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Sportvereine als Instrument der sozialen Integration

Eine Betrachtung mit Bezug auf die Gruppe der Flüchtlinge

Hausarbeit 2017 25 Seiten

Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Selbstständigkeitserklärung

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Forschungsstand

3. Integration
3.1 Integrationstheorie nach Esser
3.1.1 Soziale Integration
3.2 Soziale Integration und Sport

4. Integrationsmedium Sport(-verein)
4.1 Inklusion in den Sportverein
4.1.1 Mitgliederquote.
4.1.2 Engagementquote
4.2 Zugangsbarrieren
4.2.1 Zugangsbarrieren auf Seiten der Migranten
4.2.2 Zugangsbarrieren auf Vereinsseite
4.3 Erfolgsfaktoren

5. Betrachtung entlang der Formen der Sozialintegration nach Esser
5.1 Kulturation
5.2 Platzierung
5.3 Interaktion
5.4 Identifikation

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Migration1 ist eine globale Realität im 21. Jahrhundert und eine der größten Herausforderungen für moderne Gesellschaften. Ende 2016 waren fast 66 Millionen Menschen, und damit so viele wie nie zuvor, aufgrund von Verfolgung, gewalttätigen Konflikten oder Menschenrechtsverletzungen auf der Flucht (UNHCR, 2016, S. 2).

Die Folgen in Form von steigenden Zahlen von Asylanträgen machen sich auch in Deutschland bemerkbar. Viele der Flüchtlinge werden dauerhaft oder längere Zeit in Deutschland bleiben2 (BAMF, 2017). Zusammen mit den knapp 17 Millionen in Deutschland lebenden Personen mit Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt, 2017), ergibt sich daraus die Integration von Menschen mit verschiedenen kulturellen, sprachlichen und ethnischen Hintergründen als aktuelle gesellschaftspolitische Schlüsselaufgabe, die einer differenzierten Auseinandersetzung bedarf3. Mit dem Nationalen Integrationsplan versucht die deutsche Bundesregierung dieser Aufgabe nachzukommen. Hierin wird neben Maßnahmen auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt auch der Integrationsmotor Sport als wesentliche Komponente für das Gelingen von Integration vor Ort benannt und der Beitrag der Sportvereine und –verbände diesbezüglich gewürdigt (Bundesregierung, 2007, S. 20). Zusätzlich suggerieren die in den gesellschaftspolitischen und sportverbandlichen Diskussionen immer wieder gern zitierten Slogans wie Sport verbindet oder Sport kennt keine Grenzen, dass sportliche Aktivitäten per se eine weitreichende sozialintegrative Funktion speziell für Menschen mit Migrationshintergrund hätten und der Sport als Türöffner in die Gesellschaft für die Integration genutzt werden kann (Braun & Finke, 2010, S.13 ff.).

In den Blick genommen werden dabei zwar teilweise unterschiedliche Integrationsdimensionen, die Argumentationskette verläuft jedoch ähnlich: Sportvereine werden als Orte für soziale Inter- aktionen und für bürgerschaftliches Engagement beschrieben, die es dem Einzelnen ermöglichen sollen, Erfahrungen zu sammeln und Kenntnisse zu erwerben, die sich auch in anderen Kontex- ten einsetzen lassen (zur Argumentationsfigur insbesondere Baur & Braun, 2003; Braun, 2007). Und tatsächlich sind im vereins- und verbandsorganisierten Sport so viele Personen mit Migrati- onshintergrund aktiv und engagiert wie in keiner anderen freiwilligen Vereinigung in Deutsch- land. Da aber Personen mit Migrationshintergrund im Hinblick auf die Aktivität und das freiwil- lige Engagement im Handlungsfeld Sport und Bewegung nach wie vor unterrepräsentiert sind, lässt sich vermuten, dass es im sportpolitischen Diskurs zu einer Verklärung der Vorteile des Sports für die Integrationsprozesse kommt und Einschränkungen der integrativen Möglichkeiten existieren (vgl. Braun & Nobis, 2011, S. 13 ff.).

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll somit der Frage nachgegangen werden, ob der Sportverein ein geeignetes Setting für die soziale Integration von Flüchtlingen darstellt. Dazu wird zunächst kurz der Forschungsstand aufgezeigt, bevor im nächsten Kapitel überblicksmäßig auf das Thema Integration eingegangen wird. Hier steht der Ansatz von Hartmut Esser und dabei in erster Linie sein Konzept der Sozialintegration als begriffliche und theoretisch-analytische Grundlage im Vordergrund4. Im vierten Kapitel erfolgt dann die differenzierte Betrachtung des Integrationsmediums Sport(-verein) anhand verschiedener Dimensionen und Wirkungen. Zusätzlich werden wirkende Zugangsbarrieren und Erfolgsfaktoren präsentiert. Vor dem abschließenden Fazit wird im fünften Kapitel auf die nochmal die Sozialintegration von Esser aufgegriffen und auf den Sportverein übertragen.

2. Forschungsstand

Der Sport in der Migrationsgeschichte ist zwar kein neues Forschungsfeld, allerdings sind die Themen rund um Sport, Migration und Integration erst in der letzten Dekade im Zentrum der deutschsprachigen Sportwissenschaften angekommen5. Das spezielle Themenfeld Sport und Flüchtlinge weist nach Nobis, Barth und Borth (2017, S. 119) hingegen eine „erhebliche For- schungslücke“ auf und der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migra- tion (SVR) betrachtet die Forschung zu Flüchtlingen in Deutschland ganz allgemein als „unter- entwickelt“ (Robert Bosch Stiftung, 2016, S. 13). Die wenigen Befunde, die in Bezug auf die soziale Integration von Flüchtlingen vorliegen, deuten auf Barrieren hin und verdeutlichen die Abhängigkeit der sozialen Beziehungen zur Aufnahmebevölkerung von der individuellen Eigen- initiative und den Gelegenheitsstrukturen. Von hoher Bedeutung für die Integration sind hinge- gen Unterstützer im sozialen Umfeld und interethnische Kontakte. In Bezug auf in die Einbin- dung in sportbezogene Vereine fehlt hingegen ein Gesamtüberblick (ebd., S. 44).

Die Sportentwicklungsberichte befassen sich erst seit der letzten Erhebung mit diesem Thema und konnten auf Seiten der Vereine nur ein durchschnittliches Engagement für Flüchtlinge fest- stellen (Breuer, Feiler & Nowy, 2015, S. 47 ff.). Des Weiteren erhebt der Bayrische Fußball Ver- band im Rahmen seiner BFV Studie erstmals Daten zum Themenkomplex Flüchtlinge in den Sportvereinen. Hierbei zeigt sich, dass die befragten Vereine insgesamt nicht uneingeschränkt positiv und teilweise flüchtlingsfeindlich eingestellt sind. Allerdings zeigt sich auch, dass Vereine mit aktiven Flüchtlingen positiver eingestellt und engagierter sind als Vereine ohne interkulturelle Kontakte (Reinders, 2015, S. 37). Aktuelle Erkenntnisse liefert zudem die qualitative Begleitstudie zum Projekt Flüchtlingsarbeit von Sportvereinen des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). Anhand von Interviews mit Vorstandsmitgliedern und Übungsleitern6 von 17 Sportvereinen aus Berlin und Sachsen konnten die Bedingungen erfolgreicher Öffnungsprozesse identifiziert werden und Handlungsempfehlungen abgeleitet werden (Nobis et al., 2017). Die Studie Integrating Young Male Refugees: Initial Evidence from an Inclusive Soccer Project untersuchte die Auswirkungen der Teilnahme an dem Fußballprojekt „Heimstärke“ auf eine Gruppe von männlichen Flüchtlingen. Dabei konnten positive kurzfristige Integrationseffekte in Form häufiger Besuche bei der deutschen Bevölkerung nachgewiesen werden (Lange, Pfeiffer & van den Berg, 2016, S. 16). Und auch Abur (2016) konnte in seiner interviewbasierten Untersu- chung mit 20 südsudanesischen Flüchtlingen nachweisen, dass Sport bei der Integration von Flüchtlingen in die Mehrheitsgesellschaft unterstützend wirken kann.

Die wenigen Forschungsarbeiten lassen das integrative Potenzial der Sportvereine in Bezug auf Flüchtlinge erahnen. Durch die geringen Stichprobengrößen und die fehlende Vergleichsmög- lichkeit mit anderen Erhebungswellen ist die empirische Evidenz jedoch als gering einzustufen. Das macht eine Betrachtung von Arbeiten der allgemeinen Migrationsforschung erforderlich7. Auf diesem Gebiet haben Fussan und Nobis (2007) Pionierarbeit geleistet. Sie konnten zeigen, dass der Sport bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf ein enormes Interesse stößt und der Sportverein hierfür ein beliebtes Setting ist. Gleichzeitig relativieren sie mit Ihrer Arbeit allzu überzogene Erwartungen an die Integrationsleistungen von Sportvereinen, wenn sie feststellen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund signifikant seltener Mitglied in einem Sportverein sind und diese Unterrepräsentanz von verschiedenen Faktoren abhängig ist. Die Arbeit von Kleindienst-Cachay et al. (2012) befasst sich ebenfalls mit der Integrationskraft von Sportverei- nen. Die regionale Fallstudie konnte zeigen, dass der Sportverein für die Inklusion8 in den Sport die bedeutendste Organisationsform darstellt und der Sport fester Bestandteil im Leben von Mig- ranten geworden ist.

Diese Erkenntnisse werden von einer Vielzahl weiterer themenspezifischer Sekundäranalysen (Boos-Nünning und Karakaşoğlu-Aydin, 2003; Mutz, 2009 & 2013; Mutz & Burrmann, 2011 & 2015) und Evaluationsstudien zu Programmen der Integrationsförderung (Baur, 2009, Braun & Finke, 2010, Braun & Nobis 2011, Nobis & Mutz, 2011) bestätigt9.

Die Studien liefern übereinstimmend Anhaltspunkte dafür, dass der Sport und die Sportvereine als wichtigste Institution zur Integration beitragen können, auch wenn die Befunde aufgrund des Querschnittdesigns der Studien nicht überwertet werden dürfen und speziell zum Thema Flücht- linge die Forschungslage noch dürftig ist.

3. Integration

Integration lässt sich ganz allgemein mit „joining parts (in) to an entity“, sprich dem Beitritt von Teilen zu einem Ganzen, beschreiben (Council of Europe, 1997, S. 9). Die Interpretation und soziale Konnotation dieses ganz allgemeinen Verständnisses variiert allerdings, so dass über einen langen Zeitraum verschiedene Strömungen entstanden, die teils aufeinander aufbauen, teils sehr verschiedene Ansätze verfolgen. Dieser Prozess und die Ergebnisse werden in den Sozialwissen- schaften mit unterschiedlichen Termini beschrieben: Absorption, Assimilation, Verschmelzung, Akkulturation, Multikulturalismus, Inklusion oder eben auch Integration. Diese Vielfalt an Be- griffen und damit einhergehende verschiedene Bedeutungszusammenhänge machen das Thema der Integration zu einem der umstrittensten Felder in der Soziologie. Im Ergebnis konnten sich bis zum jetzigen Zeitpunkt keine allgemein akzeptierten Begrifflichkeiten, theoretischen Grund- annahmen und praktischen Empfehlungen etablieren und vor allem existiert keine von allen ak- zeptierte Definition, was unter Integration zu verstehen ist10. Im Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung (2007, S. 196) heißt es dann auch folgerichtig:

„Ein übergreifender Konsens, was unter Integration zu verstehen sei, scheint schwierig, weil Integration sowohl ein normatives als auch ein analytisches Konzept darstellt und die dabei als wichtig erachteten Aspekte und Dimensionen sich im Verlauf der Zeit verändern. Eine allgemein akzeptierte Theorie der Integration zu entwi- ckeln, dürfte kaum möglich sein.“

3.1 Integrationstheorie nach Esser

Beschäftigt man sich mit der Integrationsthematik im deutschsprachigen Raum, landet man zwangsläufig bei der Integrationstheorie von Hartmut Esser11. Esser (2001, S. 1, Hervorhebungen im Original) versteht unter Integration ganz allgemein den „ Zusammenhalt von Teilen in einem‚systemischen‘ Ganzen“, wobei es keine Rolle spielt, worauf dieser Zusammenhalt beruht. Zwi- schen den Teilen besteht eine wechselseitige Abhängigkeit und die einzelnen Teile sind integraler Bestandteil des Ganzen. Dieser Zusammenhalt führt zur Abgrenzung des Systems von seiner Umgebung und wird dadurch als System identifizierbar. Von der Integration eines Systems ist also dann zu sprechen, wenn eine wechselseitige Abhängigkeit der beinhalteten Teile und eine Abgrenzung zur Umgebung gegeben ist. Diese allgemeine Definition von Integration hat grund- sätzlich Gültigkeit für alle Arten von Systemen und kann somit auch auf soziale Systeme, also Gesellschaften oder Teile davon, übertragen werden (ebd.).

Im nächsten Schritt unterscheidet Esser, in Anlehnung an den britischen Soziologen David Lock- wood, zwischen den Konzepten Systemintegration und Sozialintegration. Die Systemintegration bezieht sich auf die Integration eines sozialen Systems als Ganzes, bei der sich der Zusammenhalt anonym, sprich unabhängig von Motiven, Absichten und untereinander bestehender Beziehun- gen der Akteure, ergibt und durchsetzt. Je integrierter zum Beispiel ein Verein ist, desto enger und intensiver sind die Beziehungen der bestehenden Mitglieder. Im Gegensatz dazu beschreibt die Sozialintegration die Integration der Akteure in die sozialen Systeme hinein und berücksich- tigt dabei neben Motiven, Absichten und Orientierungen auch das Ausmaß von Beziehungen der Akteure. Auf den Sportverein übertragen meint Sozialintegration somit die Integration von ein- zelnen Akteuren des Vereins bzw. Gruppen solcher Akteure in den Verein hinein oder die In- tegration in die Gesellschaft durch den Verein. Hierbei sind individuelle Interessen, Motive und Beziehungen zu anderen Akteuren des Vereins von Bedeutung (ebd. S. 3 ff.).

3.1.1 Soziale Integration

Die Integration von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund meint primär die soziale Integration und damit den Einbezug der Akteure in die Gesellschaft zum Beispiel durch Gewährung von Rechten, Erwerb von Sprachkenntnissen, Beteiligung am Bildungssystem und Arbeitsmarkt, Beteiligung am politischen Leben, Entstehung von Akzeptanz und emotionale Identifikation. Zwischen diesen Bereichen und Dimensionen bestehen kausale Beziehungen, so dass soziale Integration kein eindimensionaler Prozess ist, sondern sich an vier Hauptdimensio- nen entlang vollzieht: Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation (zur Übersicht siehe Abb. 1).

Identifikation beschreibt die gedankliche und emotionale Beziehung zwischen dem Individuum und dem sozialen System (z. B. Nationalstolz, Wir-Gefühl). Sie steht an letzter Stelle der Hierarchie und stellt keine Voraussetzung für den Erwerb kultureller Fähigkeiten, den Aufbau sozialer Beziehungen oder die Platzierung in der Gesellschaft dar. Sie entwickelt sich langsam und ist psychologisch-emotional nicht erzwingbar. Identifikation ist nur zu erwarten, wenn die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft als positiv wahrgenommen wird. Dazu müssen die Akteure soziale Beziehungen, interethnische Kontakte und familiäre Bindungen aufbauen, so dass sich soziale Netzwerke und soziales Kapital12 bilden können. Diese Prozesse werden durch die Interaktion beschrieben und stellen einen Spezialfall sozialen Handelns dar. Durch mehr oder weniger feste und verbindliche Regeln, wird eine Platzierung der Akteure in den alltäglichen, nicht-formellen Bereichen der Gesellschaft unterstützt. Voraussetzung dafür ist die Kulturation, sprich der Erwerb von kulturellem Kapital in Form von spezifischen Wissens- und Kompetenzbeständen in Bezug auf die gesellschaftlichen Handlungsgrundlagen (z. B. Sprache, Normen, Werte, Regeln, Symbole, Umgangsformen). Dadurch wird das Individuum befähigt in typischen Situationen sinnvoll und erfolgreich zu handeln und macht es für andere Individuen interessant, was wiederum den Zugang zu Interaktionen ermöglicht. Die Kulturation ist somit eine wichtige Grundlage für die Positionierung in einer Wahlgemeinschaft. Ein Mangel an kulturellem Kapital steht einer erfolgreichen Platzierung und somit einer gelingenden sozialen Integration damit im Weg. Denn die Platzierung ist der grundlegende Mechanismus der sozialen Integration. Sie bezeichnet den Erwerb bzw. die Besetzung gesellschaftlicher Positionen durch ein Individuum. Sie ist abhängig von individuellen Zugangschancen und bezieht sich auf die Verleihung bestimmter Rechte, auf Möglichkeiten zur Entwicklung von Wissen und Kompetenz oder Gelegenheiten zum Aufbau sozialer Beziehungen. Sie spielt damit eine wesentliche Rolle bei der Verteilung von Lebenschancen und kann somit durch Vorenthaltung dieser auch Grundlage für die Erzeugung sozialer Ungleichheiten sein. Die Platzierung der Akteure auf zentrale und interessante Positionen und die damit verbundene Kulturation ist somit der Schlüssel zur nachhaltigen Sozialintegration und auch wichtige Bedingung für die Systemintegration (ebd. S. 8 ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Übersicht Integration nach Esser (Esser, 2001, S. 16)

3.2 Soziale Integration und Sport

Parallel zur allgemeinen integrationstheoretischen Debatte ist zu konstatieren, dass auch in der Sportwissenschaft weder ein einheitlicher Integrationsbegriff verwendet wird, noch Konsens dar- über herrscht, was unter einer Integration in Bezug auf Sport zu verstehen ist. Wählt man zur theoretischen Annährung einen weitgehend nicht-normativen Zugang, so ist zwischen verschie- denen Dimensionen zu unterscheiden.

Braun und Finke (2010, S. 19) gehen in Bezug auf die sozialen Integrationsleistungen13 von Sport(-vereinen) von einer „doppelten Integrationsannahme“ aus und unterscheiden in die Bin- nen- und Außenintegration (vgl. dazu auch Braun & Hansen, 2004). Die Binnenintegration der Mitglieder in einen Verein bzw. die binnenintegrative Leistung von Vereinen meint die Integra- tion bzw. den sozialen Einbezug im Verein. Kleindienst-Cachay et al. (2012) sprechen in diesem Zusammenhang von der Integration im Sport und meinen damit die Einbindung in die sozialen Netzwerke beim oder neben dem Sporttreiben.

Die Außenintegration der Mitglieder in die Gesellschaft bzw. die außenintegrative Wirkung von Vereinen meint die Integration in über den Verein hinausgehende gesellschaftliche Zusammen- hänge und beschreibt damit eine „‘grenzüberschreitende‘ Form der sozialen Integration, die über die Vereinsmitgliedschaft ‚vermittelt‘ werde“ (Braun & Hansen, 2004, S.62). Kleindienst-Cachay et al. (2012) bezeichnen diese Form als Integration durch Sport. Dabei sind zwei Aspekte zu sehen: erstens können die im Vereinssport erworbenen kulturellen, sozialen und kommunikativen Kompetenzen in andere soziale und kommunikative Situationen transferiert werden. Außer- dem können die bei der Binnenintegration angesprochenen informellen Interaktionen dazu bei- tragen, dass soziale Kontakte auf einer emotionalen bzw. freundschaftlichen Basis entstehen. Das so erweiterte soziale Netzwerk eröffnet den Zugang zu anderen Bereichen der Gesellschaft und trägt so zur Förderung der sozialen Integration bei. Zwischen diesen beiden Aspekten der au- ßenintegrativen Wirkung bestehen komplexe Zusammenhänge. Durch die sozialen Kontakte fin- det eine Vermittlung von Kompetenzen statt und gleichzeitig müssen für die Entstehung von Kontakten gewisse Kompetenzen gegeben sein. Kleindienst-Cachay et al. (2012) gehen zusätzlich von einer Inklusion in den Sport aus. Integration setzt Inklusion voraus, die somit eine Bedin- gung für die mögliche Integration darstellt. Es muss also zunächst die Teilhabe am Kommunika- tionszusammenhang des Sports (z. B. in Form einer Mitgliedschaft im Sportverein) vorliegen.

[...]


1 Der Begriff der Migration ist auf das lateinische Wort „migrare“ bzw. „migratio“ (wandern, wegziehen, Wanderung) zurück- zuführen. Durch den Einfluss des englischen Wortes „migration“ hat der Begriff sowohl in der deutschen Alltagssprache als auch in der Begriffssprache der Sozialwissenschaften seinen Platz eingenommen (vgl. Han, 2016, S. 5).

2 Im Jahr 2016 wurde mit 745.545 Asylanträgen ein neuer Höchststand erreicht, wovon 62,4 Prozent Schutz gewährt wurde.

3 Das Völkerrecht unterscheidet zwischen Flüchtlingen und Migranten, allerdings sind beide Gruppen nicht klar voneinander abzugrenzen. Flüchtlinge sind laut Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention Menschen, die sich außerhalb des Landes befinden, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen oder in dem sie ihren ständigen Wohnsitz haben, und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Über- zeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung haben und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen können oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren können. Migranten sind Menschen, die aus eigenem Antrieb ihr Land verlassen und bessere Lebensbedingungen suchen (UNHCR, 2017). Personen mit Migra- tionshintergrund sind laut Statistischem Bundesamt (2017) Personen, die nach 1949 in die Bundesrepublik eingewandert sind, in Deutschland als Ausländer geboren wurden oder in Deutschland als Deutsche geboren wurden und mindestens einen Elternteil haben, die zugewandert sind oder hier als Ausländer geboren wurden.

4 Das Modell wurde gewählt, da es einerseits die Grundlage vieler sportwissenschaftlicher Studien bildet und andererseits die verschiedenen Integrationsprozesse auf den Vereinssport überträgt.

5 Für einen umfassenden Überblick zum Forschungsstand sei an dieser Stelle auf die Arbeiten von Kleindienst-Cachay, Cachay, Bahlke und Teubert (2012) und Breuer et al. (2015) verwiesen.

6 Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit nur die männliche Form genannt, aber die weibliche Form gleichermaßen mitgemeint.

7 Aus diesem Grund wird im Verlauf der Arbeit auf Arbeiten zum Thema Integration von Personen mit Migrationshintergrund zurückgegriffen.

8 Inklusion und Integration werden häufig synonym verwendet. Im gemeinnützigen Sport wird Integration häufig für Menschen mit Migrationshintergrund und Inklusion für Menschen mit Behinderungen verwendet. Der DOSB versteht unter Inklusion und Integration gleichermaßen das gleichberechtigte, selbstbestimmte und teilhabende Sporttreiben aller Men- schen in ihrer Vielfalt und Heterogenität (vertiefend hierzu Gieß-Stüber et al., 2014).

9 Die Arbeiten von Herzog et al. (2009) und Fischer et al. (2010) bestätigen, dass die integrativen Wirkungen von Sport und Sportvereinen auch in der Schweiz zu finden sind.

10 Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Integrationsbegriff unter Bezugnahme auf den Gesamtdiskurs kann deshalb im Rahmen dieser Arbeit nicht erfolgen. Dazu sei an dieser Stelle auf die Arbeiten von Han (2016), Council of Europe (1997) oder Castles et al. (2002) verwiesen.

11 Andere Integrationstheorien stammen zum Beispiel von Friedrich Heckmann (1997) oder Han-Broich (2011).

12 im Sinne von sozialem Vertrauen, Freundschaften, gegenseitiger Hilfsbereitschaft und emotionaler Unterstützung (Braun & Finke, 2010, S. 25)

13 Dem Sport kann zwar auch eine strukturelle Integrationsfunktion zugeschrieben werden. Nach Herzog et al (2005) kann er genutzt werden, um bei gesellschaftlicher Marginalisierung entgangenes Sozialprestige zu kompensieren. Allerdings ist hier nur von einer geringen Wirkung auszugehen, da die wenigsten über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, um Spitzensportler zu werden und der Sport somit wenig Einfluss auf status-vermittelnde Bereiche wie Beruf, Bildung und Einkommen hat.

Details

Seiten
25
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668918122
ISBN (Buch)
9783668918139
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465294
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Sportpsychologie & Sportpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Sportverein Integration Inklusion

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Titel: Sportvereine als Instrument der sozialen Integration