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Die soziale Konstruktion von Geschlecht und der Einfluss der katholischen Kirche auf die gesellschaftliche Geschlechterordnung

Hausarbeit 2018 39 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

1. Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Definitionen
3.1. Soziale Konstruktion und „doing gender“
3.2. Gesellschaft

4. Geschlechter in der Bibel
4.1. Altes Testament
4.2. Neues Testament

5. Der Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft in Bezug auf Mann und Frau bis zur Reformation
5.1. Die alte Kirche
5.2. Das Mittelalter
5.3. Hexenverfolgungen
5.4. Ordensfrauen und Äbtissinnen
5.5. Die Reformation

6. Gesellschaftlicher Wandel bis
6.1. Die industrielle Revolution und der erste Weltkrieg
6.2. Geschlechter im Nationalsozialismus
6.3. Vor dem Gesetz sind alle gleich

7. Gesellschaft und Kirche heute
7.1. Das zweite Vatikanische Konzil
7.2. Frauenbewegungen und §
7.3. Zwei Formen des Feminismus
7.4. „Zur Frage der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“
7.5. Gender
7.6. Keine Kirche ohne die Frauen
7.7. Jugendverbandsarbeit und Geschlechter

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

Die Thematik der Geschlechterordnung spielt immer mehr eine bedeutendere Rolle in der Gesellschaft. Verschiedene Bereiche der Gesellschaft werden mit Geschlechterordnungen und der Gleichstellung von Mann und Frau konfrontiert. Sei es am Arbeitsplatz, beim Einkommen oder bei der Haus- und Familienarbeit (vgl. Klenner, 2002). Doch rechtlich werden Männer und Frauen weitgehend gleichgestellt (vgl. Kitz, 2016). Besonders die christlichen Kirchen werden zurzeit mit der Thematik der Geschlechterungleichheit und Geschlechter im Allgemeinen konfrontiert. So sorgte z.B. der Flyer mit dem Titel „Geschlechtersensibel: Gender katholisch lesen“ von der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz für viele Diskussionen (vgl. Lauer, 2016). Ein Thema, welches zur Diskussion der Geschlechterungleichheit und der katholischen Kirche gehört, ist die Auseinandersetzung darüber, ob Frauen zum Diakoninnen Amt zugelassen werden. Papst Franziskus erwägt diese Zulassung, dies wäre ein Schritt in Richtung der Gleichberechtigung, obgleich das Diakoninnen Amt nicht dem Priester Amt entspricht- es wäre dennoch eine Möglichkeit für Frauen, sich im theologischen und pastoralen Bereich erweitert zu beteiligen (vgl. Bremer/Deckers, 2016). Die Schöpfungsgeschichte in der Bibel beschreibt Frauen und Männer als Ebenbilder Gottes, beide sind vor Gott gleich (vgl., Deutsche Bischofskonferenz, 1981, S. 8 f.). Doch ist dies tatsächlich der Fall in der heutigen Gesellschaft? Sind Frauen und Männer gleichgestellt oder sind diese tatsächlich nur vor Gottes Angesicht gleich? Die katholische Kirche und deren Rolle in der Thematik der Geschlechterungleichheit ist der Schwerpunkt der vorliegenden Seminararbeit. Der Schwerpunkt wurde aus Gründen der heutigen Relevanz gewählt. Zudem wird die Thematik aktuell in den katholischen Jugendverbänden- und Organisationen behandelt. Da sich die Autorinnen ebenfalls in den jeweiligen Verbänden und Organisationen engagieren, ist dieser Schwerpunkt auch persönlich bedingt.

Diese Seminararbeit steht unter der Fragestellung „Wie wurde die gesellschaftliche Geschlechterordnung durch die katholische Kirche im Laufe der Zeit beeinflusst und dadurch Geschlecht sozial konstruiert?“.

Eingeleitet wird die Thematik mit Definitionen, die relevant sind für den weiteren Verlauf der Arbeit. Thematisch beginnt die Seminararbeit mit der eigentlichen Entstehung aller Annahmen und Bilder, die über Geschlechter vorhanden sind. Die Geschlechterrollen werden anhand der Bibel aufgezeigt und erläutert. Folgen wird der Einfluss der Kirche auf das gesellschaftliche Zusammenleben in Bezug auf Mann und Frau. Dafür werden verschiedene Zeitepochen gewählt und die Zustände in der jeweiligen Epoche beschrieben. Im letzten Abschnitt der Arbeit wird die aktuelle Situation der Gender Thematik aufgegriffen und die Stellung der Kirche zum Sachverhalt aufgezeigt. Des Weiteren wird als Gegensatz zur Amtskirche der Umgang mit Geschlechterungleichheiten im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), dem Dachverband der katholischen Jugendverbände und -organisationen, aufgezeigt. Abschließend wird ein Fazit am Ende der Arbeit folgen.

Aufgrund des Themas dieser Seminararbeit wurde auf das generische Maskulinum verzichtet und die Sternchenschreibweise gewählt. Dadurch kann garantiert werden, dass alle Menschen angesprochen werden.

3. Definitionen

3.1. Soziale Konstruktion und „doing gender“

Die Differenzierung nach Geschlechtern ist aus soziologischer Sicht heraus etwas sozial Gemachtes und versteht sich als veränderbar und variabel (vgl. Wilz, 2008, S.8 ff.). Der Prozess in dem Geschlechter sich in sozialer Interaktion ausbilden und reproduzieren wird als „doing gender“ genannt. Ein erster Schritt zur Differenzierung war in den 1970er Jahren die Aufspaltung der Bezeichnungen. Geschlecht umfasst im deutschen sowohl das biologische als auch das gesellschaftliche Geschlecht. Jedoch wird im englischen Sprachgebrauch differenziert. Hier spricht man von sex als biologisches Geschlecht, das Anatomie, Morphologie, Hormone, Genetik oder Physiologie umfasst (vgl. Gildemeister, 2008, S.167 f.), und gender als gesellschaftlich, zugeschriebenes und daraus entwickeltes Geschlecht. Unter gender fallen alle kulturspezifischen Rollen, Erwartungen, Ordnungen und Werte, die an das biologische bzw. bei der Geburt festgelegte Geschlecht angeknüpft sind (vgl. Richter, 2018). Diese Aufspaltung widersprach den gesellschaftlichen Frauen- und Männerbildern. Auch die soziale Ordnung der Gesellschaft wurde dadurch beeinflusst. Daher läuft die soziale Konstruktion von gender in vielen unterschiedlichen Prozessen ab. Die Menschen machen gender, das heißt, dass Gesellschaften mit unterschiedlichen Erwartungen an Menschen herantreten, die den kategorisierten, meist bei der Geburt festgelegten biologischen, Geschlechtern entsprechen. Die Gesellschaft ist auf eine Vergeschlechtlichung angewiesen. Die Kategorie Geschlecht stellt eines der wichtigsten und tragfähigsten Ordnungssysteme der modernen Gesellschaft dar. Diese Vergeschlechtlichung wandelt sich stetig. Dennoch halten sich viele Geschlechterbilder konstant, andere verändern sich. Dieser Wandel vollzieht sich aber in jeder sozialen Gruppe anders. Traditionellere soziale Gruppen halten länger an traditionellen Geschlechterbildern fest (vgl. Lorber, 1999, S. 55 ff.). Gender ist außerdem ein sozialer Status. Solch ein sozialer Status wird durch Erlernen, Nachmachen und einem Zwang konstruiert. Seit 2017 gibt es in Deutschland gesetzlich ein drittes Geschlecht (vgl. Bundesverfassungsgericht, 2017). Dennoch ist die moderne westliche Gesellschaft auf das männliche und weibliche Geschlecht reduziert. In anderen Gesellschaften, in denen es mehr als diese zwei Status gibt entwickeln sich auch die Menschen in andere gender. Die soziale Konstruktion von gender ist in der westlichen Gesellschaft so stark gefestigt, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen selbstverständlich wirken. Wenn aber die gendertypischen Erscheinungen wie Kleidung, Haare oder Schmuck abgelegt werden, ähneln sich Menschen eher als die unterschiedlichen Geschlechter vieler Tierarten. Somit sind sie sich „viel eher ähnlich als unähnlich“ (Lorber, 1999, S. 62). Die Auswirkung von sozialer Konstruktion in Bezug auf Geschlecht ist, dass Kinder als sex zur Welt kommen, dann aber durch die ihnen gegenüber gezeigten Reaktionen und die gesellschaftlichen Prozesse zu gender gemacht werden (vgl. Lorber, 1999, S. 60 ff.)

3.2. Gesellschaft

Gesellschaft ist aus soziologischer Sicht eine „Organisationsform menschlichen Zusammenlebens“ (Schäfers, 2018, S.142). Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Werte und Normen, Handlungsweisen oder Kategorisierungen. Gesellschaften wandeln sich im Laufe der Zeit. Im Strukturwandel der modernen Gesellschaften haben sich unter anderem Bereiche, in Bezug auf Trennung von Arbeits- und Privatleben, die Bedeutung von Einzelnen zunimmt, Verstädterung, die gesetzliche Gleichheit aller Menschen, Rollendifferenzierungen und der Einfluss von Strukturen auf die verschiedenen Systeme einer Gesellschaft, entwickelt. Gesellschaften entstehen durch ein räumliches Zusammenleben von Menschen, sie haben einen Zweck und sind Richtungsweisend für die Menschen, die innerhalb dieser Gesellschaft leben. (vgl. Schäfers, 2018, S. 141 ff.)

4. Geschlechter in der Bibel

Ein Einblick in die Entstehung der Geschlechterungleichheit in der katholischen Kirche gibt die Bibel. In ihr finden sich viele Geschichten über die Unterschiede von Mann und Frau. Viele dieser Verse werden heute noch in Diskussionen, beispielsweise um das dritte Geschlecht oder das Frauendiakonat, angeführt. Aber es finden sich auch einige Beispiele für starke, unabhängige Frauen und ebenbürtige Beziehungen. In diesem Kapitel werden verschiedene Beispiele aufgeführt. Wegen der vielen Verse, in denen Frauen den Männern untergeordnet werden, werden hier nur ein paar wenige beispielhaft aufgeführt. Um eine Übersichtlichkeit zu garantieren, werden sie chronologisch aufgeführt.

4.1. Altes Testament

Die Verse, die wohl am meisten in Gender-Diskussionen angeführt werden, finden sich gleich zu Beginn des Alten Testaments: die Erschaffung der ersten Menschen. Oft werden diese Zeilen fälschlicherweise übersetzt mit der Erschaffung von Mann und Frau. Daraus wird geschlossen, dass es von Beginn an Gottes Wille war genau zwei Geschlechter zu erschaffen. In der neuen Einheitsübersetzung jedoch erschuf Gott die Menschen männlich und weiblich. Hieraus lässt sich interpretieren, dass Gott Menschen mit weiblichen und männlichen Eigenschaften geschaffen hat. Vor allem das und zeigt, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass Menschen nur weibliche oder männliche Eigenschaften haben können. So löst sich die eindeutige Grenze zwischen Mann und Frau auf (vgl. Payk, 2018). Als Gott Eva schuf, tat er dies mit der Intention eine Hilfe für den Mann zu schaffen. Eva jedoch sollte Adam ebenbürtig sein. Sie sollen eine Gemeinschaft bilden und Nachkommen zeugen. Beide schuf Gott nach seinem Bild. Allerdings schuf Gott Eva aus der Rippe von Adam, was viele Menschen später als Anlass für die Unterordnung von Frauen gegenüber Männern nutzen (vgl. Gen 1,26-2). Andere Interpretationen deuten jedoch auf das genaue Gegenteil hin. So kommt es mit der Erschaffung von Eva erst zu einer „Vervollständigung des bislang noch unvollständigen Menschenwesens.“ (Böttrich, 2011, S. 99) Im weiteren Verlauf jedoch ändert sich der Eindruck der Gleichheit. Als Eva von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse isst, spricht Gott zu ihr, dass ihr Mann nun über sie herrschen wird. Hier verstärkt sich die vorherige Intention der Hilfe für den Mann hin zu einer Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann. Eva sollte Adam ergänzen und nicht andersherum.

Die Ehe von Jakob mit Lea und seiner zweiten Frau Rahel stellt den Konkurrenzkampf der beiden Schwestern um die Gunst beziehungsweise die Anerkennung oder die Liebe ihres Mannes dar. Jakob möchte Rahel heiraten, aber deren Vater gibt ihm die ältere Schwester Lea zur Frau. Später nimmt Jakob sich dennoch auch Rahel zur Frau und stößt Lea zurück. Der erbitterte Konkurrenzkampf zwischen den Schwestern verschärft sich, als Lea einige Kinder mit Jakob zeugt. Rahel, die vorerst keine Kinder gebärt, wird sie noch eifersüchtiger. Hier zeigt sich, dass die Fruchtbarkeit und das Gebären von Kindern das zentrale Thema der Frauen war, was die Rolle der Frau im Christentum stark prägte. Rahel ist so verzweifelt, weil sie keine Kinder bekommen kann, dass sie ihrem Mann Jakob ihre Magd schickt und diese für die Kinder mit ihm zeugt. Hier und auch an anderen Stellen im Alten Testament ist das Thema der Leihmutterschaft sehr präsent. Es war für die Frauen der einzige Weg ihrem Mann Nachkommen zu schenken. (vgl. Gen 29,1 ff.)

„Eine Zauberin sollst du nicht am Leben lassen.“ (Ex 22,17) Dieser Vers wurde jahrhundertelang als Grund für die Hexenverbrennungen missbraucht und so Gräueltaten gegenüber Frauen gerechtfertigt. Auf dieses Thema wird im Kapitel 4.3. eingegangen.

Eine ganz klare Aufteilung der Rollen von Mann und Frau wird im dritten Buch Mose deutlich. Hier wird eine Art Verfahren geschildert, nach dem ein Mann handeln soll, wenn seine Frau ihn betrügt beziehungsweise, wenn er das Gefühl hat, seine Frau würde ihn betrügen. In diesem Absatz ist zu keiner Zeit die Rede von der Untreue eines Mannes gegenüber einer Frau, sondern nur die Untreue einer Frau.

Auch die Entscheidung über das Ende einer Ehe darf laut der Bibel nur der Mann treffen. Er darf die Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen und sie wegschicken (vgl. Deut 24,1).

Ein Beispiel für eine Frau mit einer wichtigen Position findet sich im Buch der Richter. In diesem Buch wird von Debora, einer Richterin in Israel. Mit Richterin ist hier nicht der juristische Beruf gemeint, wie wir ihn heute kennen. Es ist vielmehr eine Bezeichnung für „eine administrativ-politische Funktion“ (vgl. Ri Einführung). Im Buch der Richter ist Debora die einzige Frau, sonst sind nur männliche Richter zu finden. Debora wird als Prophetin beschrieben, die von den Israeliten aufgesucht wurde, um über ihre Anliegen Recht zu sprechen. So ist es Debora, die den Heerführer Barak auffordert Israel auf einen Kampf vorzubereiten, den Israel auch gewinnen wird, so ihre Vorhersage. Er stimmt zu, aber nur unter der Bedingung, dass sie mitkommt. Sie geht mit und Israel siegt im Kampf, so wie es Debora vorhergesehen hatte. Ein spannender Aspekt ist hier die Beschreibung von Debora als Frau von Lappidot. Sie wird als verheiratete Frau in ihrer Rolle als Richterin anerkannt (vgl. Ri 4). Auch die Prophetin Hulda wird als verheiratete Frau beschrieben, die von der Gesellschaft auch als Prophetin anerkannt wird (vgl. 2 Kön 22,14). Diese zwei Beispiele von verheirateten Prophetinnen sind einzigartig im Alten Testament.

Grundlegend gibt es im Alten Testament eine klare Geschlechterordnung, die sich aus der Schöpfungsgeschichte ergibt. Der Mann herrscht über die Frau. Die Hauptaufgabe der Frau ist es, ihrem Mann zu dienen und Nachkommen zur Welt zu bringen.

4.2. Neues Testament

Mit dem neuen Testament scheint sich die Geschlechterordnung aufzuweichen. In vielen Geschichten versucht Jesus scheinbar das Patriarchat aufbrechen zu wollen.

Bei seinem ersten Auftritt in der Synagoge erzählt Jesus von einer Witwe in Sarepta, die vor dem Hungertod gerettet wurde (vgl. Lk 4,16-26). Witwen gehörten damals zu einer stark benachteiligten Gruppe. Im Lukasevangelium kommt Jesus immer wieder auf sie zu sprechen und kümmert sich um sie (vgl. Symank, 2018). Auf seinen Reisen holt Jesus viele Kinder zu sich und segnet sie, obwohl auch sie damals wohl den Benachteiligten der Gesellschaft angehörten. Und so wendet sich Jesus auch vielen Frauen zu. Für ihn spielt es keine Rolle, ob er einer Frau oder einem Mann begegnet. Er möchte allen seine Geschichte erzählen. Ein Beispiel hierfür ist die Begegnung mit Maria und Marta. Jesus erzählt Maria Geschichten während Marta arbeitet. In Jesus Augen macht sich Marta jedoch zu viel Arbeit und er lobt Maria, die sich für seine Worte interessiert. Kennzeichnend ist hier, dass Maria sich zu den Füßen Jesus setzt und er sie unterrichtet, was war zu der damaligen Zeit völlig unüblich war. So reiht sich Maria fast nebenbei in die Reihe der Schüler Jesu ein, die bisher nur aus Männern bestand (vgl. Lk 10, 38-42). Neben den Jüngern begleiten Jesus auch im weiteren Verlauf auch noch viele weitere Frauen. Eine davon, und die wohl bekannteste ist Maria Magdalena, die auch als Apostolin bezeichnet wird (vgl. Lk 8,1).

Im weiteren Verlauf des Lukasevangeliums ist eine Struktur zu erkennen. In den Versen treten Mann und Frau immer gemeinsam auf. Zum Beispiel in Kapitel 13. Hier erzählt Jesus das Gleichnis vom „Senfkorn, das ein Mann nahm und in seinen Garten säte“ (Lk 13,18f.). Gleich anschließend erzählt er vom Sauerteig, den eine Frau zubereitet (vgl. Lk 13,20f.). Ein weiteres Beispiel ist in Kapitel 15 zu finden. Hier erzählt Jesus von einem Hirten, der auf die Suche nach einem verlorenen Schaf geht, und von einer Frau, die eine Münze verloren hat und diese sucht (vgl. Lk, 15, 1-8). Zu diesen Beispielen könnte man noch viele hinzufügen, da sich diese Struktur durch das Ganze Lukasevangelium zieht und auch in der Apostelgeschichte zu finden ist. Eine mögliche Interpretation ist, dass Männer und Frauen in der Gemeinschaft der Christen nicht mehr verschiedene Ränge innehaben, sondern nebeneinander vor Gott stehen. Sie sind gleich viel Wert und Gott kümmert sich um beide gleich.

So schützt er zum Beispiel eine Frau, die beim Ehebruch erwischt worden sei. Einige Männer brachten sie zu Jesus und wollten von ihm wissen, welche Strafe sie bekommen sollte. Jesus aber entgegnet: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ (Joh 8,7). Da dies auf keinen der Männer zutrifft, gehen sie wieder. Ein weiterer Vers, der die damaligen Regeln beim Ehebruch aufbricht, ist ein Teil der Bergpredigt. Jesus erzählt, dass jeder Mann, der eine Frau ansieht und begehrt, schon Ehebruch begangen hat. Im weiteren Verlauf ist hier nicht die Rede davon, dass die Frau dafür bestraft werden soll, weil sie beispielsweise zu aufreizend gekleidet war. Es wird vielmehr beschrieben, wie der Mann sich selbst dafür bestrafen soll (vgl. Mt 5, 27ff). Hier deutet sich eine Art Rollentausch an.

Im Hinblick auf die Taten Jesu ist es spannend, wie er die Rolle der Frau reformiert hat. Auch wenn es keine radikale Reform war und er der Frau keine komplett neue Rolle gegeben hat, so hat er doch versucht einiges zu ändern. Er hat das traditionelle Rollenbild nicht geändert, sondern eher erweitert. Vor allem hat er es um das Jüngerinnen-Sein erweitert. Er hat den Frauen einen neuen Weg aufgezeigt, was vor allem auch für alleinstehende Frauen, die Aussätzige der damaligen Gesellschaft waren, ein guter Weg war.

Die wohl bekanntesten Geschichten zu Frauen im Neuen Testament finden sich ab der Kreuzigung Jesu. Unter dem Kreuz befinden sich in den meisten Erzählungen nur Frauen, wie zum Beispiel seine Mutter Maria und Maria Magdalena sowie zahlreiche andere Frauen, die Jesus nach Jerusalem gefolgt sind. Von den Jüngern ist im Johannesevangelium nur von Johannes die Rede. Die anderen Jünger sind schon bei der Festnahme Jesu geflohen. Auch Petrus ist, nachdem er Jesus verraten hatte, geflohen. Alle hatten Angst auch festgenommen zu werden und dann eventuell auch gekreuzigt zu werden. Am Kreuz stehen die Frauen und trauern um Jesus. Nachdem Jesus gestorben war, bittet Josef von Arimathäa Pilatus Jesus Leichnam begraben zu dürfen. Nach dem Matthäusevangelium sind bei dem Begräbnis auch Jesus Mutter Maria und Maria Magdalena dabei. Als der Sabbat vorbei war, gehen Frauen zum Grab von Jesus und sehen, dass es leer ist. Hier machen Frauen die wohl wichtigste Entdeckung des Christentums. Sie sind es, die das leere Grab vorfinden. Ihnen erscheint ein Engel und sie sind es, die von dem Engel den Auftrag erhalten, ihre Entdeckung den Jüngern mitzuteilen (vgl. Mt 27-28). Somit spielen sie hier eine zentrale Rolle. Auch im weiteren Verlauf scheinen Frauen nicht mehr nur als Hilfe für den Mann oder Mutter zu gelten, sondern auch als Gläubige, die nach der Botschaft Jesu handeln möchten. So ist im Brief von Paulus an die Galater geschrieben, „es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Es scheint also egal zu sein, welchem Geschlecht man angehört, in Jesus Christus sind wir alle gleich und in unserer Zugehörigkeit zu Christus hat unser Geschlecht keine Relevanz (vgl. Böttrich, 2011, S. 84 ff.) Ein Rückschlag für diese Gleichheit steht im ersten Brief von Paulus an die Korinther. Hier lobt Paulus die Gemeinde, dass sie sich an den Überlieferungen festhalten und nach diesen handeln. Eine dieser Regeln aus der Überlieferung orientiert sich an der Schöpfungsgeschichte. Paulus gibt vor, dass Männer während des Betens ihr Haupt nicht bedecken sollen. Frauen allerdings sollen dies tun, da sie sonst ihr Haupt entehren und ihre Haare daraufhin geschoren werden sollen. Der Mann soll sein Haupt nicht verhüllen, da er das Abbild Gottes sei und die Frau nach dem Mann geschaffen wurde. An dieser Stelle wird außerdem betont, dass die Frau als Hilfe für den Mann geschaffen wurden und nicht der Mann als Hilfe für die Frau. Ob es damals normal war ein Kopftuch zu tragen, ist wohl wahrscheinlich. Heutzutage wird es jedoch in vielen Teilen der Gesellschaft als ein Zeichen der Unterdrückung der Frauen interpretiert. Eine weitere Regel die Paulus hier anführt ist die zu tragende Haarlänge. Lange Haare waren ein eindeutiges Merkmal für eine Frau. Für Männer ist es eine Schande lange Haare zu tragen, da sie sich damit der Frau gleichsetzen und gegen die Natur agieren (vgl. 1 Kor 11, 2-15). Trotz allem zeigt dieser Abschnitt aber auch, dass Frauen und Männer gemeinsam in der Öffentlichkeit beten und so in der Gemeinde als betende Gemeinschaft auftreten.

Eine Ordnung, die bis heute noch für die katholische Kirche zum Teil gilt, findet sich im ersten Brief an Timotheus. Hier gibt es eine Bestimmung für die Ordnung in den Gemeinden, die besagt, dass Frauen sich still verhalten sollen und sich in Unterordnung belehren lassen sollen. Der unbekannte Verfasser dieses Briefes schreibt zudem, dass es Frauen nicht erlaubt sei zu lehren oder über ihren Mann zu herrschen. Als Begründung dafür wird wieder die Schöpfungsgeschichte herangezogen (vgl. 1 Tim 2, 12f.). Dieses Verbot der Lehre zieht sich weiter durch die Geschichte der katholischen Kirche und der Gesellschaft wie in den nächsten Kapiteln zu sehen sein wird.

5. Der Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft in Bezug auf Mann und Frau bis zur Reformation

Die katholische Kirche als Institution und als wichtiger Bestandteil im Leben mancher Menschen hatte einen Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Kirchengeschichte prägt Denk- und Verhaltensweisen. Im Folgenden wird der Einfluss der katholischen Kirche in der Gesellschaft und in Bezug auf Mann und Frau dargestellt. Hierfür werden verschiedene Epochen aufgeführt und jeweils die gesellschaftliche Lage und die Rolle der Frau bzw. des Mannes erläutert. Wichtig hierbei ist zu nennen, dass kein kompletter Grundriss der jeweiligen Gesellschaftszustände und des genauen Einflusses der katholischen Kirche geleistet werden kann. Die jeweiligen Epochen werden im Groben erläutert.

5.1. Die alte Kirche

Die Gesellschaftszustände in der Zeit der alten, bzw. der frühen Kirche sind in verschiedenen Regionen unterschiedlich. Maßgeblich herrschte aber das Römische Kaiserreich. Die Gesellschaft im Römischen Kaiserreich war in verschiedene Stände unterteilt. Der Großteil der Bevölkerung waren Plebejer, die in der Mehrzahl Handwerker und Bauern waren. Mit der Zeit änderte sich die Bedeutung des Begriffs Plebejer- er wurde verwendet um Menschen von Senatoren und Rittern zu differenzieren (vgl. Hopson-Münz, 2015 a). Den Plebejern waren die Patrizier übergestellt. Patrizier bildeten den adligen Teil der Bevölkerung. Des Weiteren bildete die Unterschicht Sklav_innen und Untertan_innen. (vgl. Hopson-Münz, 2015 b). Die Stellung der Frau in dieser Zeitepoche hat sich im Laufe der Jahre verändert. Maßgeblicher Punkt hierfür war die Konstantinische Wende im vierten Jahrhundert. Die Wende veränderte einiges in dieser Epoche und war für den weiteren Verlauf der Geschichte von großer Bedeutung, denn ab der Wende wurde das Christentum zur Staatsreligion. Das heißt, dass Kirche und Staat ab diesem Zeitpunkt nicht mehr getrennt wurden. Das Christentum wurde nun selbstverständlich. Diese Wende erforderte neue Strukturierungen, die sich an gesellschaftliche Gegebenheiten anpasste. Der Staat „ahmte“ die Struktur der Kirche nach- z.B. beim Oberhaupt. Das Oberhaupt der Kirche ist der Papst, der Staat ahmte dies nach und bezeichnete den König als „von Gott gesandt“. Durch den Prozess wurden Frauen immer mehr entrechtet und erniedrigt. Unter anderem wurde ihnen vorgeworfen, nicht diszipliniert genug zu sein (vgl. Ackermann, 2011, S. 9 f.). Des Weiteren wurde davon ausgegangen das Frauen unrein seien und eine niedrige Stellung haben. Daher wurde ihnen auch das Priesteramt enthalten und verboten. Somit war es für Frauen nur schwer möglich hierarchisch hohe Positionen in der Kirche einzunehmen. (Schmitt, 2002, S. 7). Frauen hatten während des Römischen Kaiserreiches verschiedene Aufgaben. Eine Berufsausbildung oder ähnliches gab es freilich nicht, aber Sklavinnen z.B. wurden von ihrem Patron, schon im frühen Kindesalter dazu ausgebildet, bestimmte Tätigkeiten auszuüben. Generell werden die Tätigkeiten der Frauen unter dem Bereich der Dienstleistungen definiert. Es gab einige Wirtinnen, diese aber wurden oftmals zur Prostitution gezwungen. Ein sehr häufiger Frauenberuf war zudem der Beruf der Amme bzw. der Hebamme. Der Mann war in der Epoche für die Arbeit zuständig, die Frau, als Matrone für den Haushalt. Dieses Bild zieht sich durch viele folgende Epochen (vgl. Lindner, 2008, S. 58 ff.). Dennoch, im Gegensatz zur heutigen Zeit, hatten Frauen die Möglichkeit ein Amt auszuüben, welches in der heutigen katholischen Kirche bisher nicht möglich ist- das Amt der Diakonin. Die bekannteste Grundlage dieser Annahme ist ein Römerbrief des Apostels Paulus. In diesem erwähnt er eine Frau namens Phöbe, die er als Diakonin beschreibt und in dem er erbittet, dass sie von den Römern gut aufgenommen wird. (vgl. Kleikamp, 2016). Phöbe hatte laut Paulus vielen Menschen geholfen, unter anderem auch ihm. Nennenswert hierbei ist, dass Phöbe in der griechischen Fassung des Briefes von Paulus konkret als Diakonin bzw. in der männlichen Form als diakonos bezeichnet wird. In den gängigen Bibelübersetzungen aber, wurde das Wort Diakonin umgangen. Stattdessen wurde dies durch Dienerin oder im Dienst der Gemeinde stehende ersetzt. In diesem Kontext wird die Geschlechterungleichheit deutlich, denn da Phöbe, als Frau eine Stellung besaß, die mit Verantwortung und bestimmten Funktionen verbunden war, wurde dies nicht akzeptiert - es war schwer eine Frau in einem Amt zu akzeptieren, welches normalerweise nur Männer ausüben durften. Es gibt viele Annahmen, dass es tatsächlich Diakoninnen gab, aber die Auslegungen der verschiedenen Bibelstellen, die auf Diakoninnen andeuten, sind unterschiedlich. Doch die von Paulus bezeichnete Diakonin Phöbe belegt, dass es in der alten Kirche Diakoninnen gab, auch wenn deren genauen Aufgaben nicht bekannt sind. Eine weitere Unterschlagung und Fehlübersetzung, diesmal von einer Apostelin, betraf Junia. Paulus erwähnt Andronikus und Junias, die beide Apostel waren und sich vor ihm zu Christus bekannt haben. Der männliche Name Junias existierte nicht im Altertum, aus diesem Grund sind Theologen des Altertums immer von der weiblichen Version des Namens ausgegangen- Junia. Wieder einmal wird deutlich, dass von Gleichstellung in der alten Kirche keine Rede war.

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Details

Seiten
39
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668959125
ISBN (Buch)
9783668959132
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470733
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, früher: Berufsakademie Heidenheim
Note
1,1
Schlagworte
konstruktion geschlecht einfluss kirche geschlechterordnung

Autor

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Titel: Die soziale Konstruktion von Geschlecht und der Einfluss der katholischen Kirche auf die gesellschaftliche Geschlechterordnung