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Die Bedeutung von Defiziten in der Emotionsregulation für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Anorexia Nervosa

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Psychologie - Biologische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Das Störungsbild der Anorexia Nervosa
2.1 Epidemiologie
2.2 Diagnostikkriterien
2.3 Symptomatik der Erkrankung
2.4 Ätiologie

3 Die Rolle von Emotionen bei der Anorexia Nervosa
3.1 Definition Emotionsregulation
3.2 Emotionsregulation bei der Anorexia Nervosa

4 Diskussion

5 Konklusion

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die Anorexia Nervosa ist eine schwere Form der Essstörung und gekennzeichnet durch lebensbedrohliche somatische und psychische Folgen wie z.B. Herzversagen, weshalb ihr innerhalb der psychischen Störungen eine der höchsten Mortalitätsraten zugeschrieben wird. Die Ursachen und Risikofaktoren sind bisher noch nicht ausreichend untersucht, es können lediglich potenzielle Faktoren vermutet werden. Die dysfunktionale Emotionsregulation stellt einen möglichen Faktor dar, welche in dieser Arbeit im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Anorexia Nervosa erläutert werden soll. Mithilfe von einer umfassenden Analyse bestehender Literatur konnte festgestellt werden, dass die Emotionsregulation als eine Art Schutzfaktor für psychische Unversehrtheit angesehen werden kann und in Wechselwirkungen mit anderen Einflüssen das Entstehen der Anorexia Nervosa begünstigt. Patienten mit Anorexia Nervosa weisen nennenswerte Schwierigkeiten in der Emotionsregulation auf und nutzen aus dem Grund die mit der Essstörung assoziierten Verhaltensweisen wie beispielsweise Nahrungsrestriktion, um ihre Emotionen, vorwiegend negative, zu regulieren. Es gilt hierbei anzumerken, dass die Emotionsregulationsstrategien je nach Emotion variieren. Bei den zwei Subtypen der Anorexia Nervosa konnten Unterschiede bezüglich des Schweregrades dysfunktionaler Emotionsregulation festgestellt werden, welche Ergebnisse sich aber bislang nur auf jugendliche Patienten transferieren lassen. Hinsichtlich der aufrechterhaltenden Funktion der Emotionsdysregulation konnten noch keine fundierten Erkenntnisse aufgrund einiger Limitationen in den Untersuchungen gewonnen werden. Weitere Forschung in diesem Rahmen ist notwendig, um das Störungsbild der Anorexia Nervosa besser nachvollziehen zu können und sowohl für die Prävention als auch für die Behandlung bereits erkrankter Personen die Ergebnisse mit einbeziehen zu können.

1 Einleitung

Jugendliche und auch eine Vielzahl der Erwachsenen suchen nach Vorbildern, an denen sie sich bezüglich des Verhaltens und Aussehens orientieren können. In den sozialen Medien wie Instagram oder Facebook wird zunehmend ein extrem schlanker und trainierter Körper als Schönheitsideal propagiert, sodass dieser insbesondere für junge Frauen als Orientierungspunkt dient und angestrebt wird z.B. in Form von Diäten (Oschmann, 2017). Diese soziokulturellen Faktoren, nämlich die Medien und Schönheitsideale in der Gesellschaft spiegeln einen Bereich der Ursachen für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen wider, die wiederum in Wechselwirkung zueinander stehen. Essstörungen werden definiert als Störungen der Gewichtskontrolle und/oder Essgewohnheiten und gehören der Gruppe der Verhaltensstörungen an (Gleixner, Müller, Wirth, 2005, zitiert nach Bauer, 2013). Laut des DSM-IV-TR, einem amerikanischen Klassifikationssystem von psychischen Störungen lassen sich drei Klassen von Essstörungen unterscheiden: Die Anorexia Nervosa (AN) (307.1), die Bulimia Nervosa (BN) (307.51) und die Kategorie der „nicht näher bezeichneten Esstörungen“, wozu zum Beispiel die „Binge-Eating-Störung“ zählt (307.50) (Deister, 2013, S. 294).

Nicht nur die Medien oder Schönheitsideale in der Gesellschaft können die Entstehung einer Essstörung begünstigen, sondern auch biologische-, familiäre- und individuelle Faktoren. (Naumann, 2015). Zu den individuellen Faktoren gehört beispielsweise die dysfunktionale Emotionsregulation (ER). Dieser Faktor wird in der bestehenden Literatur kontrovers diskutiert und einige Informationen bezüglich des Einflusses wurden noch nicht untersucht. Aufgrund der zunehmenden Thematisierung und für zukünftige, darauf aufbauende Therapieansätze soll im Folgenden die Bedeutung von Defiziten in der Emotionsregulation für die Entstehung und Aufrechterhaltung speziell im Rahmen der AN ergründet werden. Die folgende Arbeit bezieht sich ausschließlich auf die AN, weshalb andere Essstörungen nicht näher beleuchtet werden. Dazu wird zunächst in Kapitel 2 das Störungsbild der AN erläutert, indem auf die Epidemiologie, die Diagnostikkriterien, die Symptomatik der Erkrankung und der Ätiologie eingegangen wird. Darauf folgt in Kapitel 3 die Darstellung des Einflusses von Emotionen auf die AN mit einer Definition des Emotionsbegriffes und der Emotionsregulation. Die Emotionsregulation wird anschließend im Zusammenhang mit der AN betrachtet im Fokus auf dortige Defizite. Abschließend folgen in den Kapiteln 4 und 5 Diskussion und Konklusion.

2 Das Störungsbild der Anorexia Nervosa

2.1 Epidemiologie

Die AN ist eine schwere Form der Essstörung und wird umgangssprachlich auch als „Magersucht“ betitelt. Unzufriedenheit mit dem Körper, Durchführung von Diäten oder exzessiver Sport sind weit verbreitete Phänomene in der Gesellschaft aber selten erkranken Menschen an dem Vollbild der AN (Deister, 2013, S. 295). Dennoch wird ihr aufgrund der beträchtlichen Folgen eine der höchsten Mortalitätsrate im Rahmen der psychischen Störungen zugeschrieben (Roux et al., 2013, zitiert nach Oschmann, 2017). Mehrheitlich ist das weibliche Geschlecht betroffen, insbesondere junge Frauen, wobei das Verhältnis männlicher und weiblicher Patienten bei 1:12 liegt (Rupprecht & Hampel, S. 482). Bei den 14 bis 20 jährigen Frauen konnte eine Prävalenz zwischen 0,2 % und 0,8 % festgestellt werden. Dabei bilden das 14. und das 18. Lebensjahr die Erkrankungsgipfel (Jacobi, Paul & Thiel, 2004; Deister, 2013, S. 295). Risikobehaftet sind vor allem Leistungssportler, Balletttänzerinnen und Personen, die in der Modebranche angestellt sind (Rupprecht & Hampel, S. 482). Trotz der angegebenen Prävalenzen ist darauf hinzuweisen, dass es aufgrund von Unterdiagnostizierung eine hohe Dunkelziffer gibt (Hoek & van Hoeken, 2003).

Der weltweiten Verteilung nach, spielt auch der Grad der Akkulturation und die Industrialisierung eines Landes eine Rolle, denn ein größerer Anteil von Erkrankten ist in westlichen, industrialisierten Ländern wie z.B. den Niederlanden zu finden und dort größtenteils die weiße Bevölkerung betroffen (Keski-Rahkonen et al., 2007, zitiert nach Bauer, 2013). In östlichen Industrienationen wie China liegt eine ähnlich hohe Prävalenz vor wie in westlichen, industrialisierten Ländern (Lee et al., 2005, zitiert nach Wong, 2017). Die Daten belegen also ein weltweites Auftreten der Krankheit, was sie, in Kombination mit der Mortalitätsrate, zu einer ernsten Gefahr, vor allem für junge Frauen, macht.

2.2 Diagnostikkriterien

Der Begriff „Anorexie“ stammt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich übersetzt „Appetitlosigkeit“ oder „Appetitverlust“, was in Widerspruch zum Krankheitsbild der Patienten steht, da diese über Appetit verfügen, ihn aber versuchen zu unterdrücken und zu bekämpfen (Deister, 2013, S. 294). „Nervosa“ signalisiert, dass diese „Appetitlosigkeit“ psychisch bzw. nervlich bedingt ist.

Sowohl Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) als auch das Diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen (DSM) stellen drei Kriterien für die Diagnose der AN auf: Zunächst ein selbst herbeigeführtes geringes Körpergewicht, welches beispielsweise anhand des Body-Mass-Index (BMI) festgestellt werden kann. Zudem besteht eine stark ausgeprägte Angst vor der Gewichtszunahme und als letztes Hauptsymptom gilt eine gestörte Körperwahrnehmung, wodurch das geringe Körpergewicht nicht als solches wahrgenommen wird.

Des Weiteren können in beiden Klassifikationssystemen zwei Subtypen unterschieden werden, der restriktive Typ (AN-R) und der Binge-Eating/Purging-Typ (AN-BP). Die AN-R ist charakterisiert durch Nahrungsrestriktion, was bedeutet, dass eine ausreichende Nahrungszufuhr verweigert wird und/oder exzessiv Sport betrieben wird, um das Körpergewicht zu mindern. Die AN-BP ist dagegen gekennzeichnet durch wiederholte Essanfälle (Binge-Verhalten) und kompensierende Maßnahmen (Purging-Verhalten) wie beispielsweise selbstinduziertes Erbrechen und/oder der Missbrauch von Diuretika oder Laxanzien. Die AN-BP überschneidet sich in großen Teilen mit dem Störungsbild der BN, grenzt sich aber von diesem durch das bestehende Untergewicht ab. Patienten, die nicht alle Kriterien erfüllen aber sonst ein typisches Krankheitsbild aufweisen, werden der Klasse der Atypischen Anorexie zugewiesen (Jacobi, Paul & Thiel, 2004).

2.3 Symptomatik der Erkrankung

Aufgrund der Mangel- und Unterernährung kann es zu verschiedenen somatischen Folgen und Begleiterkrankungen kommen, die lebensbedrohlich sein können und den Körper möglicherweise ganzheitlich und nachhaltig beeinflussen. Das Hormonsystem kann verändert werden, sodass keine adäquate Hormonfreisetzung mehr stattfinden kann. Unter anderem werden beispielsweise die weiblichen Geschlechtshormone in zu geringen Mengen ausgeschüttet. Dieser Östrogenmangel kann wiederum Veränderungen der Knochendichte induzieren, wodurch das Entstehen einer Osteoporose begünstigt wird. Durch das Purging-Verhalten und die Mangelernährung fehlen sowohl Vitamine als auch Mineralien und es besteht die Gefahr der Dehydratation und Elektrolytstörung. Des Weiteren können bei Patienten häufig lebensbedrohliche Herzrhythmus- und Reizweiterleitungsstörungen anhand des Elektrokardiogramms (EKG) diagnostiziert werden, welche durch Elektrolytentgleisungen gefördert werden. Im ungünstigsten Fall können diese Störungen sogar zum Herzstillstand führen. Das wiederholte Erbrechen, welches beim Purging-Verhalten besonders gezeigt wird, kann nach geraumer Zeit Zahnschmelzschäden herbeiführen. Regelhaft leiden AN Patienten an Beschwerden des Magen- Darm-Traktes wie z.B. Diarrhoe, Obstipation oder Blähungen. Es lässt sich daraus entnehmen, dass die sekundären Folgen der AN weitreichend sein können und medizinischer Intervention bedürfen, da sonst das Leben bedroht ist. Zwar können viele der somatischen Begleiterkrankungen wieder vollständig geheilt werden, jedoch sind einige Schäden irreparabel und bleiben lebenslang bestehen (Wong, 2017)

2.4 Ätiologie

Die AN kommt nicht nur durch einen Faktor zustande, sondern verfügt über mehrere Ursachen, weshalb von einem multikausalen Störungsmodell der Rede ist (Steinhausen, 2005). Vier Gruppen von potentiellen Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung der AN können identifiziert werden:

Die soziokulturellen Faktoren spiegeln z.B. häufiges Durchführen von Diäten wider, welche dann Erfolge zeigen und weiteres Abnehmen daraus resultiert. Auch dem Medieneinfluss wird eine beträchtliche Rolle zugeschrieben, da dort verzerrte Körperbilder wie abgemagerte Frauen dargeboten werden und insbesondere Jugendliche diese Körper daraufhin anstreben (Oschmann, 2017). Zudem wird in der Gesellschaft zunehmend ein Schlankheitsideal vermittelt und gleichzeitig Übergewicht mit Erfolglosigkeit und einer geringen Selbstkontrolle verbunden (Davison et al. 2007, zitiert nach Oschmann, 2017).

Zu den familiären Faktoren gehören z.B. Überbehütung und Überbesorgtheit in der Erziehung. Bei Patienten kann häufig beobachtet werden, dass deren Autonomie in der Kindheit kaum gefördert wurde und die AN genutzt wurde, um sich Respekt und Selbstständigkeit zu verschaffen (Davison et al. 2007, zitiert nach Oschmann, 2017). Als ebenfalls anzumerken gilt, dass die Familien oft harmonisch erscheinen, Emotionen und Probleme hingegen nicht thematisiert werden.

Biologische Faktoren umfassen beispielsweise genetische Prädispositionen. Der Einfluss von Vererbung ist jedoch fraglich, da dieser bisher nur unzureichend erforscht ist (Fitzpatrick & Lock, 2013, zitiert nach Oschmann, 2013). Dahingegen ist der Eintritt in die Pubertät ein entscheidender Faktor, da in dieser Phase das Gewicht nicht beständig ist und sich zudem vermehrt mit Gleichaltrigen vergleichen wird. Das Aussehen steht im Fokus und möglicherweise werden in diesem Lebensabschnitt verstärkt Diäten begonnen (Klump, 2013, zitiert nach Oschmann, 2017).

Den individuellen Faktoren wird die größte Bedeutung zugeschrieben. Dazu zählt auch die Emotionsdysregulation. Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, eine hohe Leistungsfähigkeit aber auch ein geringes Selbstwertgefühl können bei Patienten des Öfteren entdeckt werden. Häufig stellen sie das Wohl anderer Menschen über ihr eigenes und fürchten die Kritik von anderen Personen insbesondere Gleichaltrigen. Soziale Isolation lässt sich ebenfalls vermehrt bei Patienten mit AN beobachten. Zudem können auch negative Erfahrungen wie z.B. Sexuelle Übergriffe oder Mobbing ein Auslöser sein. Auch inadäquate Wahrnehmung wie beispielsweise Hunger, der nicht als solcher wahrgenommen wird ist häufig zu beobachten. Allgemein können die eigenen Gefühle schwer interpretiert werden, was durch eine ausgeprägte Selbstkontrolle versucht wird zu kompensieren (Oschmann, 2017). Die Dysfunktionale Emotionsregulation wird in den neusten Essstörungsmodellen auch als wichtiger Einfluss für die AN gesehen z.B. wenn negative Emotionen durch Nahrungsrestriktion kompensiert werden. Einige Risikofaktoren konnten bereits identifiziert werden, die exakten Wirkungen und Interaktionen der Faktoren jedoch noch nicht. Die Dysfunktionale ER wurde in früheren Untersuchungen gering gewichtet aber neueren Essstörungsmodellen zufolge darf dieser Faktor nicht missachtet werden, sodass zukünftige Forschungen an diesem Punkt ansetzen müssen (Naumann, 2015).

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Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668945067
ISBN (Buch)
9783668945074
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v469283
Institution / Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
bedeutung defiziten emotionsregulation entstehung aufrechterhaltung anorexia nervosa

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Titel: Die Bedeutung von Defiziten in der Emotionsregulation für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Anorexia Nervosa