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Sind "dicke" Menschen selbst schuld? Der soziale Status adipöser Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft

Hausarbeit 2019 24 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leistungsgesellschaft und soziale Gerechtigkeit

3. Grundlegende Theorien zur Einordnung des Themas
3.1 Habitus und Geschmack (Bourdieu)
3.2 Scham in der Zivilisationstheorie (Elias)

4. Wahrnehmung des Dickseins
4.1 Selbstwahrnehmung
4.2 Fremdwahrnehmung

5. Selbst schuld?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

„Warum in unserer Gegenwartsgesellschaft der Körper zum kategorischen Typisierungs- und Klassifizierungszeichen wurde, […lässt, AD] sich zugespitzt so formulieren, dass der Körper als Beleg der individuellen Fähigkeit zur Selbstkontrolle, Eigenverantwortlichkeit und Leistungsbereitschaft wahrgenommen wird […]“

(Barlösius 2014: 192).

In der vorliegenden Hausarbeit wird im Rahmen der Theorien über soziale Ungleichheit und der Soziologie des Körpers vor allem auf den sozialen Status „dicker“ Menschen eingegangen. Dabei wurde bewusst der Begriff „dick“ verwendet, um aufzuzeigen, dass es sich um subjektive Selbst- und Fremdwahrnehmungen handelt wobei diese beiden Sichtweisen im Einzelfall nicht überein-stimmen müssen. Außerdem wurde der Ausdruck „dick“ im Titel unter Anführungs-zeichen gestellt, einerseits um zu betonen, dass es ein Begriff ist, der in Relation zur Gesellschaft steht, in der sich der oder die Betreffende befindet, also keine absolute Größe darstellt, und andererseits um zu zeigen, dass es sich keineswegs um eine diskriminierende Bezeichnung handeln soll. Der Begriff wird in der Hausarbeit völlig wertneutral verwendet und unter dieser Bedingung wird nun in der Folge bei Wörtern, die das Wort „dick“ enthalten auf die Anführungszeichen zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet. Die aus den Gesundheitssystemen vorgegebenen Begriffe wie „übergewichtig“ oder „adipös“, die sich an Zahlen wie Gewicht oder BMI (Body-Mass-Index) orientieren und eine gewünschte Norm repräsentieren, werden nur zur Überprüfung statistischer Daten bzw. im Zusammenhang mit objektiv gemessenen Werten verwendet.

Während äußere Merkmale wie z.B. Hautfarbe, Geschlecht oder Körpergröße genetisch bedingt sind und etwaige negative Zuschreibungen ausschließlich sozial konstruiert sind, wird dies bei dicken Menschen in der heutigen Leistungs-gesellschaft differenziert betrachtet. Hier wird sowohl im direkten Kontakt, von Institutionen aber auch im Selbstbild im Zusammenhang mit sozialen Benach-teiligungen oft der Ausspruch “Selbst schuld!“ verwendet. Die oder der Betreffende bräuchte doch nur gesünder und weniger essen und mehr Sport betreiben und schon wäre das Problem behoben. Wenn diese Personen dies nicht „wollten“ und dadurch ein gesundheitsgefährdendes Verhalten aufweisen würden, dann sei auch eine Benachteiligung gerechtfertigt.

Ausgehend von Statistiken, die eine soziale Benachteiligung übergewichtiger und adipöser Menschen belegen (hier gemessen am BMI) wird in der Hausarbeit der Frage nachgegangen, welche sozialstrukturellen Kriterien ein dickmachendes Verhalten fördern und inwiefern das Selbst- und Fremdbild durch die heutige Leistungsgesellschaft geprägt wird bzw. diese auch prägt.

Dazu wird im zweiten Kapitel vorerst definiert, was unter „Leistungs-gesellschaft“ zu verstehen ist sowie zur Einordnung der Titel gebenden Frage „Selbst schuld?“ unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema der sozialen Gerechtigkeit dargelegt.

Im dritten Kapitel werden auf die durch den Habitus verursachten unterschiedlichen Lebensstile sozialer Gruppen eingegangen (Bourdieu, 1987). In diesem Zusammenhang werden auch Statistiken bezogen auf den europäischen Raum angeführt. Bourdieus Theorien dienen als Basis zum besseren Verständnis der für dicke Menschen bereits einverleibten Gewohnheiten. Als weitere sozial-theoretische Perspektive wird das zunehmende Schamgefühl in Elias „Theorie der Zivilisation“ (1997a) herangezogen, wodurch gerade in der heutigen Leistungsge-sellschaft das Dicksein negativ konnotiert ist.

Thema des vierten Kapitels ist die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Zuerst werden die Auswirkungen durch die Selbstwahrnehmung von Menschen, die sich als zu dick betrachten, behandelt und zwar insbesondere von Jugendlichen. Hier wird vor allem auf die Ausführungen von Barlösius „Dicksein - wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt“ (2014) eingegangen, um aufzuzeigen, inwiefern die Vorgaben der Leistungsgesellschaft und die damit verbundenen Vorurteile von den Betreffenden selbst bereits verinnerlicht wurden. Dies stehe im Zusammenhang damit, dass der Körper als Basis einer Klassifizierung diene, eine Kategorisierung, die durch Institutionen und auf individueller Ebene vorgenommen werde (vgl. ebd.:192), wiederum Auswirkungen auf die Fremdwahrnehmung hat und somit zur Diskriminierung dicker Menschen führt.

Zuletzt wird in Beantwortung der Titel gebenden Frage „Selbst schuld?“ der Zusammenhang zwischen den zu Grunde liegenden sozialen Bedingungen und der Wechselwirkung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung dargelegt sowie die gesellschaftlichen Hintergründe und Ursachen für die gegen dicke Menschen gerichteten Vorurteile beleuchtet.

2. Leistungsgesellschaft und soziale Gerechtigkeit

Was versteht man unter „Leistungsgesellschaft“? Allgemein und idealtypisch wird sie definiert als Gesellschaft „in der sich der soziale Status aller Gruppierungen und aller Mitglieder nach erbrachten Leistungen für die Gesamtheit bestimmt“ (Fuchs-Heinritz 2007: 393). Die Definition trifft in diesem Sinne nur bedingt auf die heutige Gesellschaft zu, erlangen doch durch die Akkumulation des Reichtums als Effekt des Kapitalismus Mitglieder der Gesellschaft - z.B. auf Grund von Vererbung eines hohes Vermögens - einen höheren Status als andere, die eventuell mehr für die Allgemeinheit leisten. Umgekehrt gibt es Menschen, die viel für das Gemeinwohl leisten, z.B. in der Kindererziehung oder im Ehrenamt, und dafür keine Entlohnung erhalten. Wenn man also als „sozialen Status“ die - basierend auf den drei Kapitalsorten nach Bourdieu (siehe nächstes Kapitel) – errungene Position in der Gesellschaft betrachtet, so richtet sich dieser Status nicht ausschließlich nach der Leistung des Einzelnen.

Prinzipiell sei ein ökonomischer Leistungsvergleich überhaupt nicht möglich, verdiene doch z.B. ein Bankangestellter/eine Bankangestellte durchschnittlich mehr als eine Pflegekraft, weil die Bank über mehr Geld verfügt als das Pflegeheim. „Streng genommen gibt es keine absolute ökonomische Leistung, allenfalls eine individuelle ökonomische Leistungs fähigkeit “. Ökonomische Leistung sei also immer in den gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet (vgl. Wagner 2015: 49f).

Dennoch kann man in der westeuropäischen Gesellschaft von einer Leistungsgesellschaft sprechen unter der Prämisse, dass durch das Leistungsprinzip soziale Gerechtigkeit angestrebt werden soll. Dabei unterscheidet man vor allem zwischen zwei unterschiedlichen Ansichten einer gerechten Gesellschaft: dem Liberalismus und dem Sozialismus bzw. Konservatismus. Beim Liberalismus bilden die Handlungen und Leistungen des Individuums die Basis von zugestandenen Ressourcen; Eigenverantwortung und Schutz des Privateigentums stehen im Vordergrund. Im Unterschied dazu empfinden Sozialisten und Konservative die kollektive Wohlfahrt als gerecht; die Verteilung der Güter soll vom Staat bzw. der Gemeinschaft gelenkt werden (vgl. u.a. Nollert 2008: 89). Durch die Gründung des Sozialstaats in den westeuropäischen Ländern wurde ein sozialistisches Modell der sozialen Gerechtigkeit eingeführt, zum Schutz derjenigen, die weniger oder nichts leisten können

Dennoch folgt auch der Sozialstaat bzw. dessen Erweiterung (z.B. Bildung, umverteilendes Steuersystem usw.) in Form des Wohlfahrtsstaats dem Leistungsprinzip: Es werden zwar größtenteils jene Menschen unterstützt, die ihr Leben aus Eigenleistung nicht (mehr) bestreiten können. Diese Leistungsunfähigkeit ist aber auch die Bedingung für finanzielle Zuwendungen. So wird z.B. eine prinzipielle „Arbeitswilligkeit“ (z.B. österreichisches Arbeitslosenversicherungsgesetz AIVG §9) während des Bezugs von Geld aus der Arbeitslosenversicherung gefordert oder ärztliche Atteste über die Leistungsunfähigkeit angeordnet. Das bedeutet, dass auch der Sozialstaat dem Leistungsprinzip folgt; es gibt (noch) kein bedingungsloses Grundeinkommen.

Grund für die Einhaltung des Leistungsprinzips ist, dass der Sozialstaat aus den Steuern der arbeitenden Bevölkerung finanziert wird, die dies nur dann als gerecht empfindet, wenn der andere zwar die Leistung erbringen will, jedoch unverschuldet nicht kann.

Es wird also an die Solidarität der Erfolgreichen appelliert, diese jedoch nicht zu sehr strapaziert, sodass diejenigen, die nicht die entsprechende Leistung erbringen können, lediglich mit Mindeststandards ausgestattet werden (vgl. Meulemann: 120). Es handelt sich somit nicht um gleiche Verteilung oder gleiche Chancen unabhängig von der Leistungsfähigkeit, sondern um das Gerechtigkeitsempfinden der Leistungsträger.

Meulemann unterscheidet daher auch zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit. Während Chancengleichheit für ihn lediglich gleiche Chancen bei gleicher Herkunft bedeutet, wird mit der Chancengerechtigkeit auch der Leistungsbegriff verknüpft:

„Weil Leistung Ungleichheit rechtfertigt und weil Herkunft und Leistung miteinander zusammenhängen, geht aus der Forderung nach gleichen Chancen die Forderung der gleichen Chancen bei gleicher Leistung hervor. Aus Chancengleichheit wird dann Chancengerechtigkeit “ (ebd.: 120, Hervorhebung durch Autor).

Die Chancengerechtigkeit besagt folglich auch, dass „selbst verschuldete“ Leistungseinschränkungen auch ein geringeres Recht auf Zugriff auf Ressourcen wie Einkommen, Bildung, Macht usw. bedingen. Inwiefern dieses Bild der ungenügenden Leistungsfähigkeit mit dem Phänomen des Dickseins zusammenhängt bzw. inwiefern es sozial konstruiert ist, wird im Kapitel 4 (Wahrnehmung des Dickseins) sowie im Kapitel 5 („Selbst schuld?“) näher erläutert.

3. Grundlegende Theorien zur Einordnung des Themas

Für das Thema wurden die Theorien von zwei Klassikern der Soziologie gewählt, die eine relevante Gemeinsamkeit aufweisen: Beide gehen davon aus, dass die Sitten und Gebräuche der Oberschicht einer Gesellschaft sich von der Mittel- und Unterschicht unterscheiden. Während Bourdieu dies als distinktiven Lebensstil einer sozialen Klasse begründet, der jeweils mit einem bestimmten Geschmack ein-hergeht (Bourdieu 1987: 405ff), sieht Elias eine über die Jahrhunderte andauernde Übernahme der höfischen Sitten auf die restliche Gesellschaft in Form eines „Zivilisationsprozesses“ (Elias 1997). Auf die unterschiedlichen Herangehensweisen und die daraus für das Thema wesentlichen Erklärungen wird nun eingegangen.

3.1 Habitus und Geschmack (Bourdieu)

Um die Relevanz von Bourdieus Theorien für das Thema zu argumentieren, werden vorab zwei seiner Definitionen dargelegt, die dafür ausschlaggebend sind, nämlich der „Habitus“ und die „sozialen Klassen“.

Habitus

Beim Habitus handelt es sich nicht nur lediglich um eine allgemeine Definition des Begriffs im Sinne von „Gewohnheiten“, sondern Bourdieu hat dafür eine eigene Theorie entwickelt:

„Habitus kann als ein subjektives, aber nicht individuelles System verinnerlichter Strukturen angesehen werden; Strukturen des Denkens und der Wahrnehmung, die allen Mitgliedern derselben Gruppe oder Klasse gemein sind“. (Bourdieu 2012: 188).

Der Habitus wird von Bourdieu als System charakterisiert, weil er der Logik seiner Genesis folgt: Das bedeutet, dass es in jedem Lebenslauf zu einer Restrukturierung des Habitus kommt, wobei seine Struktur primär durch die familiären Gegebenheiten, in die man hineingeboren wird, gebildet wird. Der Habitus verändert sich bzw. wird restrukturiert in der Folge im Jugendalter durch Erfahrungen in Bildungseinrichtungen und auch noch im Erwachsenenalter durch weitere Erlebnisse. Die erste Strukturierung durch das familiäre Umfeld ist jedoch die stabilste (vgl. ebd.: 188f). Eine Veränderung ist danach nur noch zögerlich möglich. Die Trägheit des Habitus gegenüber Veränderungen bezeichnet Bourdieu als „Hysteresis-Effekt“ (ebd.: 183).

Ein essentieller Punkt für das vorliegende Thema ist die Aussage, dass der Habitus „verinnerlicht“ sei oder, wie Bourdieu noch näher ausführt „inkorporiert“. Es handele sich also um eine körperliche Eigenschaft, die aufrecht erhalten werde. Der Habitus sei „verinnerlichte, inkorporierte Geschichte, in ihm wirkt die ganze Vergangenheit, die ihn hervorgebracht hat, in der Gegenwart fort“ (Krais 2002: 6).

Dies unterscheidet Bourdieus Theorie von der Sozialisationstheorie, nach der sich Gewohnheiten lediglich durch den familiären oder gesellschaftlichen Einfluss entwickeln, während der Habitus „einverleibt“ ist, d.h. sich die Erfahrungen in den Körper einprägen und daraus die Wahrnehmung, das Denken und das Handeln hervorgehen.

Kritisieren mag man an der Theorie des Habitus, dass der soziale Status, der im Leben erreicht werden kann bereits vorprogrammiert sei. Dies dementiert Bourdieu, dem Individuum stehe ein Aufstieg offen, wenn auch eine Änderung meist nur verzögert stattfinde. Soziales Handeln sei nicht determiniert (vgl. Bourdieu 1987: 33). Im allgemeinen sei eine Veränderung aber meist nicht der Fall wie Bourdieu in seinen Studien des Lebensstils der französischen Gesellschaft der 60er und 70er Jahre zeigt.

Soziale Klassen

Bourdieu unterscheidet zwischen drei sozialen Klassen, die wiederum an das Vorhandensein von ökonomischem und kulturellem Kapital gekoppelt sind. Im Wesentlichen differenziert er zwischen drei Kapitalsorten: dem ökonomischen, welches das Vermögen bzw. das Einkommen darstellt; dem kulturellen, welches den Bildungsgrad beschreibt und dem sozialen Kapital, welches das Netzwerk an Beziehungen darlegt. Das kulturelle Kapital ist das mit dem Habitus verknüpfte Kapital, welches inkorporiert ist (Bourdieu 1983: 186). Die drei Kapitalsorten sind ineinander konvertierbar. So kann z.B. mit entsprechendem Vermögen eine gute Ausbildung finanziert werden und eine entsprechende Ausbildung wiederum die Voraussetzung für einen gut dotierten Job sein. Auch das symbolische Kapital, wozu auch der Körper zählt, lässt sich in andere Kapitalarten konvertieren: So könne „ beispielsweise gutes Aussehen und körperliches Talent in ökonomisches Kapital […] verwandelt werden“ (Gugutzer 2004: 68).

Je nach vorhandenem Kapital teilt Bourdieu die Bevölkerung in drei soziale Klassen ein: Die herrschende oder legitime Klasse, die Mittelschicht bzw. das Bürgertum und die beherrschte Klasse, wobei die herrschende Klasse über hohes ökonomisches und bzw. oder kulturelles Kapital verfügt und die beherrschte Klasse beide Kapitalsorten nur in geringem Umfang besitzt.

Geschmack

In seinen Studien des Lebensstils der sozialen Klassen stellte Bourdieu fest, dass die herrschende und die beherrschte Klasse jeweils einen eigenen Geschmack haben, nach denen sich ihr gesamter Lebensstil richtet: Die Angehörigen der legitimen Klassen weisen demnach einen „Luxusgeschmack“, die Angehörigen der beherrschten Klasse einen „Notwendigkeitsgeschmack“ auf. Dem Bürgertum weist er keine eigene Geschmacksrichtung zu, sie würden lediglich die herrschende Klasse imitieren (vgl. Bourdieu 1987: 289ff).

Den Unterschied zwischen Luxusgeschmack und Notwendigkeitsgeschmack erklärt Bourdieu mit den Worten „Form und Substanz“ (ebd.: 288). Unter Form ist einerseits die Qualität der Dinge gemeint, auf die Anhänger des Luxusgeschmacks frei achten können, aber auch die geregelten Abläufe während des Essens, die vor allem vom Kleinbürgertum zelebriert werden. Hier wird auf Disziplin und Trieb-unterdrückung wert gelegt. (ebd.: 315). Dem entgegengesetzt müssen Menschen mit Notwendigkeitsgeschmack auf die Substanz der Dinge, also die Quantität achten, um mit ihrem Einkommen auszukommen. Die Stillung der Primärbedürf-nisse stehe im Vordergrund. In Bezug auf Ernährung beschreibt Bourdieu den Notwendigkeitsgeschmack der „Mittellosen“ wie folgt: Sie seien

„abgestempelt als jene, ‚die nicht zu leben verstehen‘, die das meiste für ihr leibliches Wohl hergeben, dazu noch für schwerstverdauliche, fetteste und fettmachende Nahrung wie Brot, Kartoffeln und sonstige fetthaltige Speisen“ (ebd.: 292).

Diese Art der Ernährung schlägt sich im Körperbau nieder, sodass Bourdieu folgert, „dass der Körper die unwiderlegbarste Objektivierung des Klassenge-schmacks darstellt“ (ebd.: 307).

Kritisieren an der Bezeichnung Geschmack“ könne man, dass der Notwendig-keitsgeschmack kein Geschmack sei, da die Betroffenen auf Grund ihrer prekären Situation nicht frei wählen können, ob sie den größten Teil ihres Einkommens in Ernährung investieren und billige, nahrhafte Lebensmittel bevorzugen oder nicht (vgl. Barlösius 1999: 116).

Neben dieser Kritik schlägt Barlösius einen dritten Geschmack vor, nämlich den „Vegetarismus“. Diesen sieht sie in der heutigen Gesellschaft als dominant gegenüber dem distinguierten Luxusgeschmack, aber auch in Distanz zum Not-wendigkeitsgeschmack. Die meisten Anhänger des Vegetarismus seien aus dem Mittelstand und lebten im urbanen Bereich. Mit dem Vegetarismus sei auch all-gemein ein Lebensstil verbunden, der den moralischen Anforderungen an ein gesundes, auf die Natur achtendes und ökonomisch ausgeglichenes Leben gerecht wird (vgl. ebd.: 118ff).

Doch warum sollte man diese Lebensweise und den daraus resultierenden dritten Geschmack nur auf den Vegetarismus beschränken? Man könnte ihn auch allgemein als einen Geschmack definieren, der auf Natur und Gesundheit ausgerichtet ist, in Bezug auf Ernährung biologische Lebensmittel bevorzugt und den Vegetarismus unter anderen beinhaltet.

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Details

Seiten
24
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668956940
ISBN (Buch)
9783668956957
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470471
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Schlagworte
Soziale Ungleichheit Bourdieu Barlösius Elias Leistung Übergewicht Körper

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