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Die Chartanalyse als Alternative zur Fundamentalanalyse und ihre Anwendbarkeit in der Praxis

Über verschiedene Verfahren der Aktienanalyse

Projektarbeit 2017 44 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Aktienanalyse im Überblick
2.1 Verfahren der Aktienanalyse
2.2 Gegenüberstellung der Technischen und der Fundamentalen Aktienanalyse
2.3 Die Technische Aktienanalyse nach Charles Henry Dow
2.3.1 Die Dow Theorie
2.3.2 Die Trendtheorie nach Dow

3 Instrumente und Möglichkeiten der TAA
3.1 Der Kurschart als Handwerkszeug
3.2 Charttechnik als traditionelle Analysemethode
3.2.1 Unterstützungen und Widerstände
3.2.2 Trendbestätigungsformation
3.2.3 Trendwendeformationen
3.3 Das Trendfolgemodell der gleitenden Durchschnitte

4 Die Anwendbarkeit der Chartanalyse in der Praxis
4.1 Beschreibung des Verfahrens
4.2 Einzelwertanalyse am Beispiel der BASF- und Bayer-Aktie
4.2.1 Formulierung einzelner Analyseschritte am Beispiel der BASF-Aktie
4.2.2 Formulierung einzelner Analyseschritte am Beispiel der Bayer-Aktie
4.3 Kritik an den behandelten Analysen

5 Fazit

Anhang

Literaturveichnis.

Abstract

Im Folgenden wird die Chartanalyse als traditionelle Technische Aktienanalyse als Alternative zur Fundamentalen Aktienanalyse vorgestellt und bewertet. Eine Gegenüberstellung beider Formen verdeutlicht Unterschiede, Stärken und Schwächen beider Analysevarianten. Während die Fundamentalanalyse sowohl auf unternehmensinterne als auch –externe Daten zurückgreift, beschränkt sich die Chartanalyse auf die Betrachtung historischer Charts, um auf den zukünftigen Kursverlauf schließen zu können. Ein genauer Vergleich zeigt, dass sowohl die Fundamentalanalyse als auch die Chartanalyse ihren Beitrag zur Aktienanalyse leisten, beide jedoch auch erhebliche Mängel aufweisen. Die Technische Aktienanalyse geht davon aus, dass sich Aktien in sogenannten Trends bewegen und sich Kurse daher dank Vergangenheitsdaten voraussagen lassen. Zur Erkennung dieser Trends hält die traditionelle Technische Aktienanalyse – die Chartanalyse – verschiedene Instrumente und Hilfsmittel bereit. Die moderne Technische Aktienanalyse hingegen bedient sich verschiedener mathematischer Verfahren, auf deren Darstellung aufgrund der hohen Komplexität - bis auf den gleitenden Durchschnitt -verzichtet wurde. Bei der Bewertung einzelner Aktienwerte mithilfe der Chartanalyse wurden die Grenzen und Schwächen deutlich. Die Chartanalyse kann eine wertvolle Unterstützung für die Aktienanalyse darstellen, bietet aber keineswegs eine Verdrängung der Fundamentalen Aktienanalyse und weist somit auch kein Alleinstellungsmerkmal auf. Viel mehr benötigt die Technische Aktienanalyse das Betreiben der Fundamentalen Aktienanalyse im Vorfeld, da ihre Erkenntnisse unmittelbaren Einfluss auf den Kurs und das Marktverhalten haben.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Darstellungsformen der Daimler-Aktie

Abbildung 2: Unterstützung und Widerstand

Abbildung 3: Trendkanal mit Fehlausbruch

Abbildung 4: Flagge (links), Wimpel (rechts) im Aufwärtstrend

Abbildung 5: Dreiecke und ihre Ausprägungen

Abbildung 6: Schulter-Kopf-Schulter-Formationen

Abbildung 7: Doppeltop- Doppelboden-Formation

Abbildung 8: Daimler-Aktie mit 200-Tage-Durchschnittslinie

1 Einleitung

Mit der anhaltenden Niedrigzinspolitik wird es für Anleger immer schwieriger, mit konservativen Anlagen hohe Renditen zu erwirtschaften. Der Aktienmarkt bietet dem Anleger demgegenüber langfristig attraktive Investitionsmöglichkeiten. Um den Anlageerfolg zu optimieren und Risiken zu minimieren, stehen dem Anleger die Fundamentalanalyse und die Technische Aktienanalyse zur Verfügung.1 In der Vergangenheit galt die Fundamentalanalyse als die vorherrschende Analyseform. Die Technische Aktienanalyse hat aber in Bezug auf Beliebt- und Bekanntheit in den letzten Jahrzehnten stark dazugewonnen. Einschlägige Entwicklungen und Erfindungen in der Computer- und IT-Industrie, verhelfen dabei auch der Technischen Aktienanalyse zu Neuerungen und Fortschritt dazu, wodurch immer mehr Anleger zu dieser Analysevariante greifen.2 Während sich die Fundamentalanalyse auf die Beurteilung einzelner Unternehmen beschränkt und dies häufig sehr aufwendig und kostenintensiv sein kann, können Technische Aktienanalysten anhand von Computern mit entsprechender Software und Daten zu Kursverläufen schnell zu Ergebnissen kommen. Da die Fundamentalanalyse bei den Anlegern schon etabliert ist, ist fraglich, ob und inwieweit die Technische Aktienanalyse einen Beitrag zur Aktienanalyse leistet und eine ernsthafte Konkurrenz für die Fundamentalanalyse darstellen kann. Vor allem für Anleger, die in der momentanen Situation trotz niedrigen Zinsen Renditen erwirtschaften möchten, sich aber die umfangreiche Datenerhebung einer Fundamentalanalyse zeitlich oder monetär nicht leisten können, ist der Gebrauch der Technischen Aktienanalyse interessant. Dabei sollte der Anleger die Hintergründe, Annahmen und Ziele der Technischen Aktienanalyse kennen, um später für seine Anlageentscheidung gewappnet zu sein. Die Literatur stellt Kursformationen und Instrumente der Technischen Aktienanalyse häufig vereinfacht dar, so dass Anleger den Eindruck bekommen können, die Technische Aktienanalyse ist ein einfaches und schnell anwendbares Tool, um Geld am Aktienmarkt zu verdienen. In dieser Arbeit soll ein umfassender Überblick über die wichtigsten Instrumente und Aufgaben der Technischen Aktienanalyse gegeben werden. Zuerst werden Unterschiede zwischen der Fundamentalanalyse und der Technischen Aktienanalyse herausgearbeitet, da sich die beiden Analyseformen auf teilweise unterschiedliche Grundannahmen stützen, dabei aber dasselbe Ziel verfolgen. Danach wird die Technische Aktienanalyse näher betrachtet, sowie verschiedene Chartmuster und Darstellungsformen behandelt.

Zuletzt werden alle behandelten Instrumente an realen Aktienwerten und Kursverläufen getestet und angewandt. Eine Kritik an den vorliegenden Analysefällen, sowie ein Ausblick für die Technische Aktienanalyse für die Zukunft bilden den abschließenden Teil.

2 Die Aktienanalyse im Überblick

2.1 Verfahren der Aktienanalyse

Um Aktien zuverlässig bewerten und einordnen zu können, bedarf es einer validen Methode. Hierbei können die einzelwertorientierten und kapitalwertorientierten Methoden unterschieden werden. Unter einzelwertorientierten Methoden versteht man traditionelle Verfahren, bei denen eine isolierte Bewertung der Aktien ohne Portfoliobezug vorgenommen wird. Dabei werden die Auswirkungen des Marktes auf den jeweiligen Einzelwert außer Acht gelassen. Beispiele für diese Methoden wären die Markttechnische Aktienanalyse (MAA) und die Fundamentalanalyse (FAA). Die moderneren Kapitalmarktorientierten Methoden unterteilen sich in die Random-Walk-Hypothese (RWH) und die Technische Aktienanalyse (TAA). Weitere Unterscheidungen der Verfahren der Aktienanalyse, wie zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Preisbildungs- (RWH) und Preisprognosemodellen (FAA)3, sind ebenso zulässig und werden oft angewandt. Die folgenden Kapitel beziehen sich im Hauptteil auf die Chartanalyse, die der traditionellen Technischen Aktienanalyse zuzuordnen ist. Lediglich die Idee der gleitenden Durchschnitte als ein Vertreter der Trendfolgeindikatoren, auf die im weiteren Verlauf noch eingegangen werden soll, wird von der modernen TAA mit aufgenommen, da ihre Anwendbarkeit auf den Kurschart eine gewisse Nähe zur Charttechnik aufweist. Die Random-Walk-Hypothese bildet das Gegenstück zur modernen Technischen Aktienanalyse. Sie geht davon aus, dass vergangene Kursverläufe keinen Einfluss auf das zukünftige Verhalten eines Kurses haben, welcher viel mehr rein zufällig um seinen inneren Wert schwankt.4 Folgt man der RWH so lässt sich nur durch Zufall eine überdurchschnittliche Rendite erzielen und die Aussagekraft anderer Verfahren der Aktienanalyse ist in Frage gestellt. Da ein Beweis der RWH weitere Analyseformen, insbesondere auch die Chartanalyse, außer Kraft setzen würde, wird an dieser Stelle nicht weiter auf sie eingegangen.

2.2 Gegenüberstellung der Technischen und der Fundamentalen Aktienanalyse

Sowohl die Fundamentale Aktienanalyse als auch die Technische Aktienanalyse verfolgen das Ziel, durch Erforschung der Gründe der Kursentwicklung von Aktien eine möglichst große Rendite mit der Anlage in Aktien zu ermöglichen. Dennoch bedienen sich beide verschiedener, teilweise sogar gegensätzlicher Grundannahmen.

Die Fundamentale Aktienanalyse kann als am häufigsten meist genutzte und verbreitete Form der einzelwertorientierten Verfahren angesehen werden.5 Die Hauptannahme dieser Methode ist es, dass der Börsenwert eines Unternehmens einen sogenannten fairen, oder inneren, Wert besitzt, um den der momentane Kurs des Unternehmensanteils im Zeitverlauf schwankt.6 Führt man den Gedankengang weiter, so kann eine Aktie als zeitweise unter-, über- oder fair bewertet angenommen werden. Der Kauf einer Aktie ist also nur dann sinnvoll, wenn der momentane Börsenwert einer Aktie unterbewertet ist, da man bei Angleichung an den fairen Wert einen Wertzuwachs und somit auch eine Rendite erwarten kann. Aufgabe der Fundamentalanalyse ist es, den fairen Wert eines Unternehmens möglichst zuverlässig zu bestimmen. Dazu muss zunächst anhand verschiedener Kennzahlen der Wert eines Unternehmens errechnet werden, der dann durch die Anzahl aller ausgegebenen Aktien dividiert wird, um den Wert eines einzelnen Unternehmensanteils bestimmen zu können. Dieser errechnete Wert stellt eine erste Annäherung an den zu errechnenden fairen Wert dar. Um einen detaillierteren Überblick zu bekommen, werden verschiedene Verhältnisse gebildet, die jeweils eine bestimmte Aussage zulassen. Ein Beispiel hierfür wäre das Kurs-Gewinn-Verhältnis7, bei dem der aktuelle Kurs und der zu erwartende Gewinn pro Aktie ins Verhältnis gesetzt werden. Je nach Marktsituation und Branche stellt ein anderer Quotient ein optimales Verhältnis dar. Aus der umfangreichen Fachliteratur lässt sich ein umfassender Überblick über alle Verhältnisse und Kennzahlen für die Fundamentanalyse gewinnen.8 Vergleicht man nun den errechneten fairen Wert und den aktuellen Börsenwert, lassen sich daraus schnell bestimmte Signale erkennen. Wie bereits erwähnt, handelt es sich um ein Kaufsignal, wenn der Börsenwert einer Aktie kleiner als ihr fairer Wert ist. Im umgekehrten Fall sollte verkauft werden. Neben den Unternehmensdaten werden in der Fundamentalen Aktienanalyse auch makroökonomische, also branchen- und gesamtwirtschaftliche, Größen berücksichtigt, um einen zuverlässigen fairen Wert zu errechnen.

Die Technische Aktienanalyse beschränkt sich hingegen auf die Beurteilung historischer Kurs- und Umsatzverläufe, die in sogenannten Charts grafisch dargestellt werden.9 Laut den Befürwortern der Chartanalyse, den sogenannten Chartisten, spiegelt der Kursverlauf das Spiel von Angebot und Nachfrage wider. Die Hauptannahme dieses Verfahrens ist, anders als bei der Random-Walk-Hypothese, dass sich Aktienkurse nicht willkürlich bewegen, sondern viel mehr Trends folgen, deren Identifizierung die technische Aktienanalyse erst möglich macht. Schwerpunkt und gleichzeitig Schwierigkeit der Technischen Aktienanalyse liegt nicht in der Ermittlung eines bestimmten, fairen Wertes, sondern in der Ermittlung von Trends und Trendwendesignalen10. Diese sind für den Kauf oder Verkauf einer Aktie ausschlaggebend und sollen optimale Ein- und Ausstiegszeitpunkte für den Anleger ermöglichen. Eine Betrachtung auf makroökonomischer Ebene erfolgt bei der TAA nicht, da die Annahme existiert, dass der Kurs bereits alle notwendigen Informationen innehält.

Schon an dieser Stelle lassen sich bei der Gegenüberstellung beider Methoden erste große Unterschiede erkennen. Das Erstellen und Analysieren von Kursprognosen auf fundamentaler Basis und die daraus resultierenden Handelsaktivitäten haben unmittelbaren Einfluss auf den Kursverlauf. Die Existenz der Technischen Aktienanalyse setzt also das Betreiben der Fundamentalanalyse voraus und basiert somit auf den Kursbewegungen, die in der FAA ermittelt wurden. John J. Murphy drückte in seinem Buch „Technische Analyse“ diesen Zusammenhang sehr treffend aus: „Der Fundamentalist studiert die Ursachen von Marktbewegungen, während der Techniker die Auswirkungen untersucht“.11 Der Einfluss, den die fundamentalen Faktoren auf die technische Analyse haben, wird also keineswegs geleugnet, viel mehr die Aussage, dass Aktienkurse allein auf den fundamentalen Faktoren bestimmt werden können. Psychologische Faktoren wie Angst und Gier werden in der fundamentalen Analyse in keiner Weise berücksichtigt, während ihnen in der technischen Analyse ein wesentlicher Teil zugeschrieben wird.12 Handelsaktivitäten und kurzfristige Kursausschläge sind auf das Marktverhalten zurückzuführen und prägen den Kursverlauf mit. Der fundamental geprägte Anleger hingegen handelt rein systematisch, da sein Fokus auf Unternehmensdaten beruht.13 Dies hängt damit zusammen, dass die FAA den inneren Wert einer Aktie errechnen möchte, sich aber nicht mit dem Marktwert der Aktie beschäftigt. Umgekehrt kennt die Chartanalyse den Marktwert einer Aktie, ohne sich um den inneren Wert zu kümmern.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Analyseformen ist der Aufwand, um die Analysen erfolgreich durchführen zu können. Während bei der FAA eine hohe Anzahl an unternehmensinternen und – externen Daten benötigt wird und die Berechnung mehrere Stunden oder Tage in Anspruch nehmen kann, benötigt der Charttechniker lediglich einen Chart und einen Computer mit entsprechender Software, um ein Ergebnis in wenigen Stunden zu ermitteln.14 Dieser Vorteil macht sich vor allem bei der Bewertung mehrerer Einzeltitel bemerkbar. Die Verwendung von Chartanalysen kann einem Unternehmen oder einem Privatanleger Kosten und Zeit ersparen, da die Durchführung der FAA eine Datenerhebung und Messungen voraussetzt, die je nach Unternehmensgröße sehr lange dauern und auch kompliziert sein kann. Als Erleichterung für den Anleger werden fundamentale Daten kostengünstig auf verschiedenen Websites zur Verfügung gestellt.15 Jedoch können diese meist erst nach einer zeitlichen Verzögerung abgerufen werden. In der Regel stehen den Analysten volks- und betriebswirtschaftliche Kennzahlen quartalsweise und in einigen Fällen monatlich zur Verfügung. Jahresabschlüsse und Bilanzen werden bis auf wenige Ausnahmefälle mit einer zeitlichen Verzögerung in den Folgemonaten oder –jahren veröffentlicht. Durch die zeitliche Differenz bietet sich die FAA weniger für kurzfristige als für mittel- bis langfristige Analysen an.16 Die Auswahl der Aktien für die Analyse ist demnach ausschlaggebend für den zu erwartenden Erfolg, den der Anleger mit der Analyse erreichen möchte. Die Anwendung der TAA empfiehlt sich im Gegenzug für die Analyse im kurz-, mittel- und langfristigem Bereich, welches durch historische Kursdaten über mehrere Jahre möglich gemacht wird.17 Eine simultane Anwendung beider Methoden ist in extremen Marktphasen, in denen die Handelsentscheidungen der Anleger meist willkürlich erscheinen, zu empfehlen. Dabei kann die FAA die Über- oder Unterentwicklung der Aktie herausarbeiten, während die TAA die optimalen Ein- und Ausstiegspunkte liefert.18

Ein weiterer Unterschied zwischen der TAA und der FAA sind die Möglichkeiten der Analysten, zwischen verschiedenen Bewertungsmethoden und Instrumenten wählen zu können. Bei der FAA entstehen Unterschiede in der Berechnung des fairen Wertes in Abhängigkeit der Bewertungsmethoden, für die sich Unternehmen entscheiden können. Gerade bei der Bewertung von immateriellen Vermögenswerten bringen unterschiedliche Ansätze Wertdifferenzen mit sich, die sich bei der Berechnung des Unternehmenswertes bemerkbar machen. Der zu errechnende faire Wert variiert analog mit dem variierenden Unternehmenswert. Hinzuzufügen ist außerdem, dass es keine klare Definition oder Formel für die Berechnung des fairen Wertes gibt. Im Unterschied zur TAA wird bei der FAA der individuelle Spielraum durch gesetzliche Vorschriften eingeschränkt. Hier unterstützen eine Vielzahl an Indikatoren und Kombinationen eine individuelle Bewertung. Fehlinterpretationen sind durch die Erkennung von Kursmustern, die in Lehrbüchern vereinfacht dargestellt werden, gerade bei Anfängern der TAA wahrscheinlich.19 Das Auftreten der in der Literatur beschriebenen Kursmuster ist in der Praxis nur selten und erschwert für den Laien die Interpretation solcher Muster, weshalb Ein- und Ausstiegssignale zu früh oder zu spät erkannt werden. Anleger können ihre Gewinne unter Umständen ohne die richtigen Informationen nicht voll realisieren. Darum ist ein umfassendes Verständnis der TAA für deren Interpretation unabdingbar. Vor der ersten Investition ist es ratsam, sich der Komplexität und Vielfalt bewusst zu werden, um optimale Strategien erkennen und entwickeln zu können.

2.3 Die Technische Aktienanalyse nach Charles Henry Dow

2.3.1 Die Dow Theorie

Die Anfänge der klassischen und modernen TAA gehen zurück auf Charles Henry Dow, dem Begründer des ‚Wall Street Journal‘ und des ersten amerikanischen Index im Jahr 1884.20 Seine Überlegungen, Aktien durch ihre historischen Charts zu bewerten, um Rückschlüsse auf zukünftige Kursverläufe ziehen zu können, sind der Grundstein und fester Bestandteil der heutigen TAA. Dows Ideen und Methoden lassen sich unter der Dow-Theorie zusammenfassen. Der Schlüssel zum Börsenerfolg war nach Dow das Studium und Verständnis von Kursbewegungen und –mustern.21 Dow beobachtete, dass sich die Mehrzahl der amerikanischen Aktien in ihren Kursverläufen gleich verhält, welches ihn zur Etablierung der ersten Aktienindizes, dem Dow Jones Industrial Average und dem Dow Jones Transportation Average, bewegte. Diese sollten die Gesamtentwicklung des Marktes widerspiegeln. Obwohl sich Dows Theorien zwar auf Indizes beziehen, sind sie dennoch auch auf Einzelwerte anwendbar, da sich der Markt auf den Kurs auswirkt und umgekehrt. Die gesamte Dow-Theorie lässt sich in drei große Kernaussagen zusammenfassen: Die Indizes diskontieren alles, Kursmuster wiederholen sich und der Markt verläuft in Trends.22 Demnach enthält der Aktienkurs alle für den Anleger benötigten Informationen und berechtigt somit das Betreiben einer Analyse mithilfe von Charts. Die Theorien, dass sich die Kursmuster wiederholen und sich Marktteilnehmer in vergleichbaren Situationen auch gleich verhalten, bilden den Kern für das Betreiben der TAA. Dadurch interpretiert der Analyst vergangene Kursmuster und zieht Schlüsse für zukünftige Entwicklungen des Marktes.

2.3.2 Die Trendtheorie nach Dow

Die wichtigste Kernaussage nach Dow ist die, dass sich Aktienkurse und auch der Markt selbst in Trends verhalten. Er unterscheidet diese in ihrer zeitlichen Ausdehnung als primäre, sekundäre und tertiäre Trends.23 Am einfachsten lassen diese sich am Verhalten des Wassers in den Ozeanen beschreiben. Der primäre Trend spiegelt Ebbe und Flut wider und zeigt, in welche Hauptrichtung der Kurs momentan verläuft. Als sekundären Trend nimmt Dow die Wellen an, die zeitweise vor- und zurück fließen, dennoch aber der Hauptbewegung des Wassers folgen. Der tertiäre Trend, gerne auch als ‚unbedeutender Trend‘ bezeichnet, stellt die Bewegungen des Wassers auf den Wellen da. Bezieht man den Zeitfaktor mit ein, so dauert der primäre Trend ein bis mehrere Jahre, der sekundäre Trend umfasst etwa zwei bis drei Monate und der tertiäre Trend läuft von einigen Stunden bis etwa einem Monat.24 Dem Primärtrend wird nach Dow dabei die größte Bedeutung zugesprochen, welchen er in drei Phasen unterteilte. In der Akkumulationsphase handeln nur die informierten Investoren, da sie die Abschwächung des vorangegangenen Trends frühzeitig bemerken. Die Trendfolgephase zeichnet sich durch das Einsteigen der Öffentlichkeit und einer breiten Masse von Investoren aus. Das Marktverhalten der Anleger beeinflusst dabei komplett den Trend. Die letzte Phase wird als Distributionsphase bezeichnet, in der ein Rückzug der Marktteilnehmer und ein Stagnieren des Kurses zu beobachten sind.25 Bezüglich der Trendrichtung kann zwischen einem Aufwärtstrend, einem Seitwärtstrend und einem Abwärtstrend unterschieden werden. Dow verwendet dabei die Hoch- und Tiefpunkte der Bewegung eines Kurses, um die vorherrschende Richtung des Trends identifizieren zu können.26 In der Literatur werden oft die Begriffe ‚Hausse‘ und ‚Baisse‘ verwendet, die langfristigen Aufwärts- und Abwärtsbewegungen auf Aktienmärkten gleichgesetzt werden. Nach Dow sollte man lediglich in die Richtung des Primärtrends handeln, da hier die Chance, Gewinne realisieren zu können, am größten ist. Da bei Aktien, abgesehen von Dividenden, nur bei steigenden Kursen Geld verdient werden kann, ist eine Investition auch nur ratsam, wenn ein primärer Aufwärtstrend besteht. Wie Trends erkannt werden können und wie in sie investiert werden kann, wird im nächsten Kapitel behandelt.

3 Instrumente und Möglichkeiten der TAA

3.1 Der Kurschart als Handwerkszeug

Während sich die Fundamentalanalyse auf Unternehmensdaten und volkswirtschaftliche Faktoren bezieht, beruft sich die Chartanalyse auf den Aktienkurschart und wird auch synonym als Chart-Reading bezeichnet.27 Der Aktienchart ist eine grafische Darstellung aller geometrischen Punkte, die in einem zweidimensionalen Kurs-Zeit-Diagramm abgebildet werden. Der Aufbau des gesamten Charts beruht auf dem kartesischem Koordinatensystem, in dem auf der Abszisse die Zeit und auf der Ordinate die Handelswährung und der Handelsumsatz abgetragen wird.28 Verbindet man nun alle eingetragenen Punkte, so erhält man eine fortlaufende Kurskurve. Die Zeitintervalle, bzw. die einzeln betrachteten Kursdaten, reichen heute dank des technischen Fortschritts von einem Sekundentakt bis hin zur Darstellung mehrerer Jahre. Der Charttyp wird nach der jeweiligen Darstellungsart benannt (z.B. Tageschart, Monatschart, Wochenchart,…). Je nach Fristigkeit und Anlagestrategie kann der Anleger also frei entscheiden, welches Zeitintervall er verwendet bzw. welchen Charttyp er auswählt. Aus Gründen der Übersichtlichkeit ist es dennoch ratsam, die Auswahl auf den Wochenchart zu beschränken und den Monats- und Jahreschart nur für das Erkennen des Primärtrends zu Rate zu ziehen. Zusätzlich zu der zeitlichen Unterscheidung auf der Abszisse kann die Ordinate arithmetisch, also in gleicher optischer Wertdifferenz, oder logarithmisch, also unter Berücksichtigung prozentualer Entwicklung, skaliert werden. Die logarithmische Einteilung fördert vor allem die Vergleichbarkeit der Steigungen innerhalb des Charts.29

Zusätzlich wird in eine Vielzahl an Darstellungsformen von Charts angeboten, welche im Wesentlichen an Informationsfülle dazu gewinnen oder verlieren und somit für jeden Anleger individuell vor- und nachrangig erscheinen. Die einfachste Form ist der Linienchart, bei dem lediglich die Schlusskurse einzelner Handelstage im Chart zu einer Linie verbunden werden.30 Ein klarer Vorteil dieser Darstellungsmethode ist die Übersichtlichkeit, welche aber gleichzeitig auch ein Informationsdefizit mit sich bringt. Im Grunde lässt sich zu allen Darstellungsformen folgende Aussage treffen: Je mehr Informationsgehalt gewünscht wird, desto weniger Übersichtlichkeit ist gegeben. Der Linienchart eignet besonders dazu, langfristige Trends schnell zu erkennen und abzutragen, sowie Kursformationen ersichtlicher zu machen. Eine weitere sehr verbreitete Darstellungsform ist der Balken- oder Bar-Chart. Dabei werden Eröffnungs-, Schluss-, Höchst- und Tiefstkurse einzelner Handelstage in den Kursverlauf eingetragen.31 Höchst- und Tiefstkurse werden durch eine vertikale Linie miteinander verbunden, während der Eröffnungskurs links und der Schlusskurs rechts horizontal von der vertikalen Linie erkenntlich gemacht werden. Professionelle Chartanalysten stützen sich aufgrund des Informationsgehaltes auf diese Darstellungsform.32 Die Anzahl an einzelnen Balken hängt von der Auswahl der Chartperiode ab. Bei einem Tages-Balkenchart zählt jeder Balken für einen Tag, bei einem Wochen-Balkenchart für eine Woche usw. Weitere Darstellungsformen wie der Candlestick- und der Stepped-Line-Chart finden in der Praxis ebenfalls ihre Anwendung, sind wegen ihrer teilweise sehr komplizierten und umfangreichen Handelsansätze lediglich für den erfahrenen Anleger ratsam. In Abb. 1 sind der Linienchart (oben links), der Barchart (oben rechts), der Candlestick-Chart (unten links) und der Stepped-Line-Chart (unten rechts) für einen kurzen Überblick aufgeführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellungsformen der Daimler-Aktie

Abb.1: Darstellungsformen der Daimler-Aktie

Quelle: In Anlehnung an tradesignalonline.com, Online unter https://www.tradesignalonline.com/app/default.aspx?op=new&id=1014, Abruf am 27.03.2018

3.2 Charttechnik als traditionelle Analysemethode

3.2.1 Unterstützungen und Widerstände

Um die Charttechnik richtig anwenden zu können, ist das Verständnis der Konzepte von Unterstützung und Widerstand von großer Bedeutung, da diese für den Anleger wichtige Informationen liefern. Es wurde erwähnt, dass die Anordnung der Hochs und Tiefs die Richtung des Trendkanals bestimmen. Bei der Suche nach einer einheitlichen Definition für Unterstützungen und Widerstände, trifft man auf eine Vielzahl von Ansätzen. Jedoch lassen sich beide Begriffe durch das Kaufverhalten der Anleger am Markt erklären. Eine Unterstützung entsteht, wenn mit steigender Kaufnachfrage ein Kursrückgang gestoppt wird. Es entsteht ein Kurstief. Analog dazu entsteht ein Widerstand, wenn das Angebot einen Kursanstieg stoppt, da die Anleger ihre Einlagen verkaufen möchten. Es entsteht ein Kurshoch.33 Vereinfacht lässt sich das an einem Beispiel zeigen: Fällt ein Kurs nach einer Aufwärtsbewegung auf ein ehemaliges Tief zurück, erscheint es für den Anleger wahrscheinlich, dass der Kurs an diesem Punkt steigen wird, da er sich in der Vergangenheit ähnlich verhalten hat. Der Anleger kauft die Aktie am Punkt des Tiefs, welches für zukünftige Kursbewegung damit eine Unterstützung darstellt.34 Nicht selten wird eine Unterstützung auch als Einstiegskurs genutzt, da hier die zu realisierenden Gewinne am Wahrscheinlichsten sind. Umgekehrt werden Hochpunkte als Verkaufssignal gedeutet, da der Kurs an dieser Stelle in der Vergangenheit bereits schon einmal gefallen ist. Der Anleger verkauft seine Aktie und realisiert seine Gewinne. Generell empfiehlt es sich, abhängig von der gewählten Anlagestrategie, in der Nähe einer Unterstützung zu kaufen und in der Nähe von Widerständen zu verkaufen. Einen Faktor, den man bei seinen Kauf- und Verkaufsentscheidungen nicht außer Acht lassen sollte, ist die Fristigkeit, mit der in man eine Anlage investiert werden soll. Daher sind markante Kurshochs und –tiefs für eine kurzfristige oder langfristige Strategie von unterschiedlicher Bedeutung. Bei einer langfristigen Anlagestrategie sind auch lediglich die langfristigen Unterstützungen und Widerstände relevant. Der vorherrschende Trend ist für die Festlegung der langfristigen Barrierepunkte ausschlaggebend. Der tiefste Punkt bei langfristigen Aufwärtstrends wird als langfristige Unterstützung gewertet. Der höchste Punkt bei einem langfristigen Abwärtstrend wird als langfristiger Widerstand gewertet. Abbildung 2 zeigt am Beispiel der adidas-Aktie kurzfristige Unterstützungen und Widerstände. Jedoch gilt per Definition Unterstützung 2 noch als unbestätigt, da dieses Kurstief ein zweites Mal erreicht und mit einem Kursschub abgelöst werden muss.

[...]


1 Drescher, R. (2009), http://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/chartanalyse/technische-analyse-da, Abruf am 10.04.2018

2 Priermeier, T. (2002), S. 11

3 Kasparzak, R. (1997), S.23

4 Breuer, Wolfgang (o.J.), https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/random-walk-hypothese-44211, Abruf am 10.04.2018

5 Vgl. Perk, R.; Dürndorfer, C.; Hackl, R. (2000), S.3

6 Vgl. Heese, V. & Riedel, C. (2016), S. 70-74

7 Vgl. Heese, V. (2011), S.33 ff

8 Als Literatur wird hier Heese, V. (2011), S. 42 – 131 als passend erachtet.

9 Vgl. Priermeier (2001), S. 11

10 Vgl. Heese, V. & Riedel, C. (2016), S. 74

11 Vgl. Murphy, J. (2006) S. 24

12 Vgl. Schwarzer, J. (2017), https://www.wiwo.de/finanzen/boerse/boersenweisheit-ueber-den-sinn-oder, Abruf am 04.04.2018

13 Vgl. Gerginov, D. (2012), Unterschiede zwischen Chartanalyse und Fundamentalanalyse, https://www.gevestor.de/details/unterschiede-zwischen-chartanalyse-und-fundamentalanalyse-619796.ht, Abruf am 30.03.2018

14 Vgl. Heese, V. & Riedel, C. (2016), S. 122

15 Als Beispiel ist onvista.de eine unterstützende Website

16 Vgl. Priermeier, T. (2002), S. 12

17 Vgl. Priermeier, T. (2002), S. 13

18 Vgl. Gerginov, D., (2012), https://www.gevestor.de/details/unterschiede-zwischen-chartanalyse-und-fu, Abruf am 05.04.2018

19 Vgl. Dornbusch, D. (2000), S. 45

20 Vgl. Paesler, O. (2012), S. 4 http://www.indikatoranalyse.de/data/indikatoranalyse/downloads/bonusm, Abruf am 25.03.2018

21 Vgl. Paesler, O. (2012), S. 4 http://www.indikatoranalyse.de/data/indikatoranalyse/downloads/bonusm, Abruf am 25.03.2018

22 Vgl. Murphy, J. (2006), S. 22

23 Vgl. Paesler, O. (2012), S. 7 http://www.indikatoranalyse.de/data/indikatoranalyse/downloads/bonusm, Abruf am 25.03.2018

24 Vgl. Paesler, O. (2012), S. 7f http://www.indikatoranalyse.de Abruf am 25.03.2018

25 Vgl. Paesler, O. (2012), S. 9f http://www.indikatoranalyse.de Abruf am 25.03.2018

26 Vgl. Paesler, O. (2012), S. 5 http://www.indikatoranalyse.de Abruf am 03.04.2018

27 Vgl. Godemode-Trader-Team (o.J.), https://www.godmode-trader.de/themen/chartanalyse, Abruf am 27.03.2018

28 Vgl. Götz, E. (1990), S. 115

29 Vgl. Bobb, T. (2002), http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/charttechnik-training-warum-profis-l, Abruf am 10.04.2018

30 Vgl. Godemode-Trader-Team (o.J.), https://www.godmode-trader.de/know-how/1-6-charttypen-und-d, Abruf am 03.04.2018

31 Vgl. Godemode-Trader-Team (o.J.), https://www.godmode-trader.de/know-how/1-6-charttypen-und-d, Abruf am 03.04.2018

32 Vgl. GodemodeTrader-Team (2014) https://www.godmode-trader.de Abruf am 25.03.2018

33 Vgl. Burkowski (2017), S. 66f

34 Eigenes Beispiel

Details

Seiten
44
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668976337
ISBN (Buch)
9783668976344
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v468988
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mannheim, früher: Berufsakademie Mannheim
Note
1,4
Schlagworte
Chartanalyse Fundamentalanalyse Aktien Bewertung

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Titel: Die Chartanalyse als Alternative zur Fundamentalanalyse und ihre Anwendbarkeit in der Praxis