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Darstellung und Einsatz von Kindern in der Propaganda des Islamischen Staates

Hausarbeit 2019 40 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kinder in der Propaganda des IS
2.1 Darstellung von Mädchen in der Propaganda des IS
2.2 Jungen als Soldaten, Prediger, Selbstmordattentäter und Henker
2.3 Kinder als Bürger des Kalifats
2.4 Kinder als Opfer feindlicher Militärschläge und Gewalt

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Mädchen und Jungen in der Propaganda des IS..

Abbildung 2: Beispielhafte Darstellung von Mädchen in der Propaganda des IS.

Abbildung 3: IS-Kämpfer mit seiner Tochter: Screenshot 1.

Abbildung 4: IS-Kämpfer mit seiner Tochter: Screenshot 2

Abbildung 5: IS-Kämpfer mit seiner Tochter: Screenshot 3

Abbildung 6: Trainingslager für Nachwuchskämpfer: Screenshot 1

Abbildung 7: Trainingslager für Nachwuchskämpfer: Screenshot 2

Abbildung 8: Jungen als Prediger und Rekrutierer..

Abbildung 9: Jugendliche IS-Kämpfer bevor sie Gefangene enthaupten

Abbildung 10: Kleinkind als Henker.

Abbildung 11: Kleinkind als Zuschauer einer Enthauptung..

Abbildung 12: Propagandavideo 'Abundant Provision': Screenshots

Abbildung 13: Propagandavideo 'Abundant Provision': Screenshots

Abbildung 14: Beispiel für die Widersprüchlichkeit der IS-Propaganda: Screenshot

Abbildung 15: Beispiel für die Widersprüchlichkeit der IS-Propaganda: Screenshot

Abbildung 16: Propagandavideo 'Sang Pour Sang': Screenshot 1.

Abbildung 17: Propagandavideo 'Sang Pour Sang': Screenshot 2.

Abbildung 18: Propagandavideo 'Sang Pour Sang': Screenshot 3.

Abbildung 19: Propagandavideo 'Sang Pour Sang': Screenshot 4.

Abbildung 20: Propagandavideo 'Sang Pour Sang': Screenshot 5.

Abbildung 21: Vergleich 'Sang Pour Sang'' mit 'Saja Tells Her Story': Screenshot

Abbildung 22: Vergleich 'Sang Pour Sang'' mit 'Saja Tells Her Story': Screenshot

Abbildung 23: Vergleich 'Sang Pour Sang'' mit 'Saja Tells Her Story': Screenshot

Abbildung 24: Vergleich 'Sang Pour Sang'' mit 'Saja Tells Her Story': Screenshot

1. Einleitung

Seit der Ausrufung eines Kalifats durch den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al- Baghdadi ist die Terrororganisation 'Islamischer Staat' (IS)1 in den westlichen Medien allgegenwärtig. Der Dschihadistenmiliz ist es gelungen, tausende Rekruten aus dem Ausland zu gewinnen und für den bewaffneten Kampf gegen die 'Ungläubigen' zu begeistern (vgl. Theine 2016, S. 2; BfV 2018a). Obwohl der IS inzwischen militärisch nahezu besiegt wurde und die Zahl ausländischer Kämpfer nach Angabe des UN- Sicherheitsrats gegenwärtig rückläufig ist, ist die „weitestgehende Zurückdrängung des 'Islamischen Staates' in Syrien und Irak […] kein Anlass zur Entwarnung“ (Jacobs 2018, S. 2; vgl. UN-Sicherheitsrat 2018). Jüngst verübte Anschläge inner- und außerhalb Europas zeigen, dass der IS längst nicht „von der Bildfläche verschwunden“2 ist, sondern Menschen nach wie vor dazu bereit sind, Gewalttaten im Namen der Terrororganisation zu verrichten (vgl. Goertz 2018, S. 10; Heiduk 2018, S. 74). Allen voran der geplante Rizin-Anschlag in Köln sowie das Attentat auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt im Jahr 2018 haben verdeutlicht, dass weiterhin ein großes Gefahrenpotenzial durch gewaltbereite Islamisten und Befürworter des IS in Deutschland besteht (vgl. Goertz 2019, S. 2f.).

Dass der IS eine überdurchschnittliche Anziehungskraft insbesondere auf junge Menschen im Westen ausübt, ist vor allem seiner professionellen Propaganda im Internet geschuldet (vgl. Prucha 2015, S. 22f.; Theine 2016, S. 91f.; Goertz 2017, S. 74f.; Zywietz 2015, S. 1). Propaganda stellt ein politisches Kommunikationsmittel dar, mit dem „die Meinungen und Verhaltensweisen von Zielgruppen auf ein bestimmtes Ziel hin gerichtet“ (Bussemer 2008, S. 13) beeinflusst werden sollen. Sie zeichnet sich nach Bussemer (2008) und Goertz (2018) dadurch aus, dass sie nicht argumentieren oder informieren, sondern überreden und überzeugen will (vgl. Bussemer 2008, S. 13; Goertz 2018, S. 140). Dazu bedient sie sich wie Bussemer (2008) herausstellt, häufig „einer symbolisch aufgeladenen und ideologiegeprägten (Bild-)Sprache, welche die Wirklichkeit verzerrt, da sie entweder Informationen falsch vermittelt oder ganz unterschlägt“ (ebd.).

Die Propaganda des IS hat nichts mehr mit den „rieseligen Standbildern“ (Reuter 2016, S. 259) dschihadistischer Großorganisationen aus den 1990er Jahren gemein (vgl. ebd.). Statt auf langatmige Ansprachen greift die Gruppierung auf moderne Medienformate mit hohen Unterhaltungs- und Erlebniswert zurück: „Es ist das ultimative Zielgruppenfernsehen, zwischen Gemetzel und Daily Soap, so professionell und modern gemacht, dass Rivalen wie al-Quaida dagegen alt aussehen“ (ebd., S. 258). Oft wird das Material mit islamischen Gesängen unterlegt und mit spektakuläreren Videoeffekten ausgeschmückt. Formate, die nach Goertz (2016) und Zywietz (2015) vor allem ein jugendliches Publikum im Westen ansprechen, entsprechen sie doch in hohem Maße den „unterhaltungsästhetischen Anforderungen“ (Goertz 2016, S. 2) dieser Altersgruppe (vgl. Goertz 2016, S. 2f.; Zywietz 2015, S. 2f.).

Der IS verbreitet seine Propaganda sowohl auf den großen, sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Twitter, als auch auf kleineren und weniger bekannten Online-Diensten (vgl. Jugendschutz.net 2016, S. 2; Weimann/Jost 2015, S. 379ff.; Neumann et al. 2018, S. 10f.). Dadurch kann das Material auch mit einem breiten, nicht extremistischen Publikum geteilt werden (vgl. Goertz 2018, S. 121f.; BfV 2015a, S. 1). Besonders für Kinder und Jugendliche, die einen Großteil ihrer Freizeit im Internet und Social Web verbringen, ist das Risiko hoch, unwissentlich mit dem Propagandamaterial des IS oder anderer dschihadistischer Gruppen in Kontakt zu geraten (vgl. BfV 2015a, S. 1; Frankenberger et al. 2017, S. 13ff.). Darüber hinaus setzt der IS Kinder und Jugendliche auch selbst immer wieder verstärkt zu Propagandazwecken ein. Im Jahr 2017 berichtete die afghanische Presse über ein Video, in dem zwei Nachwuchskämpfer des IS Gefangene exekutierten. Sowohl die Henker als auch die Opfer waren im Jugendalter.3 Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie junge Menschen in der Propaganda des IS auftreten und von der Terrorgruppe instrumentalisiert werden.

In der vorliegenden Arbeit wird der Einsatz und die Darstellung von Kindern in der Propaganda des IS genauer betrachtet. Am Beispiel von ausgewählten Bildern und Videos wird aufgezeigt, wie und zu welchen Zwecken die Terrorgruppe junge Menschen für ihre Propaganda instrumentalisiert. Der Fokus liegt dabei auf der Darstellung von Kindern als 'Soldaten, Prediger, Selbstmordattentäter und Henker', als 'Bürger des Kalifats' sowie als 'Opfer feindlicher Militärschläge'.

Die für diese Hausarbeit verwendeten Bilder und Videos wurden ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Sie stammen größtenteils von den Internetseiten Clarionproject.org und Jihadology.net. Bei Clarionproject.org handelt es sich um eine amerikanische Non-Profit Organisation, welche das Propagandamaterial islamistischer Terrorgruppen online speichert, um die Bevölkerung nach eigener Angabe über die Gefahren des radikalen Islam aufzuklären.4 Jihadology.net ist ein persönlicher Web- Blog des amerikanischen Wissenschaftlers Aaron Y. Zelin. Zelin archiviert das Propagandamaterial dschihadistischer Gruppen, um es für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen.5 Er selbst beschreibt seine Seite als „a clearinghouse for jihādī primary source material, original analysis, and translation service“ (ebd.).

2. Kinder in der Propaganda des IS

Bereits seit 2008 ist zu beobachten, dass Kinder verstärkt in den Videobotschaften dschihadistischer Großorganisationen auftreten (vgl. BfV 2015a, S. 2; Jugendschutz.net 2015, S. 1). Bereits al-Quaida nutzte Fotos von verletzten Kindern, um sie in Propagandavideos als Opfer feindlicher Militärschläge darzustellen (vgl. CTA 2009, S. 7). Mit dem Erstarken des IS im Irak und in Syrien hat die Zahl der Propagandaangebote, in denen Kinder als Akteure auftreten, noch einmal drastisch zugenommen (vgl. Jugendschutz.net 2015, S. 1). Die Kinder stellen dabei eine heterogene Gruppe dar. Bei einigen handelt es sich um Nachwuchs von IS- Sympathisanten, die aus dem Ausland in das Herrschaftsgebiet des IS gereist sind. Der Großteil stammt jedoch aus den Krisengebieten vor Ort.6 Viele Kinder haben sich dem IS freiwillig angeschlossen oder wurden von ihren Eltern bewusst in die Obhut der Terrorgruppe gegeben; andere wurden gewaltsam ihren Familien entrissen.7 Vor allem Kinder anderer Religionsgemeinschaften (insbesondere Jesiden) wurden vom IS entführt und nach der Ermordung der Eltern dazu gezwungen, zum Islam zu konvertieren beziehungsweise das Weltbild der Terrorgruppe anzunehmen (vgl. ebd.). Berichte von Kindern, die dem IS entkommen konnten, belegen, dass die jungen Menschen einem systematischem Prozess der Indoktrinierung unterzogen und anschließend zu Kämpfern und Selbstmondattentätern ausbildet wurden (vgl. Dandois/Trégan 2017, Minute 02:25-04:05).

In der Propaganda des IS treten Kinder und Jugendliche besonders häufig als Garant für die Zukunft und den Fortbestand der Kalifats beziehungsweise der Gruppierung auf. Sowohl Mädchen als auch Jungen werden in speziellen Trainingscamps und Schulen einer Ausbildung nach der Ideologie des IS unterzogen. Die Ausbildung verläuft geschlechtergetrennt und nach einem strikten Lehrplan: Während die Jungen des Kampfes unterwiesen werden, erhalten die Mädchen vor allem Religionsunterricht und werden auf ihre zukünftige Aufgabe als Hausfrau und Mutter vorbereitet (vgl. Abb. 1). In seiner Propaganda vermittelt der IS eine klare Vorstellung darüber, wie sich Mädchen und Jungen geschlechtsspezifisch zu verhalten haben (vgl. Kimmel et al. 2018, S. 46; Jugendschutz.net 2015, S. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung1: Mädchen und Jungen in der Propaganda des IS (vgl. Rumiyah 2017, Nr. 5, S. 34)

2.1 Darstellung von Mädchen in der Propaganda des IS

Treten Mädchen in der Propaganda des IS auf, so werden sie in der Regel nach dem Rollen- beziehungsweise Geschlechterverständnis der Terrorgruppe dargestellt. Die Frau ist dem Mann untergeordnet, übernimmt jedoch laut dem IS zentrale Aufgaben im Haushalt und bei der Erziehung des Nachwuchses (vgl. Rumiyah 2017, Nr. 9, S. 18; Dabiq 2016, Nr. 15, S. 24). Zu den Aufgaben der Frau gehöre es, dem Mann eine gute Ehefrau zu sein und ihm möglichst viele Kinder zu schenken, um den Fortbestand der muslimischen Gemeinschaft, der ummah zu sichern (vgl. Dabiq 2016, Nr. 15, S. 20ff.; Rumiyah 2017, Nr. 5, S. 34ff.; Rumiyah 2017, Nr. 7, S. 24f.). In einem Online-Magazin des IS heißt es, die Frau sei eine 'Hirtin' im Hause ihres Mannes, welche für ihre 'Herde' verantwortlich sei (vgl. Rumiyah 2017, Nr. 9, S.19). Gemäß des IS sei die Erziehung des Nachwuchses eine ehrenvolle und anzuerkennende Aufgabe, weil die Frau als Mutter den Grundstein für die Verinnerlichung des 'wahren' Islams lege (vgl. ebd.). Frauen und Mädchen wird dadurch suggeriert, dass nicht nur Männer, sondern auch sie eine zentrale Rolle beim IS einnehmen und sie im Kalifat willkommen sind:

„When the Prophet states, 'The woman is a shepherd in her husband’s home and is responsible for her flock,' it is a tremendous task and an enormous trust that has been placed on the Muslim woman, and which contains what it contains of great reward and recompense if she fulfills what is obligatory upon her with respect to her flock, which are her children“ (Rumiyah 2017, Nr. 9, S. 19).

Als 'Hüterin des Hauses' lehre die Frau dem Nachwuchs unter anderem, dass der bewaffnete Kampf gegen Andersgläubige die religiöse Verpflichtung eines jeden 'wahren' Muslims darstellt und es eine Ehre sei, für Allah in den Krieg zu ziehen (vgl. ebd., S. 20). Bei der Erziehung der Kinder müsse die Frau zudem darauf achten, den Nachwuchs so früh wie möglich mit Waffen, Sprengstoffwesten und Munition vertraut zu machen (vgl. ebd.). Vor allem Jungen seien nach dem Vorbild ihres kämpfenden Vaters zu erziehen. Der Hass gegenüber dem Feind müsse – so der IS – bei den 'jungen Löwen des Kalifats' bereits von Kindesbeinen an geschürt werden:

„From among the greatest of Allah’s blessings upon the lion cubs in the Khilafah – which the mother should recognize and take advantage of, and for which she should thank Allah – is that they are raised in the home and under the wing of a mujahid father. So they grow up with their eyes becoming accustomed to seeing weapons and equipment, including rifles, tactical vests, bullets, grenades, and explosive belts. Likewise, watching the mujahidin’s video releases and following their written and recorded news nurtures within the lion cub the love of jihad and the mujahidin and hatred towards their enemies“ (ebd.).

Entsprechend des beschriebenen Rollenverständnisses werden Mädchen in der Propaganda des IS zumeist in Gesellschaft anderer Frauen oder bei ihrer religiösen Unterweisung gezeigt (vgl. Rumiyah 2017, Nr. 5, S. 34; Dabiq 2016, Nr. 15, S. 24). In Videos und auf Bildern erscheinen sie meist 'unschuldig', 'schüchtern' und 'schutzbedürftig'. Das nachfolgende Foto stammt aus dem Online-Magazin Dabiq, welches von 2014 bis 2016 in regelmäßigen Abständen vom Al-Hayat Media Center herausgegeben wurde (vgl. Abb. 2). Beim Al-Hayat Media Center handelt es sich um eine offizielle Medienstelle des IS, welche vor allem Propagandaangebote für ein nicht arabischsprachiges Publikum produziert (vgl. Goertz 2017, S. 75). Bis zu seiner Einstellung im Juli 2016 und der Veröffentlichung des Nachfolgemagazins Rumiyah, zählte Dabiq zu den bekanntesten multilingualen Online-Magazinen des IS (vgl. ebd.).

Das Foto trägt im Magazin die Beschreibung 'Shyness, an aspect of the fitrah lacking in Western women'. Es ist mit dem Artikel 'The Fitrah of Mankind - And the Near- Extinction of the Western Woman' verknüpft. Wie der Seitenverweis 'For Women' am Fuß der Magazinseite zu erkennen gibt, richtet sich der Artikel und damit auch das beschriebene Foto gezielt an die weibliche Leserschaft (vgl. Dabiq 2016, Nr. 15, S. 20f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung2: Beispielhafte Darstellung von Mädchen in der Propaganda des IS (vgl. Dabiq 2016, Nr. 15, S. 24)

Auf dem Foto sind vier weibliche Personen zu erkennen, die bei sonnigem Wetter an einer Blumenhecke entlang spazieren. Die Mädchen tragen lange, dunkle Gewänder und Kopftücher. Sie scheinen sich in einer Art Garten oder Parkanlage zu befinden. Das Mädchen im Vordergrund hält eine orange Blume in ihren Händen, welche sie eng umschlossen an ihr Gesicht drückt. Durch das Kopftuch und ihre verhüllende Kleidung wird das Augenmerk des Betrachters auf das Gesicht des Mädchens im Vordergrund gerichtet. Es lächelt schüchtern in die Richtung der Kamera, wobei ihr Blick leicht geneigt ist. Ein auffälliges Accessoire ist ihre rosafarbene, glitzernde Handtasche sowie ihr silberner Armreif.

Ordnet man das Foto vor dem Hintergrund des Artikels und der Bildbeschreibung im Magazin ein, so zeigt sich deutlich, welches Schönheits- und Verhaltensideal der IS von einer Frau vermitteln will. Der Schmuck, die Accessoires und die Blumen sollen das Bild eines 'typischen' Mädchens repräsentieren. In dem Artikel zum beschriebenen Foto kritisiert der IS, dass sich die im Westen lebende Frau zu auffällig kleide und dadurch viel zu große Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Weiter heißt es, der westlichen Frau fehle es an Anstand und Sitte, da sie sich stets freizügig gebe und mit ihren körperlichen Reizen nach der Aufmerksamkeit des Mannes trachte (vgl. Dabiq 2016, Nr. 15, S. 23ff.). Eine Frau müsse sich – so der IS – stets keusch, mädchenhaft und bescheiden geben und das sowohl in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild als auch in ihrem Verhalten beziehungsweise Auftreten. Sie habe beispielsweise ihren Blick zu neigen und nur das Nötigste bei sich zu tragen:

„The fitrah also entails modesty and chastity. 'And tell the believing women to lower their gaze and guard their private parts and not expose their adornment except that which [necessarily] appears thereof and to wrap their veils over their chests and not expose their adornment'. 'And tell the believing women to lower their gaze and guard their private parts and not expose their adornment except that which [necessarily] appears there of and to wrap their veils over their chests and not expose their adornment'“ (ebd., S. 23).

Der IS beruft sich in seiner Argumentation auf das islamische Konzept der fitrah, welches besagt, dass jeder Muslim ein verwurzeltes beziehungsweise angeborenes Wissen über die Existenz und Einzigartigkeit Gottes besitzt. Ein gläubiger Muslim wisse gemäß dieses Konzeptes instinktiv, dass er von Gott erschaffen wurde und der Islam die einzig 'wahre' Religion dargestellt.8 Natürlichkeit, Unschuld, Bescheidenheit und Scheue gelten in der Auffassung des IS als zentrale Bestandteile der fitrah. Damit erklärt der IS auch die natürliche Unterwürfigkeit der Frau gegenüber dem Mann ( vgl. Dabiq 2016, Nr. 15, S. 23). Eine Frau, die dem 'wahren' Glauben folge, kleide sich gegenüber der nach Aufmerksamkeit trachtenden westlichen Frau unauffällig und sei vor allem wegen ihrer Natürlichkeit und Schüchternheit, einer Eigenschaft, die westlichen Frauen gänzlich fehle, attraktiv und begehrenswert (vgl. ebd.). Das Bild, welches der IS in seiner Propaganda vom weiblichen Geschlecht konstruiert, zeigt sich auch in dem eingangs beschriebenen Foto. Sowohl die Accessoires als auch die Körpersprache des Mädchens im Vordergrund geben das Schönheits- und Verhaltensbild der Terrorgruppe für das weibliche Geschlecht wieder. Durch den geneigten, schüchternen Blick und die Körperhaltung wirkt das Mädchen sehr zierlich, wodurch es noch schutzbedürftiger und liebreizender erscheint. Die Fotokulisse mit den grünen Gärten, den hellen Sonnenstrahlen und den orangen Blumen decken sich außerdem mit den Beschreibungen vom Paradies im Koran. Der Koran schildert das Paradies als eine Art Garten, in dem die Gläubigen alles finden, was sie zu Lebzeiten begehrten.9 Ein Muslim könne im Paradies unter anderem Aktivitäten nachgehen, welche ihm während seines irdischen Lebens untersagt gewesen sind. So dürfe man im Paradies zum Beispiel Wein trinken und sexueller Verkehr mit Jungfrauen „mit schönen, großen Augen“ (Sure 15, Vers 15) vollzogen werden.

Eine weitere Darstellung von Mädchen in der Propaganda des IS soll am Beispiel eines Videos aufgezeigt werden. Das Video trägt den Titel 'Inside the Caliphate #7' und wurde ebenfalls vom Al-Hayat Media Center (Jahr 2018) herausgegeben (vgl. Al-Hayat Media Center 2018). Es zeigt mehrere IS-Kämpfer, die von ihren Kinder Abschied nehmen, bevor sie einen Selbstmordanschlag im Namen der Terrorgruppe verüben (vgl. Al-Hayat Media Center 2018). In einer Szene des Videos ist ein Mann in einem Rollstuhl zu sehen, der gemeinsam mit anderen Kämpfern eine Bombe in einen Toyota einbaut. Bevor der Mann von seinen Mitstreitern in das präparierte Fahrzeug gehoben wird und in Richtung des feindlichen Militärstützpunktes fährt, nimmt er Abschied von seiner Tochter und seinem Neffen. Als der Mann den Kindern mitteilt, dass er 'zu Allah gehen wird', fängt das Mädchen an zu weinen und vergräbt ihren Kopf in der Schulter des Mannes. Der Vater tröstet seine Tochter und sagt, es sei alles in Ordnung, denn er werde endlich nach Jannah (Ausdruck für das Paradies im Islam) gehen können: „It's okay, my daughter, I'm going to Allah. I'm going to Jannah inshaallah“ (ebd., Minute 16:08) (vgl. Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: IS-Kämpfer mit seiner Tochter: Screenshot 1 (vgl. Al-Hayat Media Center 2018, Minute 16:08)

Mehrmals ist zu sehen, wie der Vater seine Tochter liebevoll in den Arm nimmt und auf die Stirn und die Wange küsst. Der IS-Kämpfer wischt dem Mädchen immer wieder die Tränen aus dem Gesicht und sagt, sie solle aufhören zu weinen und stattdessen dafür beten, dass der Vater ins Paradies eintreten dürfe. Die Szene wird durch einen Zoom hervorgehoben (vgl. Abb. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: IS-Kämpfer mit seiner Tochter: Screenshot 2 (vgl. ebd., Minute 16:50)

Der Neffe, der während der Ansprache seines Onkels mit einem scharfen Messer spielt, schmiegt sich ebenfalls an diesen und umarmt ihn. Der Mann küsst den Jungen auf die Stirn und sagt, wenn jemand frage, was mit Onkel Abu Abdillah geschehen sei, solle der Junge antworten: „Abu Abdillah has freet me, I'm a free Muslim now“ (ebd., Minute 16:24). Dann widmet sich der Mann wieder seiner Tochter zu. Er lächelt sie aufmunternd an und sagt ihr, sie solle gut auf ihre Mutter aufpassen. Die Tochter blickt daraufhin traurig in die Kamera, dreht sich vom Vater weg und entfernt sich. Die Geschwindigkeit des Videos wird an dieser Stelle verlangsamt (vgl. Abb. 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: IS-Kämpfer mit seiner Tochter: Screenshot 3 (vgl. ebd., Minute 17:09)

[...]


1 Um den Lesefluss zu erleichtern wird in dieser Arbeit die Abkürzung IS verwendet.

2 Konietzny, Benjamin (2018): Niedergang oder Strategie? Wie der IS von der Bildfläche verschwindet, veröffentlicht am 31.03.2018 in: n-tv [Online] https://www.n-tv.de/politik/Wie-der-IS-von-der-Bildflaeche-verschwindet- article20356416.html [Stand] 31.03.2019

3 vgl. Sulaiman (2017): New ISIS in Afghanistan video: children executing children, veröffentlicht am: 20.07.2017 in: Salam Times [Online] http://afghanistan.asia-news.com/en_GB/articles/cnmi_st/features/2017/07/20/feature-01 [Stand] 31.03.2019

4 vgl. Clarionproject.org [Online] https://clarionproject.org/about-us/ [Stand] 31.03.2019

5 vgl. Jihadoldy.net [Online] https://jihadology.net [Stand] 31.03.2019

6 vgl. AP: Terrormiliz rekrutiert Kinder als Soldaten, veröffentlicht am: 24.11.2014 in: Handelsblatt [Online] https://www.handelsblatt.com/politik/international/islamischer-staat-terrormiliz-rekrutiert-kinder-als- soldaten/11023072.html?ticket=ST-380418-Gvt2rC11WlvWVFUhjkQE-ap6 [Stand] 31.03.2019

7 vgl. DPA/AFP: IS entführt viele Frauen und Kinder in Syrien, veröffentlicht am: 30.07.2018 in: n-tv.de [Online] https://www.n-tv.de/politik/IS-entfuehrt-viele-Frauen-und-Kinder-in-Syrien-article20551977.html [Stand] 31.03.2019

8 vgl. Islam und Ökologie: Wie verstehen wir Natur und wie gehen wir mit ihr um? veröffentlicht am: 11.04.2006 von: Sulaiman Wilms, Islam.de [Online] http://islam.de/5132.php [Stand] 31.03.2019

9 vgl. Sure 2, Vers 35; Sure 56, Vers 11-12 Koran, Zugriff durch: Islam.de [Online] http://www.islam.de/13827.php? sura=2 [Stand] 31.03.2019

Details

Seiten
40
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668948532
ISBN (Buch)
9783668948549
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v469729
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
darstellung einsatz kindern propaganda islamischen staates

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Titel: Darstellung und Einsatz von Kindern in der Propaganda des Islamischen Staates