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Wahnsinn im Film. Die Darstellung von Wahnsinn in Miloš Forman's Drama "Einer flog übers Kuckucksnest"

Hausarbeit 2018 14 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Miloš Forman's Drama „Einer flog übers Kuckucksnest“

3. Was ist eigentlich Wahnsinn? - Theoretische Grundlage

4. Wie werden Psychiatrien und psychisch kranke Menschen im Film dargestellt? - Eine Interpretation

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Spricht man heutzutage über „Wahnsinn“, kann das Wort durchaus verschiedene Bedeutungen haben. Doch meistens wird unter dem Wort etwas Negatives zusammengefasst. Was „Wahnsinn“ überhaupt ist und wie sich die Rezeption des Begriffes im Laufe der Zeit verändert hat, ist oftmals nicht bekannt. Weiterhin sind Wahnsinn und, im Gegensatz dazu Vernunft, zwei Pole, die historisch gesehen, strikt voneinander zu trennen und nicht miteinander zu verbinden waren.

Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, die Definition des Begriffes zu untersuchen und heraus zu stellen, was unter Wahnsinn wirklich zu verstehen ist. In einem weiteren Schritt, werden diese Erkenntnisse am filmischen Beispiel von Miloš Forman's Drama „Einer flog übers Kuckucksnest“ angewandt. Es soll gezeigt werden, wie Wahnsinn im Film dargestellt wird und wie damit umgegangen wird. Des Weiteren sollen Methoden der Psychiatrie aufgezeigt werden.

Daraus ergibt sich, dass selbstverständlich das Filmdrama als Zentrum dieser Arbeit fungiert. Darüber hinaus werden Philosophen wie Foucault oder Nietzsche herangezogen, um das Phänomen „Wahnsinn“ zu verdeutlichen. Hinzukommen verschiedene Aufsätze und Abhandlungen, die mit den Theorien zu Vernunft und Wahnsinn arbeiten und greifbar machen. Durch die Aktualität der Aufsätze zu dem Thema, wird eine Brücke geschlagen zu der zeitlichen Distanz der Entstehungszeit Foucaults und Nietzsches, die dessen ungeachtet heute nach wie vor zeitgemäß sind.

Zu Beginn dieser Analyse steht eine kurze Zusammenfassung des Inhalts des Films „Einer flog übers Kuckucksnest“. Anschließend soll eine theoretische Grundlage geschaffen werden, um über Wahnsinn und Vernunft angemessen sprechen zu können. Auf der Grundlage dieses theoretischen Konstruktes, wird im nächsten Schritt analysiert und interpretiert, wie der Film Psychiatrien, psychiatrische Methoden, sowie „Wahnsinn“ darstellt. Abschließend wird diese Arbeit ein Fazit schließen und die eingangs erhobene Frage beantworten, wie Wahnsinn im Film dargestellt wird und wie psychiatrische Methoden verdeutlicht werden.

Im englischen Original lautet der Titel des Films „One Flew Over the Cuckoo's Nest“. Hierbei ist interessant zu erwähnen, dass das englische Wort „cuckoo“ in der amerikanischen Umgangssprache „verrückt“ bedeuten kann[1]. Aus dieser Tatsache lässt sich schließen, dass „cuckoo's nest“, als Nervenheilanstalt übersetzt werden kann. „One“ oder im Deutschen „Einer“ , kann auf den Protagonisten bezogen werden. Wenn man nun den Titel somit im Gesamten untersucht, lässt sich schließen, dass die Illusion des Protagonisten besteht, aus freien Stücken gekommen zu sein[2] und als freier Mann wieder gehen zu können.

2. Miloš Forman's Drama „Einer flog übers Kuckucksnest“

Bei dem Drama „Einer flog über das Kuckucksnest“ aus dem Jahre 1975 von Miloš Forman handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ken Kesey, welches von den Insassen einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt erzählt. Der Protagonist des Films ist Randel Patrick McMurphy, der aufgrund diverser Gewaltdelikte und Verführung einer Minderjährigen verurteilt und zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. McMurphy nimmt zunächst an, dass er mit der Psychiatrie im Vergleich zum Gefängnis das große Los gezogen habe. Anfangs noch erfreut über die bequemeren Umstände der Anstalt gegenüber dem Zuchthaus, wird ihm jedoch schnell klar, dass er die im Irrenhaus praktizierten autoritären Methoden nicht akzeptieren kann. Obwohl er geistig fit und gesund ist, wird er konform wie ein Betroffener psychisch Kranker Mensch behandelt. Wie alle anderen Insassen, die in „chronische“ und „akute“ Fälle kategorisiert sind, wird auch er ständig bevormundet. Die Patienten werden durch Medikamente, Musik und einschüchternde Maßnahmen ruhig gestellt. Es hat den Anschein, als dass die Insassen in übertrieben ernstgehaltenen Gesprächsrunden ihres letzten Restes an Selbstbestimmungsglauben und Hoffnung, Lebensfreude und Würde beraubt würden.

Besonders mit der Oberschwester Ratched hat McMurphy eine Gegenspielerin innerhalb der Nervenheilanstalt, die das Mächtesystem und die Institution repräsentiert. Wenn nur ein Patient es wagt, nachzufragen, welche Pillen er denn bekomme und wozu er sie denn brauche oder sich weigert, sie zu schlucken, sieht sie ihre errichtete Ordnung auf der Station gefährdet und ihre Autorität in Frage gestellt. McMurphy ist ein leidenschaftlicher Spieler und animiert die anderen Patienten, eingestuft in akute und chronische Fälle, zu Wetteinsätzen und Pokerrunden. Im Verlauf der Geschichte, wird McMurphy für die Patienten zum wichtigsten Therapeuten. Er gibt ihnen das Selbstvertrauen und den Mut, sich für Änderungen der bestehenden Vorschriften und Richtlinien der Anstaltsleitung einzusetzen und für ihr Recht zu kämpfen.

McMurphy wettet schließlich mit den anderen, dass er es schafft Miss Ratched zu provozieren und sie zur Eskalation zu treiben. Spätestens als es zu einer Abstimmung der Insassen über eine Änderung der Stationsordnung, speziell um die Übertragung der Baseballspiele, kommt, erkennt der Lebemann McMurphy, dass ein bequemes, allzu lockeres Leben auf Widerstand stößt. McMurphy bricht aus der Anstalt aus und "entführt" die Patientengruppe mit einem Bus zum Hafen und fährt mit ihnen aufs Meer hinaus, um zu fischen. Auch wenn die Tour von Chaos geprägt ist, blühen die Patienten auf und sind stolz auf ihren großen Fang. Auf der darauf folgenden Krisensitzung der Anstaltsleitung wird durch Miss Ratched veranlasst, dass Randle länger als geplant in der psychiatrischen Klinik bleiben darf bzw. muss, um "geheilt" zu werden. Wie sich nun herausstellt ist Randle das Opfer der Willkür des Pflegepersonals der Nervenheilanstalt. Im Gegensatz zum festen Entlassungszeitpunkt im Gefängnis, kann er solange in der Anstalt gehalten werden, wie es Oberschwester Ratched beliebt. Wenn er jedoch seine Geisteskrankheit einsieht, im Anstaltsalltag gut mitarbeitet, ist es möglich seinen Entlassungstermin zu beschleunigen. Ohne zu zögern ändert sich sein Verhalten und er distanziert sich von seinen Kameraden, reinigt die Latrinen und entpuppt sich als echter „Vorzeige-Patient“. In den Sitzungen hält er sich aus allen Belangen der Mitinsassen heraus und neigt zu keinerlei Auflehnung gegen die Vorschriften der Oberschwester Ratched. Doch die Aussichten auf eine Entlassung werden nicht besser. Als McMurphy sogar herausfindet, daß fast alle seiner Anstaltsgenossen freiwillig in der Klinik sind, ist er sprachlos.

Während McMurphys Rebellion gegen das System, gewinnt er die Gunst der anderen Patienten und freundet sich mit dem scheinbar taubstummen Indianer Chief Bromden an. Die Konsequenz einer Schlägerei mit einem Aufseher, ist eine brutale Elektroschockbehandlung, der Randle, der bis dato als taubstumm gehaltene Häuptling, der sich ebenfalls als Simulant zu erkennen gibt, und Cheswick unterzogen werden. McMurphy legt dem Häuptling, in dem er einen Hoffnungsträger und ebenbürtigen Partner erkennt zum ersten Mal seine vagen Fluchtgedanken dar. Vor seiner geplanten Flucht organisiert McMurphy allerdings noch eine exzessive Party, um seinen Abschied zu feiern. Der Abend scheint gelungen, alle Patienten sind sehr ausgelassen, als McMurphy noch für eine letzte persönliche Therapiemaßnahme Zeit findet. Er gibt dem durch einen Mutterkomplex völlig verklemmten und schüchternen Billy die Gelegenheit, mit seiner Freundin Candy zu schlafen. Dummerweise schläft McMurphy beim Warten auf Candy ein und so kommt es dazu, dass das Anstaltspersonal ihn früh morgens beim Versuch, aus dem Fenster zu steigen ertappt. Billy wird daraufhin durch Miss Ratched so sehr gedemütigt, so dass er Selbstmord begeht. Der Aufschrei geht durch die ganze Anstalt und verhindert schließlich McMurphys zweiten Fluchtversuch. Hasserfüllt würgt er die Oberschwester, wird jedoch niedergestreckt. Die letzte Konsequenz ist eine gewaltsame Gehirnamputation, die McMurphy seiner Individualität und Persönlichkeit beraubt und ihn so in eine völlig gebrochene Kreatur verwandelt. Um sein menschenunwürdiges Dasein zu beenden, erstickt der Häuptling McMurphy mit einem Kopfkissen und findet endlich den Mut auszubrechen. Er zertrümmert das Fenster mit dem schweren Waschbecken, an dem McMurphy zu Beginn des Films gescheitert ist und flieht in die Freiheit.

3. Was ist eigentlich Wahnsinn? - Theoretische Grundlage

Wahnsinn und die Varianten des Wahnsinns, werden im medizinischen Sinne als Krankheiten oder als Störungen konstruiert. Geht man diesem Ansatz nach, fehlt dem Betroffenen also etwas was einerseits für die Bewältigung des individuellen Alltags (Kompetenzen, Ressourcen oder Fähigkeiten) und andererseits für den Schutz der Gesellschaft unabdingbar ist. Legt man den Fokus auf die Moderne, so ist der Wahnsinn eine individuelle oder soziokulturelle Defizitkategorie.[3] Da die „bürgerlich demokratisch kapitalistische Gesellschaft die beste aller möglichen Welten“ sein soll, kann sie für die Verantwortlichen nicht der Ursprung des Wahnsinns sein, sondern die Negativität des Wahnsinns wird demnach den Individuum, spezifisch seiner genetischen Konstitution, zugeschrieben. Das bedeutet, die psychische oder geistige Krankheit entspringt aus dem individuellen genetischen Code und kann dem zu folge keine soziokulturelle Kategorie sein.[4]

An dieser Stelle scheint es notwendig zu sein sich zu überlegen, an welcher Stelle, historisch gesehen, eine Unterteilung in Vernunft und Unvernunft begann. Michel Foucault ist der Ansicht, dass eine Trennung von Vernunft und Unvernunft genau auf das Jahr 1656 zu datieren ist. Und zwar mit der Gründung des hopital général in Paris. An dieser Stelle, so Foucault, beginnt der Begutachtungsbetrieb, der zwischen Wahnsinn und Klarsinn unterscheidet.[5] Außerdem wird die Klinik zu einer Anlauf- und Abfangstation für Störfaktoren des sozialen Lebens. Außerdem sind zu dieser Zeit die Übergänge und Grenzen zwischen Behandlung und Züchtigung der Betroffenen Menschen konturenlos und stark verschwommen.[6] Wenn die Wissenschaft das „Problem“, das die Menschen hatten, um sich im sozialen Leben anzupassen, nicht lösen oder erklären konnte, war Gewalt das deutliche Zeichen der Überlegenheit, denn so wurde spürbar gemacht, wer festlegt, was Vernunft ist und wie mit Unvernunft umgegangen wird.[7] Neue Entwicklungen in der Wissenschaft, scheinen nur sehr wenig Einfluss auf die „Mainstream-Psychiatrie“ gehabt zu haben, obwohl durch Disziplinen wie Psychologie, Erziehungswissenschaften, Kulturwissenschaften, sich die Psychiatrie bzw. Medizin durchaus geöffnet hat. Der Wahnsinn eines Menschen, ist durch die Dominanz der Medizin in der modernen westlichen Welt, eindeutig auf das Negative reduziert worden. Darauf, dass dem betroffenen Menschen etwas fehlt. Die Psychiatrie, als eine medizinische Interventionstechnologie, soll demnach bewerkstelligen, dieses Defizit in den Denk- und Handlungsstrukturen zu beheben.[8]

[...]


[1] Vgl. Eintrag zu „cuckoo“ In: https://de.langenscheidt.com/englisch-deutsch/cuckoo, letzter Zugriff: 17.08.18, 11:30 Uhr.

[2] Gemeint ist hier, dass der Protagonist freiwillig in die Nervenheilanstalt geht, um dem Gefängnis zu entgehen.

[3] Vgl. Hellerich, Gert & White, Daniel (2003). Die Postmoderne und der Wahnsinn: die moderne Reduktion des Wahnsinns auf Krankheit. In: Psychologie und Gesellschaftskritik, 27(1), S. 7.

[4] Vgl. ebenda.

[5] Vgl. Foucault, Michel (1981). Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[6] Vgl. Benkel, Thomas (2007). Das Andere der Differenz: zur Relativität von Gegensatzkonstruktionen am Beispiel des Diskursnetzes Wahnsinn/ Vernunft. In: Psychologie und Gesellschaftskritik, 31(2/3), S. 158.

[7] Vgl. ebenda.

[8] Vgl. Hellerich (2003). Die Postmoderne und der Wahnsinn, S. 7f.

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668943186
ISBN (Buch)
9783668943193
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v468597
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Schlagworte
Wahnsinn Einer flog übers Kuckucksnest Irsinn Psychiatrie

Autor

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Titel: Wahnsinn im Film. Die Darstellung von Wahnsinn in Miloš Forman's Drama "Einer flog übers Kuckucksnest"