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Die geschichtliche Entwicklung der politischen Bildung im deutschsprachigen Raum

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 40 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABSTRACT

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 DIE GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DER POLITISCHEN BILDUNG
2.1 Die Wurzeln und Definitionen zum Begriff politischer Bildung
2. 2 Politische Bildung in der Zwischenkriegszeit
2.3 Die Bedeutung der politischen Bildung in den Nachkriegsjahren
2.4 Der Wandel der politischen Bildung in den 1960er und 70er Jahren
2.5 Die Entwicklung der politischen Bildung seit den 1980er Jahren
2.6 Exkurs - Politische Bildung in der DDR
2.7 Ein Überblick über den derzeitigen Stand der politischen Bildung in Österreich

3 FAZIT

QUELLENVERZEICHNIS

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Abstract

Der Titel dieser vorliegenden Semesterarbeit lautet: Die geschichtliche Entwicklung der politischen Bildung im deutschsprachigen Raum. Der Autor gibt einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der politischen Bildung vom Zeitalter der Aufklärung bis zur Gegenwart.

Dabei werden folgende Themenbereich und Fragestellungen präsentiert:

Welchen geschichtlichen Verlauf nahm das Thema der politischen Bildung in den Ländern Schweiz, Deutschland und Österreich? Im Laufe der Geschichte kam es in diesen Ländern zu zahlreichen politischen Umbrüchen, Krisen und Kriegen. Das Schulfach politische Bildung hatte es sehr schwer, sich in Zeiten von monarchistischen und diktatorischen Regimen zu etablieren. Demokratische Strukturen und Rechtstaatlichkeit konnten sich bis 1945 nicht durchsetzen. In den 1960er und 1970er Jahren kam es in den deutschsprachigen Ländern zu zahlreichen Reformen, wie zum Beispiel zur didaktischen Wende, zum Bertelsbacher Konsens und in Österreich zum Grundsatzerlass der politischen Bildung in den Schulen. Hingegen kennt man die 1980er Jahre als Jahrzehnt des Stillstandes. Auch die kommenden Jahrzehnte können in ihrer Entwicklung als sehr durchwachsen angesehen werden. Ein kurzer Exkurs zur geschichtlichen Entwicklung der politischen Bildung in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) rundet den geschichtlichen Verlauf ab.

Als Themenschwerpunkt wurde der derzeitige Stand der politischen Bildung in Österreich ausgearbeitet. Die Fragestellung dazu lautete:

Wie ist der derzeitige Stand der politischen Bildung in Österreich? Es wurden dabei große Defizite in der Entwicklung der politischen Bildung in Österreich evident. Ungenügende finanzielle und personelle Ressourcen, unzureichende Umsetzung von gesetzlichen Maßnahmen und eine mangelhafte Ausbildung von Lehrkräften im Schulfach politischer Bildung verhinderten eine positive Entwicklung. Außerdem lässt sich anhand der sinkenden Wahlbeteiligung eine gewisse Politikverdrossenheit bei der österreichischen Bevölkerung feststellen. Trotz alledem kann man erkennen, dass es immer noch eine große Anzahl von Menschen gibt, die sich für demokratische Werte, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit einsetzen.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Dieses Kapitel gibt zunächst einen kurzen Überblick über den Inhalt und die Aktualität des Themas. Des Weiteren beschreibt es die methodische Vorgehensweise und welche Zielsetzungen der Autor mit seiner Arbeit verfolgt.

Eine Annäherung an das hochbrisante Thema Politische Bildung lässt sich auf verschiedenen Wegen konzipieren. Zum einen kann ein systematischer Weg beschritten werden, bei dem man über die verschiedenen Konzepte und Praxisbeispiele an das Thema herangeführt wird. Zum anderen, und diesen Weg wählte der Verfasser der Semesterarbeit, kann man sich mit der historischen Entwicklung der politischen Bildung auseinandersetzen und sich so diesem Thema nähern.1

Die Welt befindet sich, besonders in den letzten 20 Jahren, in einem raschen Wandel. Durch die Globalisierung kommt es nicht nur in wirtschaftlichen und sozialen Bereichen, sondern auch in den verschiedenen politischen Feldern zu rapiden Veränderungen. Ganz Europa ist von wirtschaftlichen und finanziellen Krisen betroffen, verbunden mit verstärkten Migrationsströmen, besonders aus Nordafrika und den Kriegsgebieten des Nahen Ostens. Infolgedessen kam es in zahlreichen europäischen Ländern zu einem politischen „Rechtsruck“.

Rechtspopulistische Parteien entstanden in: Frankreich (Front National mit Marie Le Pen), Holland (Partij voor de Vrijheid mit Geert Wilders), Ungarn (Fidesz mit Viktor Mihály Orbán) und in Österreich (FPÖ - Freiheitliche Partei Österreich), mit ihrem Vorsitzenden und derzeitigen Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Fast alle dieser genannten Parteien schafften es in die Regierung gewählt zu werden oder bestimmen als Koalitionspartner das politische Geschehen in den jeweiligen Ländern mit. Mündige Bürger,2 die sich politisch auf allen gesellschaftlichen Ebenen engagieren und die demokratischen Strukturen in ihrem Land verteidigen, sind wichtiger denn je.

Die vorliegende Semesterarbeit beschäftigt sich vor allem mit der geschichtliche Entwicklung der politischen Bildung im 20./21. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum.

Folgende Inhalte werden dabei ausgearbeitet:

Die Semesterarbeit beginnt mit der Beschreibung des Begriffes der politischen Bildung im 18. Jahrhundert und endet mit dem derzeitigen Stand der politischen Bildung in Österreich. Ein kurzer Exkurs zum Thema politischer Bildung in der DDR wird ebenfalls Teil dieser Arbeit sein.

Der Verfasser wird sich in seiner Arbeit mit folgenden Fragestellungen beschäftigen: Welchen geschichtlichen Verlauf politische Bildung in den letzten hundert Jahren nahm und welche Form der politischen Bildung es in der DDR, im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland (BRD), gab.

Der Schwerpunkt seiner Arbeit wird sein, den derzeitigen Entwicklungsstand von poltischer Bildung in Österreich und mögliche Zukunftsperspektiven darzulegen. Da die vollständige Beantwortung dieser Fragestellungen den Umfang einer Semesterarbeit bei Weitem überschreitet, wird der Autor zu diesem Thema nur einen kurzen Überblick leisten können. Sie stellen aber auch für den Autor ein persönliches Anliegen dar, da er sich selbst für einen politisch interessierten Menschen hält.

Die Semesterarbeit wird mittels einer umfassenden Literaturrecherche ausgearbeitet. Dazu werden zahlreiche wissenschaftlich fundierte Bücher herangezogen. Als Hauptquellen und Inspiration für seine Arbeit verwendet der Autor Werke von Joachim Detjen, Thomas Hellmuth und Cornelia Klepp. Zusätzlich präsentiert er auch noch aktuelle Onlinebeträge des Bundesministeriums für Bildung, Forschung und Wissenschaft und Beiträge von Peter Filzmaier für seine Arbeit. Die Semesterarbeit wird nach den Kriterien der österreichischen Rechtssprache und europarechtlichen Rechtsquellen verfasst.

Die geschichtliche Entwicklung politischer Bildung in den verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, beginnend mit den Wurzeln und Definitionen zum Begriff politischer Bildung, wird im nächsten Kapitel vorgestellt.

2 Die geschichtliche Entwicklung der politischen Bildung

Im folgenden Abschnitt der Semesterarbeit wird zunächst auf den Ursprung des Begriffes politischer Bildung näher eingegangen. Dazu wird ein kurzer geschichtlicher Rückblick, beginnend vom Zeitalter der Aufklärung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, herangezogen. Des Weiteren werden einige Darstellungen und Definition von politischer Bildung erwähnt. In den nächsten Unterkapiteln wird die geschichtliche Entwicklung der politischen Bildung in den verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dargelegt. Einen Sonderfall in dieser Arbeit liefert ein kurzer Exkurs der Beschreibung der Entwicklung der politischen Bildung im kommunistischen System der DDR. Zum Abschluss dieses Kapitels kommt es zu einem Überblick über die Entwicklung der politischen Bildung seit den 1980er Jahren und zu einer Darstellung des derzeitigen Standes der politischen Bildung in Österreich.

2.1 Die Wurzeln und Definitionen zum Begriff politischer Bildung

Die Ursprünge der politischen Bildung gehen bis auf die Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert zurück. In dieser Epoche kam es zur Herausbildung eines mündigen Bürgers. Aber das Zeitalter der Aufklärung war im Bezug auf politische Bildung voller Ambivalenzen.3

Man nahm an, dass der Mensch von Natur aus dafür geschaffen sei, mit anderen in einer Gemeinschaft zusammen zu leben. Diese Art des Zusammenlebens wird durch einen Gesellschaftsvertrag geregelt. Die Natur bestehe einerseits aus einer eingezäunten Freiheit, darunter versteht man eine Erziehung des Bürgers zur Mündigkeit in einem Raum, in dem alle Menschen gleich sind, und andererseits aus einer geregelten Freiheit in der die Fremd- und Selbstdisziplinierung eine wesentliche Rolle spielen. Darin kann sich jedoch jedes Individuum frei entfalten, solange es andere nicht einschränkt.4

Dennoch kam es mit Hilfe der politischen Bildung in dieser Zeit sehr häufig zur politischen Indoktrination und in der Folge zur Schaffung von gefügigen Untertanen.5 Welche Möglichkeiten zur Entfaltung ihres Willens und Freiheiten besaßen die Bürger/Untertanen in dieser Zeitspanne?

Dies lässt sich folgendermaßen beantworten:

Am Anfang des 19. Jahrhunderts kam es bereits zu einer Unterscheidung zwischen der transzendentalen Freiheit und der Freiheit der Wahl. Diese Einteilung nahm der in diesem Zeitalter anerkannte Pädagoge Johann Friedrich Herbart vor. Unter transzendentalen verstand Herbart eine jegliche den Regeln entbehrende Freiheit, in der Entscheidungen praktisch frei sind, sofern sie auf vernünftige Regeln beruhen. Im Gegensatz dazu ist die Freiheit der Wahl jene Freiheit, die wir alleine in uns selbst finden und zwar als die schönste Erscheinung unserer selbst. Diese Freiheit möchte er besonders hervorheben und diese ist es, welche der Erzieher bewirken und festhalten soll. Gehorsam sollte ein Zeichen des guten Willens sein.6

Die Erzieher vermieden in dieser Zeit die Gewährleistung der transzendentalen Freiheit. Die Weitergabe von Befehlen und deren Befolgung war oberste Priorität. Allerdings musste jeder Befehl auch genau geprüft und als sinnvoll erkannt werden. Gehorsam wurde als zentraler Bestandteil bei der Erziehung und in der Folge als wesentlicher Charakterzug eines Schülers verstanden. Kant unterschied in diesem Fall auch zwischen dem aufgezwungen und dem freiwilligen Gehorsam eines Kindes. Der freiwillige Gehorsam war für Kant besonders wichtig, da es das Kind auf die Rolle eines mündigen Bürgers vorbereiten sollte. In dieser Rolle sollte der zukünftige Untertan Gesetze achten und erfüllen, auch wenn sie ihm persönlich nicht zusagen würden.7

Auch die Schweiz (Helvetische Republik) gehörte gegen Ende des 18. Jahrhunderts bereits teilweise zum deutschsprachigen Raum. Um 1798 wurde erstmals das Schulfach Bürgerkunde für die Primarschule8 konzipiert. Die Schüler sollten dabei vor allem autonomes Denken und Handeln entwickeln. Dies setzt voraus, dass sie über eine gewisse Urteilsfähigkeit verfügen und fähig sind ihr Handeln und Denken reflektieren zu können. Des Weiteren wurden auch bereits Kenntnisse über Menschenrechte und Bürgerpflichten vermittelt. Das Lernziel dabei war auch die kompetente Wahrnehmung dieser Rechte und Pflichten. Zu diesem umfassenden Unterricht gehörte zusätzlich die Vermittlung von Kenntnissen über die damalige Arbeitswelt und ihren sozialen Institutionen. Besichtigungen von Werkstätten, Krankenhäusern und Gefängnissen standen auf dem Lehrplan. Der Begriff gegenseitiger Unterricht wurde erstmals praktisch angewandt. Es kam zur Veränderung der Lehrer-Schüler Beziehung. Schüler erhielten die Erlaubnis, Einfluss auf das Lerntempo und den Schwierigkeitsgrad des Unterrichtstoffes nehmen zu dürfen. Auch der Konkurrenzkampf zwischen den Schüler wurde in dieser Zeit forciert. Lernen durch Wettbewerb war das neue Schlagwort.9

Im Deutschen Kaiserreich wurden die Schule und der Unterricht als ein Instrumentarium für die Nationsbildung betrachtet. Der Schulunterricht bestand aus einem Konglomerat von Unterrichtsgegenständen, wie zum Beispiel: Vaterländische Geschichte, Erkunde, Geographie und Naturlehre. Der Geschichtsunterricht vermittelte besonders die Tugenden Bescheidenheit, Demut, Loyalität der Untertanen gegenüber den Herrschenden, aber auch die Akzeptanz von sozialen Unterschieden. Außerdem wurden im Rahmen des Unterrichts Gedenktage gefeiert. Vergangene militärische Siege und Geburtstage von Regenten wurden so im Bewusstsein der Bürger verankert und es wurde damit eine nationale Identifikation geschaffen.10 Aber die Behandlung der schwierigen gesellschaftlichen und sozialen Probleme dieser Zeit sowie die Erörterung der jeweiligen politischen Situationen wurden vom Unterricht ausgeschlossen.11 Am 1. Mai 1889 gab seine Majestät König Wilhelm der II. einen Erlass mit „Allerhöchster Ordre“ heraus. Mit diesem wurde die Schule dazu verwendet, die Ausbreitung von sozialistischen Gedankengut und kommunistischen Ideen entgegenzuwirken. Bereits Kinder in jungen Jahren sollten davon überzeugt werden, dass die Sozialdemokratie und der Kommunismus den Gesetzen Gottes und somit dem Christentum Schaden zufügt.12

Mit dem Befehl der „Allerhöchsten Ordre“ kam erstmals ein konstruktiver Diskurs in Gange, der die Einführung des Schulfaches politischer Bildung zum Ziel haben sollte.13

Keine Zustimmung fand diese Diskussion im konservativen Lager, die sich gegen die Verbindung Schule und Politik aussprachen, daher wurde erst im Jahre 1911 mit der Staatbürgerkunde ein neues Schulfach in den höheren Schulen Preußens eingeführt. Dieses übernahm die Funktion, die männlich Jugend auf die bevorstehende Arbeitswelt vorzubereiten. Damit konnten auch jene Teile der Bevölkerung erreicht werden, die besonders anfällig für die „ Irrlehren“ der Sozialdemokratie waren.14

Anfang des 20. Jahrhunderts kam man zur Erkenntnis, dass die Einführung des Wahlrechts, ohne eine damit verbundene politische Bildung, gefährlich für den Staat sein könnte. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass ihm dabei kein Schaden entsteht, wenn jungen Männern das Recht auf politische Selbstbestimmung gegeben wird, ohne sie dementsprechend darin zu unterweisen. Das Wahlrecht und die damit verbundene politische Bildung gehörten untrennbar zusammen.15

Aus diesem Grund machte sich Rühlmann16 für die Einführung des Unterrichtsfaches politische Bildung sehr stark, obwohl er gleichzeitig politische Bildung als Unterrichtsprinzip ablehnte.17

Auch in der Habsburgermonarchie konnte die Schule nicht vollständig politisch instrumentalisiert werden, obwohl durch das Reichsvolksschulgesetz von 1869 die idealen Voraussetzungen dafür geschaffen wurden. Damit sollte die Loyalität zum Kaiserreich gestärkt werden. Im Unterricht wurden Naturgeschichte, Naturlehre, Geographie und Geschichte gelehrt. Religion als Unterrichtsprinzip blieb aber im gesamten deutschen Sprachraum erhalten, da religiöse Erziehung als eine der Grundvoraussetzungen für das Bürgertum galt.18 Erst 1883 gelang es den konservativen Kräften im Staat, mit der Neunovellierung des Reichsvolksschulgesetzes, dem Fach Religion wieder mehr Bedeutung zu verschaffen. Man war der Meinung, dass durch den stärkeren Einfluss von Religion auf das Bürgertum es zum Eindämmen von liberalen Ideen kommen würde.19 Als Gegenpol dazu forderten liberale Kräfte die Installierung eines Moralunterrichtes in der Schule, um über die Ziele, Aufgaben und das Wesen des Staates zu informieren.20 Beide, sowohl die Liberalen als auch die Konservativen, versuchten so den wachsenden Einfluss der Sozialdemokratie in der schulischen Erziehung begegnen zu können. Besonders die Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts 1907 rief bei beiden Parteiflügeln große Ängste diesbezüglich hervor.21 1907 wurde das Schulfach Bürgerkunde im Rahmen des Geschichtsunterrichtes eingeführt, dessen primäres Ziel es war, die Schaffung eines politischen Bewusstseins in Österreich zu installieren, welches die Wahrnehmung der eignen Interessen an dem Staat zu delegieren versucht.22

Wie der Autor bei seinen Recherchen festgestellt hat, gibt es keine einheitlich allgemeingültige Definition für politische Bildung. Im Rahmen einer Umfrage23 wurden zahlreiche Definitionen genannt. Der Autor möchte hier stellvertretend nur eine nennen, die ihm besonders gut gefallen hat. Diese stammt von Oskar Negt.24 Sinngemäß lautete diese Definition: Politische Bildung ist sehr wichtig, weil kein Mensch als politisches Lebewesen geboren wird, Demokratie aber die einzige staatlich verfasste Gesellschaftsordnung ist, die gelernt werden muss, alltäglich und unabhängig vom Lebensalter.25

2.2 Politische Bildung in der Zwischenkriegszeit

Die Zeitspanne zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Beginn des Zweiten wird auch als Zwischenkriegszeit bezeichnet. Man kann diese wiederum im deutschsprachigen Raum in einen demokratischen und in einen nationalsozialistischen Zeitabschnitt einteilen. Dieses Kapitel präsentiert einen kurzen Überblick über die gesamte Zwischenkriegszeit.

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich kam es zum Zusammenbruch von totalitären Regimen nach Beendigung des Ersten Weltkriegs.

Die Schweiz aber unterschied sich in dieser Hinsicht davon und schlug einen anderen Weg ein.26 Hier hatten sich jede Menge neue pädagogische Ansätze entwickelt. Der traditionelle Ansatz der nationalen Unterordnung der Staatsbürgerkunde blieb auch weiterhin erhalten, aber zusätzlich fanden die ersten Ansätze, die eine kritische Betrachtung von staatlichen Institutionen und staatlicher Politik verfolgten, immer größer werdende Bedeutung. Ebenfalls wurden auch soziale und wirtschaftliche Inhalte mit einbezogen, das konkret Erfahrbare wurde in den Mittelpunkt gerückt und das Konzept der Schülerselbstregierung stand im Vordergrund. Analyse- und Kritikfähigkeit wurden in der Schule vermittelt und politische Meinungen der Schüler wurden ebenfalls zugelassen.27 Die vollständige Realisierung diese Ansätze schlug fehl, ähnlich wie in Österreich und Deutschland kam es zum Aufflammen von nationalem Gedankengut und der Glaube an totalitäre Autoritäten verbreitete sich rasant. Faschistische Strömungen nahmen in den 1930er Jahren stark zu. Demokratie und der Glaube an starke Autoritäten im Staat konnten sich nicht nebeneinander entwickeln.28

Die Entwicklung der politischen Bildung in Deutschland schlug einen anderen Weg ein. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war das deutsche Kaiserreich Geschichte und Deutschland hatte seine Stellung in der Welt verloren. Damit bot sich erstmals eine Chance politische Bildung, als Vorbereitung und Konzeptionierung für ein zukünftiges demokratisches System in Deutschland zu implementieren.29 Gemäß der Weimarer Reichsverfassung von 1919, Artikel 148, vermittelte man die sittliche Erziehung, die staatbürgerlicher Einstellung und das deutsche Volkstum in den Schulen. Staatsbürgerkunde wurde in der Verfassung verankert und als Lehrfach in den Schulen gelehrt. Schulabgängern überreichte man nach Beendigung der Schulpflicht einen Abdruck der Verfassung. Der Völkerbund hatte als zentrale Erziehungsaufgabe die Völkerversöhnung vorgeschlagen. Doch diese ließ sich nur sehr schwer mit den preußischen Traditionen, die im Staatbürgerunterricht vermittelt werden sollten, in Einklang bringen. Es kam zu zahlreichen Gegensätzen und Widersprüchen in den Verfassungsbestimmungen. In der Praxis wurde daher kein eigenes Unterrichtsfach für Staatbürgerkunde eingeführt, sondern nur staatbürgerliche Erziehung als Unterrichtsprinzip implementiert und vor allem mit dem Geschichtsunterricht in Verbindung gebracht.30 1923 kam es zur Formulierung von Richtlinien zur Gestaltung des staatbürgerlichen Unterrichts. Diese Richtlinien empfahlen nur für die Oberstufe der Volksschule und für Berufs- und Fachschulen Extrastunden für das Fach Staatsbürgerkunde. In den Oberstufen der höheren Schulen wurde Staatsbürgerkunde im Geschichtsunterricht vermittelt. Für die Volksschule und für die Unterstufen von höheren Schulen wurde lediglich Staatsbürgerkunde als Unterrichtsprinzip eingeführt. Dies widersprach dem vom Völkerbund vorgeschlagenen Prinzip der Erziehung zur Völkerverständigung.31 Folglich blieb die politische Bildung in dieser Epoche nur eine Randerscheinung und es setzten sich die preußischen Traditionen des 19. Jahrhunderts fort.32 1933 kam es in Deutschland zur Machtergreifung Hitlers und das Schulsystem änderte sich gravierend. Ließ sich doch die nationalsozialistische Ideologie hervorragend in das bereits Ende des 19.

[...]


1 Achour/Gill (Hrsg.), Einleitung, Achour/Gill, Was politische Bildung alles sein kann, Einführung in die politische Bildung, Grundlagen politische Wissenschaft, (2017) 7.

2 „Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wurde bei geschlechtsbezogenen Formulierungen die männliche Form verwendet, obwohl damit Frauen als auch Männer gemeint sind“.

3 Hellmuth/Klepp, Politische Bildung, Geschichte · Modelle · Praxisbeispiele, (2010) 9.

4 Rousseau, Economie ou Œconomie - Ökonomie, in Berger (Hrsg.) et al, Enzyklopädie , Eine Auswahl , (1989) 110f

5 Hellmuth/Klepp, Politische Bildung 9.

6 Herbart, Über die ästhetische Darstellung der Welt aus Hauptgeschäft der Erziehung, in Beutler/ Horster (Hrsg.), Pädagogik und Ethik (1996) 48-50.

7 Kant, Über Pädagogik, in Beutler / Horster (Hrsg.), Pädagogik und Ethik, (1996) 37.

8 Darunter verstand man in der Schweiz - in der damaligen Zeit - die Volks- oder Grundschule.

9 Quakernack, Politische Bildung in der Schweiz, Ein republikanisch-demokratisches Musterbeispiel? (1991) 14-19.

10 Wittmütz, Die preußische Elementarschule im 19. Jahrhundert, in Fisch (Hrsg.) et al, Lernen und Lehren in Frankreich und Deutschland, Apprendre et enseigner en Allemagne et en France, Schriftenreihe des Deutsch-französischen Historikerkomitees¹, (2007) 30f

11 Sander, Politik in der Schule, Kleine Geschichte der politischen Bildung in Deutschland, (2004) 38f

12 Borcherding, Wege und Ziele politischer Bildung in Deutschland, Eine Materialsammlung zur Entwicklung der politischen Bildung in den Schule 1871-1965, (1965) 12f

13 Sander, Politik 38f

14 Kraul, Bildung und Bürgerlichkeit, in Kocka, (Hrsg.) / Frevert (Hrsg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert, Deutschland im europäischen Vergleich III, (1988) 54f

15 Rühlmann, Politische Bildung, Ihr Wesen und ihre Bedeutung eine Grundfrage Unseres Öffentlichen Lebens (Classic Reprint), (2018) 52.

16 Paul Rühlmann war ein bekannter deutscher Geschichtslehrer und Sachbuchautor und führte den Begriff poltische Bildung in Deutschland um die Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhundert ein.

17 Detjen, Politische Bildung, Geschichte und Gegenwart in Deutschland², (2013) 64f

18 Schermaier, Geschichte und Gegenwart des allgemeinbildenden Schulwesens in Österreich unter besonderer Berücksichtigung der Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS), (1990) 51; Quakernack, Politische Bildung 16f; Wittmütz, Die preußische Elementarschule , in Fisch (Hrsg.) et al, Lernen und Lehren in Frankreich und Deutschland¹, II 30f

19 Wolf (Hrsg.), Der lange Anfang, 20 Jahre Politische Bildung in den Schulen, (1998) 14.

20 Dachs, Schule und Politik, Die politische Erziehung an den österreichischen Schulen von 1918 bis 1938, (1982) 20.

21 Dachs, Politische Bildung in Österreich - ein historischer Rückblick, in Klepp (Hrsg.) / Rippitsch (Hrsg.), 25 Jahre Universitätslehrgang Politische Bildung in Österreich¹, (2008) 9f

22 Wimmer, Schule und politische Bildung, I, Die historische Entwicklung der politischen Bildung in Österreich, (1979) 42f

23 Im April 2016 fand eine Umfrage und Kampagne unter deutschen Politikern statt, mit dem Ziel zur Stärkung der politischen Bildung beizutragen. Anlass war die Verabschiedung von Prof. Dr. Peter Massing; Achour/Gill (Hrsg.), in Achour/Gill, Was politische Bildung 15.

24 Oskar Reinhard Negt ist ein deutscher Sozialphilosoph, der aber auch tagespolitische Themen behandelt.

25 Achour/Gill (Hrsg.), in Achour/Gill, Was politische Bildung 15.

26 Kost, Politische Bildung (der Schweiz) zwischen 1848 und 1918, in Moser et al, Zur Geschichte der politischen Bildung in der Schweiz, (1978) 31-90.

27 Quakernack, Politische Bildung 38f

28 Guyer, Unsere Schweizer Schule, Ihr Geist, ihr Standort, ihre nationale Aufgabe, (1934) 51.

29 Detjen, Politische Bildung² 71.

30 Sander, Politik 54f

31 Sander, Politik 57f

32 Hellmuth/Klepp Politische Bildung 32.

Details

Seiten
40
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668941397
ISBN (Buch)
9783668941403
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v469728
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung – Department für Wissens- und Kommunikatiosmanagement
Note
1,0
Schlagworte
entwicklung bildung raum

Autor

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Titel: Die geschichtliche Entwicklung der politischen Bildung im deutschsprachigen  Raum