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Essayismus in Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" im Kontext der Klassischen Moderne

Magisterarbeit 2003 100 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zum Forschungsstand

2. Stilistischer Essayismus
2.1 "Um es mit einem Wort zu sagen"[1]: Aphoristischer Schreibstil
2.2 „Gott meint die Welt keineswegs wörtlich“: Ironischer Schreibstil
2.3 Antonyme und Negationen

3. Narrativer Essayismus
3.1 „Sehnsucht nach dem, was man nicht ist“[2]: Narzissmus und Essayismus
3.2 „Oder vielleicht sagt man es anders besser“[3]: Die Erzählhaltung
3.3 Zeitstruktur und Kausalität
3.4 Die Selbstreferentialität

4. Der Kontext des musilschen Essayismus
4.1 Der Essay-Diskurs
4.2 Musils Essayismus im MoE im Kontext der Klassischen Moderne

5. Fazit

6. Benutzte Literatur

1. Einleitung

Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist zweifellos einer der bedeutendsten Romane des 20.Jahrhunderts, auch wenn in der Forschung immer noch vereinzelt in Frage gestellt wird, ob es sich bei „Der Mann ohne Eigenschaften“ überhaupt um einen Roman handelt. Unbestritten jedenfalls ist, dass die nachfolgenden Generationen der Schriftsteller und der Literaturwissenschaftler durch den vom MoE aufgeworfenen Diskurs einen geweiteten Romanbegriff zur Grundlage ihres Denkens machen konnten und mussten. Deshalb kann eine literaturwissenschaftliche Arbeit, die den Essayismus im MoE[4] erfasst nicht mit der Analyse desselben enden und darum soll versucht werden über die Erarbeitung des Essayismus hinaus den Kontext des Essayismus zu beleuchten. Dass dabei die herausragende Bedeutung, die “Der Mann ohne Eigenschaften” innehat, maßgeblich auf die essayistischen Einschübe sowie die essayistische Struktur zurückzuführen ist, kann nicht glaubwürdig in Frage gestellt werden. Weder der Umfang, noch das Thema, noch die “Mystik”, in die der Roman im Zweiten Buch mündet, könnten als stichhaltige Begründung für die weitreichende Geltung, die der Roman besitzt, herhalten.

Die vorliegende Arbeit will den Essayismus im Roman unter zwei Aspekten beleuchten. Zum einen soll eine Erarbeitung der konkreten Manifestation des Essayismus im MoE erreicht werden. Dabei sollen stilistische Elemente aufgeführt werden, die für den Essayismus der musilschen Prägung charakteristisch sind. Die stilistischen Elemente umfassen die aphoristische und ironische Ausdrucksweise sowie die Antonyme und Negationen. Zum anderen steht dieser direkten Ausprägung des Essayismus eine weitere Ausformung des Essayismus gegenüber, die in vorliegender Arbeit „narrativer Essayismus“ genannt werden soll. Da in Robert Musils Roman Essayismus nicht nur aus essayistischen Einschüben in den Text besteht, sondern der Roman zumindest streckenweise nach essayistischen Prinzipien entworfen worden ist, muss auch diese Betrachtungsebene in die Interpretation einfließen. Einige Forscher gehen so weit zu behaupten, dass dies sogar für das Essay-Kriterium der Unabschließbarkeit gelte, da der Roman schließlich ein Fragment geblieben sei. Dieser „narrative“ Essayismus soll anhand der Erzählhaltung, der Zeitstruktur und der Kausalität sowie anhand der Charakterstruktur des Protagonisten dargestellt werden. Das Kapitel „Selbstreferentialität“ soll die zumeist unterschätzte Problematik der doppelten Auslegungsnotwendigkeit erläutern.

Im letzten Abschnitt der Arbeit soll der Essayismus in einen erläuternden Kontext gebracht werden. Hierbei soll zuerst eine Klärung und Eingrenzung des Essay-Begriffs, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts formte, erfolgen. Der ‚Essay’- Begriff Musils wird dabei dem ‚Essay’- Begriff von Theodor Adorno, Max Bense und Georg Lukács gegenübergestellt. Vor allem das 62. Kapitel des MoE lässt sich gut mit den Essays der anderen Autoren, die allesamt um eine Definition des Essays bzw. des Essayistischen bemüht sind, konfrontieren. Müller Funk, der eine Arbeit zur Theorie des Essayismus angefertigt hat, äußert sich zum Anspruch seiner Arbeit wie folgt:

„Eine Theorie des Essayismus will essayistisch vorgetragen sein, [...] ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Umkreisung, Abwägung, Versuch, Mosaik, Fragment.“[5]

Dieser Anspruch kann für diese Arbeit nicht gelten. Sie will einerseits natürlich keine Theorie des Essayismus liefern. Andererseits gibt sie nicht dem jeder Wissenschaft immanenten Drang nach Fixierung und Objektivierung nach. Vor allem im stilistischen Teil sind Fixierungen und Kategorisierungen sehr gut möglich und Erkenntnis versprechend. Für die Erarbeitung des Kontextes sollen elementare Mittel des Essayismus im MoE mit anderen relevanten Zeiterscheinungen konfrontiert werden.

Die Moderne wird in der vorliegenden Arbeit aufgefasst als eine Periode, in der neue und innovative Wege gegangen wurden mit den künstlerischen Herausforderungen eines rasanten technischen Fortschritts umzugehen. Der Begriff der Klassischen Moderne bedeutet hierbei den Kulminationspunkt der Entwicklung der Moderne zu beschreiben[6]. Dass es sich in der Tat um einen Kulminationspunkt handelt, wird im Verlauf dieser Arbeit noch aufgezeigt werden können.

Des Weiteren sei explizit darauf hingewiesen, dass essayistisch nicht mit reflexiv gleichgesetzt wird. Nicht jede gedankliche Abschweifung ist essayistisch, da für den Terminus Essayismus Kriterien erfüllt sein müssen. Diese Kriterien sind, wobei eine nahe Anlehnung an Haas[7] hilfreich ist, eine offene Form, Prozessualität, eine dialektische Sicht der Wirklichkeit, Perspektivität, Experimentalität, Systemfreiheit, Skepsis und die Referentialität. Es müssen nicht immer alle Kriterien erfüllt werden, da der Essayismus etwas weniger strengen Kriterien unterliegen muss, als der von Hass bezeichnete Essay-Begriff. Partikel wie „angenommen“ oder „vielleicht“ können in einem spezifischen Kontext schon einen essayistischen Geist vertreten, wenn sie in handlungsreichen Abschnitten zur Zersetzung respektive Hinterfragung der „Romanwirklichkeit“, also der Fiktion, beitragen. Ein weiterer Hinweis betrifft die Unterscheidung der Termini Essay und Essayismus. Essayismus ist eine Geisteshaltung, wohingegen der Essay „eine festgewordene literarische Gattung“[8] ist. Dies macht in der Einzelbeobachtung zumeist keinen Unterschied, wird aber, wenn nötig, differenziert.

1.1 Zum Forschungsstand

An dieser Stelle kann aufgrund der Fülle an Material lediglich ein grober Überblick über Forschungsliteratur zum MoE gegeben werden. Zudem soll die Gewichtung der Auswahl, welche die geistige Grundlage dieser Arbeit bildet, angezeigt werden. Allgemein lässt sich sagen, dass die Forschungsliteratur zum MoE den werkimmanenten Zwiespalt ausdrückt. Allein anhand der Forschungsliteratur lässt sich erkennen, dass der MoE einerseits essayistisch, andererseits mystisch-utopistisch veranlagt ist.

Die ersten literaturwissenschaftlichen Arbeiten zum MoE beschäftigen sich indes mit Musils Stil: Wilfried Berghahns „Die essayistische Erzähltechnik Robert Musils“ (1956), Helmut Arntzens „Satirischer Stil. Zur Satire Robert Musils im ‚Mann ohne Eigenschaften’“[9] (1960) und Albrecht Schönes Aufsatz „Zum Gebrauch des Konjunktivs bei Robert Musil“[10] (1961) sind hier zu nennen. In neuerer Zeit hat sich vor allem Honnef-Becker in ihrer Arbeit „’Ulrich lächelte’. Techniken der Relativierung in Robert Musils Roman ‘Der Mann ohne Eigenschaften’“[11] mit Musils Stil im MoE auseinandergesetzt. Eine Arbeit, die den essayistischen Kontext des MoE beleuchtet, liegt in Anne Patrick Hannons „Der essayistische Roman in Musils ‘Der Mann ohne Eigenschaften’, Thomas Manns ‘Der Zauberberg’ und Brochs ‘Die Schlafwandler’“[12] (1979) vor. Hannon liefert eine umfangreiche Vorgeschichte des essayistischen Romans, die in einem Vergleich der drei den Essayismus prägenden Werke Robert Musils, Thomas Manns und Hermann Brochs mündet. Mit Einschränkungen kann noch Phillian Joungs „Passion der Indifferenz: Essayismus und essayistisches Verfahren in Robert Musils ‚Der Mann ohne Eigenschaften’“[13] zu diesen stilistisch orientierten Werken zählen. Zu einer Vertiefung sei auf Reichenspergers[14] Forschungsbericht zu Musils Sprachstil verwiesen. Verglichen mit der Gesamtzahl der Publikationen zum MoE, die außerliterarische Stoffe erarbeiten, ist dies eine vernachlässigbare Größe, so dass Reich-Ranicki zugestimmt werden muss, wenn er schreibt:

„Warum beschäftigen sich Kritik und Literaturwissenschaft so gut wie nie mit Musils Stil? Warum geht man fast ausschließlich auf die inhaltlichen Elemente im ‚Mann ohne Eigenschaften’ ein?“[15]

Gemäß Honnef-Becker[16] und Mehigan[17] zeichnet die Forschung der siebziger und achtziger Jahre tatsächlich eine gewisse Textferne aus. Dies mag auch an der Konzeption des MoE liegen, welcher aufgrund der Vielzahl seiner Diskurse nicht nur rein literaturwissenschaftliche Fragen aufwirft[18]. Diese Textferne der Forschung öffnet jedoch eine Lücke zwischen dem Forschungsgegenstand und der aus diesem gewonnenen Erkenntnis:

„Oft wird auf Einzelbelege verzichtet und stattdessen mit Hilfe von Begriffen wie „Möglichkeitssinn“, „Ironie“ oder „Essayismus“ eine pauschale Deutung versucht. Diese Termini sind mittlerweile zu inhaltsleeren Stereotypen erstarrt, die ohne nähere Erläutung verwendet werden, wenn der Erzählstil des Romans benannt werden soll [...]. Die Verwendung eingeführter Formeln, verbunden mit der Tendenz zur globalen Auslegung, ist typisch für den Umgang der Forschung mit dem MoE.“[19]

Obgleich mehr als eine Dekade seit dieser Äußerung vergangen ist, hat sie ungebrochene Aktualität. Innerhalb der Musil-Forschung wird die Differenzierung von Autor und Erzähler sowie Protagonist häufig nicht vorgenommen[20]. Häufig wird der Erzähler ganz vernachlässigt und die Aussage schlicht „Musil“ zugeschrieben. Ein besonders eklatantes Beispiel hierfür ist Müller-Funk, der mit der Bezeichnung „Musil-Ulrich“[21] und „Ulrich-Musil“[22] die Verklärung explizit macht. Dieser Lapsus kann auf die schlichte Nähe der Gedankenführung der Achse Musil-Erzähler-Ulrich zurückzuführen sein. Ein weiterer Grund liegt sicherlich darin, dass der Roman aufgrund seiner hohen Reflexivität und seiner geringen Handlungsdichte viel von seiner Fiktionalität einbüßt, so dass unbewusst schnell eine Gleichsetzung Musils mit dem Erzähler oder, wie im vorangegangenen Beispiel, sogar mit Ulrich erfolgen kann.

In jüngster Zeit wurde auch die prinzipielle Offenheit des MoE auf die Forschungsweise übertragen. Als Beispiel ist hier Alice Bolterauer[23] zu nennen. Sie hat den Wunsch nach einer planvollen „Urbarmachung“ des MoE zugunsten einer offenen, unsystematischen Betrachtung relevanter Aspekte fallen gelassen.

Ferner bildet das uneinheitliche Verfahren mit dem Nachlass ein interpretatorisches Problem, welches in der Regel unterschätzt wird. Jelka Schilts[24] Arbeit über die Figurenkonstellation kann hier als Beispiel angegeben werden für eine Interpretin, die den Nachlass ausschließt. Andere Autoren wiederum, die ihren wissenschaftlichen Blick überwiegend auf das Geschwisterverhältnis und die Mystik des „anderen Zustands“ fokussieren, stützen sich fast ausschließlich auf das Zweite Buch und den Nachlass[25]. Grundlage der vorliegenden Arbeit ist der gesamte Textkorpus des MoE, obschon die Fragestellung eine Fokussierung auf das Erste Buch impliziert.

2. Stilistischer Essayismus

2.1 "Um es mit einem Wort zu sagen": Aphoristischer Schreibstil

Warum nun in einer Arbeit, die Essayismus im MoE behandelt, sich mit Aphorismen beschäftigen? Immerhin handelt es sich hierbei um eine andere Gattung, wenn auch eine Nachbargattung[27]. So scheint es auf den ersten Blick sehr widersprüchlich zu sein, erklärt sich indes mit Haas: „Aber auch im ausgebildeten Essay werden immer wieder wichtige Aussagen in aphorismusartigen Sätzen formuliert.“[28] Selbst in Definitionsversuchen des Essays wird dem Aphorismus ein gewisser Entfaltungsspielraum zugestanden:[26]

„Ich muss an dieser Stelle betonen, dass in jedem Essay jene schönen Sätze auftreten, die wie der Same des ganzen Essays sind, aus denen er also immer wieder hervorgehen kann. Es sind die reizvollen Sätze einer Prosa, an denen man studieren kann, dass es hier keine genaue Grenze gegen die Poesie gibt.“[29]

Daraus lässt sich folgern, dass aphoristische Elemente bzw. Aphorismen zwar kein Beweis, aber eines von mehreren Indizien für das Vorhandensein essayistischen Textes sein können, wenn sich aus eben jenem zitierbare Aphorismen extrahieren lassen. In der Folge soll an einigen Beispielen der Nexus von Essay und Aphorismus veranschaulicht werden. Aphoristischer Schreibstil kann entstehen, wenn die Kohärenz der Sätze so gering ist, dass einzelne Sätze abspalt- und zitierbar werden, insofern sie reflexiv genug sind, was geschehen kann, wenn die Handlungsebene zugunsten eines von Reflexionen getragenen Fortschreitens des Romans beschnitten wird.

Bevor der aphoristische Schreibstil im MoE erarbeitet werden kann, ist es angebracht, die Differenz zwischen Aphorismus und aphoristischem Element zu erläutern, die lediglich formeller Natur ist: Ein aphoristisches Element befindet sich in einem Prosatext und müsste erst extrahiert, drucktechnisch von den anderen aphoristischen Elementen derart isoliert aufgereiht werden, dass keine semantische, strukturelle oder syntaktische Verbindung mehr zwischen den einzelnen aphoristischen Elementen/Aphorismen besteht[30].

Fricke, der den Aphorismus als Gattung zu definieren sucht, unterscheidet notwendige Merkmale, die allesamt erfüllt werden müssen, und alternative Merkmale, von denen mindestens eines zu erfüllen sei[31]. Notwendige Merkmale sind die kotextuelle Isolation, die Prosaform und die Nichtfiktionalität. Alternative Merkmale sind die Konzision und/oder das Vorhandensein eines Einzelsatzes, eine sprachliche und/oder eine sachliche Pointe. Nach Pfeiffer müssen vier Kriterien zutreffen, damit von einem „aphoristischem Element“ zu sprechen sein kann: „Ein (a) Prosatext, der innerhalb eines Großtextes (b)vereinzelt steht, (c) keine Fiktionssignale enthält und (d) konzis formuliert oder sprachlich pointiert ist.“[32] Aus diesen Ausführungen lässt sich bereits folgern, dass sich nur ein Bruchteil der aphoristisch geprägten Sätze tatsächlich extrahieren lässt, da beispielsweise schon das falsche Tempus als Fiktionssignal gelten muss.

Musil war lange Zeit kritisch gegenüber dem Aphorismus als Gattung, den er als bewusstes „Endprodukt“ weder recht zu definieren noch zu schaffen wusste[33]. Erst 1934/35 begann Musil bewusst an Aphorismen zu arbeiten[34], die als solche veröffentlicht werden sollten. Für die davor liegende Zeit ist die Aussage Krauses durchaus zutreffend, dass die Aphorismen für Musil lediglich “Rohprodukte für die Essays und Romane“[35] sind. Die Entwicklung zum bewussten, „offenen“ Aphorismus spiegelt sich auch im MoE wieder. Im Nachlass liest Agathe heimlich in Ulrichs Tagebuch, dessen Gedanken aufgrund ihrer kotextuellen Isolation zueinander aphoristisch anmuten[36].

Die Bewertung dieser Hinwendung des Aphorismus wird in der Forschung kontrovers gesehen[37]. Auf der einen Seite beispielsweise das vernichtende Urteil Krauses, der eine geplante Aphorismussammlung, welche mit dem Ausdruck „Rapial“ betitelt werden sollte, vernichtend beurteilt: „Das anspruchsvolle Wort ‚Rapial’, ebenso wie das Wort ‚Aphorismus’ für diese Arbeitsanfänge sollen die Mäßigkeit des zufälligen Gedankens aufwerten.“[38] Auf der anderen Seite das überschwängliche Lob Marie Louise Roths, die Musils aphoristischen Fähigkeiten mit denen La Rochefoucaulds, Lichtenbergs, Nietzsches oder Goethes gleichstellt[39]. Obgleich beide Aussagen einander widersprechen, kann man beiden Recht geben, wenn auch im verschiedenem Kontext. Die aus dem MoE extrahierbaren aphoristischen Elemente lassen durchaus die Behauptung Roths als gerechtfertigt erscheinen. Wohingegen die ab 1935 produzierten Aphorismen, die Musil peu à peu in Zeitungen veröffentlichte, zugegebenermaßen an Durchdachtheit und Pointiertheit zu wünschen übrig ließen. Dasselbe kann im Übrigen für die aphoristisch isolierten Tagebucheinträge im Nachlass des MoE gelten. Explizit bezieht sich Roth jedoch nicht auf die aphoristischen Elemente im MoE.

Hinsichtlich des hier behandelten Themas muss die Untersuchung der Funktion der aphoristischen Elemente innerhalb essayistischer Passagen natürlich Priorität gegenüber einer ganzheitlichen Interpretation der aphoristischen Elemente im MoE haben. Eine erste und offen ersichtliche Funktion erfüllt das aphoristische Element in Form einer Einleitung in eine essayistische Passage direkt zum Kapitelbeginn. Exemplarisch kann dies am wichtigen vierten Kapitel veranschaulicht werden:

Wenn man gut durch geöffnete Türen will, muss man die Tatsache achten, dass sie einen festen Rahmen haben: dieser Grundsatz, nachdem der alte Professor immer gelebt hatte, ist einfach eine Forderung des Wirklichkeitssinns. Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bestreiten, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann.“[40] (Hervorhebung von mir)

Alle im Einstieg erwähnten Bedingungen finden sich in diesem Satz erfüllt. Der Satz könnte bedenkenlos extrahiert und als Aphorismus präsentiert werden. Ein weiteres Mal findet sich ein aphoristischer Einstieg in ein ironisch-essayistisches Kapitel über das Rechtsgelehrtentum:

„Immerhin, ein Verbrecher lässt es sich oft sehr leicht werden, im Vergleich mit der anstrengenden Denkarbeit, zu der er die Gelehrten nötigt. Der Inkulpant macht es sich einfach zunutze, dass die Übergänge von der Gesundheit zur Krankheit gleitend sind; wogegen der Jurist in solchem Fall behaupten muss, dass sich die Bejahungs- und Verneinungsgründe in bezug auf die freie Selbstbestimmung oder die Einsicht in den verbrecherischen Charakter der Tat derart durchkreuzen und aufheben, dass nach allen Denkregeln nur ein problematisches Urteil herauskommt’ “[41] (Hervorhebung von mir)

Der pointierte Satz steht im Kontrast zu der knöchern-juristischen Ausdrucksweise und trägt wesentlich zu ihrer Ironisierung bei. In der folgenden Passage leitet es ebenso in eine essayistische Reflexion ein. Diesmal aber innerhalb eines Kapitels:

„‚Habe ich nicht Clarisse etwas vom Wasser erzählt?’ fragte er sich, vermochte jedoch nicht, sich deutlich zu erinnern. Doch das war auch gleichgültig, und seine Gedanken breiteten sich nachlässig aus. Es ist in der schönen Literatur leider nichts so schwer wiederzugeben wie ein denkender Mensch. Und in der Tat, man darf wohl sagen, dass sich die unerwarteten Einfälle durch nichts anderes einstellen, als dass man sie erwartet.“[42] (Hervorhebung von mir)

Der Satz leitet von der Handlungsebene in die Reflexion über, was sich mitunter am Tempuswechsel erkennen lässt. Er thematisiert die Darstellung der Reflexion in der Literatur auch noch explizit und ist somit metafiktional. Eine weitere Stellung nimmt das aphoristische Element innerhalb der essayistischen Ausschweifung als Fazit eines Gedankengangs ein. Ein bis dahin latent gebliebener Gedanke nähert sich in der Reflexion dem Bewusstsein:

„Solche Dinge begann man damals zu sehen, und irgendwie muss man sie anerkennen, so wie man die Hochbauten anerkennt und die Elektrizität. ‚ Man kann seiner Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen ’ fühlte Ulrich. Er war auch jederzeit bereit, alle diese Gestaltungen des Lebendigen zu lieben. Was er niemals zustande brachte, war bloß, sie restlos, so wie es das soziale Wohlgefühl erfordert, zu lieben.“[43] (Hervorhebung von mir)

Eine Doppelfunktion aus Einleitung und Bewusstwerdung eines konzisen Gedankens ist folgendes Beispiel, welches in das essayistische Kapitel „Ein Mann ohne Eigenschaften besteht aus Eigenschaften ohne Mann“ einleitet:

„Nachdem ihn Direktor Fischel eilig verlassen hatte, beschäftigte ihn wieder die Frage seiner Jugend, warum alle uneigentlichen und im höheren Sinne unwahren Äußerungen von der Welt so unheimlich begünstigt werden. ‚ Man kommt gerade dann immer einen Schritt weiter, wenn man lügt ’ dachte er;“[44] (Hervorhebung von mir)

Auch hier hilft eine aphoristische Zuspitzung wieder den Bogen von der Handlungsebene in die Ebenen der Reflexion zu spannen. Nicht selten ist dabei Ulrich Träger des Gedankens. Wie in beiden vorgenannten, so ist er es auch im folgenden Beispiel:

„Man kann zwei Schlüsse daraus ziehen“ sagte er sich. Die Muskelleistung eines Bürgers, der ruhig einen Tag lang seines Wegs geht, ist bedeutend größer als die eines Athleten, der einmal im Tag ein ungeheures Gewicht stemmt; das ist physiologisch nachgewiesen worden, und also setzen sich wohl auch die kleinen Alltagsleistungen in ihrer gesellschaftlichen Summe [...] in die Welt als die heroischen Taten;“[45] (Hervorhebung von mir)

In der Mehrzahl der Fälle fungiert das aphoristische Element als Teil der Reflexion, wobei vereinzelt sogar zwei aphoristische Elemente hintereinander stehen, die alle von Fricke und Pfeiffer genannten Bedingungen erfüllen. Sie ließen sich auch als ein zweisätziges aphoristisches Element deuten.

„Die Ziele sind kurz gestreckt; aber auch das Leben ist kurz, man gewinnt ihm so ein Maximum des Erreichens ab, und mehr braucht der Mensch nicht zu seinem Glück, [1] denn was man erreicht, formt die Seele, während das, was man ohne Erfüllung will, sie nur verbiegt; [2] für das Glück kommt es sehr wenig auf das an, was man will, sondern nur darauf, dass man es erreicht[46] (Hervorhebung und Nummerierung von mir)

Genauso bei nachstehendem aphoristischem Element, dass zudem die Funktion einer Autocorrectio erfüllt:

„Sein Vater würde es ungefähr so ausgedrückt haben: [1] Wen man tun ließe, was er wolle, der könnte sich bald vor Verwirrung den Kopf einrennen. Oder auch so: [2] Wer sich erfüllen kann, was er mag, weiß bald nicht mehr, was er wünschen soll.“[47] (Hervorhebung und Nummerierung von mir)

Darüber hinaus gibt es mehrsätzige aphoristische Elemente, die durch den Tempuswechsel deutlich zu erkennen sind. Sie vermitteln den Eindruck im Ansatz abgebrochener Essays. Die prinzipielle Frage, ob es sich bei mehrsätzigen gedanklichen Zuspitzungen noch um aphoristische Elemente handelt, beantwortet Pfeiffer unzureichend: „Als zusätzlicher Anhaltspunkt mag gelten, dass aphoristische Elemente nicht mehr als zwei oder drei Sätze umfassen sollten.”[48]. Fricke hingegen ist dezidiert gegen eine voreilige Fixierung:

“Alle Versuche der Festlegung […] entspringen dezisionistischer Willkür und zerschlagen sich vor der Tatsache, dass sich selbst bei den unstrittigen Prototypen der Gattung manche Aphorismen über mehrere Seiten erstrecken.”[49]

Selbst wenn man die Verschiedenheit des bezeichneten Objekts (aphoristisches Element und Aphorismus) berücksichtigt, wirkt die Festlegung Pfeiffers vorschnell. In jedem Fall gibt es derartige, längere Elemente im MoE und ihre Extrahierbarkeit steht der der konziseren Aphorismen in nichts nach:

„Einem Mörder wird es, wenn er sachlich vorgeht, als besondere Rohheit ausgelegt; einem Professor, der in den Armen seiner Gattin an einer Aufgabe weiterrechnet, als knöcherne Trockenheit; einem Politiker, der über vernichtete Menschen in die Höhe steigt, je nach dem Erfolg als Gemeinheit oder Größe; von Soldaten, Henkern und Chirurgen dagegen fordert man geradezu diese Unerschütterlichkeit, die man an anderen verurteilt.“[50]

Dieser Satz weist auf die Wichtigkeit der Kontextbezogenheit von moralischen Urteilen. Dabei handelt es sich um das im MoE immer wiederkehrende essayistische Motiv der Relativität. Solche überlangen, hypotaktischen Sätze entblößen die Verwandtschaft beider Gattungen:

„Der Mensch trägt den größten Teil seiner Eitelkeit, da man ihn gelernt hat, dass er ihn nicht im Herzen tragen dürfe, unter den Füßen, indem er auf dem Boden eines großen Vaterlandes, einer Religion oder einer Einkommensstufe wandelt, und in Ermangelung solcher Position genügt ihm sogar, was jeder haben kann, sich auf der augenblicklich höchsten Spitze der aus dem Nichts aufgestiegenen Zeitsäule zu befinden, das heißt, gerade jetzt zu leben, wo alle Früheren zu Staub geworden sind und keine Späteren noch da sind.“[51]

Eine weitere Verwandtschaft des aphoristischen mit dem essayistischen Schreiben zeigt sich in der Selbstreferentialität[52]:

„Man ist gewalttätig, weil die Eindeutigkeit der Gewalt nach langem ergebnislosen Reden wie eine Erlösung wirkt.“[53]

Dies kann als Stellungnahme zur Funktion des aphoristischen Schreibstils in einem Prosatext verstanden werden. Das „ergebnislose Reden“, welches ironisch zu interpretieren ist, muss verstanden werden als die Offenheit, die dem Essay zu eigen ist. Die „Gewalt“ entlädt sich in einer knappen, kurzen Pointe, die den Kern einer Sache in einem Satz erfasst. Der Satz ist Behauptung und Beleg zugleich.

Diese Funktionen für sich lassen die Erarbeitung der aphoristischen Elemente innerhalb der essayistischen Passagen schon als gerechtfertigt erscheinen. Die aphoristische Schreibweise in den essayistischen Passagen tritt jedoch auch sehr häufig in einer unvollendeten Form auf, die nicht alle Kriterien eines aphoristischen Elements erfüllt, da Fiktionssignale in Form von Eigennamen, Dieikta, Pronomina oder einem Fiktion ausdrückenden Tempus oder Modus in entsprechendem Satz vorhanden sind. Eben diese „halbseidenen“ aphoristischen Elemente vermitteln in ihrer reinen Vielzahl den Eindruck, dass die aphoristische Zuspitzung ein bedeutendes Mittel zur Realisierung der essayistischen Schreibweise im MoE ist. Honnef-Becker bemerkt hinsichtlich einiger Reflexionen im MoE: „Diese pointierten Aussagen werden nicht deduktiv entwickelt, sondern sind Geistesblitze, die spontan auftauchen und aphoristisch anmuten.“[54] Dieser Hang zur konzisen, pointierten Ausdrucksweise enthüllt den aphoristischen Geist vieler Sätze:

„Vielleicht glauben nicht alle diese Menschen an die Geschichte vom Teufel, dem man seine Seele verkaufen kann; aber alle Leute, die von der Seele etwas verstehen müssen, weil sie als Geistliche, Historiker, und Künstler gute Einkünfte daraus beziehen, bezeugen es, dass sie von der Mathematik ruiniert worden sei und dass die Mathematik die Quelle eines bösen Verstandes bilde, der den Menschen zwar zum Herrn der Erde, aber zum Sklaven der Maschine mache.“[55] (Hervorhebung von mir)

Der sinngemäße Aphorismus müsste in etwa lauten: „Die Mathematik bildet die Quelle eines bösen Verstandes, der den Menschen zwar zum Herrn Erde, aber zum Sklaven der Maschine macht.“ Einzig der Modus (Konjunktiv) und die Satzstruktur sorgen für die Verflechtung mit dem Kontext, so dass von einem aphoristischem Element nicht zu sprechen sein kann. Ein weiteres Beispiel ist folgende Satzeinleitung:

Der Trieb, recht zu haben, ein Bedürfnis, das gleichbedeutend mit Menschenwürde ist, begann im Hause Fischel Ausschreitungen zu feiern.“[56] (Hervorhebung von mir)

Der Aphorismus hieße in etwa: „Der Trieb recht zu haben ist gleichbedeutend mit Menschenwürde.“ Derlei Sätze vertreten einen aphoristischen Geist ohne offen aphoristisch zu sein. Ein letztes Beispiel für eine aphoristische Formulierung, die nicht alle Kriterien erfüllt, thematisiert die Widersprüchlichkeit der modernen Welt:

„Darum wird heute in kurzen Stücken erschreckend viel philosophiert, so dass es gerade nur noch die Kaufläden gibt, wo man ohne Weltanschauung etwas bekommt, während gegen große Stücke Philosophie ein ausgesprochenes Misstrauen herrscht.“[57]

Einzig das Pronominaladverb „darum“ verhindert die Korrektheit der Behauptung, dass es sich hierbei um ein aphoristisches Element handelt. Resümierend lässt sich sagen, dass alle präsentierten Exempel den pointierten, anstoßenden Geist ausdrücken, der für den Aphorismus kennzeichnend ist. Dies wirkt für die essayistischen Passagen und belebend. Darüber hinaus glätten die aphoristischen Elemente die Übergänge von der Handlung in die Reflexion.

2.2 „Gott meint die Welt keineswegs wörtlich“: Ironischer Schreibstil

Ironie im MoE zu analysieren bedeutet, zuvorderst zwei Formen von Ironie zu unterscheiden: Eine sprachlich-stilistische in der Form, die sich in Formulierungen nachweisen lässt und eine Ironie, die primär durch eine unkonventionelle Verknüpfung von Kausalzusammenhängen erzeugt wird. Letztere kann „narrative Ironie“ genannt werden. Der Nexus dieser beiden Formen erzeugt das, was Japp „literarische Ironie“[58] nennt. Ein Beispiel für solche narrative Ironie, wenn auch in Makro-Form ist die Parallelaktion, die mit der Idee des österreichischen „Friedenskaiser“ beginnt um in einem Krieg nie da gewesenen Ausmaßes zu münden. Auf das Vorhandensein einer solchen Ironie in Makro-Form weist Beard hin:

„Im MoE z.B. ist es grundlegend und bitter ironisch, dass die Parallelaktion geradewegs auf den Krieg zusteuert, auf jene hässlichste, irrationalste, ‚motorischste’, unzivilisierteste aller menschlichen Beschäftigungen, während die Parallelaktionäre im Dienst eines vermeintlichen aufgeklärten nationalen Ideals ausgerechnet Geist, historisches Bewusstsein und Ästhetik –allerdings radial verworren und dumm – zu mobilisieren trachtet.“[59]

Da der Begriff Ironie in der Literaturwissenschaft „sehr unterschiedliche Phänomene“ beschreibt, wie Honnef-Becker[60] zu bedenken gibt, muss für dieses Kapitel eine weitere Unterscheidung gegenüber der Satire unternommen werden. Der schmale Grat zwischen ironischer Kritik und satirischer Vernichtung zeigt sich darin, ob die Destruktion des bezeichneten Objekts oder eine konstruktive Umwandlung angestrebt wird. Reiss bemerkt, dass die Ironie niemals die Vernichtung anstrebe:

„Der Ironiker vernichtet sein Objekt nicht, sondern nähert sich ihm mit einer seltsamen Mischung aus Abneigung und Zuneigung; zu dieser Ironie gehört immer auch das Moment der Einfühlung.“[61]

Diese Einfühlung, die auf absolute Destruktion bewusst verzichtet, ist es, die Musils Ironie vornehmlich auszeichnet. Musil, der seine Ironie, in diesem Zusammenhang sehr passend, als „konstruktive Ironie“[62] bezeichnet, bemängelt diese Verwechslung von Ironie und Satire: „Man hält Ironie für Spott und Bespötteln.“[63] Die Differenzierung der Ironie als konstruktiv und der Satire als destruktiv zugrundegelegt, muss gesagt werden, dass nicht nur ironische Elemente im MoE vorhanden sind, sondern sich ebenfalls satirische Elemente darin befinden.

Zuerst soll allerdings auf die konstruktive Ironie eingegangen werden. Sie ist Teil des Möglichkeitssinns und dadurch ein Element des Essayismus im MoE. Denn die ironische Darstellungsweise verlangt als „uneigentliches Sprechen“, „Echo“[64] oder „Nebengeräusch“[65] der Sprache eine alternative Deutungsmöglichkeit ab, die dem musilschen Möglichkeitssinn auf eine sehr strikte und simple Art gerecht wird. Dass die Verbindung von Essayismus und Ironie prinzipiell möglich ist, wird in der Forschung nicht angezweifelt: „Zwar ist einerseits die Ironie eine bestimmte Schreibweise im Zusammenhang der anderen Schreibweisen, aber andrerseits kann die Ironie jede andere Schreibweise benutzen.“[66] Ein erstes Beispiel, sowohl für die konkrete sprachlich-stilistische, als auch für die narrative, an den Möglichkeitssinn appellierende, Ironie sieht Reiss in der Wetterbeschreibung am Romanbeginn[67], in dem sich ein wissenschaftlich-exakter und ein prosaisch-legerer Sprachstil überlagern. Ebenfalls schon auf der ersten Seite wird ein Syntheseversuch des Erzählers explizit gemacht, der die konstruktive Ironie auszeichnet:

„Es wäre wichtig zu wissen, warum man sich bei einer roten Nase ganz ungenau damit begnügt, sie sei rot, und nie danach fragt, welches Rot sie habe, obgleich sich das durch die Wellenlänge auf Mikromillimeter genau ausdrücken ließe;“[68]

Die Ironie hierbei führt sowohl die sprachlich-unexakte als auch die wissenschaftlich-exakte Denkweise an ihre jeweilige Grenze. „Rot“ ist linguistisch als freies lexikalisches Morphem kleinstes Teil der Sprache und weder durch Synonyme noch Antonyme näher beschreibbar. Das umgekehrte Dilemma ergibt sich bei der wissenschaftlichen Betrachtung. Das Rot ist wissenschaftlich „auf Mikromillimeter“ genau beschreibbar aber dieser Wert ist für das Denken unsichtbar und abstrakt, wohingegen das simple Morphem „Rot“ sehr viel exakter das Denken animiert (als Vorstellung der Farbe) als eine mathematische Angabe mit drei Stellen hinter dem Komma. Die hypothetische Formulierung „Es wäre wichtig zu wissen“ ironisiert die der Wirklichkeit immanenten Widersprüchlichkeit. In dieser hypothetischen Formulierung liegt zugleich der Kern der Ironie. Das Rot, welches gedanklich zerpflückt wird, ist das Rot einer Nase und die Wichtigkeit lediglich hypothetisch. Hierin liegt die narrative Ironie. Zugleich zeigt sich die Konstruktivität in dem Versuch dieses beschriebene Dilemma, wenn es schon vorerst nicht zu lösen ist, wenigstens bewusst zu machen. Der Syntheseversuch dieser Denkweise liegt darin, unexakte und exakte Bereiche des Denkens miteinander zu verknüpfen. Ein weiteres Beispiel für solche narrative Ironie findet sich im Kontext der Parallelaktion:

„Verhältnismäßig einfach, wenn ein Fußballverein anregte, seinem Rechtsaußen den Professorentitel zu verleihen, um die Wichtigkeit der neuzeitlichen Körperkultur zu dokumentieren; denn da konnte man noch Entgegenkommen in Aussicht stellen. Schwierig jedoch in Fällen wie dem folgenden, wo der Besuch eines etwa fünfzigjährigen Mannes zu empfangen war, der sich als Kanzleioberoffizial vorstellte; seine Stirn hatte das Leuchten von Märtyrerstirnen, und er erklärte, der Gründer und Obmann des Stenographievereins „Öhl“ zu sein, der sich erlaube, das Interesse des Sekretärs der großen patriotischen Aktion auf das Kurzschriftsystem „Öhl“ zu lenken.“[69]

Die Ironie wird hierbei durch die unkonventionelle Kombination verschiedener Ausdrücke erzeugt und ist somit narrativer Natur. Diese Technik der unkonventionellen Kombination hat Honnef-Becker bereits konstatiert[70]. Die Handlung, wie sie sich darbietet, erzeugt Ironie. „Die große patriotische Aktion“ wie die Parallelaktion eher satirisch als ironisch auch heißt, wird gelähmt durch die Beschäftigung mit den abstrusesten Vorstellungen und Vorschlägen, wo die Verleihung eines Professorentitels für profanes Fußball spielen noch als „verhältnismäßig einfach“ eingestuft wird.

Eine weitere Funktion erfüllt die „Ironie als Einfühlung des Erzählers in die Figuren“[71]. Diese Ironie ist überwiegend sprachlich-stilistisch geprägt. Als augenfälligstes Beispiel ist Arnheim zu nennen, der als Positiv zum Negativ-Abzug Ulrich in vom Erzähler ironisierten Reflexionen an essayistischem Glanz erst gewinnt. Ohne die ironische Brechung bliebe die Offenheit und Skepsis gegenüber der Wirklichkeit respektive der Möglichkeitssinn verborgen, da Arnheim ja ein ausgesprochener Wirklichkeitsmensch ist, der nur ungern bewusst über Möglichkeiten reflektiert. Sie manifestieren sich bei ihm höchstens in Form von Zwangsvorstellungen:

„Er wurde von unangenehmen Tagträumen verfolgt, wie es sein strenger Kopf noch nie erlebt hatte. Namentlich einer war hartnäckig; Er sah sich mit Diotima auf einem hohen Kirchturm stehen, das Land lag einen Augenblick lang grün zu ihren Füßen, und dann sprangen sie hinab.“[72]

Diese Beschreibung drückt die Unfähigkeit Arnheims aus, mit dem Möglichkeitssinn gestalterisch umzugehen. Diotima ist dieser Wesensunterschied ebenfalls bewusst, wenn sie zu Ulrich sagt: „Er hat und braucht darum den Anschluss an die Wirklichkeit. Sie sind dagegen immer auf dem Sprung ins Unmögliche.“[73] Arnheim versteht unter „Möglichkeit“ vor allem die Möglichkeit sich der Lächerlichkeit preiszugeben und bevorzugt für sein Verhalten die sicherere Bandbreite der gesellschaftlichen Konventionen. Weil er befürchtet, dass die Heirat einer bereits einmal verheirateten Frau seinem Ruf abträglich sein könnte, verzichtet er auf jede Initiative:

„Schließlich hätte man ja auch sozusagen frei und offen bei Tuzzi um die Hand seiner Gattin anhalten können. Aber was würde der dazu sagen? Das hieß bereits, sich in eine Lage voll der Möglichkeiten begeben, sich lächerlich zu machen.“[74]

[...]


[1] MoE, S.672

[2] Robert Musil: Tagebücher. Hg. von Adolf Frisé, Reinbek 1976, S.607

[3] MoE, S.17

[4] Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Hg. von Adolf Frisé, Reinbek 1978 wird in der Folge mit ‘MoE’ abgekürzt.

[5] Wolfgang Müller-Funk: Erfahrung und Experiment: Studien zu Theorie und Geschichte des Essayismus. Berlin 1995, S.15

[6] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, H-O S.266, S.620

[7] Gerhard Haas: Essay. Stuttgart 1969, S.47-59

[8] Wilfried Berghahn: Die essayistische Erzähltechnik Robert Musils. Eine morphologische Untersuchung zur Organisation und Integration des Romans ‘Der Mann ohne Eigenschaften’.Bonn 1956, S.225

[9] Helmut Arntzen: Satirischer Stil. Zur Satire Robert Musils im ‚Mann ohne Eigenschaften’. Bonn 1960

[10],Albrecht Schöne: Über den Gebrauch des Konjunktivs bei Robert Musil. In: Euphorion, Band 55 1961, S.196-220

[11] Irmgard Honnef-Becker: ’Ulrich lächelte’: Techniken der Relativierung in Robert Musils Roman ‘Der Mann ohne Eigenschaften’. Frankfurt 1991

[12] Anne Patrik Hannon: Der essayistische Roman in Musils ‘Der Mann ohne Eigenschaften’, Thomas Manns ‘Der Zauberberg’ und Brochs ‘Die Schlafwandler’. London 1979

[13] Phillian Joung: Passion der Indifferenz: Essayismus und essayistisches Verfahren in Robert Musils ‘Der Mann ohne Eigenschaften’. Münster 1997

[14] Richard Reichensperger: Musils Sprachstil. Ein Forschungsbericht. 1953-1993. In: Sprachkunst, Jahrgang 25 1994, S.155-239

[15] Marcel Reich-Ranicki: Sieben Wegbereiter. Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Stuttgart 2002 , S.170

[16] Honnef-Becker, S.1

[17] Tim Mehigan: Robert Musil. Stuttgart 2001, S.69-74

[18] Darauf weist Honnef-Becker hin, S.1

[19] Ebenda

[20] „Obwohl es seit den fünfziger Jahren in der Literaturwissenschaft allgemein üblich ist, zwischen Erzähler und Autor zu trennen, wird diese Unterscheidung in der Musil-Forschung oft nicht vorgenommen.“ Honnef-Becker, S.35

[21] Müller-Funk, S.197

[22] Müller-Funk, S.202

[23] Alice Bolterauer: Rahmen und Riss. Robert Musil und die Moderne. Wien 2000

[24] Jelka Schilt: ’Noch etwas tiefer lösen sich die Menschen in Nichtigkeiten auf’: Figuren in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften. Bern 1995

[25] Ein exemplarisches Beispiel ist Gerd-Theo Tewilt: Zustand der Dichtung. Interpretationen zur Sprachlichkeit des ‘anderen Zustands’ in Robert Musils ‘Der Mann ohne Eigenschaften’. Münster 1990. Er macht fast ausschließlich das zweite Buch und den Nachlass zur Grundlage seiner Untersuchung.

[26] MoE, S.672

[27] Peter C. Pfeiffer: Aphorismus und Romanstruktur. Zu Robert Musils Roman ‘Der Mann ohne Eigenschaften’. Bonn 1990, S.19

[28] Haas, „Essay“, S. 63

[29] Max Bense: Über den Essay und seine Prosa. In: Plakatwelt. Stuttgart 1952, S.29

[30] Harald Fri>

[31] Ebenda, S.14

[32] Pfeiffer, “Aphorismus und Romanstruktur“, S.10

[33] Siehe hierzu, Fritz Krause: Zu Ursprung und Funktion der “Aphorismen” bei Robert Musil. In Sprachästhetische Sinnvermittlung: Robert Musil Symposium 1980. Hg. von Dieter Farda/Ulrich Karthaus, Frankfurt 1982, S.154-167

[34] Pfeiffer,“Aphorismus und Romanstruktur“, S.69ff sowie Marie Louise Roth: Robert Musil als Aphoristiker. In: Gedanken und Dichtung. Essays zu Robert Musil. Hg. von Marie-Louise Roth, Saarbrücken 1987, S.113

[35] Krause, S.162

[36] MoE, S.1123-1130, S.1138-1146, S.1156-1174. Hierbei handelt es sich zwar im überwiegenden Teil nicht um Aphorismen im Sinne Frickes oder aphoristische Elemente im Sinne Pfeiffers. Die Art der Einbettung von Gedanken in den Text entspricht aber dem Verfahren der kotextuellen Isolation in Aphorismussammlungen.

[37] Darauf weist bereits Peter Pfeiffer hin. “Aphorismus und Romanstruktur“, S.3

[38] Krause, S.155

[39] Roth, “Robert Musil als Aphoristiker”, S.116

[40] MoE, S.16

[41] MoE, S.534

[42] MoE, S.111

[43] MoE, S.59

[44] MoE, S.148

[45] MoE, S.12f

[46] MoE, S.31f

[47] MoE, S.20

[48] Pfeiffer, “Aphorismus und Romanstruktur“, S.21

[49] Fricke, S.14. Er gibt die Konzision als alternatives Merkmal an und verzichtet bewusst auf die Festlegung einer festen Satzanzahl als obere Eingrenzung des Aphorismus.

[50] MoE, S.14

[51] MoE, S.227f

[52] Fricke, S.7

[53] MoE, S.594

[54] Honnef-Becker, S.54

[55] MoE, S.40

[56] MoE, S.205

[57] MoE, S.253

[58] Japp weicht jedoch einer Präzisierung aus, wenn er behauptet literarische Ironie sei „atmosphärisch“ oder gar „unsichtbar“.Uwe Japp: Theorie der Ironie. Frankfurt 1983, S.42

[59] Philip H. Beard: ’Beginn einer Reihe wundersamer Erlebnisse’: Prüfstein einer Umwandlung in Musils Gebrauch von Essayismus und Ironie. In: Robert Musil: Essayismus und Ironie. Hg. von Gudrun Brokoph-Mauch, Tübingen 1992, S.106

[60] Honnef-Becker, S.140

[61] Angela Reiss: Ironie als ‘Physiognomie des Geistes’. Eine stilistische Untersuchung der ironischen Schreibweise in Robert Musils ‘Der Mann ohne Eigenschaften’. In: Musil-Forum, Jahrgang 17/18 1991/92, S.79

[62] MoE, S.1939

[63] MoE, S.1939. Honnef-Becker schreibt hierzu zutreffend: „Das Attribut ‚konstruktiv’ grenzt die Musilsche Ironie jedoch deutlich von der Satire und allen Formen negierender, destruktiver Ironie ab.“ Honnef-Becker, S.155

[64] Japp, S.44

[65] Reiss, S.88

[66] Japp, S.43

[67] Reiss, S.89

[68] MoE, S.9

[69] MoE, S.349

[70] Sie benutzt den ebenso zutreffenden Ausdruck „semantische Inkomparabilitäten“. Honnef-Becker, S.117

[71] Reiss, S.78

[72] MoE, S.501

[73] MoE, S.471

[74] MoE, S.501

Details

Seiten
100
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638437820
ISBN (Buch)
9783638707886
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46633
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Schlagworte
Essayismus Robert Musils Mann Eigenschaften Kontext Klassischen Moderne

Autor

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Titel: Essayismus in Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" im Kontext der Klassischen Moderne