Lade Inhalt...

Juden der frühen Neuzeit in Frankfurt am Main

Teil der Gesellschaft oder eigene Gesellschaft im christlichen Frankfurt

Hausarbeit 2018 13 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung der jüdischen Gemeinde
2.1 Vertreibung der Juden
2.2 Entstehung der Judengasse

3. Berufsfelder der Juden
3.1 Handel
3.2 Finanzgeschäfte
3.3 Hofjudentum
3.4 Handwerk und Medizin

4. Rechtsstellung der Juden
4.1 Stättigkeitsordnung
4.2 Judenregalien
4.3 Religionsgesetz

5. Organisation der Juden
5.1 Die Baumeister
5.2 Die Zehner

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

8. Internetquellenverzeichnis

1. Einleitung

In der frühen Neuzeit gab es massive antijüdische Ausschreitungen, Diskriminierung und Ausgrenzung. In ganz Europa kam es zur Umsiedlung vieler jüdischer Gemeinden. „Die großen Judenvertreibungen des 15./16. Jh.s führten zu einer Verlagerung der Schwer- punkte jüdischen Lebens. Günstige Kolonisationsbedingungen veranlassten zahlreiche deutsche Juden zur Auswanderung nach Polen-Litauen, wo es seit langem traditionsreiche jüdische Gemeinden unter dem Schutz des Königtums gab.“1 Auch die Frankfurter Juden standen diesen Problemen gegenüber. Die Bevölkerung machte die Juden für ihr Leid verantwortlich und versuchten diese des öfteren als Schuldige zu verurteilen. So kam es im Laufe der Geschichte zur Vertreibung der Juden aus der Stadt, diese mussten in ein eigenes Ghetto, die Judengasse, umziehen und wurden diskriminiert und geplündert. In mehreren Pogromen wurden fast alle Frankfurter Juden ermordet. Die Juden wurden als Minderheit nicht akzeptiert. Doch trotz all dieser Ereignisse siedelten sich immer wieder Juden in Frankfurt an und die jüdische Gemeinde ist bis Heute eine der wichtigsten jüdi- schen Gemeinden in Deutschland. In Frankfurt gab es „ein intensiveres jüdisches Leben […], das vom wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Austausch mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft profitierte und einen durchaus bedeutsamen Faktor der Gesamtge- sellschaft darstellte.“2 Es gab also ein mehr oder weniger positives aufeinandertreffen der christlichen Bevölkerung mit den Juden.

Wie genau dieses gemeinsame Leben der Frankfurter Juden mit der christlichen Bevölke- rung aussah, möchte ich mit meiner Hausarbeit untersuchen. Ich möchte zeigen, welche Maßnahmen die christliche Bevölkerung gegen die Juden ergriffen hat. Die Vertreibung der Juden und die Umsiedlung in die Judengasse, sowie deren Organisation ist ein weite- res Thema, genau wie die Rechte der Juden.

Am Ende soll die Frage geklärt werden, ob die Juden in Frankfurt ein Teil der gesamten Gesellschaft darstellten oder ob die jüdische Gemeinde zu einer eigenen Gesellschaft in- nerhalb der bereits bestehenden christlichen Mehrheitsgesellschaft entwickelt hat.

2. Entstehung der jüdischen Gemeinde

Die Juden waren eine urbane Bevölkerungsgruppe. „Sie siedelten ursprünglich im Bereich der Schifffahrtswege […], meist in konzentrierter Siedlung als Handelsleute in Marktnähe.“3 So kam es auch dazu, dass sich Juden in Frankfurt am Main ansiedelten. Wann genau diese Ansiedlung jedoch stattgefunden hat, können die aktuellen Forschun- gen nicht genau belegen. In der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde die jüdische Gemeinde, zum ersten Mal, in einem Rechtsgutachten erwähnt.4 Betrachtet man das gesamte Reich zum Ende des Mittelalters, so ist die jüdische Bevölkerung unterschiedliche stark, an ver- schiedenen Orten ausgeprägt.

2.1 Vertreibung der Juden

Zum Ende des Mittelalters und zu Beginn der frühe Neuzeit gab es zahlreiche Vertrei- bungswellen. Viele jüdische Gemeinden wurden infolgedessen aufgelöst. „Begonnen hatte die Vertreibungswelle in Straßburg und Basel Ende 14. Jh.; auf den Höhepunkt kam sie zwischen 1518 und 1520.“5 Die Gründe waren vielseitig. Juden wurden als unnütz oder verderblich angesehen. Sie hätten durch hohe Zinsen viele Menschen arm gemacht. Ein Beispiel aus der Frankfurter Geschichte ist der Frankfurter Fettmilchaufstand von 1614. In Frankfurt gab es zu jener Zeit heftige soziale Spannungen zwischen den Zünften und dem Rat der Stadt. Die Zünfte hatte viele Forderungen an den Rat, welcher diesen nicht nach- gekommen ist. Wortführer der oppositionellen Bewegung in dieser Auseinandersetzung war der Lebkuchenbäcker und Krämer Vincenz Fettmilch. Einige der Forderungen betraf auch das Thema Juden. Fettmilch und seine Anhänger wollten eine Begrenzung der Zahl der in der Stadt lebenden Juden und eine Regelung, welche die Höhe der jüdischen Zin- sen festlegen solle. Der Rat der Stadt hat sich diesen Forderungen nicht angenommen und daraufhin übernahm die städtische Opposition die Regierung der Stadt. Wie bereits gesagt, machte die oppositionelle Bewegung die Juden für viele Probleme verantwortlich. Die Menschen wurden aufgefordert die Juden zu vertreiben. Es kam zur Plünderung der Judengasse und zur Vertreibung aller Juden aus der Stadt. Diese kehrten erst unter dem Schutz des Kaisers wieder zurück. Der Kaiser erlies eine neue Stättigkeit.6

Die „Jüdische[n] Gemeinden oder Gruppen blieben – trotz vorübergehender Vertreibungen und erheblicher Erschwerung der Lebensbedingungen – mehr oder weniger kontinuierlich bestehen in den vier Wetterauer Reichsstädten Frankfurt, Friedberg, Gelnhausen und Wetzlar.“7 Frankfurt ist somit ein Beispiel dafür, dass sich eine urbane jüdische Tradition erhalten konnte. Die Zahl der Juden nahm infolge der Vertreibungswelle stark zu. „Gab es in Frankfurt 1520 noch 250 Juden, so war um 1570 bereits eine Zahl von 1000 überschrit- ten. Um 1600 zählte die Gemeinde 2200 Mitglieder, 10 Jahre später bereits 3000 (15% der Bevölkerung)“.8

2.2 Entstehung der Judengasse

Im Jahr 1434 wurde im Konzil von Basel beschlossen, dass Kirchen und Synagogen nicht in unmittelbarer Nähe stehen dürfen. Es wurde auch im Frankfurter Rat über eine Umsied- lung der Juden diskutiert.9 Im Jahr 1460 drängte Papst Pius II den damaligen Kaiser Fried- rich III dazu, dass die jüdische Gemeinde zentralisiert werden müsste.10 Die Juden sollten in einem eigenen Viertel, einem Ghetto11, zusammen leben. Infolgedessen wurde in Frank- furt, vom Rat der Stadt, der Beschluss getroffen, dass für die jüdische Gemeinde ein von der christlichen Bevölkerung abgetrenntes Ghetto errichtet werden sollte. Die Juden lebten bislang mit ihren Häusern in der Nähe des Doms. In deren Nähe befand sich ebenfalls ihre Synagoge. Durch den Beschlusses mussten die jüdischen Häuser sowie die Synagoge aufgeben werden und es kam zur Umsiedlung in das Ghetto. In Eigenfinanzierung bauten die Juden die Judengasse, welche trotz der Eigenfinanzierung im Besitz des Rates blieb.12 Die Judengasse befand sich am Stadtrand von Frankfurt und bildete ein eigenes Viertel für die jüdische Gemeinde. Nicht nur der Bau wurde selbst finanziert, sondern auch die wei- tere Instandhaltung und der weitere Ausbau musste von den Juden selbst finanziert wer- den, obwohl die Häuser Eigentum des Rates waren.13

Wie bereits gesagt, wuchs die Zahl der Frankfurter Juden trotz dieser Umstände rasch an und so wurde die Judengasse stetig ausgebaut, da ein enormer Platzmangel herrschte.14

3. Berufsfelder der Juden

Durch den Umzug in die Judengasse und die Judenvertreibung befanden sich die Juden in einer recht instabilen Situation. Markzugänge wurden abgeschnitten und der Aufbau von Geschäftskontakten wurde erschwert. Dazu kam, dass Juden nur unter eingeschränkten Bedingungen und unter Benachteiligung gegenüber christlicher Konkurrenten Zugang zum Markt fanden.15

3.1 Handel

Im 16. Jahrhundert standen die bäuerliche Selbstversorgung und der damit verbundene Tauschhandel im Vordergrund. Die Frankfurter Juden hatten durch die Frankfurter Messe einen neuen Handelsplatz. Hier „gab es durch kaiserliche Privilegien, Stapel- und Nieder- lagsrechte bevorzugte Märkte, die jeweils im Frühjahr und im Herbst […] stattfanden, und zu denen […] Juden gegen Entrichtung des üblichen Geleits und eines Leibzolls zugelassen wurden.“16 Es eröffneten sich neue Chancen mit fremden Juden oder christlichen Kaufleuten in Kontakt zutreten und mit diesen Geschäfte zu machen. Der Tauschhandel spielt auch hier eine entscheidende Rolle. Gehandelt wurde beispielsweise mit Pferden oder anderem Vieh, Leder und Textilien, Viktualien wie Bier, Gewürzen oder Tabak, Metallen, Arzneimittel oder anderem Hausrat.17 Was und wieviel gehandelt werden durfte wurde in der Stättigkeit festgelegt.

3.2 Finanzgeschäfte

Ein wichtiger Punkt war auch hier die Stättigkeit der Frankfurter Juden, welche den Geldhandel und die Annahme von bestimmten Gegenständen als Pfand regelte. „Obwohl die Reichspoliceyordnungen von 1548 und 1577 durch den engen Zinsrahmen von 5% Verdienstspannen auf ein Minimum reduzierten, blieb das regionale Darlehens- und Pfandgeschäft attraktiv. Das verbliebene Risiko wurde in Reichsabschieden ab 1540 insofern anerkannt, als den Juden erlaubt wurde, höhere Kreditzinsen als christliche Geldleiher zu nehmen.“18 Die Finanzgeschäfte waren ein wichtiger Berufszweig.

Auch die Pfandleihe spielte eine bedeutende Rolle im jüdischen Finanzsektor Frankfurts. Zahlreiche christliche Geschäftsleute verpfändeten Dinge bei den Juden, um an Bargeld zu kommen. Diese verschuldeten sich bei den Juden und gerieten somit in eine ökonomische Abhängigkeit von diesen. Dass führte meist aber zu antijüdischen Feindseligkeit, wie auch der bereits erwähnte Fettmilchaufstand von 1614 zeigte.

3.3 Hofjudentum

Die sogenannten Hofjuden oder Hoffaktoren waren Vertrauensmänner der Fürsten. Sie hatten somit einen großen Einfluß, gleich einem Minister. Sie waren die finanz- und wirtschaftspolitischen Berater der Fürsten und halfen diesen bei verschiedenen wirtschaftlichen Entscheidungen aber auch bei persönlichen Belangen. In Frankfurt gab es mehrere Hofjuden, zumeist aus den Familien Oppenheim und Wertheimer.19 Diesen standen als Berater in engem Kontakt zur christlichen Bevölkerung und hatten auch Einfluss auf bestimmt Ereignisse.

[...]


1 Battenberg, J. Friedrich, „Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhun- derts", ENZYKLOPÄDIE DEUTSCHER GESCHICHTE BAND 60, München : Oldenbourg Wissen- schaftsverlag, 2010, S. 2.

2 ebd., S. XI.

3 Battenberg, J. Friedrich, „Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhun- derts", ENZYKLOPÄDIE DEUTSCHER GESCHICHTE BAND 60, München : Oldenbourg Wissen- schaftsverlag, 2010, S. 2.

4 Burger, Thorsten, „Frankfurt am Main als jüdisches Migrationsziel zu Beginn der Frühen Neuzeit“, Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, 2013, S. 60.

5 Battenberg, J. Friedrich, „Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhun- derts", ENZYKLOPÄDIE DEUTSCHER GESCHICHTE BAND 60, München : Oldenbourg Wissen- schaftsverlag, 2010, S. 3.

6 Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main, „Fettmilch-Aufstand“, http://www.judengas- se.de/dhtml/E005.htm, 13.02.2018.

7 Battenberg, J. Friedrich, „Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhun- derts", ENZYKLOPÄDIE DEUTSCHER GESCHICHTE BAND 60, München : Oldenbourg Wissen- schaftsverlag, 2010, S. 3.

8 Battenberg, J. Friedrich, „Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhun- derts", ENZYKLOPÄDIE DEUTSCHER GESCHICHTE BAND 60, München : Oldenbourg Wissen- schaftsverlag, 2010, S. 12.

9 Andernacht, Dietrich, „Regesten zur Geschichte der Juden in der Reichsstadt Frankfurt am Main: T. 2. 1585 (Forts.)-1616“, Hannover: Hahnsche Buchhandlung, 2007, S. 63.

10 Awerbuch, Marianne, „Alltagsleben in der Frankfurter Judengasse im 17. Und 18. Jahrhundert“, Grözinger, Karl-Erich (Hg.), „Jüdische Kultur in Frankfurt am Main von den Anfängen bis zur Ge- genwart“, Wiesbaden: Otto Harrassowitz Verlag, 1997, S. 1-24.

11 ein abgetrenntes Wohngebiet in einer Stadt, in dem eine bestimmte Gruppe von Menschen leb- te.

12 Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main, „Die Einrichtung der Judengasse“, http://ww- w.judengasse.de/dhtml/E003.htm, 13.02.2018.

13 ebd.

14 Andernacht, Dietrich, „Regesten zur Geschichte der Juden in der Reichsstadt Frankfurt am Main: T. 2. 1585 (Forts.)-1616“, Hannover: Hahnsche Buchhandlung, 2007, S. 66.

15 Battenberg, J. Friedrich, „Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhun- derts", ENZYKLOPÄDIE DEUTSCHER GESCHICHTE BAND 60, München : Oldenbourg Wissen- schaftsverlag, 2010, S. 30.

16 ebd.

17 Battenberg, J. Friedrich, „Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts", ENZYKLOPÄDIE DEUTSCHER GESCHICHTE BAND 60, München : Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2010, S. 31.

18 ebd., S. 31.

19 Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main, „Hofjude / Hoffaktor“, http://www.judengasse. de/dhtml/B014.htm, 13.02.2018.

Details

Seiten
13
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668943537
ISBN (Buch)
9783668943544
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v468160
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2
Schlagworte
Juden Judaistik Judentum Neuzeit frühe Neuzeit Frankfurt Frankfurt am Main Judengasse Rabbiener jüdisch Tora

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Juden der frühen Neuzeit in Frankfurt am Main