 19ff.

29 Die PET (Positronen-Emissions-Tomographie) Untersuchung visualisiert die Verteilung von Glucose, indem diese radioaktiv markiert wird. Sie verhilft zur Feststellung, welche Gehirnareale eine Glucoseunterversorgung bzw. in welchen vermehrt Glucose vorhanden ist.

30 Die SPECT (Single-Photon-Emmisions-Computertomographie) Untersuchungen verhelfe zur Feststellung der Funktionalität eines Organs indem Sie die radioaktive Verteilung innerhalb dieses aufzeigen

31 Vgl. Jansen (2015), S. 51. zitiert nach Birbaumer; Schmidt (2010), S. 483ff. und Myers (2014), S. 66f.

32 Vgl. Simchen (2012), S. 15f.

Details

Seiten
41
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668934962
ISBN (Buch)
9783668934979
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465148
Institution / Hochschule
SRH Hochschule Riedlingen
Note
1,3
Schlagworte
Aufmerksamkeit Aufmerksamkeitsstörungen ADS ADHS

Autor

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Titel: Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsstörungen