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Menschentöchter und Gottessöhne. Eine Exegese zu Gen 6,1-4

Hausarbeit 2018 30 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textbeobachtungen / vorbereitende Überlegungen

3. Übersetzungsvergleich

4. Textkritik

5. Literarkritik

6. Überlieferungsgeschichte

7. Redaktionsgeschichte

8. Formgeschichte

9. Traditionsgeschichte

10. Historischer Ort

11. Interpretation und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit ist Teil des Moduls the229 „Fragen der Exegese und Bibelwissenschaft“. Im Kontext dieses Moduls besuchte ich das Seminar „Einführung in die exegetischen Methoden des Alten Testaments“ bei Frau K. und die Vorlesung „Die Urgeschichte“ bei Herrn Prof. Dr. W. Bei einer Exegese geht es um das Auslegen und Verstehen eines biblischen Textes. Dies geschieht indem eine Begegnung zwischen dem alten Text und seinen heutigen Lesern geschaffen wird. Die Besonderheit bei der Bearbeitung eines alttestamentlichen Textes ist, dass dieser weit über zweitausend Jahre alt sein kann. Der Text stammt aus einer anderen Kultur, ist in einer anders strukturierten Sprache geschrieben und durch eine lange Wachstumsgeschichte geprägt. Mit der Exegese kann es gelingen, diese Barrieren zu überbrücken. Nicht nur die Oberfläche eines Textes wird wahrgenommen, vielmehr gelingt mittels der Exegese ein Eintauchen in den Text mit vielen neuen Entdeckungen.1 Der alte Text muss somit in unsere heutige Sprach- und Denkwelt „übersetzt“ werden, damit dieser überhaupt verstanden werden kann.

Unter Nutzung der historisch-kritischen Methode verfolge, ich das Ziel, den Text von jeglicher dogmatischen Befangenheit zu befreien. Damit sind zwei wichtige Gedanken verbunden. Zum einen muss die Bibel historisch verstanden werden. Das bedeutet nicht, dass jede Erzählung als historisch glaubwürdig anzunehmen ist, sondern vielmehr muss der Text als ein geschichtliches Zeugnis wahrgenommen werden. Er entstand in einer bestimmten Zeit und ist zugleich für diese bestimmte Zeit entstanden. Zum anderen hat die Exegese eine kritische Funktion und richtet sich gegen die Instrumentalisierung der Bibel2. Ich möchte den Text so weit verstehen, dass ich ihn selbst zu Wort kommen lassen kann. Dabei bin ich mir bewusst, dass die Exegese keineswegs eine hinreichende Bedingung für das Textverständnis darstellen kann. Eine Exegese ist somit, das auf das Verstehen zielende, methodengeleitete, nachvollziehbare und genaue Lesen eines Textes.3

In meiner Exegese werde ich vor allem Wert auf ein nachvollziehbares Vorgehen legen. Dabei folge ich den im Seminar besprochenen methodischen Schritten. Meine Wahl der Textstelle fiel auf Gen 6,1-4, welche mir auch unter dem Begriff „Engelehen“ geläufig war. Obwohl ich bereits einiges über diese Stelle hörte, habe ich diese Erzählung tatsächlich noch nie bewusst gelesen. Als ich die drei möglichen Textstellen las, war die Erzählung über die Gottessöhne und Menschentöchter diejenige Stelle, welche mich am meisten irritierte. Ich konnte mir nicht erklären, was der Text in diesem Kontext zu bedeuten hat. Bei den anderen beiden Texten hatte ich zumindest eine ungefähre Vorstellung über ihre Bedeutung. Deswegen entschied ich mich für Gen 6,1-4, da dieser Text für mich einen tatsächlichen Anreiz darstellt. Es macht in meinen Augen mehr Sinn eine Exegese zu einem Text durchzuführen, welchen ich nicht verstehe. Denn gerade dann ist die Exegese für mich persönlich am ergiebigsten. Selbst wenn der Text in diesem Moment inhaltlich schwer zu deuten ist, möchte ich davor nicht zurückschrecken und für mich einen möglichst großen Erkenntnisgewinn hervorbringen.

Wie ich den Text kennengelernt und ihn immer mehr verstanden habe, werde ich in den folgenden Schritten darstellen. Im letzten Schritt werde ich alle gesammelten Erkenntnisse bündeln und aufzeigen, wie der Text zu verstehen ist.

2. Textbeobachtungen / vorbereitende Überlegungen

Beim ersten Lesen wirkt die Bibelstelle auf mich sehr befremdlich und zusammenhangslos.4 In der Textstelle geht es um Menschen, Menschentöchter, Gottessöhne, Gott selbst und Riesen. Ich störe mich vor allem an dem Begriff Gottessöhne in V.2, da ich einen solchen Begriff nicht im Alten Testament vermutet hätte. Sofort kommt mir die Frage in den Sinn, wann dieser Text verfasst wurde. Es wird wahrscheinlich ein älterer Text sein, da die göttlichen Wesen monotheistischen Vorstellungen widersprechen. Aufgrund der Gottessöhne wird die Textstelle vermutlich Engelehen heißen, da mit Gottessöhnen wahrscheinlich eher Engel gemeint sind, als tatsächlich Söhne Gottes. Zudem vermute ich, dass der Text stark von Geschichten, Sagen und Erzählungen aus der Umwelt beeinflusst wurde. Ich kann nicht erkennen, was das Erzählziel des Textes ist. Worauf will dieser hinaus? Auch ein Versuch der Gliederung bringt mir keine Klarheit. Der V.3 steht in keinem Zusammenhang mit den anderen Versen. Rein logisch hätte ich an dieser Stelle jedoch den Hauptteil vermutet. In Bezug auf diesen Vers frage ich mich, wieso Gott die Lebenszeit der Menschen begrenzt hat. Soll es eine Strafe für die Verbindung mit den Gottessöhnen darstellen? In dem Vers wird dafür kein konkreter Auslöser genannt. In V.4 werden Riesen in das Geschehen mit eingebunden. Diese sind das Erzeugnis von Gottessöhnen und Menschentöchtern. Von der Art der Einführung des Begriffes „Riese“ erinnert es mich an eine Ätiologie. Trotzdem würde ich die Textstelle auf den ersten Blick nicht bloß als Ätiologie beschreiben, dafür enthält sie zu viele verschiedene Aspekte.

Als ich den Begriff Riesen las, musste ich an 1 Sam 17 denken. Hier wird der Kampf zwischen dem Riesen Goliath und David beschrieben. Dies ist jedoch die einzige mir bekannte Stelle mit einem Riesen. Ich frage mich, ob diese beiden Stellen im Zusammenhang stehen. Ist Goliath somit der Sohn eines Gottessohns (Engels) und einer Menschentochter? Oder handelt es sich hier um zwei verschiedene Begriffe des Riesen? Kommen Riesen noch an anderen Stellen im Alten Testament vor? Interessant finde ich auch die Erwähnung von Helden in dem Zusammenhang.

Die Bibelstelle ist nicht auf einen konkreten Ort beschränkt. Es befindet sich lediglich in V.1 und V.4 die Angabe, dass das Geschehen auf Erden stattfindet. Auch die zeitliche Einordnung wird nur grob vorgenommen. V.1 gibt den Hinweis darauf, dass es zu der Zeit stattfand, in der sich die Menschen vermehrten. In V.4 wird Bezug auf die Vorzeit genommen. Unklar ist, was mit der Vorzeit gemeint ist.

Auch die umliegenden Texte zu Gen 6,1-4 helfen nicht wirklich weiter, die Stelle besser zu verstehen. In Gen 5 wird das Geschlechtsregister von Adam bis Noah wiedergegeben. Einen wirklichen Zusammenhang gibt es, in meinen Augen, zwischen diesen beiden Kapiteln nicht. Direkt nach der Erzählung über Gottessöhne und Menschentöchter folgt die Ankündigung der Sintflut. Auch hier ist kein direkter Zusammenhang festzustellen. Vielleicht soll die Verbindung zwischen Menschentöchtern und Gottessöhnen als Anlass für die nachfolgende Sintflut gesehen werden?

Beim ersten Betrachten der Textstelle haben sich viele Fragen ergeben. Vor allem frage ich mich, was das theologische Zentrum des Textes ausmacht. In Frage käme die Begrenzung der Lebenszeit, wobei diese Stelle sehr eingeschoben wirkt. Die zweite Möglichkeit wäre die Verbindung von Gottessöhnen und Menschentöchtern und das Entstehen von Riesen. Bei beiden Möglichkeiten bleibt die Frage, warum diese beiden Aspekte miteinander in Verbindung gebracht wurden.

3. Übersetzungsvergleich

Für den Vergleich der Übersetzungen werde ich im Folgenden die entsprechende Textstelle in der Lutherbibel, der Zürcher Bibel und der Einheitsübersetzung betrachten. Dabei werde ich die einzelnen Verse tabellarisch gegenüberstellen. Dieser Schritt ist notwendig, da es zwingend erforderlich ist, jede Übersetzung als Interpretation wahrzunehmen. Die Übersetzungen gehen zwar alle auf die gleiche Handschrift zurück, trotzdem ist es wichtig zu erkennen, dass es nicht einheitlich übersetzt wurde und zum Teil sogar andere Bedeutung haben kann.

Vor dem Vergleich der einzelnen Verse möchte ich zunächst die Überschrift der Stelle in den jeweiligen Übersetzungen betrachten. Denn bereits hier lassen sich erste Unterschiede erkennen. Die Einheitsübersetzung5 überschreibt die Stelle mit dem Titel „Die Bosheit der Menschen“. Die Zürcher Bibel wählt den Titel „Die Gottessöhne und die Riesen“, während es in der Lutherbibel mit „Gottessöhne und Menschentöchter“ überschrieben wird. Interessant erachte ich hierbei vor allem, dass sich die Einheitsübersetzung stark von der Titelwahl der anderen beiden Übersetzungen unterscheidet. Sowohl die Zürcher Bibel, als auch die Lutherbibel haben neutrale Titel gewählt. Im Gegensatz dazu ist die Überschrift der Einheitsübersetzung negativ formuliert. Bei einem genaueren Blick wird deutlich, dass die Einheitsübersetzung keinen Absatz nach V.4 macht. Für sie fällt unter die Überschrift „Die Bosheit der Menschen“, neben dem Bericht über die Gottessöhne, die Einleitung der Sintfluterzählung. Dies erklärt die andere Titelwahl, da mit der nachfolgenden Sintfluterzählung die Schlechtigkeit der Menschen in das Blickfeld gerückt wird. Die Einheitsübersetzung wählt somit eine leicht abweichende Einordnung der Textstelle im biblischen Kontext. Während die Erzählung von Gen 6,1-4 in der Lutherbibel und der Zürcher Bibel wie ein Einschub wirkt, setzt die Einheitsübersetzung die Erzählung mit der Sintflut in Verbindung. Bereits hier wird eine andere Interpretation und zugrundeliegende Deutung des Textes in den verschiedenen Übersetzungen erkennbar. In der Einheitsübersetzung wird der Leser viel mehr dazu verleitet Gen 6,1-4 als einen der Auslöser für die Sintflut zu verstehen. Auf Grundlage dieser ersten Erkenntnisse sollen nun die einzelnen Verse betrachtet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Übersetzung der Lutherbibel und Zürcher Bibel sind sich vom Wortlaut sehr nah und unterscheiden sich nur im Satzbau. Die Wörter stimmen allgemein überein. Auch die Einheitsübersetzung unterscheidet sich kaum. Einziger Unterschied ist, dass sie die Worte „über die Erde hin zu vermehren“ wählt, während die anderen beiden Übersetzungen von „zu mehren auf Erden“ sprechen. In der Bedeutung und dem Sinn des Verses entspricht dies aber den anderen beiden Übersetzungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Übersetzungen stimmen wieder größtenteils überein. Alle drei Übersetzungen wählen die Wörter Gottessöhne, Töchter der Menschen (bei der Einheitsübersetzung Menschentöchter) und Frauen. Diesmal weisen jedoch die Zürcher Bibel und die Einheitsübersetzung in Bezug auf die Wortwahl eine größere Übereinstimmung auf. Im letzten Teil des Verses wählen beide Übersetzungen das Verb „gefallen“. Die Lutherbibel nutzt an gleicher Stelle das Verb „wollen“. Inhaltlich betrachtet weisen trotzdem die Lutherbibel und Zürcher Bibel eine größere Nähe auf. In diesen beiden Übersetzungen scheint es so, dass die Gottessöhne nur diejenigen Frauen nahmen, welche ihnen gefielen, also welche sie wollten, da sie scheinbar bestimmten Kriterien entsprachen. Die Formulierung „wie es ihnen gefiel“ in der Einheitsübersetzung lässt eine andere Bedeutung mitschwingen. In dieser Ausdrucksweise wirkt die Wahl der Gottessöhne eher willkürlich, als das sie nach bestimmten Aspekten auswählten.

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An dieser Stelle befindet sich erstmals ein größerer Unterschied. Die Lutherbibel spricht davon, dass der Geist Gottes im Menschen „waltet“. Die beiden anderen Übersetzungen drücken mit der Wortwahl „bleiben“ etwas anderes aus. Beim Vergleich der Bedeutung der beiden Wörter wird der Unterschied erkennbar. „Walten“ ist nach dem Duden „als wirkende Kraft o. Ä. vorhanden sein“6 zu verstehen. Als Synonyme sind die Wörter existieren, herrschen und wirken genannt.7 Das Wort „bleiben“ hat laut dem Duden mehrere Bedeutungen. In diesem Zusammenhang macht es am meisten Sinn das Wort „bleiben“ im Sinne von „nicht weggehen“8 zu verstehen. Auch die Synonyme sich aufhalten, verweilen und weilen helfen beim Verständnis des Wortes.9 Während „bleiben“ etwas Passives ausdrückt, ist „walten“ im Gegensatz dazu etwas Aktives. Nach meinem persönlichen Verständnis ist das Wort „walten“ besser gewählt. Denn es macht deutlicher, dass der Geist Gottes im Menschen als eine wirkende Kraft existiert10. In der Zürcher Bibel und der Einheitsübersetzung irritiert mich zudem das „auch“ in der Begründung der Begrenzung der Lebenszeit. Der Geist Gottes soll nicht ewig im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist. Diese Begründung erscheint mir persönlich wenig sinnvoll, sondern wirft eher die Frage auf, wer noch aus Fleisch ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Vers sind unter anderem die verschiedenen Zeitangaben von Interesse. Zu Beginn sind alle Übersetzungen ziemlich unpräzise indem sie von „zu den Zeiten“, „zu jener Zeit“ oder von „jenen Tagen“ reden. Am Ende des Verses bleibt die Zürcher Bibel in der zeitlichen Einordnung wage, da es die Zeitangabe „vor Zeiten“ wählt. Die Lutherbibel und die Einheitsübersetzung schreiben beide von „der Vorzeit“, welches nach einem präzisen Zeitpunkt klingt, jedoch nicht genauer erklärt wird. Besonders auffällig ist zudem, dass es in der Lutherbibel den Anschein macht, dass die Riesen die Kinder der Gottessöhne und Menschentöchter sind. In der Zürcher Bibel und der Einheitsübersetzung wird dies nicht in direktem Zusammenhang gebracht, es wird lediglich darauf aufmerksam gemacht, dass es zu der Zeit auch Riesen gab. Ohne bereits inhaltliche Kenntnisse zu den Versen zu haben, würde ich sagen, dass die Lutherbibel mehr Sinn macht. Denn bei beiden anderen Übersetzungen würde ich mich fragen, warum die Riesen Erwähnung finden und wie genau sie im Zusammenhang zu dem Erzählten stehen.

Für die weiteren Arbeitsschritte der Exegese werde ich mit dem Text der Lutherbibel arbeiten. Allgemein haben sich die verglichenen Texte nicht stark unterschieden. Deswegen sehe ich keine Notwendigkeit mit einer Kombination der einzelnen Textelemente zu arbeiten. Da mir die Wortwahl der Lutherbibel in Vers 3 deutlich besser gefällt und in meinen Augen den Inhalt deutlicher wiedergibt, werde ich mit dieser Übersetzung arbeiten. Auch in Vers 4 leitet die Lutherbibel den Begriff Riesen objektiv betrachtet besser ein, als die anderen Übersetzungen.

4. Textkritik

Bei der Textkritik soll der älteste handschriftlich überlieferte Text erschlossen werden. In diesem Arbeitsschritt wird somit nach dem Entstehen des Endtextes eingesetzt und vor allem der Abschreibprozess ins Auge gefasst. Durch die langjährige Textgeschichte entstehen verschiedene Lesarten/ Varianten. Letztlich soll eine begründete und nachvollziehbare Aussage über den ältesten vorliegenden handschriftlichen Text getroffen werden.11

Im Folgenden werde ich, mit Hilfe des Apparatus criticus der BHS, die zu behandelnden Verse nach textkritischen Anmerkungen untersuchen, um diese anschließend im Sinne der Textkritik zu entschlüsseln.

An zwei Stellen trifft der textkritische Apparat Anmerkungen zu Gen 6,1-4.

Zu Vers 3 wird angemerkt, dass viele hebräische Texte eine abweichende Lesart im Vergleich zum masoretischen Text haben. So zum Beispiel die Septuaginta, also die griechische Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel12, welche eine abweichende Lesart aufweist und von besonderem textkritischem Interesse ist. Zudem wird angemerkt, dass auch die Peschitta, die syrische Übersetzung der Bibel, sowie die in pharisäisch-rabbinischer Tradition entstandenen aramäischen Targume13 der Lesart der Septuaginta entsprechen. Die deutsche Übersetzung der Septuaginta schreibt in Vers 3: „Und Gott der Herr sprach: Keineswegs wird mein Hauch auf ewig in diesen Menschen bleiben, weil sie Fleisch sind. Ihre Tage aber werden 120 Jahre sein.“14

Die Abweichung fällt beim Vergleich mit der Übersetzung der Lutherbibel direkt ins Auge. Der Unterschied liegt in den Verben „walten“ und „bleiben“. Ein Blick in die Sekundärliteratur macht deutlich, dass in V.3 sogar zwei Stellen Anlass zu großen Schwierigkeiten geben. Wie bereits festgestellt nutzt die Septuaginta das Wort „bleiben“, wobei auch eine Übersetzung im Sinne von „walten“ denkbar wäre.15 Die andere problematische Stelle ist diejenige, welche die Septuaginta mit „weil sie Fleisch sind“ übersetzt. An dieser Stelle geht es vor allem um die Frage, ob es sich im hebräischen um ein Verb oder eine Aneinanderreihung von Partikeln handelt.16 Je nachdem welche Erkenntnis erlangt wird, wird die Stelle unterschiedlich übersetzt.17 Beide Stellen bieten sprachliche Probleme, da sie hapax legomena sind.18 Das bedeutet, dass es für die hebräischen Wörter keine weiteren Belege im Alten Testament gibt.19 Da sich die genaue Bedeutung der Worte somit aus keinem anderen Zusammenhang erschließen lässt, ist ihre präzise Übersetzung kaum möglich.

Der textkritische Apparat der BHS verweist mit seiner Anmerkung also auf die unterschiedlichen vorliegenden Lesarten des Verses. Beim Vergleich des Textes der Septuaginta mit der Lutherbibel wird deutlich, dass es an einer der beiden problematischen Stellen eine Abweichung gibt. Die zweite problematische Stelle, auf welche in der Sekundärliteratur verwiesen wird, lässt sich bei einem Vergleich zwischen Lutherbibel und Septuaginta nicht auffinden. Wird die Zürcher Bibel hinzugezogen, so fällt auf, dass die Septuaginta „weil sie fleisch sind“ liest, während der masoretische Text an der gleichen Stelle „weil auch er Fleisch ist“ liest.20 Im Sinne der Faustregel „ lectio brevior potior“21 ist somit der Text der Septuaginta die ältere Handschrift, da der masoretische Text an gleicher Stelle den Zusatz „auch“ verwendet und somit den älteren Text erweitert haben kann.

Neben der Anmerkung zu Vers 3, gibt der textkritische Apparat eine zweite Anmerkung. In der Anmerkung 4a wird auf den samaritanischen Pentateuch verwiesen. An dieser Stelle werden im Text und Apparat der BHS zwei verschiedene Varianten dokumentiert. Der samaritanische Pentateuch bietet statt der masoretischen Form eine andere Form.22 Da mir der samaritanische Pentateuch nicht vorliegt, werde ich auch bei dieser Stelle die Septuaginta hinzuziehen. In Vers 4 liest die Septuaginta: „Die Giganten aber waren auf der Erde in jenen Tagen und danach, als die Söhne Gottes immer zu den Töchtern der Menschen hineingingen und für sich selbst (Nachkommen) zeugten. Jene waren die urzeitlichen Giganten, die berühmten Menschen.“23. Beim Vergleich dieser Lesart mit der des masoretischen Textes fällt auf, dass an Stelle des Wortes „Giganten“ im masoretischen Text das Wort „Riesen“ Verwendung findet. In der textkritischen Anmerkung könnte also genau dieses Wort gemeint sein. Da mir der samaritanische Pentateuch nicht vorliegt, ist dies lediglich eine begründete Vermutung und keine Gewissheit. Es ist außerdem auffällig, dass der Vers 4 des masoretischen Textes deutlich einfacher zu verstehen ist, als in der Septuaginta. Dies liegt vor allem daran, dass er schlüssiger formuliert und argumentativ aufgebaut ist. Die Faustregel „ lectio difficilior probabilior“24 sagt aus, dass die schwierigere Lesart die ältere ist, da anstößige und schwierige Formulierungen im Laufe der Textüberlieferung vereinfacht wurden. Damit wäre die Septuaginta die ältere Lesart.

Laut beiden untersuchten Textstellen liefert die Septuaginta also den ältesten handschriftlichen Text. Dies begründe ich durch die Untersuchungen zu Vers 3 und 4. In beiden Fällen muss jedoch Vorsicht walten. Zu Vers 3 wurde erkennbar, dass die Septuaginta die kürzere und somit wahrscheinlichere Lesart liefert. Jedoch nur im Vergleich zur Zürcher Bibel. Verglichen mit der Lutherbibel gibt es keine Abweichung in der Länge der Passage. Trotzdem erachte ich es als wichtiges Indiz, da in einer Übersetzung des masoretischen Textes eine Erweiterung vorliegt. Die Erkenntnisse aus Vers 4 unterstützen diese These, jedoch ziehe ich auch diese nur vage hinzu, da ich die textkritische Anmerkung der BHS nur auf Umwegen über die Septuaginta untersuchen konnte und nicht konkret am samaritanischem Pentateuch.

[...]


1 Vgl. Becker, Exegese, 1-4.

2 Vgl. Becker, Exegese, 5.

3 Vgl. Becker, Exegese, 4-7.

4 Für meine ersten Textbeobachtungen habe ich die Lutherbibel verwendet.

5 An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich die Einheitsübersetzung von 1980 verwendet habe. Am Ende der Ausarbeitung ist mir aufgefallen, dass es mittlerweile eine neue Version der Einheitsübersetzung von 2016 gibt. Diese unterscheidet sich bezogen auf Gen 6,1-4 stark von der älteren Version, da die inhaltliche Unterteilung von Kapitel 6 anders vorgenommen wurde. In der neueren Version überschreibt auch die Einheitsübersetzung die Textstelle mit der Überschrift „Menschentöchter und Gottessöhne“. Nichts desto trotz habe ich mich bewusst entschieden die ältere Version im Vergleich zu belassen, da es in meinen Augen wunderbar darstellt, wie sehr die Übersetzung und Darstellung der jeweiligen Bibel bereits zu Interpretationen verleiten kann.

6 Duden, Bedeutungswörterbuch, 1073.

7 Vgl. Duden, Bedeutungswörterbuch, 1073.

8 Duden, Bedeutungswörterbuch, 227.

9 Vgl. Duden, Bedeutungswörterbuch, 227.

10 Andererseits muss bemerkt werden, dass es zur Abfassungszeit des Textes noch nicht die Vorstellung vom Heiligen Geist gab. Somit muss dieser Frage zu einem späteren Zeitpunkt nachgegangen werden. Zunächst möchte ich es bei „walten“ belassen, da dies meiner Auffassung nach den Zusammenhang deutlicher macht.

11 Vgl. Utzschneider/ Nitsche, Arbeitsbuch, 58-61.

12 Vgl. Becker, Exegese, 33.

13 Vgl. Becker, Exegese, 36-37.

14 Septuaginta, 9.

15 Bereits im Übersetzungsvergleich wurden diesen verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten erkennbar. Während die Lutherbibel den hebräischen Text mit „walten“ übersetzt, entschieden sich die Zürcher Bibel und die Einheitsübersetzung für die Übersetzung mit „bleiben“ und entsprechen damit dem Text der Septuaginta. Vgl. Bührer, Göttersöhne, 501.

16 Eine genaue Aufschlüsselung der Problemlage ist bei Schüle, Prolog, 219 in der Anm. 572 einzusehen.

17 Vgl. Bührer, Göttersöhne, 502 und Witte, Urgeschichte, 67.

18 Vgl. Bührer, Göttersöhne, 501-502 und Witte, Urgeschichte, 66.

19 Vgl. Becker, Exegese, 63.

20 Obwohl ich mich bereits im vorherigen Schritt für die Verwendung der Lutherbibel entschied, habe ich die Zürcher Bibel erneut bewusst hinzugezogen, damit ich die Schwierigkeiten um den Vers 3 besser nachvollziehen kann.

21 Becker, Exegese, 40.

22 Vgl. Utzschneider/ Nitsche, Arbeitsbuch, 55.

23 Septuaginta, 9.

24 Becker, Exegese, 40.

Details

Seiten
30
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668934054
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465959
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Schlagworte
Exegese Genesis Menschentöchter Gottessöhne Textkritik Literarkritik Überlieferungsgeschichte Redaktionsgeschichte Formgeschichte Traditionsgeschichte Historischer Ort

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Titel: Menschentöchter und Gottessöhne. Eine Exegese zu Gen 6,1-4