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Platons Erziehungskonzept in der "Politeia" und die antike Staatserziehung Spartas

Ein Vergleich

Hausarbeit 2016 18 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhalt

1 „Wanderer, kommst du nach Spa“

2 Platons Erziehungskonzept in der „ Politeia“ im Vergleich mit der antiken Staatserziehung Spartas
2.1 Erfassung von Geburt an
2.2 Die Erziehungslaufbahn
2.2.1 Ziele der Erziehung
2.2.2 Bestandteile der Erziehung
2.3 Die Erziehung der Mädchen
2.3.1 Vorformen der Gleichberechtigung?

3 Fazit und Ausblick auf die Weiterentwicklung der Konzepte

4 Literaturverzeichnis

1 „Wanderer, kommst du nach Spa…“

„Wanderer, kommst du nach Sparta, / verkündige dorten, du habest / Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ So lautet das weithin bekannte Thermopylen-Epigramm in der deutschen Version nach Friedrich Schiller.1

In Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Wanderer, kommst du nach Spa…“ bringt der Beginn des Distichons dem im zweiten Weltkrieg verwundeten Protagonisten die endgültige Erkenntnis, dass das Lazarett, in das er gebracht wurde, seine alte Schule ist. Interpretiert man diese Erzählung, stößt man unvermeidlich auf den Zusammenhang zwischen nationalsozialistisch geprägter Bildung und dem Opfergedanken, der im Epigramm anklingt, welches in seiner ursprünglichen Form zu Ehren der 480 v. Chr. in der Schlacht bei Thermopylae gefallenen Spartaner verfasst wurde.2 Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Tatsache, dass die Schule ein humanistisches Gymnasium ist,3 also v. a. auch die Denkweisen antiker Staatsmänner und Philosophen gelehrt werden, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auch Platon.

Es scheint, als ob eine autoritäre bis totalitäre Erziehungsmethodik wie die des Dritten Reiches durchaus im Einklang mit Systemen wie dem des antiken Sparta oder den Vorstellungen des Philosophen Platon stehen können. Zwischen diesen letzten beiden gibt es jedoch einen bedeutenden Unterschied: Sparta war eine real existierende polis, während hingegen der Staat, den Platon in seinem Werk „Politeia“ entwirft, im Bereich des utopischen Gedankenexperimentes anzusiedeln ist.

Ob dennoch Gemeinsamkeiten in den Erziehungskonzepten, die bei beiden die Grundlage für den Staatsaufbau bilden, zu finden sind, oder ob die Unterschiede doch überwiegen wird Gegenstand der folgenden Analyse sein.

Was Platon angeht, soll als Argumentationsgrundlage die Erziehungslaufbahn der Wächter dienen. Der Erziehung dieses Wehrstandes widmet Platon besondere Aufmerksamkeit, denn sie sind es, die „die militärische Gewalt inne[haben], von ihnen droht daher die Gefahr des Machtmißbrauchs.“4 Außerdem müssen sich auch die späteren Führer des Staates, die Philosophenkönige, der Erziehung der Wächter als eine Art Grundausbildung unterziehen.

Des Weiteren sind, wenn in der vorliegenden Arbeit von den spartanischen Jugendlichen gesprochen wird, die Kinder der Spartiaten, also der Vollbürger gemeint.

In beiden Systemen soll untersucht werden, inwieweit der Staat bereits direkt nach der Geburt in das Leben der jungen Bürger eingreift, anschließend stehen die Ziele und Bestandteile der Erziehung im Mittelpunkt der Betrachtung. Am Schluss wird eine Analyse der Erziehung und Ausbildung der Mädchen stehen, da diese im Vergleich zur restlichen antiken Welt einen Sonderfall darzustellen scheint.

Als literarische Grundlage dient zum einen natürlich die „Politeia“ von Platon (in der Ausgabe der deutschen Übersetzung nach Karl Vretska), die auch diverse informative und erläuternde Anmerkungen enthält. Mit einer guten Einführung und Werkinterpretation war hier v. a. Wolfgang Kersting eine große Hilfe, sowie in einzelnen Aspekten Ulrike Kleemeier, Georg E. Burckhardt und F. P. Hagers Beitrag im Jahrbuch der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft (Vol. 32). Einen Bogen von Sparta zu Platon hin spannt Marc Huys, der sich in seinem Aufsatz fundiert und nicht unkritisch mit dem Thema der Kindstötung auseinandersetzt.

Die Beschäftigung mit dem Thema „Erziehung in Sparta“ setzte aufgrund bisher fehlender Kenntnisse eine weitreichendere Recherche voraus. Besonders Ernst Baltrusch bietet in seinem knapp gehaltenen, aber dennoch interessanten und informativen Werk einen Überblick über zahlreiche Facetten dieser polis, ebenso hilfreich war Lukas Thommens „Sparta. Verfassungs- und Sozialgeschichte einer griechischen Polis“. Einzelne Aspekte konnte das „Handbuch der Erziehung und Bildung in der Antike“ genauer erläutern, ebenso verhielt es sich mit den Abhandlungen von Henri-Irénée Marrou, Thilo Ramm, Rainer Winkel sowie Klaus Prange in einem - ebenfalls von Winkel herausgegebenen - Band zu den „Pädagogischen Epochen“. Einen kritisch hinterfragenden Blick auf das System warfen Jean Ducat und Nigel M. Kennell, während Maria H. Dettenhofer wertvolle Informationen zur Rolle der Frau in Sparta und der antiken Welt überhaupt bot.

2 Platons Erziehungskonzept in der „Politeia“im Vergleich mit der antiken Staatserziehung Spartas

Möchte man das Erziehungsmodell des antiken Sparta mit Platons Vorstellungen in der „Politeia“ vergleichen, muss man sich bei der Betrachtung vor Augen führen, dass dieser aufgrund seiner Lebensdaten (5./4. Jahrhundert v. Chr.) nur das Sparta der klassischen Zeit kennen konnte. Die sog. agogé, die als typisch für Sparta geltende Erziehungsmethodik, ist wohl erst ein System des späten 3. Jahrhunderts5, die Quellen, die hiervon berichten, stammen aus einer Zeit „als Sparta bereits bedeutungslos war und nur noch eine Art Dialog mit seiner ruhmreichen Vergangenheit führte“6.

Nichtsdestotrotz lassen sich, neben einigen Unterschieden, zahlreiche interessante Parallelen zwischen den spartanischen und platonischen Erziehungskonzepten ziehen. Im Folgenden sollen verschiedene Bestandteile des spartanischen Systems erläutert und anschließend mit Elementen der Wächtererziehung in der „Politeia“ verglichen werden.

2.1 Erfassung von Geburt an

„Eines Tages dachte ich darüber nach, dass Sparta, wiewohl eine der bevölkerungsärmsten Städte, zur mächtigsten und berühmtesten Stadt Griechenlands geworden ist – und ich wunderte mich darüber, wie das geschehen konnte. Dann dachte ich an die Einrichtungen der Spartiaten, und ich wunderte mich nicht mehr.“7

So schreibt der griechische Schriftsteller Xenophon um 380 v. Chr. in seinem Werk über den Staat der Lakedaimonier, so der für die Spartaner damals gebräuchlichere Name.8

Tatsächlich weist der Staatsaufbau Spartas einige Besonderheiten auf, die auch auf die Erziehung und Ausbildung Einfluss hatten.

Schon kurz nach der Geburt mussten sich einige der neuen Bürger einer Kontrolle durch staatliche Gremien unterziehen. Ähnlich lässt Platon die Einwohner seines Idealstaates verfahren, „um die jeweils geborenen Kinder nehmen sich dann die Behörden an“9, heißt es dort. Platon geht jedoch noch weiter: Die „Kinder der Tüchtigen“10 werden von sogenannten „Pflegerinnen“11 versorgt, während „die Kinder der Schwächeren oder irgendwie mißgestaltete“12 an einem „geheimen und unbekannten Ort“13 versteckt werden. Verbirgt sich hinter dieser Formulierung ein Euphemismus für passive Euthanasie? Diese Annahme passt gut in das eugenisch anmutende Geburtenkontrollprogramm Platons, der ja gezielt die „besten“14 Männer und Frauen zusammen Kinder zeugen lassen will.15 Ähnlich klingt die Anweisung, Nachkommen von Wächtern, die das vorgesehene Zeugungsalter bereits überschritten haben (also über 40 jährige Frauen und über 50 jährige Männer), seien „so zu behandeln, als ob für ein solches Kind keine Pflege vorhanden wäre“16.

Andererseits könnte damit auch gemeint sein, dass Kinder, die den Qualitätsanforderungen der Wächter nicht genügen, nicht als solche, sondern (ebenso wie Kinder, die von ihrer Naturanlage her im Sinne des Metallmythos nicht „silbern“ sind) im Nährstand aufgezogen werden17, was dem Prinzip der Idiopragie, also der Herstellung von Gerechtigkeit durch den Grundsatz „jedem das seine“, entspräche.

Allgemein lässt sich wohl sagen, dass Platon es weitgehend vermeidet, genaue Angaben zum Umgang mit Neugeborenen, die nicht in das entworfene Staatsbürgerkonzept passen, zu machen. Er bleibt in allen relevanten Formulierungen recht vage. „At least his euphemistic language suggests his reservation on this matter“18, formuliert es Marc Huys.

War für diese Idee die spartanische Gesellschaft ein Vorbild?

Die Quellenlage in dieser Angelegenheit ist äußerst dürftig. Xenophon, von dem zahlreiche der Informationen, die die Wissenschaft heute über Sparta hat, stammen und der sonst meist ähnliche Darstellungen wie Plutarch aufführt, erwähnt eine Euthanasie „ungewollter“ Kinder mit keinem Wort. Um genau zu sein, ist Plutarchs Lykurg-Biographie der einzige Beleg für die Praxis der Kindstötung in Sparta, und dieses Werk entstand erst um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert nach (!) Christus. Welche Quellen Plutarch selbst nutzte, ist unbekannt, außerdem ist nicht auszuschließen, dass er – auch dem zeitlichen Abstand geschuldet - aus einer idealisierten Sicht auf Sparta heraus sein Werk verfasste.19

Folgt man dem Schriftsteller, so entschieden die Phylenältesten, ob ein Neugeborenes aufgezogen werden sollte. Was aus heutiger Sicht grausam erscheint, nahm damals den Eltern die Entscheidung ab, ob sie ein (behindertes) Kind behalten sollten bzw. mussten. Des Weiteren wurden wahrscheinlich nur die Nachkommen der bürgerlichen Elite auf diese Weise geprüft, denn sie waren es, die später den ohnehin schon kleinen Staat durch ihre „exclusive military and political occupations“20 am Leben erhalten mussten.

Ungeachtet der Frage, ob diese Erzählungen nur eine Erinnerung an einen dorischen Brauch (die Vorgänger der Spartaner wurden Dorier genannt)21 sind oder dieser tatsächlich auch noch in archaischer und klassischer Zeit praktiziert wurde, so könnte Platon tatsächlich von diesem Mythos, einem der vielen, die Sparta umrankten, gewusst, und diesen in seinen Überlegungen weiterentwickelt haben.

2.2 Die Erziehungslaufbahn

Was schon bei der Auswahl nach der Geburt angelegt ist, wird in der weiteren Erziehungslaufbahn der jungen Staatsbürger von Sparta bzw. des Idealstaates, den Platon entwirft, weitergeführt: eine vergleichsweise strenge und zielgerichtete Erziehungspolitik. Worin dieses Ziel besteht und wie genau derartige Systeme funktionieren, soll nachfolgend geklärt werden.

2.2.1 Ziele der Erziehung

Um die Erziehungsmethoden Spartas verstehen zu können, muss man sich vor Augen führen, dass die spartanische polis unterschiedlichen Gefahren ausgesetzt war: Innerhalb des Staates bildeten die Spartiaten, also die Vollbürger, den kleinsten Bevölkerungsanteil, während hingegen die Heloten (Unfreie, die man wohl am besten als „Staatssklaven“22 bezeichnen könnte) die zahlenmäßig überlegene Schicht bildeten. Die Heloten verrichteten alltägliche Arbeiten23 und wurden immer wieder gezielt unterdrückt und eingeschüchtert, blieben aber dennoch eine dauerhafte innenpolitische Bedrohung, wie die messenischen Aufstände zeigen.24

Zusätzlich war Sparta häufig in diverse Kriege mit anderen griechischen poleis verstrickt. Trotz seiner relativ geringen Größe war dies vergleichsweise oft von Erfolg gekrönt. Woher diese (militärische) Stärke herrührte, muss im Folgenden noch geklärt werden.

Um in der Lage zu sein, diese Unwägbarkeiten zu bewältigen und eine „Erhaltung des Gewonnenen“25 zu gewährleisten, muss ein Erziehungssystem straff organisiert sein, und das war es tatsächlich, wie sich noch zeigen wird. Keine unnötigen Elemente sollten die Ausbildung behindern, alles stand im Zeichen der Nützlichkeit.26

Neben dieser ist die zweite große Leitlinie das Ziel der Einheit im Staat, die eben durch die Erziehung erreicht werden soll. Dies gilt nicht nur für die polis Sparta, sondern auch für den in der „Politeia“ entworfenen Staat, denn gibt es „ein größeres Gut als jenes, das ihn zusammenbindet und zur Einheit macht?“27 Diese Frage wird von Sokrates‘ Gesprächspartner Glaukon natürlich negiert. Ein Staat der Einheit wirkt selbstverständlich stärker nach außen und ist weniger anfällig für Unruhen innerhalb, die schlimmstenfalls zum Bürgerkrieg ausarten28, im Vergleich zu dem es nach Platon kein „größeres Unglück für einen Staat“29 gibt.

Aus diesen Überlegungen heraus entsteht ein System der „Gemeinschaftserziehung“30, in dem Disziplin und Gehorsam sicher eine wichtige Rolle spielen, darüber hinaus jedoch v. a. auch gewünscht wird, dass sich die Bürger vollkommen mit der polis identifizieren31 und ihr komplettes Leben in den Dienst des Staates stellen32.

[...]


1 Aus: Der Spaziergang (1795): V. 97 f.

2 Vgl. Büchmann, Georg: Geflügelte Worte und Zitatenschatz. Stuttgart 1958: 256.

3 Vgl. Böll, Heinrich: Wanderer, kommst du nach Spa… Erzählungen. München 111973: 39.

4 Ramm, Thilo: Die großen Sozialisten als Rechts- und Sozialphilosophen. Erster Band. Die Vorläufer. Die Theoretiker des Endstadiums. Stuttgart 1955: 39.

5 Vgl. Christes, Johannes/Klein, Richard/Lüth, Christoph (Hg.): Handbuch der Erziehung und Bildung in der Antike. Darmstadt 2006: 128.

6 Baltrusch, Ernst: Sparta. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. München ³2007: 63.

7 Zitiert nach: ebd.: 11.

8 Vgl. ebd.: 13.

9 Plat. rep. 5, 460b.

10 Ebd. 460c.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd. 459d.

15 Vgl. ebd. 459d-460b.

16 Ebd. 461c.

17 Plat. rep., 3, 415b f. sowie vgl. Huys, Marc: The Spartan practice of selective infanticide and its parallels in ancient utopia tradition. In: Ancient Society 27 (1996): 60.

18 Huys 1996: 74.

19 Vgl. Huys: 47 f.

20 Ebd.: 62.

21 Vgl. ebd.: 57 f.

22 Baltrusch 2007: 31.

23 Der Nährstand in der „Politeia“ scheint als platonische Entsprechung nahezuliegen, jedoch ist zu beachten, dass dieser nicht direkt als unfrei gilt.

24 Vgl. Baltrusch 2007: 33 f. sowie Prange, Klaus: Erziehung und Pädagogik im Altertum. In: Winkel, Rainer (Hg.): Pädagogische Epochen. Von der Antike bis zur Gegenwart. Düsseldorf 1988, S. 21-58: 24.

25 Prange 1988: 25.

26 Vgl. Kennell, Nigel M.: The Gymnasium of virtue. Education & Culture in Ancient Sparta. Chapel Hill/London 1995: 105.

27 Plat. rep. 5, 462b.

28 Vgl. Kleemeier, Ulrike: Grundfragen einer philosophischen Theorie des Krieges. Platon – Hobbes – Clausewitz. Berlin 2002: 100.

29 Plat. rep. 3, 462b.

30 Winkel, Rainer: Am Anfang war die Hure. Theorie und Praxis der Bildung oder: Eine Reise durch die Geschichte des Menschen - in seinen pädagogischen Entwürfen. Baltmannsweiler 2005: 85.

31 Vgl. Dettenhofer, Maria H.: Die Frauen von Sparta: Gesellschaftliche Position und politische Relevanz. In: Clauss, Manfred/Gehrke, Hans-Joachim, Wachtel, Klaus (Hg.): Klio. Beiträge zur alten Geschichte 75. Berlin 1993, S. 61-75: 66.

32 Vgl. Baltrusch 2007: 64.

Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668952355
ISBN (Buch)
9783668952362
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470670
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Platon Politeia Politische Philosophie Erziehung Sparta Frauen Kinder

Autor

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