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Islamistische Terrororganisationen im Vergleich. In welchem Verhältnis steht Al-Qaida zum "Islamischen Staat"?

von Lukas Münster (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Genese der islamistischen Terrororganisationen
2.1. Al-Qaida
2.2. Islamischer Staat

3. Ein auf Unterschiede aufgebautes Verhältnis zwischen Neid und Anerkennung
3.1. Organisation, Struktur und Allianzen
3.2. Ideologien und Strategien im Vergleich
3.3. Eine Frage der Medien und der Generationen

4. Folgen und Konsequenzen des Bruderkampfes
4.1. Für den Nahen und Mittleren Osten
4.2. Auf internationaler Ebene

5. Fazit und Schluss

6. Literaturverzeichnis
6.1. Monographien
6.2. Aufsätze und Analysepapiere
6.3. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel

1.Einleitung

Die gesegnete Schlacht um Paris betreffend erklären wir, die Organisation Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), dass wir die Verantwortung für diese Operation aus Vergeltung für den göttlichen Botschafter übernehmen […] Es wurden Helden rekrutiert, und sie haben gehandelt […] Die Operation ist im Auftrag von Ayman al Zawahiri und im Einklang mit dem Willen Usama Bin Ladins durchgeführt worden “.1 Dieses Bekenntnis von al-Qaida im Jemen via Videobotschaft gut eine Woche nach den Pariser Terroranschlägen durch die Brüder Kouachi zwischen dem 7. und 9. Januar 2015 gegen die Redaktion des Satireblattes Charlie Hebdo werfen einige Fragen auf, denn der dritte Attentäter Ahmed Coulibaly, ein Bekannter der beiden anderen Terroristen, hatte sich vorab in einem Video als Anhänger des Islamischen Staates (IS) geäußert, einen Treuschwur auf das Kalifat abgelegt und die Anschläge auf einen jüdischen Supermarkt am 9. Januar im Namen dieser Organisation begangen.2 Waren die Terroristen nun von al-Qaida gesteuert oder nicht? Waren es Nacheiferer des Islamischen Staates? Oder waren die Brüder Kouachi und Coulibaly jeweils von anderen Terrororganisationen beeinflusst? Und wenn ja, wieso entschloss sich Coulibaly dazu, dem IS zu folgen – und nicht der bis dahin üblichen al-Qaida? Dass sich solche Fragen stellen, deutet auf einen Wandel innerhalb der islamistischen Terrororganisationen hin.

Spätestens diese Anschläge in Paris Anfang 2015 machten den westlichen Ländern deutlich, was für ein Umbruch in der dschihadistischen Szene stattfand: Der IS forderte al-Qaida heraus. Im Westen fanden sich sowohl Anhänger für den IS, als auch für al-Qaida. Was war geschehen? Diese Diskussion sollte sich nach dem 13. November 2015 noch einmal verstärken: Vom Islamischen Staat beauftragte Anhänger verübten in Paris zur selben Zeit an fünf unterschiedlichen Orten Attentate. Die blutige Bilanz lautete: 130 Tote und 352 Verletzte. Der IS war in aller Munde, doch von al-Qaida war nichts mehr zu hören. Wieso hatte nur der IS zugeschlagen und nicht wie Anfang des Jahres Attentäter von beiden Organisationen? Was für eine Beziehung pflegen beide Netzwerke eigentlich?

Die Pariser Anschläge ähnelten durch ihre Komplexität den Anschlägen von Mumbai 2008. Auch dort waren Attentate zur selben Zeit an mehreren Orten durchgeführt worden. Bin Laden hatte 2010 bereits seine al-Qaida-Anhänger aufgerufen, Attacken in diesem Stil in europäischen Städten zu wiederholen. Der Islamische Staat hatte nun das erreicht, was al-Qaida bis dahin nicht auf die Reihe gebracht hatte.3 Damit wurde nun auch das angespannte Verhältnis beider Terrororganisationen zueinander deutlich: eine Konkurrenzsituation. Aufgabe dieser Arbeit ist es, einen Vergleich beider Terrornetzwerke herzustellen sowie Konsequenzen und Tendenzen aus diesem neuen Sachverhalt zu ziehen.

2. Historische Genese der islamistischen Terrororganisationen

2.1. Al-Qaida

Die Anfänge der Terrororganisation Al-Qaida4 reichen bis in den Anfang der 1980er Jahre zurück. Abdallah Azzam, ein palästinensischer Theologe, warb damals für einen Kampf gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans. Er rief zur Unterstützung der kämpfenden Mudschahidin5 auf und unterfütterte ideologisch den Dschihad6 in Afghanistan. Azzam galt somit als quasi Schlüsselideologe des antisowjetischen Jihad.7

Zusammen mit Osama Bin Laden, der den Theologen von Vorlesungen her kannte und zu ihm eine enge persönliche Beziehung entwickelte, gründete er 1984 in Peshāwar, Pakistan ein Dienstleistungsbüro, um die aus den verschiedenen arabischen Ländern kommenden jungen Männer aufnehmen, betreuen und organisieren zu können, die nach Afghanistan in den Dschihad gehen wollten. Unterstützt wurden die Kämpfer dabei von den Vereinigten Staaten von Amerika, was sich durch den Kalten Krieg erklären lässt. Die CIA stellte Waffen bereit und unterstütze Pakistan durch Geheimdienstinformationen wie Satellitenaufnahmen und abgehörte Funksprüche der Sowjetischen Armee. Die Waffen wurden zunächst nach Pakistan geliefert und anschließend von dem dortigen Geheimdienst an die Stützpunkte der Mudschahedin-Führer weitergegeben.

Der Kampf gegen die sowjetischen Besatzer wurde so erfolgreich, dass sich die Sowjetunion 1988, nach zehn Jahren, aus Afghanistan zurückzog, Dieser ungeheure Erfolg gab den seit den späten 1980er Jahren dort kämpfenden Jihadisten deutlichen Aufwind. Im Zuge des Erfolgs kamen immer mehr Kämpfer nach Afghanistan und es stellte sich die Frage, wie es danach weitergehen sollte. Ubaydah al-Banshiri, der spätere Chef-Militär Al Qaidas, fasst die über die Zukunft getroffene Entscheidung folgendermaßen zusammen:

Now that the jihad has ended, we should not waste this. We should invest in these young men and we should mobilize them under [Bin Laden’s] umbrella.“8

Azzam wollte dabei jedoch den Fokus auf Post-Sowjet-Afghanistan und den Kampf gegen Palästina legen. Zawahiri, der 1985 über Saudi-Arabien nach Afghanistan kam, um am Kampf gegen die Sowjetunion teilzunehmen, und Bin Laden kritisierten diese Haltung jedoch und brachen mit Azzam.

Man folgte Bin Laden vor allem auch auf Grund seines Reichtums. Unter dessen Führung und ohne Zawahiri, der sich zunächst wieder um seine ägyptische Terrororganisation al-Dschihad kümmerte, wurde Al Qaida schließlich während eines Treffens im August 1988 in Peshāwar als loser Zusammenschluss ohne konkret definierte Ziele gegründet. Einzige Idee war es, den Kampf von Muslimen weltweit zu stützen und so zur Verbreitung des Islams beizutragen. Mit dem ausgesuchten Namen, der auf Deutsch die „feste Basis“ (aller Muslime) bedeutet, wollte man diese Motivation klar unterstreichen. Zu Beginn war die Organisation klein und übersichtlich, wuchs mit der Zeit aber stetig an. Vor allem ab 1996/1997, als Zawahiri und Bin Laden ihre Organisationen fusionierten und eine einzige gemeinsame Struktur in Afghanistan unter den wohlgewollten Taliban aufbauten. Dem vorausgegangen war ein Strategiewechsel Zawahiris, der, anstatt ausschließlich gegen das Regime des Präsidenten Mubarak in Ägypten vorzugehen, nun eher dazu aufforderte die USA anzugreifen, damit sie ihre Unterstützung für das Mubarak-Regime aufgeben. Damit wurde er quasi zum Vordenker des Wechsels vom nahen Feind (Regime in den Heimatländern) zum fernen Feind (die USA und weitere Westmächte). Bin Laden selbst hat auch erst Anfang der Neunziger Jahre im Rahmen des Zweiten Golfkrieges seinen ausgeprägten Antiamerikanismus entwickelt. Durch seine antiamerikanische islamische Oppositionsbewegung in Saudi-Arabien (gegen US-Truppen auf dortigem Boden) wurde er 1991 gezwungen, das Land zu verlassen; 1993 verhaftete die saudi-arabische Regierung Bin Laden nahe stehende Oppositionelle. Man datiert seinen Hass auf die USA in die Jahre dieser Ereignisse.9 So gesehen konnten Zawahiri und Bin Laden 1996 beginnen die künftig mächtigste Terrororganisation der Welt aufzubauen.

Aus späterer Sicht lassen sich nachträglich vier konkrete Ziele Al-Qaidas ausmachen:10

- Kampf gegen Regierungen aller arabischer Länder, v.a. in Ägypten und Saudi-Arabien
- Kampf gegen den fernen Feind USA und seine westlichen Verbündeten mit der Internationalisierung der Organisation ab 1996
- Vernichtung Israels
- Gebiete erobern, in denen Muslime leben, gegenwärtig jedoch von Nichtmuslimen beherrscht werden.

Nach den gescheiterten Anschlägen auf das World Trade Center 1993 und auf 12 US-amerikanische Flugzeuge über dem Pazifik (Bojinka) 1994/1995 erlangte al-Qaida internationale Bekanntheit erstmals 1998 durch die opferreichen Bombenanschläge auf US-Botschaften in Kenia und Tansania. Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erreichte die Terrororganisation anschließend ihr zwischenzeitliches Hoch – doch damit begann auch die langsame, aber konsequente Schwächung. In Erinnerung blieben danach vor allem noch Anschläge in Europa, 2004 auf öffentliche Nahverkehrszüge in Spanien und 2005 auf die U-Bahn von London. Seit der Ermordung Bin Ladens durch US-Spezialkräfte 2011 hat Zawahiri die Führung übernommen.

2.2. Islamischer Staat

Die Genese des Islamischen Staates reicht bis zur Gründerzeit al-Qaidas zurück. Der Jordanier Ab Mussab al-Zarqawi befand sich Ende der 1980iger Jahre ebenso wie bin Laden in den afghanischen Bergen, um den sowjetischen Feind zu bekämpfen. Während wie weiter oben erwähnt der spätere Gründer al-Qaidas einen Weltislam im Auge hatte, sah az-Zarqawi es als sein Ziel im Nahen Osten den Salafismus11 durchzusetzen.12 Er gründete deshalb im Jahr 2000 die Gruppe Tauhid, eine als Sammelbecken für Jihadisten aus Jordanien, Syrien, Palästina und dem Libanon dienende Organisation. Mit dem Ausbruch des Afghanistankrieges nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 floh az-Zarqawi in den Irak. 2003, im Zuge der US-Invasion des Iraks, verlegte er dann mit der Unterstützung bin Ladens seine kompletten Aktivitäten in das neue Kampfgebiet. Dort griff die Gruppe die unterschiedlichsten Ziele an: von der jordanischen Botschaft über US-Truppen bis hin zu schiitischen Moscheen und Vertretern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Dabei wurden die üblichen Terrortechniken durch Selbstmordattentate, Enthauptungen und ausländische Geiselnahmen brutal ergänzt.13

Es folgte zunächst die Umbenennung der Organisation in at-Tauhid wa-l-Jihad und im Oktober 2004 dann schließlich in al-Qaida fi Bila dar-Rafidain, also in al-Qaida im Irak, in Folge eines Gefolgschaftseids az-Zarqawis auf Osama Bin Laden und dessen Terrororganisation. Ein Grund dafür waren die Finanzierungs- und Rekrutierungsnetzwerke, über die al-Qaida noch immer in den arabischen Golfstaaten verfügte.14 Dieser Treueschwur diente aber nicht nur der Gruppe selbst, sondern brachte al-Qaida nach der Schwächung seit dem Afghanistankrieg auch wieder etwas Prestige und Legitimität – man vermittelte so den Eindruck, dass man die USA überall bekämpfen konnte und nicht nur Iraker sondern auch Jordanier, Syrer und Libanesen an al-Qaida band.15

Az-Zarqawi verfolgte nebenbei jedoch eine andere Doktrin als die der offiziellen al-Qaida-Linie. Dieses „al-Qaida im Irak“ kämpfte nicht mehr nur gegen die USA und ihre westlichen Verbündeten, sondern insbesondere im Namen der Sunniten gegen den näheren Feind: die Schiiten, welche die alte sunnitische Elite aus den wichtigen Etagen des Landes getrieben hatten.16 Im Irak-Bürgerkrieg wollte sich az-Zarqawi infolgedessen als Beschützer der Sunniten zementieren. Die al-Qaida-Führung versuchte mehrmals az-Zarqawi zu ermahnen und ihn von seiner Strategie abzubringen. Dieser weigerte sich jedoch, seine Taktik zu ändern und al-Qaida fand sich mit dieser abtrünnigen Filiale ab – die Vorteile waren wohl eine attraktive Kompensation für die fehlende Kontrolle über Zarqawi, dass man ihn gewähren ließ.17 Im Juni 2006 starb er bei einem US-amerikanischen Bombenangriff. Der Ägypter Abu Ayyub al-Masri übernahm anschließend die Spitze der Organisation, benannte die Organisation in Islamischer Staat Irak (ISI) um und erfand dabei die fiktive Person des Abu Umar al-Baghdadi, der er Treue schwörte. Erst Mitte 2007 flog der Schwindel auf und al-Masri besetzte das Amt mit dem irakischen Offizier Hamid al-Zawi.18 Bis 2010 hielten beide die Fäden mehr oder weniger erfolgreich zusammen; bei einem Sturm von US-amerikanischen Truppen auf ihr Versteck kamen beide ums Leben.

Danach wurde der ISI quasi von alten Baath-Parteikadern19 übernommen und Haji Bakr, Militärchef unter al-Masri, organisierte die Nachfolge an der Spitze der Organisation, indem er Abu Bakr al-Baghdadi bei den wichtigsten Mitgliedern durchsetzen konnte. Diese neu zusammengewürfelte Konstellation aus religiösen Fanatikern und einstigen Militärstrategen aus der irakischen Armee ermöglichte es, aus vergangenen Fehlern zu lernen:

„Eine Lehre zu ziehen aus all den Desastern der vergangenen Jahrzehnte, den fehlgeschlagenen Versuchen, irgendwo auf dem Wege des Dschihad an die Macht zu kommen und sich vor allem dort zu halten.“ 20

Bakr war maßgeblich an der bald folgenden neuen Strategie beteiligt – den Abzug des US-Militärs sowie den Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien zu nutzen, um langsam aber konsequent ein Gebiet zu erlangen, das man kontrollierte und auf dem man Herrschaftsstrukturen aufbauen konnte. Diese Strategie sollte in den Jahren 2013 und 2014 zum Bruch mit al-Qaida führen.

Der in einem Bürgerkrieg gemündete Aufstand gegen das Assad-Regime in Syrien 2011 wurde von den ISI-Kämpfern gnadenlos ausgenutzt. Ziel war die „schrittweise Machtübernahme in syrischen Kleinstädten“.21 Abu Bakr al-Baghdadi, dabei geleitet von Bakr, schickte zu diesem Zweck vermutlich im Sommer 2011 eine Gruppe syrischer Kämpfer in ihr Heimatland, die im Auftrag des ISI dort zunächst die Hilfsfront für die Menschen Syriens (Jabhat an-Nusra li-Ahl ash-Sham) gründeten. Unter der Führung des Syrers Mohammed al-Golani wurde die Nusra-Front im Laufe des Jahres 2012 zu der mit Abstand wichtigsten jihadistischen und auch zu einer der stärksten aufständischen Gruppierungen. Die Organisation profitierte davon, dass Syrer im Aufstand im Irak ab 2003 eines der größten ausländischen Kontingente gestellt hatten. Ein weiterer Vorteil war, dass fast alle ausländischen Kämpfer über Syrien anreisten. Die Nusra-Front konnte sich auf die damals aufgebauten Logistiknetzwerke im Norden und Osten Syriens stützen.22 Je stärker die Nusra-Front wurde, desto schlechter wurde das Verhältnis zwischen Baghdadi und Golani, weil der Syrer versuchte, sich der Kontrolle durch den ISI zu entziehen. Der Konflikt hatte auch eine ideologische Dimension, denn die Nusra-Front folgte nicht dem Vorbild ihrer irakischen Mutterorganisation. Vielmehr orientierte sie sich an den Vorgaben der al-Qaida-Führung und baute auf enge Kontakte zu den nicht-dschihadistischen Aufständischen, um so Baschar al-Assad möglichst rasch zu stürzen. Ab Dezember 2012 stufte die US-Regierung die Nusra-Front als „terroristische Vereinigung“ ein und sah sie als Pseudonym eines weiteren Ablegers al-Qaidas.23 Diese Sichtweise sollte sich als ziemlich korrekt herausstellen. Nach einiger Zeit verkündete Baghdadi in einer Audiobotschaft vom 9. April 2013 nämlich:

„Es ist Zeit, der Welt zu erklären, dass die Nusra-Front nur eine Abteilung des Islamischen Staates im Irak ist und Mohammed al-Golani einer unserer Soldaten.“ 24

Die Bezeichnungen Nusra-Front und Islamischer Staat Irak, so Baghdadi weiterhin, würden zugunsten des neuen gemeinsamen Namens Islamischer Staat im Irak und Syrien abgeschafft. Golani folgte Baghdadis Worten nicht und legte stattdessen einen Treueschwur auf al-Zawahiri, den al-Qaida-Chef, ab. Dieser Moment sollte für das Verhältnis nicht nur zwischen der al-Nusra-Front und dem IS, sondern auch zwischen „ganz“ al-Qaida und dem IS entscheidend sein. Al-Zawahiri antwortete Wochen später in einem Brief an die zwei Anführer, dass beide falsch gehandelt hätten und jeder in „seinem“ Land bleiben solle. Baghdadi erklärte diesen Vorschlag für schlicht falsch und lehnte ab.25 Infolgedessen eroberten ISIS-Kämpfer Nusra-Stützpunkte im Osten und Norden Syriens und mehrere Nusra-Einheiten und –Führer liefen über.26 Als Bahgdadi schließlich am 29. Juni 2014 zudem ein Kalifat im Irak und Syrien ausrief, schloss ihn al-Zawahiri aus al-Qaida aus.27

3. Ein auf Unterschiede aufgebautes Verhältnis zwischen Neid und Anerkennung

Das vorherige Kapitel hat den Schwerpunkt auf die historisch-narrativen Anfänge beider Terrororganisationen gelegt und dabei die zunächst gemeinsame und schließlich konträre Entwicklung beleuchtet. Der folgende Teil der Arbeit soll nun verstärkt auf strategische, ideologische und organisatorisch-strukturelle Unterschiede, anhand derer das Verhältnis beider Organisationen zu einander analysiert werden kann, eingehen.

3.1. Organisation, Struktur und Allianzen

Organisations- und Handlungsstrukturen beider Terrororganisationen unterscheiden sich deutlich voneinander, stehen einander quasi diametral entgegen. Al-Qaida ist mehr ein Terror netzwerk als eine Terror organisation. Es wird von al-Zawahiri geführt, doch dessen Autorität ist mehr als fragwürdig und er hat Schwierigkeiten sich bei den verschiedenen Al-Qaida-Filialen und –Ablegern durchzusetzen. Diese Netzwerkstruktur ist einerseits eine Stärke, da sie sehr schwer zu zerstören ist, und andererseits eine Schwäche, weil die Organisation damit an Wirkung und Einfluss einbüßt. So gesehen ist al-Zawahiri eher als ferner ideologischer, denn als Führer Vorort zu verstehen, der zur Aufgabe hat, das Leitbild Al-Qaidas zu definieren, welches mit autonomen und vereinzelten agierenden Terrorzellen mit jeweiligen Regionalkommandeuren weltweit operiert.28 Demgegenüber hat der Islamische Staat seit der Ausrufung des Kalifats eine zentralisierte Struktur mit einem Gebiet und einem Anführer, al-Baghdadi, an der Spitze, der seine Position durch einen autoritären Führungsstil festigen konnte. Er steht über allen und bestimmt das Geschehen in der Terrororganisation.29 Nach außen hin versucht der IS jedoch, ein anderes Bild zu vermitteln: „Was der IS mit seiner Fahne, dem Symbol des erhobenen Zeigefingers und den Bildern anonymer Kämpfer in den Medien darstellen will, ist die Bewegung selbst“.30 Dabei versucht der IS vordergründig das umzusetzen, was al-Qaida strukturell immer schon wollte: Das Element der Basis. Hier wird zuerst der Anspruch einer Volksbasis erhoben. Noch wichtiger aber ist die territoriale und militärische Basis. Das Kalifat umfasst aktuell Großteile von Syrien und des Nordiraks, möchte sich aber bis hin zum Libanon, den palästinensischen Autonomiegebieten und Jordanien ausdehnen. Das vorläufige Territorium ist bereits so groß wie Großbritannien. Es leben dort etwa acht Millionen Menschen.31 Dieses mehr oder weniger „feste“ Gebiet ist das wichtigste Element der Macht und Legitimität des IS. So auch der französische Islamspezialist François Burgat:

[...]


1 Nasser bin Ali al Anassi zitiert in Wiegel: Die Jagd nach den Hintermännern.

2 Ebd.

3 Baker & Schmitt: Paris Terror Attacks May Prompt More Aggressive U.S. Strategy on ISIS.

4 Der Begriff selbst wird jedoch erstmals 1988 verwendet.

5 Begriff, der allgemein jemanden bezeichnet, der sich um die Verbreitung oder Verteidigung des Islam bemüht.

6 Dschihad (eng. auch Jihad) bedeutet die Anstrengung bzw. den Kampf auf dem Wege Gottes. Nach klassischer islamischer Lehre ist dies ein Kampf der Ausdehnung und Verteidigung des Islams. Im Koran steht der Begriff vor allem für militärischen Kampf.

7 Byman: Al Qaeda, the Islamic State, and the global jihadist movement. S. 7.

8 Zitat nach ebd.: S. 8.

9 Steinberg: Al-Qaida.

10 Ebd.

11 Eine stark konservative Strömung innerhalb des Islams, die eine geistige Rückbesinnung auf die „Altvorderen“ anstrebt.

12 Théron: Rivalen des Terrors.

13 Ebd.

14 Steinberg: Der Islamische Staat im Irak und Syrien.

15 Byman: S. 165.

16 Reuter: Die schwarze Macht. S. 43.

17 Steinberg: Der Islamische Staat im Irak und Syrien.

18 Reuter: S. 51. Diese fiktive Person – unangreifbar und spurenlos – diente wohl dazu, möglichst viele neue Personen anzuziehen.

19 1947 von M. Aflaq und S. Bitar in Syrien gegründete panarabische Partei. Eines der Ziele ist die Befreiung der arabischen Region von allen Formen der Fremdherrschaft sowie die politische und wirtschaftliche Vereinigung der arabischen Länder. Außerhalb Syriens entstanden bedeutende Parteiorganisationen vor allem im Irak und in Jordanien. 1963 übernahm die Baath-Partei nach einem Putsch die Macht in Syrien. Ein neuerlicher Putsch des linken Flügels 1966 führte zum Bruch mit der irakischen Baath-Partei, deren Anhänger 1968 endgültig die Macht im Irak übernahmen. Das Baath-Regime von Saddam Hussein wurde durch den Irak-Krieg 2003 beseitigt.

20 Reuter: S. 24.

21 Ebd.: S. 34.

22 Steinberg: Der Islamische Staat im Irak und Syrien.

23 Reuter: S. 84.

24 Baghdadi zitiert nach ebd.: S. 38.

25 Ebd.: S. 40.

26 Einer der Überläufer dazu beispielsweise: „Nusra hatte eine Ideologie, aber Da’ish hatte schon den Staat! Das, wovon alle immer geträumt hatten, einen richtigen islamischen Staat – die hatten ihn bereits“ (Reuter: S. 39). Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch nicht einmal einen wirklichen Staat, er existierte nur per Deklaration Baghdadis.

27 Ell: Al Qaida und „Islamischer Staat“. S. 3

28 Ebd.: S. 4.

29 Ebd.: S. 3.

30 Théron: Rivalen des Terrors.

31 Nowroth/Steinacker: Die sieben Geldquellen des IS.

Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668933132
ISBN (Buch)
9783668933149
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v468445
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Schlagworte
IS Al-Qaida Islamischer Staat Terrororganisationen Naher Osten Syrien Islam

Autor

  • Lukas Münster (Autor)

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Titel: Islamistische Terrororganisationen im Vergleich. In welchem Verhältnis steht Al-Qaida zum "Islamischen Staat"?