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Vergleich des "Roman d’Eneas" und des "Eneasroman" von Veldeke anhand der Didohandlung

Hausarbeit 2017 14 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vergleich der Liebesdarstellung im Eneasroman und im Roman d’Eneas
2.1 Der „Liebeszauber“
2.2 Didos Minnequal
2.3 Der Jagdausflug
2.4 Eneas Abreise und der Suizid Didos

3. Die Wirkung des Eingreifens Veldekes

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Eneasroman (=ER), verfasst von Heinrich von Veldeke, entstand um 1170. Als Vorlage diente der Roman d’Eneas (=RdE), dessen Verfasser unbekannt ist. Der französische Roman wurde wahrscheinlich um 1160 verfasst und stützte sich zum größten Teil auf Vergils Aeneis. Mit der Übersetzung des Romans entstand die höfische Literatur im deutschen Sprachraum.1 Die beiden Romane nehmen eine besondere Stellung zwischen der alten Heldendichtung, die ihren Stoff aus der Matière de Rome (epische Stoffe des Mittelalter mit antiker Herkunft)2 bezieht und dem höfischen Roman, der die Matière de Bretagne (epische Stoffe des Mittelalters mit keltischer Herkunft)3 als stoffliche Grundlage hat, ein.

Im Gegensatz zu Vergil, orientierten sich die mittelalterlichen Dichter an einer chronologischen Abfolge der Geschehnisse.

Die Eneas-Dichtungen bestehen hauptsächlich aus sehr genau beschriebenen Liebesmonologen und aus Kampfhandlungen. Die Liebestragödie um Dido wird von Veldeke und vom französischen Autor beibehalten. Bezüglich Inhalt, Struktur und Konzeption ist der ER stark an den französischen Text angelehnt. Jedoch setzt Veldeke trotzdem andere Schwerpunkte, indem er die Liebesbeziehungen im ER anders gestaltet und bewertet.

In der vorliegenden Arbeit sollen die beiden Textvorlagen anhand der Didohandlung miteinander verglichen werden und das Eingreifen von Veldeke in den Text dargestellt werden. Dazu sollen die Unterschiede in den Schlüsselszenen der Didohandlung herausgearbeitet und in einem weiteren Schritt die Veränderungen Veldekes im Vergleich zur französischen Vorlage und ihre Wirkungen dargestellt werden.

2. Vergleich der Liebesdarstellung im Eneasroman und im Roman d’Eneas

2.1 Der „Liebeszauber“

Der folgende Abschnitt in der Didohandlung im RdE fängt damit an, dass Venus, die Mutter von Eneas, sich um ihn sorgt, weil sie Angst davor hat, dass er in Karthago schlecht behandelt werden könnte. Venus sieht, dass Eneas Ascanius, seinen Sohn, von den Schiffen zu sich kommen lässt und verleiht ihm auf dem Weg zu Eneas einen Kuss, sodass der nächste, der ihn küsst, sich verliebt. Sie befiehlt denjenigen, die Ascanius zu Eneas begleiten, dass niemand außer Dido und Eneas selbst Ascanius küssen dürfen. Als Ascanius Dido die Geschenke übergibt, die sie sehr schätzt, küsst sie ihn, woraufhin ihre Liebe entflammt. Nachdem Dido Ascanius geküsst hat, küsst auch Eneas ihn und daraufhin Dido. Die Kussszene spielt sich bis zum Abendessen ab. Derjenige, der öfter küsst, wird umso verliebter sein- in diesem Fall istes Dido.4

Im ER spielt sich der „Liebeszauber“ auf eine andere Weise ab. Hier lässt Eneas zwar auch Ascanius mit den Geschenken zu sich kommen, jedoch wird er mit dem Feuer der Venus an seinem Mund berührt, wodurch ihm die Zauberkraft verliehen wird: dô rûrdin frouwe Vênûs mit ir fûre an sînen munt 5 (da berührte Frau Venus mit ihrem Feuer seinen Mund). Wer Ascanius danach küsst, wird mit dem Liebeszauber belegt. Nachdem er am Hofe antritt, küsst Dido ihn und erblickt im selben Moment Eneas neben sich, woraufhin ihre Minnequal kurz illustriert wird.6

Ein großer Unterschied zwischen den beiden Szene ist, dass Eneas in Veldekes Roman den magischen Kuss nicht mit Dido teilt. Er küsst weder sie, noch Ascanius. Dadurch erzielt Veldeke, dass Eneas nicht so sehr an Dido hängt, wie sie an ihm. Sein weiteres Handeln, wie z.B. das Abreisen von Karthago, kann dadurch erklärt werden, dass er von Anfang an nicht so sehr in Dido verliebt war, wie sie in ihn. Zwar ist er im ER verständnisvoller gegenüber Dido als im RdE, zieht das Ziel der Götter aber durch. Auch Dido verhält sich im ER anders als im RdE. Sie wirkt in Veldekes Version in den Anfängen ihrer Leidenschaft etwas weniger dazu geneigt, ihre Sinne und ihre Selbstbeherrschung zu verlieren und kann ihre eigene Situation besser einschätzen.7

Der ER ist in dieser Szene viel zurückhaltender und enthält mehr Details zur göttlichen Beteiligung, wie z.B. dass Venus ein Pfeil direkt in Didos Herz sendet und Cupido sein Feuer in die Wunde hält.

Außerdem ist Dido trotz der Heftigkeit ihrer Leidenschaft über die Korrektheit, um den ersten Schritt zu machen, bekümmert.8

2.2 Didos Minnequal

Im RdE essen Dido und Eneas zusammen zu Abend, als er ihr davon erzählt, wie Troja eingenommen wurde. Währenddessen schaut sie ihn innig an und erleidet die typischen Minnequalen und hat Schwierigkeiten damit, sich von Eneas zu trennen. Sobald sie nachts alleine in ihrem Zimmer ist, denkt sie an Eneas. Sie kann nicht einschlafen, seufzt und wird ohnmächtig. Dido fantasiert darüber, wie es wäre mit Eneas intim zu werden und stellt sich vor, dass ihre Bettdecke er sei und küsst tausend Mal ihr Kissen, findet jedoch keinen Trost in ihrem Verhalten. Die ganze Nacht über leidet sie an ihren Minnequalen. Als es Morgen wird, wendet sie sich an ihre Schwester Anna und erzählt ihr, was sie so sehr quält. Bevor sie jedoch aussprechen kann, dass derjenige, den sie liebt, Eneas ist, wird sie wieder ohnmächtig. Anna redet ihr gut zu und bestärkt sie darin, Eneas zum Ehemann zu nehmen. Einerseits würde sie dadurch politische Vorteile gewinnen, andererseits sei es ein Segen der Götter, dass Eneas in ihr Königreich gekommen ist. Außerdem würde es ihr nichts nützen, sich an das Versprechen, das sie ihrem verstorbenen Ehemann gegeben hat, nämlich nach dessen Tod niemanden mehr zu heiraten.9

Auch im ER erzählt Eneas Dido davon, wie Troja eingenommen, wobei ein paar Abweichungen zum RdE vorhanden sind. Jedoch soll auf diese hier nicht weiter Bezug genommen werden. Als Eneas und Dido in ihre Zimmer gehen wollen, verliert Dido ihre Kräfte, sodass Eneas ihr aufhelfen muss und dabei ihre Hand berührt. Veldeke illustriert also nicht nur ihre Abneigung bezüglich einer Trennung ihrerseits von Eneas, er lässt ihn sogar ihre Hand berühren. Darüber hinaus fügt er sehr viele Details hinzu, die den Komfort der Betten und der Zimmer beschreiben10, woraufhin Eneas sie in ihres führt, wo sie die ganze Nacht aufgrund ihrer Minnequalen nicht zur Ruhe kommt. Erst gegen Morgengrauen schläft sie ein und träumt davon, dass ihre Bettdecke Eneas sei.11

Sie reflektiert viel mehr in wörtlicher Rede über ihre Situation und ist in der Lage, die Bedrohung ihres Ansehens und ihrer Urteilskraft zu erkennen und wahrzunehmen12.

Dido erzählt ihrer Schwester Anna von ihren Qualen und beichtet ihre Liebe zu Eneas, indem sie seinen Namen Buchstabe für Buchstabe ausspricht. Ihr widerwilliges Preisgeben der Identität von Eneas verstärkt ihre Zurückhaltung und ihren Anstand13. Anna will Dido dabei unterstützen, Eneas für sich zu gewinnen. Auch in Veldekes Version erwähnt Dido ihr Versprechen gegenüber ihrem verstorbenen Mann, jedoch hält sie in diesem Teil im ER vergleichsweise wenig leidenschaftlich an der Erinnerung ihres Mannes fest, sodass dies als eine eher schwache Entgegnung seitens Dido wirkt.14

Im Gegensatz zum RdE, in dem Dido Anna mit ihren ersten Worten ihre Liebe zu Eneas gesteht, verzögert Veldeke das Aufdecken ihrer Gefühle, indem sie in ihrer schlaflosen Nacht viel klagt und dann wieder um ihr Ansehen besorgt ist, bevor sie einen halbherzigen Versuch unternimmt, ihr Rätsel zu ihrer Gesundheit zu verstecken. Es ist außerdem nicht möglich zu sagen, ob im ER Anna oder Dido ihre Krankheit als Liebe erkennt, im Gegensatz zum RdE, in dem Dido ihre Krankheit selbst als Minne erkennt15. Darüber hinaus verhält sich auch Anna etwas anders. Sie erwähnt im ER, dass Eneas für Didos Erlösung von den Göttern nach Karthago gesendet wurde, nimmt dabei aber keinerlei Bezug auf etwaige politische Vorteile oder Notwendigkeiten. Sie findet, dass Dido aufgrund von Eneas Qualitäten und nicht aufgrund irgendwelcher Einflüsse oder Bedrohungen von außerhalb handeln sollte.16 Veldeke scheint in die höfische Genauigkeit der Liebesaffäre, mehr Wert zu legen. Denn seine Dido und Anna sind sich im Klaren, dass die Beziehung mit Anständigkeit weitergehen sollte, sodass Dido ihre Würde verliert.17

[...]


1 Monica Schausten: Gender, Identität und Begehren, S.146-148.

2 Lernen, Universität, Weiterbildung, Karriere: Die Antikenromane des Mittelalter, letzter Abruf: 14.03.2017.

3 Ebd.

4 Monica Schöler-Beinhauer: Le Roman d’Eneas, S.47-49.

5 Heinrich von Veldeke: Die Êneide, Spalte 37, V. 26-27.

6 Heinrich von Veldeke: Die Êneide, Spalte 37-39.

7 Rodney W. Fischer: A Comparison, S.9.

8 Rodney W. Fischer: A Comparison, S.26.

9 Monica Schöler-Beinhauer: Le Roman d’Eneas, S.67-75.

10 Rodney W. Fischer: A Comparison, S.27.

11 Heinrich von Veldeke: Die Êneide, Spalte 48-57.

12 Rodney W. Fischer: A Comparison, S.28.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Rodney W. Fischer: A Comparison, S.28f.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668946866
ISBN (Buch)
9783668946873
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v469359
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
2,7
Schlagworte
vergleich roman eneasroman veldeke didohandlung

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