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Individualisierung der Geschlechter und ihrer Arbeit. Chance oder Risiko?

Hausarbeit 2019 16 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Individualisierung der Geschlechter – Chance oder Risiko

1 Einleitung

2 Ulrich Becks „Risikogesellschaft“
2.1 Der Risikobegriff nach Ulrich Beck
2.2 Becks Individualisierungsthese

3 Soziale Ungleichheit der Geschlechter
3.1 Geschichte (sozialer) Ungleichheit zwischen den Geschlechtern
3.2 Arbeit und Geschlecht

4 Individualisierung: Chance oder Risiko für die Geschlechter
4.1 Gleichstellung durch Individualisierung?
4.2 Chancengleichheit der Geschlechter? Das Beispiel Frauen und Arbeit
4.3 Ungleichheit der Geschlechter heute

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am 18. März dieses Jahres war Equal Pay Day. Bis zu diesem Tag haben Frauen*, verglichen mit dem Einkommen der Männer*, statistisch gesehen umsonst gearbeitet. Immer noch verdienen Frauen* im Schnitt 21 % weniger als Männer*. Kritische Stimmen meinen, dass dieser Wert nicht repräsentativ sei, da nicht die gleiche Arbeit miteinander verglichen wird und Frauen* besser bezahlte Berufe ausüben könnten. Vor dem Hintergrund der Beck’schen Individualisierungsthese scheint diese Kritik zunächst angebracht. Jede*r steht es frei seine*ihre Biographie aktiv und eigenständig zu gestalten. Veraltete Traditionen werden abgeschafft und eine gleichberechtigte Teilhabe aller Geschlechter in der Gesellschaft ist möglich.

In dieser Arbeit soll ein genauerer Blick auf diese These geworfen werden und geprüft werden, inwiefern sie zutrifft und welche Chancen und Risiken sich tatsächlich aus der Individualisierung ergeben. Dazu soll zunächst ein Überblick über Ulrich Becks Gesellschaftsanalyse zur Risikogesellschaft und sein Verständnis von Risiko gegeben werden, um daraufhin sein Verständnis von Individualisierung einzuordnen und zu erläutern. Anschließend soll in einer Zusammenfassung der historischen Entwicklung des Feminismus aufgezeigt werden, wie sich die Ungleichheit der Geschlechter seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hat. Auf das Beispiel von Frauen auf dem Arbeitsmarkt wird dabei gesondert eingegangen, da nach einer Auswertung der generellen Chancen und Risiken, die sich aus der Individualisierung ergeben, eine Analyse der Auswirkungen von Individualisierung auf die Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt anschließen wird. Ein Blick wird außerdem auf das aktuelle Verhältnis zwischen Männern* und Frauen* geworfen. Abschließend werden die Ergebnisse in einem Kapitel noch einmal zusammengefasst.

2 Ulrich Becks „Risikogesellschaft“

Die Mitte des 20. Jahrhundert wurde für Ulrich Beck durch einen gesellschaftlichen Wandel gekennzeichnet. Die Industriegesellschaft mit ihrem technischen Fortschritt brachte auch Risiken mit sich, welche für die Gesellschaft bisher unbekannt waren. Risiken, die – Schicht unabhängig – jede*n treffen konnten. Gleichzeitig wurden durch Individualisierung auch Ressourcen neu verteilt und eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Konsum wurde ebenfalls schichtunabhängig möglich.

2.1 Der Risikobegriff nach Ulrich Beck

Während der Industriegesellschaft, welche die Moderne in den westlichen Ländern kennzeichnete, waren damals vor allem diejenigen von typischen Risiken wie Hunger oder Gesundheitsrisiken betroffen, die am weitesten vom Reichtum entfernt waren und in der gesellschaftlichen Hierarchie weit unten standen. In der Risikogesellschaft, wie Ulrich Beck sie beschreibt, änderten sich nicht nur die Risiken, denen die Gesellschaft ausgesetzt war, sondern auch deren Verteilung. Die Industriegesellschaft war das Ergebnis einer Modernisierung und Technisierung. Da es in der Industriegesellschaft allerdings nicht zu einem Modernisierungsstopp kam, führte dies laut Beck zu einer Zweiten Moderne oder auch reflexiven Moderne. Merkmal der reflexiven Moderne ist, dass die Industriegesellschaft Risiken gegenübersteht, die sie selbst bzw. die dazugehörige Modernisierung hervorgebracht hat (vgl. Volkmann 2000, S. 24). Für Beck ist der Übergang in die Risikogesellschaft damit unvermeidbar:

„Die Risikogesellschaft ist keine Option, die im Zuge politischer Auseinandersetzungen gewählt oder verworfen werden könnte. Sie entsteht im Selbstlauf verselbstständigter, folgenblinder, gefahrentauber Modernisierungsprozesse.“ (Beck 1993 zit. n. Volkmann 2000, S. 24)

Durch diese Eigendynamik wird Fortschritt, der sich in dieser Moderne vor allem im wissenschaftlich-technischen Bereich äußert, nicht abgeschlossen, sondern entwickelt sich immer weiter. Dabei handelt es sich um einen verborgenen Prozess (vgl. Volkmann 2000, S. 24).

Im Mittelpunkt jeder Modernisierung steht die Wissenschaft. Sie ermöglicht Fortschritt und damit auch Modernisierung. Aber auch hier erörtert Beck entscheidende Unterschiede zwischen dem Ersten und der Zweiten Modernisierungsprozess. Während dem Übergang zur Industriegesellschaft beschäftigte sich Wissenschaft mit der bereits gegebenen Welt. Die reflexive Modernisierung hingegen ist gekennzeichnet davon, dass „die Wissenschaften bereits mit ihren eigenen Produkten, Mängeln, Folgeproblemen konfrontiert“ sind (Beck 2012, S. 254). Für die Risikogesellschaft spielt die Wissenschaft außerdem eine gesonderte Rolle, da sie in der Lage ist, Risiken zu erkennen und zu definieren. Nur so werden sie für die Gesellschaft sichtbar gemacht. Dennoch bleibt auch in der Risikogesellschaft bestehen, was schon die Industriegesellschaft kennzeichnete: die Selbstverständlichkeit, Probleme wissenschaftlich-technisch zu lösen (vgl. Volkmann 2000, S. 24f.).

Kommen wir nun aber zu Becks Verständnis von Risiko im Zusammenhang mit Risikogesellschaft. Er unterscheidet dabei zwischen Reichtümern und Risiken. Reichtümer zum einen sind „erstrebenswerte Knappheiten“ (Beck 2012, S.35), wie zum Beispiel Einkommen oder Besitz, aber auch Bildung. Risiken hingegen sind „Modernisierungs bei produkt von verhinderungswertem Überfluss “ (Beck 2012, S.35). Während der Industriegesellschaft waren typische Risiken unter anderem Hunger, Armut oder auch Gesundheitsrisiken. Davon waren vor allem Menschen der unteren sozialen Schichten betroffen. Risiken in der Risikogesellschaft sind von besonderen Merkmalen gekennzeichnet: es handelt sich dabei um Modernisierungsrisiken. Das heißt, dass diese Risiken nicht von der Natur gemacht sind, sondern aus der Modernisierung resultieren. Dabei bleiben sie meist unsichtbar, bedürfen kausalen Interpretationen – und somit Wissen – um erkannt zu werden. Durch Wissen kann auch die Wahrnehmung einzelner Risiken verändert werden. Sie können auf unterschiedliche Weise dargestellt und diskutiert werden. Sie können real abgebildet werden, aber auch verharmlost oder dramatisiert werden (vgl. Beck 2012, S. 29f.). Es entsteht also eine gewisse Wissensabhängigkeit. Dies hat vor allem für die Betroffenen Auswirkungen, da sie selbst nicht wissen, ob und inwieweit sie betroffen sind. Andererseits werden Betroffene erst zu Betroffenen, wenn sie sich des Risikos bewusst sind. So wird auch den Medien eine besondere Rolle in der Risikogesellschaft zu Teil, da diese Informationen und Wissen über Risiken verbreiten und zugänglich machen können. Auch wenn die Individuen alle die gleichen Quellen nutzen müssen, um sich mit Risiken zu befassen, ist der Zugang zu Medien doch häufig abhängig von Bildung und materieller Ausstattung. Dadurch können Menschen, die einen besseren Zugang zu Bildung haben, sich besser informieren und zeigen sich entsprechend eher betroffen als solche, die keinen oder nur einen schlechten Zugang zu Bildung haben und sich mit anderen existenzbedrohenden Problemen, wie Armut, auseinandersetzen müssen. So kann es zu großen Unterschieden in der Betroffenheit unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen kommen, die die Realität aber nicht objektiv abbilden (vgl. Volkmann 2000, S. 28). Die Verteilung der Modernisierungsrisiken unterscheidet sich – wie oben bereits erwähnt – ebenfalls zu der der Ersten Moderne: zwar sind einige Risiken immer noch schichtabhängig, jedoch können auch diejenigen von Modernisierungsrisiken betroffen sein, die sie selbst erst verursacht haben. Beck beschreibt dabei einen wesentlichen Widerspruch:

„Mit der sozialen Anerkennung von Modernisierungsrisiken sind ökologische Entwertungen und Enteignungen verbunden, die vielfältig und systematisch in Widerspruch zu den Gewinn- und Besitzinteressen treten, die den Industrialisierungsprozeß vorantreiben.“ (Beck 2012, S.30)

Damit ist nicht mehr die unterschiedliche Verteilung der Reichtümer und Risiken im Mittelpunkt der Konflikte, wie es noch in der Industriegesellschaft der Fall war, sondern es stand das Bedürfnis nach Sicherheit im Vordergrund (vgl. Volkmann 2000, S. 26).

Des Weiteren beziehen sich Risiken auf eine MÖGLICHE Zukunft, aber es besteht keineswegs die Sicherheit, dass diese eintritt. Den Individuen werden Anhaltspunkt zur Orientierung genommen, da ihnen nur noch gesagt wird, „was nicht zu tun ist“, um Modernisierungsrisiken zu vermeiden, jedoch keine Handlungsvorgaben gegeben werden (Beck 1993 zit. n. Volkmann 2000, S. 27).

Modernisierungsrisiken sind außerdem ebenso wenig an nationale Grenzen gebunden wie an soziale Klassen. Da sie aus wissenschaftlich-technischen Fortschritten entstehen, welche häufig ökologische Folgen haben, lassen sie sich nicht durch Landesgrenzen aufhalten. Klimatische Veränderungen aufgrund von Waldrodungen oder CO2-Belastungen lassen sich nicht lokal begrenzen. Die Risiken in der Zweiten Moderne können also auch ortsunabhängig auftreten. Die Art und Weise ihres Schadens ist oft nicht vorhersehbar (vgl. Beck 2012, S.36,/Volkmann 2000, S. 27).

2.2 Becks Individualisierungsthese

Neben der oben beschriebenen Theorie steht auch die Individualisierungsthese im Mittelpunkt der Beck’schen Werke. Aus der reflexiven Moderne und dem wirtschaftlich-industriellen Aufschwung der 1950er und 1960er Jahre ergaben sich höhere materielle Lebensstandards für Menschen aller Schichten. Es entsteht ein Mehr an Ressourcen wie Einkommen, Bildung oder Mobilität. Dadurch können auch Menschen der unteren gesellschaftlichen Schichten am Wohlstand teilhaben und soziale Klassen/Schichten spielen im Alltag eine weniger bedeutende Rolle. Beck beschreibt diesen Vorgang als „“Fahrstuhl-Effekt: die „Klassengesellschaft“ wird insgesamt eine Etage höher gefahren.“ (Beck 2012, S. 122) An den Ungleichheitsrelationen ändert sich jedoch nichts (vgl. Volkmann 2000, S. 33).

Beck unterscheidet des Weiteren zwischen drei Individualisierungsdimensionen:

Freisetzungsdimension: Hiermit meint Beck das Herauslösen aus traditionalen Sozialformen aus der Industriegesellschaft wie Klasse oder Geschlechterrollen.

Entzauberungsdimension: Strukturen, die bisher Orientierung und Sicherheit gaben, werden in der reflexiven Moderne aufgebrochen. Die Menschen sind so mehr auf sich selbst gestellt, da ihnen eine leitende Norm fehlt wie etwa Religion oder die Klassenzugehörigkeit.

Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension: Durch die oben beschriebenen Prozesse sind die Individuen gezwungen ihre Entscheidungen weitgehend selbstständig zu treffen. Die passiert jedoch nicht völlig uneingeschränkt und ungelenkt. Durch institutionelle Eingriffe werden Handlungsmöglichkeiten beschränkt. Beispiele hierfür bieten unter anderem der Wohlfahrtsstaat oder die Vorgaben des Arbeitsmarktes (vgl. Beck 2012, S. 206).

Statt der früheren Handlungsverbote gibt es laut Beck in der zweiten Moderne eher Leistungsangebote. Individuen können ihre Biographie selbst zusammenstellen und im Rahmen der institutionellen Vorgaben ihre Entscheidungen eigenständig treffen. Dabei müssen sich die Individuen allerdings gegen die Konkurrenz um die oft begrenzten Ressourcen durchsetzen. So ist die aktive Eigenleistung des Individuums gefordert. Was Beck als „Wahlbiographie“ oder „Bastelbiographie“ bezeichnet, kann dadurch schnell zu einer „Risiko- bzw. Bruchbiographie“ werden, da Wohlstand nicht sicher von Dauer ist. Die sogenannte „Landstreicher-Moral“ ist für ihn ebenfalls ein Merkmal der reflexiven Moderne: Bindungen sind nur selten von Dauer, da das Individuum nicht weiß, wie lange es sich noch in der aktuellen Situation befinden wird. Grund dafür ist allerdings keineswegs Egoismus, sondern die Tatsache, dass vor allem der Wohlfahrtsstaat und seine Leistungen nicht auf Familien ausgelegt sind, sondern vielmehr eine Erwerbsbeteiligung des Individuums erwarten. Voraussetzung für Erwerbsbeteiligung sind wiederum Bildungsbeteiligung und Mobilität(sbereitschaft) (vgl. Beck 1994, S. 12f.).

Sieht man also genauer hin, bedeutet Individualisierung nicht automatisch Entscheidungsfreiheit bedeutet. Beck bezeichnet dies vielmehr als

„paradoxe[n] Zwang[…], zur Herstellung, Selbstgestaltung, Selbstinszenierung nicht nur der eigenen Biographie, sondern auch ihrer Einbindungen und Netzwerke, und dies im Wechsel der Präferenz und Lebensphasen und unter dauernder Abstimmung mit anderen und den Vorgaben von Arbeitsmarkt, Bildungssystem, Wohlfahrtsstaat usw.“ (Beck 1994, S.14)

So fordert die Individualisierung zwar einerseits eine Eigenleistung der Individuen, indem diese ihre Biographie aktiv gestalten und dabei alle Aspekte und Risiken berücksichtigen müssen. Andererseits fordert sie bestimmt Verhaltensmuster und schränkt Handlungsspielräume ein. Identität wird durch die Individualisierung zu etwas, dass das Individuum aktiv erbringen muss, da plötzlich alle Lebensbereiche, die zuvor noch aufgezwungen und unveränderbar waren (z.B. Religion, Beruf, Bindungen, Stand), selbst erwählt werden können. Gleichzeitig ist der Mensch so aber nicht nur dafür verantwortlich, seine eigene Biographie zu gestalten, sondern trägt auch für das Scheitern seines gewählten Lebenswegs die Verantwortung (vgl. Beck 1994, S. 12f.).

Das Individuum der Risikogesellschaft ist also mit verschiedenen Risiken und Widersprüchen konfrontiert: die zunehmende Bedrohung der Modernisierungsprozesse, vor denen auch Reichtum und Hierarchie nicht schützen; Individualisierung, welche zwar eine Vielzahl an Optionen eröffnet, gleichzeitig jedoch die Verantwortung an das Individuum abgibt, welches zum einen zu gewissen Leistungen aufgefordert wird, zum anderen aber durch Institutionen und Regeln in seinen Handlungs- und Entscheidungsspielräumen eingeschränkt wird. Die Menschen verlieren auf unterschiedliche Weise Orientierungspunkte, die zuvor in der Industriegesellschaft noch klar vorgegeben waren.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668951389
ISBN (Buch)
9783668951396
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v468589
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
2,3
Schlagworte
Beck Risikogesellschaft Individualisierung Geschlecht Arbeit Chance Risiko Soziologie Gegenwartsdiagnosen Gesellschaftstheorien Frau

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