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Das Erstarken des Rechtspopulismus in Deutschland. Resultat einer Spaltung innerhalb der Mittelschicht oder verschleierter Klassenkampf?

Seminararbeit 2019 26 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kulturalistischer Ansatz
2.1 Die gespaltene Nation – Zwischen Globalisierungsgewinnern- und verlieren
2.2 Rechtspopulismus als Kritik am Neoliberalismus
2.3 Der Geist des Kapitalismus – Projektorientierte Gewinner und industrielle Verlierer?
2.3.1 Der Geist des Kapitalismus
2.3.2 Die unterschiedlichen Rechtfertigungslogiken innerhalb des kapitalistischen
Geistes
2.3.3 Projektlogik und industrielle Polis im Vergleich
2.4 Rechtspopulismus als Reaktion auf soziale Deklassierung
2.5 Etablierte gegen Außenseiter

3. Klassentheoretischer Ansatz
3.1 Warten auf den sozialen Aufstieg und das Problem der Leistungsgerechtigkeit
3.2 Die demobilisierte Klassengesellschaft
3.3 Die Ursachen des Rechtspopulismus

4. Kultur- oder Klassenkampf – Eine sinnvolle Unterscheidung?
4.1 Die AfD als Mittelschichts- oder Arbeiterpartei?
4.2 Von beiden Ansätzen proftieren? Über die Gemeinsamkeiten der beiden Theorien

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Gespenst geht um in Europa. Gemeint ist hierbei jedoch nicht die Angst vor einem aufkommenden Kommunismus, sondern die reale Bedrohung eines rechtspopulistischen Geschwürs, das die westliche Welt befallen hat. So verkündet der amtierende Fraktionsvorsitzende der thüringischen AfD Björn Höcke bei einer Wahlveranstaltung in Magdeburg: „Ich will, dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit hat. Ich will, dass Deutschland auch eine tausendjährige Zukunft hat“ (Die Welt 2017). Die unübersehbare Anspielung auf nationalsozialistische Sprachsymbolik ist kein Zufall, wie es im Nachgang solcher Tabubrüche immer wieder behauptet wird, sondern es geht um eine bewusst gewählte rhetorische Nähe zum Dritten Reich.

In Deutschland konnte die AfD insbesondere durch das Thema „Migration“ enorme Wahlerfolge erzielen und zog bei der Bundestagswahl im Jahr 2017 mit 12,6 % der Stimmen in das höchste Parlament ein (vgl. Der Bundeswahlleiter 2017). Die einst regional agierende rechte Protestbewegung „PEGIDA“ konnte sich in Gestalt der AfD somit erfolgreich politisch institutionalisieren. Rechtes Gedankengut ist salonfähig geworden, was insbesondere zu einer Dehumanisierung im rhetorischen Umgang mit Geflüchteten führte, sodass aus Menschen, die in Not sind „importierter sozialer Brennstoff“ wird (vgl. Schindler 2015). Auch Teile der etablierten konservativen Parteien bedienen sich mittlerweile des rechten Sprachduktus, was man beispielsweise an der Twitter-Forderung „Der Asyltourismus muss beendet werden“, des gegenwärtigen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, beobachten kann (Markus Söder 2018). Die ausweglose Fluchtsituation einer fröhlichen Freizeitbeschäftigung gleichzusetzen, zeigt wie verkommen das Niveau der gegenwärtigen Debatte ist.

Es stellt sich nun die Frage, wie es so weit kommen konnte? Warum wählt man rechtspopulistische Parteien, die zweifelsohne ideologische Übereinstimmungen zu rechtsextremem Gedankengut aufweisen und darüber hinaus offenkundig Beziehungen zu neonazistischen Vereinigungen pflegen?

Entlang der Schlagworte „Kulturkonflikt“ und „Klassenkampf“ haben sich innerhalb der Soziologie zwei Erklärungsmodelle durchsetzen können, die jeweils eine unterschiedliche Deutung hinsichtlich der Genese des Rechtspopulismus vorschlagen.

Cornelia Koppetsch vertritt hierbei einen kulturalistischen Ansatz, verwirft die Idee einer marxistischen Klassenanalyse, indem sie konstatiert, dass Klassengesellschaften aus ihren „nationalstaatlichen Containern“ herausgelöst wurden und sucht die Ursachen des Rechtsrucks stattdessen in einer vermeintlich gespaltenen Mittelschicht (Koppetsch 2017: 212).

Für Koppetsch sei die Globalisierung die entscheidende Triebfeder dieser mittelständischen Teilung, wobei sie zwischen Globalisierungsgewinnern und Globalisierungsverlieren differenziert. Die starke Mobilisierungskraft rechter Parteien scheint also ein Produkt „sozialer Deklassierung“ zu sein (Koppetsch 2017: 209). Sie stellt die These auf, dass ein gewisser Teil dieser Gesellschaft aufgrund seines Habitus unter „Ohnmachts- und Entfremdungsgefühlen“ leidet, weil sich die Denk- Handlungs- und Wahrnehmungsmuster nicht mehr mit den Anforderungen des gegenwärtigen Neoliberalismus und den Individualisierungs- und Selbstbestimmungsimperativen vereinbaren lassen (Koppetsch 2017: 210). Ihr geht es schließlich darum, aufzuzeigen, dass rechte Parteien den Wählern die „Wiederherstellung der verlorenen Welt- und Handlungsbezüge“ versprechen, sodass sich der eigene Habitus wieder mit der ursprünglichen Struktur deckt (Koppetsch 2017: 210).

In Abgrenzung zu diesem Erklärungsmodell liefert Klaus Dörre eine klassentheoretische Perspektive und bewertet den aktuellen Rechtsruck als Ergebnis einer verfehlten Klassenpolitik und betont im Unterschied zu Koppetsch die Tatsache, dass wir in einer Klassengesellschaft leben, was jedoch von der Politik und den Klassensubjekten selbst nicht wahrgenommen wird (vgl. 2018: Dörre 59). Kulturalistische Ansätze tragen seines Erachtens entscheidend dazu bei, dass die Klassenfrage immer wieder verschleiert wird (vgl. Dörre 2018: 64f.). Seiner Meinung nach herrscht eine Repräsentationslücke klassenpolitischer Interessen im politischen System. Der überwältigende Erfolg der AfD basiert somit auf der Tatsache, dass sie dieses Vakuum ausfüllen konnten, weil ihre rassistischen Forderungen einen „rationalen klassenpolitischen Kern“ besitzen (Dörre 2018: 60).

Im Folgenden soll nun der kulturalistische Ansatz von Koppetsch mit dem klassentheoretischen Ansatz von Dörre verglichen werden. Es gilt der Frage nachzugehen, ob der AfD-Erfolg im Grunde ein Protest einer vergessenen Arbeiterklasse ist, deren eigentliches Interesse in der Wiederherstellung sozialer Gerechtigkeit besteht oder ob der AfD-Wähler vielmehr ein Verlierer der Globalisierung ist, der es nicht schafft dem individualisierten neoliberalen Kampf zu trotzen und somit in das nationale Kollektiv flüchten muss, was letztendlich in Ausgrenzung und Rassismus mündet?

2. Kulturalistischer Ansatz

Koppetsch lehnt Klassentheorien ab und argumentiert stattdessen mit einem Kulturkampf innerhalb der Mittelschicht und bezieht sich dabei auf das Habituskonzept von Pierre Bourdieu. Grundlegend verortet Koppetsch den gegenwärtigen Erfolg rechter Parteien und Bewegungen in der kollektiven Erfahrung einer „sozialen Deklassierung“ (Koppetsch 2017: 209). Dem Phänomen des Rechtspopulismus ging eine Spaltung innerhalb der Mittelschicht voraus, welche durch die Globalisierung evoziert wurde, sodass sich das Individuum nun gezwungen sieht, sich immer stärker den Anforderungen eines internationalen Marktes anzupassen. Die Ausdehnung der globalen Märkte führte zu einer binären Kategorisierung in „Globalisierungsgewinner“ und „Globalisierungsverlierer“, die sich nun regelrecht feindselig gegenüberstehen (Koppetsch 2017: 208). Letztere neigen dazu, mit dem Gedankengut der AfD zu sympathisieren, die ihnen sozusagen das Versprechen liefern, einen vergangenen sozialen Zustand wieder zu erlangen, der sich mit dem persönlichen Habitus wieder in Einklang bringen lässt (vgl. Koppetsch 2017: 209).

Im Folgenden gilt es diese beiden sozialen Trägergruppen genauer zu beleuchten, um zu begreifen, welche (sozialen und kulturellen) Interessen sich gegenwärtig gegenüberstehen.

2.1 Die gespaltene Nation – Zwischen Globalisierungsgewinnern- und Verlierern

Koppetsch beschreibt die aktuellen sozialen Konfliktlinien entlang einer dichotomen Gesellschaftsspaltung, deren Angehörige sich nun mit einer extremen Aversion in der Öffentlichkeit begegnen. Der bürgerlich-liberalen Deutungselite des gegenwärtigen Diskurses, wobei es sich überwiegend um eine gut ausgebildete kosmopolitisch ausgerichtete „neue akademische Mittelschicht“ handelt, wird eine Anti-Establishment-Bewegung gegenübergestellt, die von einem „Kulturessenzialismus“ geprägt ist. (Koppetsch 2017: 214; vgl. Reckwitz 2017: 103). Erstere denunzieren ihr soziales Gegenüber als „Nazis“, wohingegen diese wiederum die Floskel „Gutmensch“ als Primärattribut ihres Feindes verwenden. Beide sozialen Formationen bezichtigen sich zusätzlich einer bewussten Verbreitung von Fehlinformationen, sodass der weltoffene Kosmopolit dem sogenannten „Nazi“ unterstellt, er betreibe eine „postfaktische Informationsbeschaffung“, wobei auf der anderen Seite immer wieder der Vorwurf der „Lügenpresse“ aufflammt, der zum Ausdruck bringen soll, dass etablierte Medienhäuser eine einseitige, manipulative Berichterstattung praktizieren würden (Koppetsch 2017: 211).

Als zentraler Konfliktpunkt lässt sich hierbei die Frage nach Grenzöffnungen und Grenzschließungen ausmachen, wobei sich die Fraktion der Pro-Transnationalisten überwiegend aus den bürgerlich-liberalen Milieus speißt und als Gewinner der neuen Wissensgesellschaft von den „ökonomischen Entgrenzungen profitieren und folgerichtig eine Kultur der Öffnung und Toleranz begrüßt“ (Koppetsch 2017: 212). Auf der anderen Seite stehen die konservativen Nationalisten, die der zunehmenden Einwanderung nichts Positives abgewinnen können, und stattdessen den Fokus auf die Schattenseiten legen und deshalb ihre (nationale) Identität „durch kulturelle Abschottung und wirtschaftsprotektionistische Tendenzen nach außen verteidigen“ wollen (Koppetsch 2017: 212f.).

2.2 Rechtpopulismus als Kritik am Neoliberalismus

Koppetsch stellt die These auf, dass sich der Rechtspopulismus einer derartigen Beliebtheit erfreuen kann, weil sich seine Anhängerschaft eine Erlösung von den „neoliberalen Zumutungen eines übersteigerten Individualismus“ erhofft, was den rechten Wähler somit in den Stand eines Kapitalismuskritikers erheben würde (Koppetsch 2017: 213). In der gegenwärtigen Debatte scheinen also zwei Weltbilder aufeinanderzuprallen, wobei einerseits die zukunftsoptimistischen „Globalisierungsgewinner“ zu nennen sind, die von einem liberalen Ethos getrieben sind, der sich entlang der Ideale eines unendlichen Wachstums und an einer ständigen Selbstüberbietung orientiert. Die „Globalisierungsverlierer“ hingegen weisen im Unterschied dazu eine pessimistische Weltsicht auf und bevorzugen das Konventionelle und Traditionelle, indem sie sich stets auf vermeintlich bessere Zeiten der Vergangenheit berufen (Koppetsch 2017: 214). Auf kultureller Ebene bedeutet dies, dass das liberale Milieu die „Gleichwertigkeit kultureller Elemente“ betont, wohingegen die Rechten sich wiederum auf einen sogenannten „Kulturessenzialismus“ besinnen, indem sie der eigenen Nation und Kultur einen besonderen Wert beimessen. Sie betonen eine gewisse kulturelle Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen, was in Pauschalisierungen à la „Deutschland, das Land der Dichter und Denker“ zum Ausdruck kommt (Koppetsch 2017: 214). Im gesellschaftlichen Diskurs entsteht somit eine neue Form der Elitenkritik, indem man „die Profiteure des Neoliberalismus in Gestalt einer urbanen kosmopolitischen Elite“ einer „hart arbeitenden Gesellschaft gegenüberstellt“ (Dyk; Graefe 2018: 340).

Um das Verständnis für diesen Kampf der Ideologien zu schärfen, lohnt es sich auf die Forschungserkenntnisse der französischen Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello zurückzugreifen, da sie sich auf die Untersuchung der Verfassung unterschiedlicher kapitalistischer Geister spezialisierten. Es gilt also im nächsten Schritt Koppetschs Ansatz um die Komponente des kapitalistischen Geistes zu erweitern, um zu zeigen, welche kapitalistischen Leitmotive derzeit aufeinandertreffen. Der Rechtspopulismus soll nun als unmittelbare Folge eines Kampfes zwischen kapitalistischen Ideologien verstanden werden.

2.3 Der Geist des Kapitalismus – Projektorientierte Gewinner und industrielle Verlierer?

Der kulturalistische Ansatz nach Koppetsch bietet die Möglichkeit die gegenwärtige Spaltung der Gesellschaft als einen Kampf kapitalistischer Bewährungslogiken zu begreifen. Ihre These besagt, dass ein Großteil der Gesellschaft ein Problem damit hat, dass die bisher als positiv bewerteten Attribute wie „Charakterstärke, Geradlinigkeit, Opferbereitschaft oder Durchhaltevermögen“ heute nicht mehr ausreichend sind, um seinen Status zu erhalten oder gar zu verbessern, da wir nun im neoliberalen Zeitalter einer Projektlogik leben, das neuartige Anforderungen an das Individuum heranträgt (Koppetsch 2017: 218). Nun gilt es die dominanten „Bewährungslogiken“ sozialer Ordnung nach Boltanski und Chiapello darzulegen, um zu verstehen, welche unterschiedlichen kapitalistisch-ideologischen Prägungen hierbei aufeinandertreffen.

2.3.1 Der Geist des Kapitalismus

Die französischen Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello beschreiben in Anlehnung an Max Weber die Gesellschaft anhand der jeweiligen Verfasstheit des kapitalistischen Geistes. Sie gehen davon aus, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise einen „amoralischen Prozess unbeschränkter Anhäufung von Kapital, durch Mittel, die formell friedlich sind“ darstellt, bei dem es um die stetige Steigerung des Profits, durch permanente Reinvestition des Mehrwerts, geht (Boltanski; Chiapello 2001: 462). Zusätzlich zeichnet sich die kapitalistische Ökonomie durch die Tatsache aus, dass das gesellschaftliche Gros nicht der „Bourgeoisie“ zuzurechnen ist und somit nur seine Arbeitskraft anbieten kann, ohne dabei selbst Mehrwert generieren zu können. Schließlich ist die Konkurrenz ein grundlegendes Prinzip des Kapitalismus (Boltanski; Chiapello 2001 462). Somit kann man den Großteil der Bevölkerung eben nicht als Profiteur dieser Wirtschaftslogik begreifen, was dazu führt, dass man diese Ungleichheit, resultierend aus der Stellung zu den Produktionsmitteln, in irgendeiner Form legitimieren muss, da der Kapitalismus von sich aus keine ausreichende Rechtfertigung hinsichtlich einer freiwilligen Partizipation liefert (Boltanski; Chiapello 2001: 462). Die Ideologie, welche dem Kapitalismus seine Legitimationsgrundlage schafft, wird als „Geist des Kapitalismus“ bezeichnet (Boltanski; Chiapello 2001: 462).

2.3.2 Die unterschiedlichen Rechtfertigungslogiken innerhalb des kapitalistischen Geistes

Diese System stabilisierende Kapitalismusideologie ist einem kontinuierlichen Wandel unterlegen und fügt sich immer wieder auf flexible Weise den vorherrschenden gesellschaftlichen Realitäten. Jeder Geist muss immer eine Legitimation sozialer Positionen bieten, das heißt, es muss der sozialen Majorität gerecht erscheinen, dass jemand einen hohen beziehungsweise einen niedrigen gesellschaftlichen Status innehat. Solche Rechtfertigungsmuster bezeichnen Boltanski und Chiapello als „polis“ oder „cité“ (Boltanski; Chiapello 2001: 456). Bisher konnten sie insgesamt sieben verschiedene „cités“ identifizieren, die jeweils für eine bestimmte Phase des Kapitalismus stilprägend waren. Zwar koexistieren immer verschiedene Rechtfertigungslogiken zur selben Zeit, wobei sich hierbei dennoch immer eine „polis“ als dominantes Regime herauskristallisieren konnte. Gegenwärtig scheint die sogenannte „projektbasierte Polis“ oder „netzwerkbasierte cité“ als hauptsächliche Rechtfertigungslogik zu fungieren. Eine hohe gesellschaftliche Stellung erlangt das Individuum, welches es schafft sich erfolgreich von einem Projekt zum nächsten zu hangeln und darüber hinaus in der Lage ist ein profitables soziales Netzwerk aufzubauen. Das Leben wird hierbei als Abfolge von Projekten begriffen (Boltanski; Chiapello 2001: 466). Jedoch lassen sich neben dieser primären Rechtfertigungslogik zwei weitere „cités“ ausmachen, deren Bedeutung für die Genese des Rechtspopulismus, im Sinne des kulturalistischen Ansatzes, von größter Bedeutung sind. Es handelt sich hierbei um die sogenannte „Cité des Hauses“, welchem patriarchale Gesellschaftsstrukturen zugrunde liegen. Die angeborene Position innerhalb der Familie entscheidet somit darüber, ob man in der Gesellschaft einen hohen Status erwarten kann, wobei vorzugsweise dem männlichen Geschlecht ein privilegierte Stellung zukommt. Des Weiteren ist die „cité der Industrie“ zu nennen, an der sich ein Großteil der fordistisch geprägten Teile dieser Gesellschaft orientiert. Dieser Logik zufolge kommt dem Arbeiter ein hoher Status zu, der sich den strengen Hierarchien fügt und seine zugewiesene Rolle auf effiziente Weise auszuüben vermag (Boltanski; Chiapello 2001: 465). Da sich der soziale Konflikt der Gegenwart insbesondere entlang der Werte innerhalb der „industriellen polis“ und der „projektbasierten polis“ entzündet, sollen diese nun genauer bestimmt werden.

2.3.3 Projektlogik und industrielle Polis im Vergleich

Im Unterschied zur industriellen Polis ist die projektbasierte Polis durch ein höheres Maß an Selbstbestimmung innerhalb der Arbeitswelt charakterisiert. Wie bereits erwähnt, muss das Individuum in der Lage sein, ein gewinnbringendes Netzwerk zu erschaffen und sich dabei erfolgreich von einem zum nächsten Projekt hangeln können (Boltanski; Chiapello 2003: 150). Die „industrielle polis“ hingegen verlangt vom arbeitenden Subjekt, dass es sich in die straffen, fordistischen Unternehmenshierarchien eingliedert und seine Aufgabe auf effiziente Weise erledigt (Boltanski; Chiapello 2003: 184). Die sozialen Machtbeziehungen waren hierbei streng institutionalisiert, sodass jeder seinen Funktionsradius kannte, innerhalb dessen man sich bewegen durfte. Auch hinsichtlich der Trennung der Sphären Arbeit und Freizeit lassen sich klare Regelungen ausmachen. Unter Verwendung einer Stempeluhr wurden die sozialen Räume voneinander getrennt, wobei man auf der Arbeit den eigenen Willen dem seines Vorgesetzten unterwerfen musste und erst in der Freizeit ein gewisses Maß an Selbstbestimmung genoss. Das betriebliche Herrschaftsmodell wird als „klassisches Kommandosystem“ bezeichnet, welches durch eine präzise Befehls- und Ausführungsstruktur, gekennzeichnet ist, welches in militärischen Strukturen in seiner Reinform vorzufinden ist (vgl. Peters 2001: 99 f.). Diese strengen Machtbeziehungen wurden innerhalb der projektbasierten Polis nun sukzessive verworfen. Heute geht es vielmehr um flache Hierarchien, die dem Individuum das größtmögliche Potenzial an Selbstverwirklichung, Authentizität, Autonomie und Selbstbestimmung gewährleisten sollen. Auch die Trennungen der sozialen Sphären „Arbeit“ und „Freizeit“ verschwimmen zunehmend. Der postmoderne Projektarbeiter ist somit vom Geist des Individualismus beseelt und muss ein hohes Maß an Selbstorganisation und Eigeninititvative an den Tag legen, um die Chancen auf einen hohen Status zu erhöhen. Man muss darüber hinaus eine hohe Mobilitätsbereitschaft mitbringen, um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden. Das spätmoderne Arbeitssubjekt muss in der Lage sein, sich ständig auf flexible und spontane Weise an neue Arbeitsteams- Orte- und Zeiten anzupassen. Der von Richard Sennett beschriebene „flexible Mensch“ oder das „unternehmerische Selbst“ nach Ulrich Bröckling arbeiten diesen neuen Arbeitstypus präzise heraus und liefern somit eine exakte Beschreibung der Lebensrealität des spätmodernen Arbeiters.

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Details

Seiten
26
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668951761
ISBN (Buch)
9783668951778
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v469288
Note
Schlagworte
erstarken rechtspopulismus deutschland resultat spaltung mittelschicht klassenkampf

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