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Gestaltpädagogik und Lehrerpersönlichkeit im inklusiven Unterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 19 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlegende Definitionen
2.1 Gestaltpädagogik
2.2 Inklusion
2.2.1 Begriffsdefinition
2.2.2 UN-Behindertenrechtskonvention
2.2.3 Inklusive Bildung
2.3 Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen der körperlichen und motorischen Entwicklung

3. Lehrerpersönlichkeit in der Gestaltpädagogik

4. Gestaltpädagogik und Inklusion
4.1 Gestaltpädagogische Didaktik im inklusiven Unterricht
4.1.1 Gestaltpädagogische Didaktik
4.1.2 Gestaltpädagogischer Unterricht
4.1.3 Gestaltpädagogischer inklusiver Unterricht
4.2 Überwindung von Stereotypen und Vorurteilen
4.3 Gestaltpädagogischer Unterricht im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema der Inklusion ist aktueller denn je, so schreibt der Kölner Stadt Anzeiger zum Beginn des Schuljahres 2016/2017: „An Regelschulen nimmt der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Förderbedarf stetig zu. 4000 Schüler besuchten 2015/2016 eine der 25 Förderschulen [in Köln], rund 3000 nahmen am gemeinsamen Unterricht teil.“[1]

Auf Grund der Aktualität der Thematik beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Inklusion von Schülerinnen und Schülern[2] mit Beeinträchtigungen der körperlichen und motorischen Entwicklung. Im Rahmen der Arbeit soll folglich hinterfragt werden, inwieweit die Leitlinien und Grundgedanken der Gestaltpädagogik dazu beitragen können, Schülerinnen und Schüler in den Regelschulalltag zu inkludieren und außerdem die eigene Lehrerpersönlichkeit auszubilden.

Das erste Kapitel der Arbeit ist den grundlegenden Definitionen gewidmet und soll das Fundament schaffen. Hierzu wird zunächst eine grundlegende Definition von Gestaltpädagogik gegeben. Darauf folgt die begriffliche Definition von Inklusion und im Zuge dessen wird auch die UN-Behindertenrechtskonvention thematisiert, da diese als Grundsteinlegung für die Inklusionsentwicklungen betrachtetet werden kann. Im Anschluss daran soll auch eine knappe Definition von inklusiver Bildung gegeben werden, da diese einen Hauptaspekt der Arbeit bildet. Der definitorische Teil der Arbeit soll mit der Eingrenzung des Personenkreises von SuS mit Beeinträchtigungen der körperlichen und motorischen Entwicklung abschließen.

Hauptaugenmerk der Arbeit soll auf den beiden darauf folgenden Kapiteln der Arbeit liegen, die zum einen von der Lehrerpersönlichkeit in der Gestaltpädagogik, und zum anderen von der Anwendung gestaltpädagogischer Didaktik im inklusiven Unterricht handeln, um sich schließlich somit der Beantwortung der Ausgangsfragestellung nähern zu können.

2. Grundlegende Definitionen

2.1 Gestaltpädagogik

Zu Beginn des folgenden Teils der Arbeit soll zunächst auf die Geschichte der Gestaltpädagogik eingegangen werden, um sie dann in ihren Grundzügen zu definieren. Die Arbeit erhebt keinen Anspruch auf vollständige Wiedergabe des pädagogischen Konzepts. Es werden vielmehr relevante Definitionen gegeben, um im Verlauf das Hauptaugenmerk auf die Anwendung der Gestaltpädagogik im inklusiven Unterricht und die Ausbildung der Lehrerpersönlichkeit zu legen.

Die Gestaltpädagogik wurde 1977 von Brown und Petzold innoviert und kann der humanistischen Pädagogik zugeordnet werden. Sie entstammt der Gestalttherapie und der amerikanischen Confluent Education. „´Confluent` nennt sich diese Pädagogik deswegen, weil es ihr vor allem um die Entwicklung von Lern- und Lehrkonzepten geht, die in besonderer Weise ein Zusammenfließen emotionaler und kognitiver Aspekte des Lernens und Lehrens ermöglichen sollen.“[3] Die Gestalttherapie hingegen ist eine psychologische Bewegung, welche sich Anfang der 1950er Jahre definierte und neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie noch heute wichtiger Bestandteil der humanistischen Psychologie ist.[4]

Charakteristisch für die Gestaltpädagogik ist der Ansatz, Lehren und Lernen vor allem unter dem Gesichtspunkt eines Kontaktprozesses zu betrachten. […] Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei das Ziel einer ganzheitlichen Betrachtung der erlebenden Person und der Versuch, die Ebenen Denken, Fühlen und Handeln integrativ zu berücksichtigen.[5]

Analog zu Burows vorangegangenen Ausführungen wird Gestaltpädagogik als ganzheitliches Konzept definiert, welches den Menschen als allumfassendes lernendes Wesen sieht. Des Weiteren basiert sie auf projektorientierter Didaktik und prozessorientiertem Lernen, dies soll den SuS Ausdruck, Experimentierfreude, kreative Vielfalt und Mitgestaltung ermöglichen und somit Wahrnehmung, Kontakt-, Begegnungs- und Beziehungsfähigkeit fördern.[6]

„Davon ausgehend ist Gestaltpädagogik ein umfassendes Konzept ganzheitlicher Pädagogik, welches die persönlichkeitsfördernden Ansätze und Methoden verschiedener Konzepte“[7], wie z.B. die von M. Montessori, C. Freinet oder G.H. Mead verbindet und integriert. Grundlegend geht die Gestaltpädagogik aber davon aus, dass der Mensch zwar beeinflussbar ist, aber nicht gänzlich formbar. „Er ist ein sich auch selbst regulierendes System, er ist nicht `machbar`. Das zeigt der Pädagogik ihre Grenzen, und das macht Pädagogik erst wirklich interessant und persönlich wertvoll.“[8] Auf die für die Gestaltpädagogik existenziell wichtige Bedeutung der Lehr-bzw. Erziehungspersönlichkeit wird im folgenden Kapitel der Arbeit ausführlich eingegangen.

2.2 Inklusion

Der anschließende Teil zur Definition der Inklusion teilt sich in die gleichgewichteten Teile der Begriffsdefinition und den Erläuterungen zur UN- Behindertenrechtskonvention, da diese maßgeblich zur Legitimation der Inklusionsbestrebungen beigetragen hat. Im Anschluss daran soll sich der für die Arbeit zugrundeliegenden Definition der inklusiven Bildung gewidmet werden.

2.2.1 Begriffsdefinition

Einleitend zu dem folgenden Teil der Arbeit soll gesagt werden, dass sich bewusst mit dem Begriff der Inklusion auseinander gesetzt und nicht von Integration gesprochen wird, da für den Kontext der Arbeit die Terminologie der Integration nicht hinreichend ist. Integration meint schlicht die Veränderung der zu integrierenden Menschen an das bestehende System der Gesellschaft. Die Gesellschaft wird folglich nicht substantiell verändert.[9] Im Folgenden soll der Arbeit also eine für den Kontext relevante Definition für den Begriff der Inklusion zu Grunde gelegt werden.

Der Begriff der Inklusion stammt aus dem angloamerikanischen Sprachraum und kann mit „Nicht- Aussonderung“ oder „unmittelbare Zugehörigkeit“ übersetzt werden. Etymologisch betrachtet stammt das Wort Inklusion vom lateinischen Verb „includere“ und wird mit einschließen übersetzt[10]. „Diese Wortbedeutung liegt dem Verständnis einer Gesellschaft zugrunde, in der jeder Mensch das Recht hat, als vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied anerkannt zu werden.“[11] Damit einher geht das Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und verpflichtet gleichzeitig die Gesellschaft dazu, Sorge dafür zu tragen, dass keine Exklusion von Menschen stattfindet. Außerdem hat die Gesellschaft dafür zu sorgen, dass diejenigen, die hilfsbedürftig sind, angemessene Unterstützung erfahren. Auch wenn es im Kontext der Arbeit um die Inklusion von Menschen bzw. SuS mit Beeinträchtigungen der körperlichen und motorischen Entwicklung geht, bezieht sich Inklusion nicht nur auf diese spezifische Personengruppe, sondern gilt für alle Menschen. Inklusion richtet sich schlussfolgernd an alle Menschen und soll Ausgrenzung und Diskriminierung auf Grund von z.B. Geschlecht, Religion, Herkunft, Krankheit, Behinderung, Interessen etc. verhindern und u.a. Chancengleichheit, Gleichberechtigung, Barrierefreiheit und Achtung jedes Menschen bewirken.[12]

2.2.2 UN-Behindertenrechtskonvention

Die UN- BRK wurde 2009 in Deutschland ratifiziert und muss im Hinblick auf Inklusion thematisiert werden, da sie die Inklusionsbewegung in Deutschland maßgeblich vorantreibt. Für den Kontext der Arbeit wird kein Anspruch auf vollständige Wiedergabe der UN-BRK gelegt. Es sollen vielmehr relevante Artikel, Grundsätze und Werte dargelegt und ein Blick auf die inklusive Bildungspolitik geworfen werden.

Die UN-BRK kann als „bisherige[r] Höhepunkt einer seit Ende des Zweiten Weltkriegs geführten Menschenrechtsdebatte für behinderte Menschen in den Vereinten Nationen“[13] gesehen werden. Das übergeordnete Ziel der UN- BRK wurde in Artikel 1 der Vereinbarung niedergelegt:

Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderung zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern.[14]

Als allgemeine Grundsätze der UN-BRK gelten u.a. die Betonung der Menschenwürde behinderter Menschen, ihre individuelle Autonomie, die Nichtdiskriminierung, die Chancengleichheit und die Achtung vor dem Behindertsein als Teil menschlicher Vielfalt und der Menschheit. Ferner gelten die Achtung vor den sich entwickelnden Fähigkeiten von Kindern mit Beeinträchtigungen und die Wahrung ihres Rechts auf Erhaltung ihrer Identität.[15]

Heiner Bielefeld weist auf das innovative Potential der UN-BRK hin, da diese nicht nur das Recht behinderter Menschen in den Vordergrund stellt, sondern auch eine große Bedeutung für das Selbstverständnis moderner Gesellschaften hat:

Die Behindertenrechtskonvention bedeutet […] weit mehr als eine Ergänzung des bestehenden Menschenrechtsschutzsystems durch die besondere Berücksichtigung der spezifischen Belange Behinderter. Sie gibt auch wichtige Impulse für eine Weiterentwicklung des Menschenrechtsdiskurses. […] Schließlich hat die Konvention Bedeutung für die Humanisierung der Gesellschaft im Ganzen. Indem sie Menschen mit Behinderungen davon befreit, sich selbst als „defizitär“ sehen zu müssen, befreit sie die Gesellschaft von einer falsch verstandenen Gesundheitsfixierung.[16]

Seit der Ratifizierung der UN-BRK in Deutschland ist das Thema der Inklusion in den Vordergrund der Bildungspolitik gerückt. Inklusion fordert in bildungspolitischer Hinsicht, dass sich das Bildungssystem an die Bedürfnisse von allen Kindern anpasst. Es wird im Hinblick auf Inklusion in der Schule also gefordert, dass jedes Kind unabhängig von einer Behinderung oder anderen Diversitäten die Möglichkeit haben muss eine Regelschule zu besuchen.[17] Es muss erwähnt werden, dass es bei der UN-BRK in Bezug zur inklusiven Schule zwar um die Gruppe behinderter SuS geht, im Allgemeinen meint inklusive Schule aber alle SuS, die von Bildungsbenachteiligung und –ausschluss bedroht sind.[18]

2.2.3 Inklusive Bildung

Durch die UN- Behindertenrechtskonvention fand ein Paradigmenwechsel statt, welcher Behinderung nicht mehr medizinisch und am Defekt orientiert definiert, sondern als soziales Modell. Dieser Wechsel förderte die inklusiven Bestrebungen und machte Inklusion auch zu einem bildungspolitischen Thema.[19] „Inklusion bzw. Inklusive [sic!] Pädagogik hat den Anspruch, Aussonderung möglichst umfassend zu überwinden bzw. Hindernisse beim Lernen und bei der Entwicklung für alle Kinder zu beseitigen.“[20] Inklusive Bildung lässt sich als Bildung für jedes Kind bzw. jeden Jugendlichen definieren. Schulen sollen jedes Kind unabhängig von Fähigkeiten, Begabungen, Herkunft etc. aufnehmen und fördern. Hier wird auch wieder deutlich, dass Inklusion zwar auch Menschen mit Behinderungen betrifft, aber nicht ausschließlich. Ziel inklusiver Bildung ist es, SuS zu selbstständigen und autonomen Menschen auszubilden und ihnen die Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.[21]

[...]


[1] Damm, Andreas: 500 Erstklässler mehr als im Vorjahr, S. 23.

[2] Der Begriff der Schülerinnen und Schüler wird im Folgenden mit der Sigle SuS abgekürzt.

[3] Burow, Olaf-Axel: Was ist Gestaltpädagogik?, S.9.

[4] Vgl. ebd., S. 9 f.

[5] Ebd., S.11.

[6] Vgl. Reichel, René; Scala, Eva: Das ist Gestaltpädagogik, S. 10.

[7] Ebd., S. 10.

[8] Ebd., S. 10.

[9] Vgl. Degener, Theresia: Menschenrechte und Behinderung, S. 165 f.

[10] Vgl. Theunissen, Georg; Schwalb, Helmut: Einführung – Von der Integration zur Inklusion, S. 16 f.

[11] Ebd., S. 17.

[12] Vgl. ebd., S. 17.

[13] Ellger-Rüttgardt, Sieglind Luise: Inklusion, S. 29.

[14] UN- Behindertenrechtskonvention Artikel 1(http://www.behindertenrechtskonvention.info/uebereinkommen-ueber-die-rechte-von-menschen-mit-behinderungen-3101/, 19.09.17).

[15] Vgl. ebd., Artikel 3.

[16] Bielefeld, Heiner: Zum Innovationspotenzial der UN-Behindertenrechtskonvention, S. 16 (http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/uploads/tx_commerce/essay_no_5_zum_innovationspotenzial_der_un_behindertenrechtskonvention_aufl3.pdf, 24.08.2016)

[17] Vgl. Degener, Theresia: Menschenrechte und Behinderung, S. 165.

[18] Vgl. Ellger-Rüttgardt, Sieglind Luise: Inklusion, S. 64 f.

[19] Vgl.Flieger, Petra; Schönewiese, Volker: Die UN-Konvention über Rechte von Menschen mit Behinderungen: Eine Herausforderung für die Integrations- und Inklusionsforschung, S. 29.

[20] Ebd., S. 29.

[21] Vgl. ebd., S. 29 f.

Details

Seiten
19
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668943025
ISBN (Buch)
9783668943032
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v466428
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
gestaltpädagogik lehrerpersönlichkeit unterricht

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Titel: Gestaltpädagogik und Lehrerpersönlichkeit im inklusiven Unterricht