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Das Kréyol Gwadloupéyen. Welche Strategien zur Relativsatzbildung gibt es?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 27 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der historische und linguistische Hintergrund
2.1 Die Entstehung des Kréyòl
2.2 Departmentisierung und ihre Auswirkungen auf die Sprachsituation

3. Relativsätze
3.1 Relativpronomen, Relativpartikel und Relativum
3.2 Typologie von Relativsätzen

4. Strategien zur Relativsatzbildung im Kréyòl Gwadloupéyen
4.1 Subjekt Relativsatz
4.2 Objekt Relativsatz
4.3 Präpositionale Relativsäztze
4.4 Realtivsätze mit Wh-Bewegung
4.5 Appositive und Restriktiv Relativsätze
4.6 Der Marker la

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Arbeit befasst sich mit Relativsätzen im Kréyòl Gwadloupéyen, einer Kreolsprache, deren Lexifizierersprache das Französische ist und die hauptsächlich auf Guadeloupe gesprochen wird. Es handelt sich bei dieser Arbeit um eine deskriptive Analyse, die eine Übersicht geben soll, auf welche Weise und mit welchen syntaktischen und morphologischen Strategien in dieser Kreolsprache Relativsätze gebildet werden können.

Die Arbeit ist so aufgebaut, dass im ersten Teil die Entstehung der Kreolsprache betrachtet wird, die damit verbundenen historischen Ereignisse aufgezeigt werden und eine kurze Beschreibung der heutigen Sprach- und Sprechersituation gegeben wird. Es folgt ein zweiter Teil, der eine allgemeine Definition von Relativsätzen liefert, und die für diese Arbeit notwendigen Termini festlegt. Der dritte Teil der Arbeit bildet den Hauptteil, der sich konkret mit dem Relativsatz im Kréyòl Gwadloupéyen befasst. Ich werde dabei zunächst auf die unterschiedlichen Relativa eingehen, und anschließend die möglichen Strategien zur Relativsatzkonstruktion aufzeigen. Abschießend gehe ich kurz auf die Unterscheidung von restriktiven und appositiven Relativsätzen und die Besonderheit der Relativsatzmarkierung durch la ein. Im Fazit werde ich neben der Zusammenfassung meiner Analyse auch einen kurzen Ausblick darauf geben, welche weiteren Fragestellungen diese Arbeit aufwirft. Es sei an dieser Stelle nämlich bereits gesagt, dass hier viele Fragen und Faktoren außer Acht gelassen werden müssen, da die Thematik in all ihrer Komplexität nicht im Rahmen dieser Hausarbeit erfasst werden kann.

2. Der historische und linguistische Hintergrund

Die neuzeitliche Geschichte Guadeloupes, und somit die Geschichte des Kréyòl Gwadloupéyen (im Folgenden mit GuaKr abgekürzt), beginnt mit der ersten West- Indienreise von Christoph Kolumbus 1493. Sie war zu dem Zeitpunkt vom indigenen Stamm der Arawak bewohnt, die die Insel Karukera, „die Insel der schönen Wasser“ nannten. Durch Kolumbus wurde ihr heutiger Name Guadeloupe geprägt. Mit der Gründung der Handelsgesellschaft Compagnie des Isles d`Amérique, begann die Kolonisierung durch Frankreich. Charles Liénard de l`Olive und weitere Kolonialherren brachten sukzessiv Franzosen auf die Insel, doch reichte dies nicht aus, um der großen Nachfrage an Arbeitskräften für die Zuckerrohranbau nachzukommen. Dies führte vermehrt zum Import von Sklaven aus verschiedenen afrikanischen Ländern nach Guadeloupe, sodass gegen Mitte des 17. Jahrhunderts fast ebensoviele Weiße wie Schwarze auf der Insel lebten. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich die Massenverhältnisse jedoch stark verändert. Schwarze bildeten 1870 mit etwa 92 % die Mehrheit, Weiße mit 8 % die Minderheit (vgl. Reutner 2005: 5-8).

2.1 Die Entstehung des Kréyòl Gwadloupéyen

Diese sozialen und ökonomischen Gegebenheiten trugen zur Entstehung des GuaKr bei. Sowohl bei den Weißen als auch den Schwarzen handelte es sich um sprachlich heterogene Gruppen. Die Franzosen kamen aus unterschiedlichen Regionen Frankreichs, sprachen also verschiedenen Dialekte. Auch in sozio-linguistischer Hinsicht kann man nicht von einer homogenen Zusammensetzung sprechen, da sie unterschiedlichen sozialen Schichten angehörten. Allerdings könnte man die französischen Siedler als sprachlich eher homogene Gruppe zusammenfassen, vergleicht man sie mit den Versklavten, die aus diversen afrikanischen Ländern stammten, und somit zum Teil gänzlich verschiedene Sprachen beherrschten. Hinzu kam, dass die Kolonialherren oftmals absichtlich gleichsprachige Sklaven auf unterschiedlichen Plantagen arbeiten ließen, um eine Verständigung und somit einen Zusammenhalt und mögliche Auflehnung gegen das Kolonialsystem zu unterbinden 92 % die Mehrheit, Weiße mit 8 % die Minderheit (vgl. Reutner 2005: 5-8). Da die Verständigung zwischen Afrikanern und Franzosen aber auch die Verständigung der Sklaven untereinander für alltägliche sowie arbeitsrelevante Situationen unabdingbar war, erwuchs die Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache. Durch den sozio- ökonomisch und sozio-linguistisch höheren Status des Französischen waren die Versklavten gezwungen, die Sprache - oder zumindest ein „ français approxi- mativ “ (Reutner 2005: 7) - soweit zu lernen, dass zumindest eine minimale Kommunikation möglich war. Mit dem Sprachkontakt zwischen den afrikanischen Sprachen der neu angekommen Sklaven und dem français approximativ der Kreolsklaven begann der Kreolisierungsprozess. 1 Bis Ende des 18. Jahrhunderts hat sich die Kreolsprache auf Guadeloupe etabliert (vgl. Reutner 2005: 8).

1848, wurde unter der Leitung des Humanisten Victor Schoelcher ein Ausschuss einberufen, dem es gelang, die Abschaffung der Sklaverei durchzusetzen. Darauf folgte eine Massenflucht von den Plantagen, jedoch kamen viele auf Grund von mangelnden eigenen Ressourcen wieder zurück (vgl. Reutner 2005: 9-12). Insgesamt stellte sich aber ein deutlicher Arbeitskräftemangel ein, da keine neuen Sklaven importiert werden durften. Folglich begann eine starke Immigration aus armen Gebieten Indiens, sodass zwischen 1850 und 1914 etwa 38.000 indische Vertragsarbeiter nach Guadeloupe kamen. Dies wirkte sich beispielsweise deutlich auf die Lexik des Kreol aus (vgl. Colot & Ludwig 2013).

2.2 Departementalisierung und ihre Auswirkung auf die Sprachsituation

Durch Gesetz no 46-451, das am 19.März 1946 in Frankreich verabschiedet wurde, erhielt Guadeloupe den Status eines französischen Überseedepartments. Diese neue politische Situation brachte nicht nur politische, ökonomische sondern auch kulturelle Veränderungen mit sich, die sich auch auf die Sprache auswirkten. Französisch wurde offizielle Amtssprache, Bildungssystem und Verwaltung wurden dem System im hexagonalen Frankreich angeglichen. Um diese Veränderungen tatsächlich umsetzen zu können, war es notwendig, dass Franzosen vom Festland nach Guadeloupe kamen, und dort vor allem hohe Positionen im Verwaltungs-, Bildung- und Gesundheitssektor übernahmen. Außerdem wurden französische Radiosendungen nun auch auf Guadeloupe ausgestrahlt, gleiches galt später auch für das Fernsehprogramm. Es kam also zum starken „Import“ des hexagonalen Französisch nach Guadeloupe. Dies hatte zur Folge, dass das GuaKr einen Einfluss des Französischen erfuhr und auch das Französische von GuaKr beeinflusst wurde (vgl. Schnepel 2004: 66-70).2 Daraus entstand die heutige Sprachsituation. Es werden auf Guadeloupe drei Sprachen/ Varietäten gesprochen: Standardfranzösisch, GuaKr und lokales Französisch (auch Inselfranzösisch).

3. Relativsätze

Als Relativsätze bezeichnet man zunächst laut Definition „[…] alle untergeordneten Sätze und satzartigen Konstruktionen […], die ein Nominal modifizieren, welches in ihnen Selbst eine semantische Rolle hat.“ (Lehmann 1984: 47).3 Relativsätze sind also nicht nur auf semantischer oder syntaktischer Ebene definierbar, sondern bedürfen einem Zusammenspiel beider Ebenen. Dies kann durch ein Beispiel noch spezifiziert und näher erläutert werden.

(1) Sie sieht eine schöne Frau, die einen Rock trägt.

Die NP e i ne schöne Frau enthält also in diesem Beispiel das Bezugsnominal (BN) Frau, welches auch als Antecendent bezeichnet wird, wobei eine in diesem Fall der indefinite Determinierer des N ist. Das BN ist im Matrixsatz (Matrix), also dem übergeordneten Satz Sie sieht eine schöne Frau, enthalten . Die zweite Konstituente die einen Rock trägt ist der Nebensatz, und ist subordiniert. In diesem Fall handelt es sich um einen Relativsatz (RS). Er wird hier durch das Relativpronomen (RPro) die eingeleitet. Auf semantischer Eben hat der RS, ähnlich wie hier das Adjektiv schöne eine attributive Funktion. Es ist das Attribut des BN, und modifiziert dieses somit. Deshalb kann auch von Attributivsätzen gesprochen werden. Auch das Hyperonym Relativkonstruktion (oder Relativphrase) ist ein nicht unbedeutender Begriff, da gerade außerhalb der Standardsprache,4 Relativkonstruktionen häufig der definierten Norm eines korrekt geformten Satzes widersprechen (vgl. Schafroth 1993: 8f).

Für RS allgemein und vor allem für die Betrachtung von RS in einer Kreolsprache ist es unabdingbar, die bereits genannte Kategorie der Relativpronomen näher zu definieren. Vorweg sei gesagt, dass das Vorhandensein eines Relativpronomens nicht als notwendige Bedingung für einen RS gelten kann (vgl. ebd.). Folgende Aspekte begründen dies:

Es ist unmöglich, den Begriff des Relativpronomens sei es als elementar zu behandeln, sei es unabhängig von dem des RSes zu definieren und dann auf seiner Basis den Begriff des RSes zu definieren. Vielmehr setzt der Begriff 'Relativpronomen' den Begriff 'RS' voraus. (Lehmann 1984: 47)

3.1 Relativpronomen, Relativpartikel und Resumptivum

Auch wenn RPro nicht als notwendige Bedingung für RS gelten können, sind sie z.B. im Französischen dennoch häufig vorhanden. Um eine universelle Herangehensweise an die Möglichkeiten der RS-Konstruktion zu beschreiben, ist es sinnvoller, zunächst allgemein vom Relativum oder Relativierern (R) zu sprechen.5 Diese können in folgende Kategorien näher differenziert werden (vgl. Vries 2002: 62):

a) Relativpronomina (RPro)
b) Relativpartikel (RPar)
c) Resumptive Pronomina (RES)

Um RPro und und RPar voneinander abgrenzen zu können, lassen sich die drei möglichen Funktionen dieser beiden Elemente heranziehen (vgl. Schafroth 1993: 13f):

1. Subordinationsfunktion: Das Element ordnet den Nebensatz (also den RS) der Matrix syntaktisch unter.
2. Attributionsfunktion: Das Element dient der Identifikation des BN durch morphologische Mittel (es ist kongruent zum BN). Es ergänzt das BN attributiv.
3. Leerstellenbildungsfunktion: Das Element „füllt“ die Lücke im RS, die durch das BN entsteht, das im RS semantisch wieder aufgenommen wird (ohne tatsächlich wieder genannt zu werden) . Es drück außerdem die syntaktische Funktion des BN im RS aus.

Wenn nun ein in einem RS vorkommendes R diese Funktionen aufweist, dann „ist es desto mehr ein Relativpronomen, je freier es ist und je mehr von den drei Funktionen […] es erfüllt.“ (Lehmann 1984: 250). Daraus ergibt sich, dass R, die 2 oder mehr der Funktionen 1 bis 3 erfüllen, als RPro klassifiziert werden. Erfüllen sie allerdings nur eine der Funktionen, so handelt es sich dabei um RPar. Wenn nun die RPar lediglich die Subordinationsfunktion erfüllt, so kann zusätzlich die syntaktisch-semantische Funktion des BN im RS durch ein Resumptivum (RES) ausgedrückt werden. Bei einem RES handelt es sich um ein anaphorisches Element, das oft in Form eines (klitischen) Pronomens, Adverbs oder als Personalpronomen (in Verbindung mit einer Präposition) vorkommt (vgl. Schafroth 1993: 14). RES treten nicht in Verbindung mit RPro auf und sind nicht von der W-Bewegung, also der satzinitialen Platzierung, betroffen (vgl. Vries 2002: 165).

3.2 Typologie der Relativsätze

Semantisch betrachtet, lassen sich zwei Typen von RSen unterscheiden: (a) restriktive Relativkonstruktion und (b) appositive Relativkonstruktion. Restriktive RS sind „notwendige“ RS. Sie fügen dem BN ein Attribut an, welches diesem größerer Intension und geringerer Extension zuschreibt, sodass es also enger eingegrenzt wird. Appositive RS hingegen, fügen dem RS lediglich ein additionales Attribut hinzu. (vgl. Lehmann 1984: 261f). Das Beispiel (2) zeigt, inwieweit sich diese beiden RS-Typen semantisch voneinander unterscheiden.

(2) (ebd.)

Schlangen, die einen stumpfen Schwanz haben, sind giftig.

Wird (2) als restriktiver RS interpretiert, so sind lediglich die Schlangen giftig, die einen stumpfen Schwanz haben. Die appositive Interpretation würde bedeuten, dass alle Schlangen giftig sind und einen stumpfen Schwanz haben. Das Beispiel zeigt auch, dass sich appositive und restriktive RS syntaktisch nicht notwendigerweise unterscheiden lassen. Im Standardfranzösischen lässt sich die Unterscheidung der restriktiven und appositiven RS generell anhand der Kommata ableiten. So werden appositive RS im Französischen durch Kommata von ihrer Matrix abgetrennt wohingegen restriktive RS ohne Kommata in die Matrix integriert werden (vgl. Grevisse 2008: 1432f).

(3) a) Les étudiants qui ont déjà mangé peuvent partir. (Parmi tous les étudiants, ceux qui ont déjà mangé peuvent partir.)

b) Les étudiants, qui ont déjà mangé, peuvent partir. (Tous les étudiants ont déjà mangé et peuvent partir.)

[...]


1 Reutner (2005) benutzt diese Bezeichnung für die in den Kolonien geborenen Sklaven.

2 Dies ist eine extrem vereinfachte Darstellung. Es spielen unterschiedliche Faktoren in diesen Sprachkontakt eine große Rolle, nicht zu letzt auch der sozio-linguistische Aspekt. Für diese Hausarbeit sind diese Faktoren allerdings nicht unbedingt von Bedeutung bzw. würden sie in ihrer Komplexität weit über den Rahmen dieser Hausarbeit hinaus gehen.

3 Diese Definition schließt zunächst keine freie Relativsätze ein, die kein Bezugsnominal besitzen bzw. dieses „versteckt“ ist. Da diese Art der Relativsätze in dieser Arbeit nicht behandelt werden, reicht die Definition aus.

4 Schafroth betrachtet sowohl Dialekte und gesprochenem Substandard (also auch Kreolsprachen) als Nicht- Standardsprache. Allerdings sei dahingestellt, ob Kreolsprachen nicht auch als eigenen Sprachen bezeichnet werden können, die einen eigenen von ihrer Lexifizierersprache unabhängigen Standard aufweisen.

5 Diese Begriffe entsprechen in dieser Arbeit dem frei aus dem englischen übersetzten Begriff „relative element“, den Vries (2002) verwendet.

Details

Seiten
27
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668950900
ISBN (Buch)
9783668950917
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470632
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Schlagworte
kréyol gwadloupéyen welche strategien relativsatzbildung

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