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Modernismus und Typologisierung des Nationalismus: Über die Wechselwirkung zweier Bestandteile von Nationalismustheorien des 20. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 28 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Dichotomie des Nationalismus bei Hans Kohn

3. Die Typologie des Nationalismus bei Ernest Gellner

4. Vergleich und Diskussion
4.1 Kohns Dichotomie und Gellners Typologie
4.2 Die zwei Typen des Nationalismus bei John Plamenatz
4.3 Der modernisierungstheoretische Ansatz bei Ernest Gellner
4.4 Der alternative modernisierungstheoretische Ansatz bei Hans-Ulrich Wehler
4.5 Der ethnosymbolische Ansatz bei Anthony Smith

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein fester Bestandteil vieler Nationalismustheorien, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, besteht in einer Typologisierung des behandelten Phänomens. Die verschiedenen Formen, die der Nationalismus allein in Europa angenommen hat, erscheinen vielen seiner Theoretiker zu verschieden, als das er als eine einheitliche Erscheinung erklärt werden könnte. Die Kriterien, die zum Zweck der Typologisierung an den Nationalismus angelegt wurden, unterscheiden sich jedoch teilweise ähnlich erheblich voneinander wie das Resultat der mit ihrer Hilfe vorgenommenen Einteilung. Neben Kriterien, die von Unterschieden in der Konzeption der Nation ausgehen, wurden Unterschiede in der Sozialstruktur sowie der wirtschaftlichen Entwicklung zur Erklärung verschiedener Ausprägungen des Nationalismus herangezogen.

Letztere Kriterien wurden überwiegend von Anhängern des Axioms der Modernität des Nationalismus herangezogen. Ihre Annahme, nach der Nationalismus ein Phänomen der europäischen Modernisierung und Industrialisierung ist und in vormodernen Gesellschaften zu keiner Zeit möglich war, erfuhr während eines langen Zeitraums eine weitgehende Akzeptanz. Inzwischen wird dieser Grundsatz jedoch zunehmend von einigen Forschern kritisch hinterfragt. Diese Theoretiker werfen die Frage auf, ob die strikte und rigorose Betrachtung des Nationalismus als rein moderne Erscheinung ihm tatsächlich gerecht wird oder zumindest ähnliche Phänomene nicht auch in vormodernen Gesellschaften festzustellen seien.

In dieser Arbeit werden zunächst die Typologisierungen, die Hans Kohn und Ernest Gell- ner in ihren Arbeiten über den Nationalismus vorgenommenen haben, dargestellt und an- schließend miteinander verglichen. Neben den unterschiedlichen Kriterien für diese Einteilungen wird dabei ein besonderes Augenmerk auf die Bewertung des deutschen Nationalismus gelegt werden. Da sich Gellner in der Ausarbeitung seiner Typologie explizit auf eine Zweiteilung des Na- tionalismus beruft, die von John Plamenatz in einem „bemerkenswerten Aufsatz“1 aufgestellt wurde, wird es für diesen Vergleich zusätzlich erforderlich sein, diese Zweiteilung ebenfalls mit Kohns Dichotomie zu vergleichen.

Gellners Nationalismustheorie verfolgt einen deutlich ausgeprägten modernisierungstheo- retischen Weg. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll daher erörtert werden, wie sehr und in wel- cher Form dieser Ansatz seine Typologie beeinflusst hat und ob dieser Ansatz als Erklärung für die Unterschiede zwischen Kohns Dichotomie und Gellners Typologie geeignet ist. Als Vertreter eines alternativen modernisierungstheoretischen Ansatzes soll weiterhin die von Hans-Ulrich Weh- ler verfasste Nationalismustheorie in ihren für die Typologie wichtigen Grundzügen mit Gellners Arbeit verglichen werden. Um den Rahmen der Diskussion zu erweitern, wird abschließend der von Anthony Smith entwickelte ethnosymbolische Ansatz grob skizziert. Weiterhin werden die- jenigen Kritikpunkte am modernisierungstheoretischen Paradigma sowie an Typologien wie Kohns Dichotomie vorgestellt, auf deren Grundlage Smith seine Theorie aufgebaut hat.

2. Die Dichotomie des Nationalismus bei Hans Kohn

In seiner umfangreichen ideengeschichtlichen Darstellung der Entwicklung des Natio- nalismus bis zu seinem offenen Ausbruch in der Französischen Revolution unterscheidet Hans Kohn zwischen zwei voneinander vollkommen unterschiedlichen und entgegengesetzten Konzep- tionen, in denen dieses Phänomen sich bis dahin und über diese Zäsur hinaus in den Vorstel- lungen seiner Anhänger manifestiert hatte. Diese unterschiedlichen Typen des Nationalismus ließen sich historisch weit zurückverfolgen und auch im modernen und nationalistisch geprägten Europa sowohl zeitlich als auch geografisch eindeutig voneinander unterscheiden.

In Frankreich, das zum Zeitpunkt der Revolution „das fortschrittlichste Land des Kontin- ents gewesen war“,2 äußerte sich 1789 derjenige Typus des Nationalismus, der „in der westlichen Welt, in England und in Frankreich, in den Niederlanden und der Schweiz, in den Vereinigten Staaten und in den Britischen Dominions [...] [als] überwiegend politischer Vorgang“3 entstanden war. Diese Charakterisierung des westlichen Typus des Nationalismus als politisch motivierten Na- tionalismus ist eines der wesentlichen Elemente in Kohns Dichotomie. Der westliche Nationalis- mus wurde entscheidend von der politischen Philosophie Rousseaus geprägt und basiert auf einer freien Willensentscheidung der Mitglieder „in dieser neuen, durch Vertrag zustandegekommenen Gesellschaft, in der die Menschen souverän sind [...]“.4 Neben dem politischen Charakter bilden somit Subjektivität und Voluntarismus weitere Merkmale einer auf der Basis des westlichen Natio- nalismus begründeten Nation. Eine solche Nation weist „in die Zukunft, nach der Gesellschaft frei- er Menschen“.5 In Kohns teleologischem Verständnis von Geschichte, die sich dem Ziel der Errich- tung freier und demokratischer Gesellschaften entgegenbewegt, ist es der westliche Nationalis- mus, der diese Bewegung aktiv unterstützt und jene Gesellschaften, in denen er umgesetzt wird, diesem Ziel ein entscheidendes Stück näherbringt.

Die Grundzüge des westlichen Nationalismus treten im Vergleich mit seinem in Mittel- und Osteuropa etablierten Gegenentwurf besonders deutlich hervor. In diesem östlichen Typus des Nationalismus formiert sich die Gemeinschaft „nicht in einem politischen Akt, sondern in einem gegebenen natürlichen Zustand, nämlich in der Volksgemeinschaft, die durch die Bande einer sehr alten Vergangenheit [...] bestimmt war“.6 Im Gegensatz zum westlichen Nationalismus sind die durch diese Spielart gebildeten Nationen keine Zusammenschlüsse auf politischer Basis, sondern kulturell und historisch definierte Gemeinschaften. Aus diesem Unterschied ergibt sich ein weiteres Unterscheidungsmerkmal, denn während der westliche Typus von freiwillig geschlossen Gesellschaftsverträgen ausgeht, ist die Gemeinschaft des östlichen Nationalismus „organisch und naturgegeben [...]“7 und erlaubt aus diesem Grund keine freie Entscheidung des einzelnen Indivi- duums über seine Zugehörigkeit. Von großer Bedeutung für die Entwicklung dieses Nationalismus war das Werk Herders und seine Betonung der Bedeutung der Sprache, „die nicht ein künstliches Instrument, sondern eine Gottesgabe war, die Wächterin über die nationale Gemeinschaft und der Nährboden ihrer Kultur“.8 Vor allem aber resultierte der östliche Nationalismus auf einer Ab- lehnung des westlichen Typus und der in ihm zum Ausdruck gebrachten Ideale der Aufklärung und des Rationalismus sowie der Französischen Revolution. Der Kontakt mit dieser geistigen Strö- mung führte unter den Gelehrten und den Dichtern der politisch und gesellschaftlich rückständigen Gebiete Mittel- und Osteuropas „zu einer Opposition gegen das >fremde< Vorbild mit seinen libe- ralen und rationalen Anschauungen [...]“.9 Der deutsche Nationalismus des 18. und 19. Jahr- hunderts gehört für Kohn ausdrücklich zum östlichen Typus, denn das Land blieb, „wie alle anderen Länder östlich des Rheins, außerhalb jener großen Strömungen politischer Wandlung, welche im westlichen Europa die Grundlagen für das Wachstum des modernen Nationalismus und der rationalen Freiheit gelegt haben“.10 Somit ersetzte der deutsche Nationalismus „den juris- tischen und rationalen Begriff des >Bürgertums< durch den ungleich viel vageren Begriff des >Volkes<, der von den deutschen Humanisten entdeckt worden war und den später Herder und die deutschen Romantiker entwickelt haben“.11 Während der westliche Nationalismus auf rationa- len und exakt definierten politischen Begriffen aufbaut, betrachtet Kohn den deutschen und ost- europäischen Nationalismus als irrational, da er mit mystischen Vorstellungen eines seit vorge- schichtlichen Zeiten existierenden Volkes operiert und besonders in der deutschen Romantik verhaftet ist. Durch diese Orientierung an der Vergangenheit widersetzt sich der östliche Natio- nalismus zudem der Zukunftsorientierung des westliches Typus und hindert die Menschheit auf ih- rem Weg hin zur zukünftigen Errichtung freier Gesellschaften.

Wenn auch Rousseau und Herder von Kohn als die bedeutendsten Wegbereiter des je- weiligen Nationalismuskonzepts betrachtet werden, so schreibt er doch beiden Typen eine ge- schichtliche Tradition zu, die bis ins biblische Israel und antike Griechenland zurückreicht. In beiden Kulturen seinen die Menschen zunächst überzeugt davon gewesen, einem auserwählten Volk anzugehören und beriefen sich somit auf eine gemeinsame Abstammung. Der geschichtliche Fortschritt führte dann aber „die Juden wie die Griechen von dieser primitiven rassischen und ma- terialistischen Auffassung des Nationalismus zu einer geistigeren und kultivierteren Anschau- ung.“12 Der Übergang weg von einer frühen Form des östlichen Nationalismus hin zu einem Vor- läufer des westlichen Typus stellt für Kohn ganz eindeutig einen Zuwachs an Kultiviertheit und eine Verminderung der Rohheit einer Gesellschaft dar. Die konkrete Bedeutung dieser Ver- änderung erläutert Kohn am Beispiel des hellenistischen Orients unter den Nachfolgern Alex- anders des Großen. Nahmen die Griechen zunächst noch eine strenge Trennung zwischen sich selbst und den Barbaren vor, die auf dem Kriterium der griechischen Abstammung beruhte, so veränderte sich diese Auffassung durch Alexanders Eroberungen und die Integration vieler unterschiedlicher Ethnien in sein Reich. Die Griechen waren im zunehmenden Maße bereit, die Angehörigen fremder Völker neu zu bewerten und „jeder, der die griechische Kultur in sich aufgenommen hatte, wurde nunmehr als >Grieche< betrachtet.“13 Die Zugehörigkeit zur antiken griechischen Kultur sei als Folge des geistigen Fortschritts nicht mehr durch vermeintlich objektiv gegebene Kriterien bestimmt worden, sondern stellte nunmehr eine subjektive Empfindung dar, die jedem einzelnen Individuum die Möglichkeit anbot, ihr in einer freien Willensentscheidung durch die Annahme eines kultivierten Verhaltens beizutreten.

Eine weitere Weichenstellung, die zu dem Sonderweg führen sollte, den der deutsche Nationalismus im Vergleich zu demjenigen verfolgte, den die westeuropäischen Nationen sowie die Vereinigten Staaten wählten, sei während der Renaissance sowie der Reformation vorgenom- men worden. „Während im Westen der neue Kapitalismus das gesellschaftliche Leben umzuge- stalten begann, wandten sich führende deutsche Sprecher - Luther wie Ulrich von Hutten - gegen das Eindringen neuzeitlicher kapitalistischer Wirtschaftsformen.“14 In diesem Zeitalter begann für Kohn die Abkoppelung Deutschlands vom fortschrittsorientierten Weg des Westens, in dem der Calvinismus das aufstrebende Bürgertum stärkte. Wenn auch er noch keine demokratischen Vor- stellungen besaß, so „lehnte Calvin eine Trennung von öffentlicher und privater Moral ab“15 und schuf hiermit die Grundlagen für eine zukünftige freie Gesellschaftsordnung. Luther hingegen hielt an seinen Vorstellungen der mittelalterlichen Feudalstruktur fest und betrachtete die Ver- änderungen in Italien und Frankreich als Ausdruck der sittlichen Minderwertigkeit der Nachbar- völker. Seine „passive Einstellung gegenüber politischen und Gesellschaftsfragen führen ihn zur Anerkennung der bestehenden Ordnung“,16 wodurch er den Gehorsam der Deutschen gegenüber ihren Fürsten zementierte und die Entstehung freiheitlicher Vorstellungen verhinderte. Während in den westlichen Nationen Handwerker und Kaufleute begannen, ihre Rechte einzufordern, verharr- te Deutschland in einer nunmehr rückständigen Sozialstruktur sowie in althergebrachtem Obrig- keitsdenken und „die Differenzen zwischen Wittenberg und Genf vertieften sich, und in ihrer Folge nahm die Entfremdung zwischen Deutschland und dem Westen, die bereits in der Renaissance begonnen hatte, zu.“17

Schließlich sieht Kohn in dem von Herder begründeten deutschen Nationalismus einen der Ursprünge des Nationalsozialismus. Jedoch macht er Herder hieraus keinen Vorwurf, sondern attestiert ihm eine Verpflichtung gegenüber den Idealen der Aufklärung, des Rationalismus und des Liberalismus. Diese Ideale hätten zu Lebzeiten Herders eine Übersteigerung des Volkstums verhindert. Jedoch hat Herder mit dem Begriff des Volkes einen Mythos begründet, in dem diesem „oder, wie es späterhin unter dem wachsenden Einfluß der Naturwissenschaften genannt wurde, der >Rasse< eine dämonische Macht über Geschichte und Leben eingeräumt“ wurde.18

3. Die Typologie des Nationalismus bei Ernest Gellner

Ernest Gellner entwickelt seine Typologie des Nationalismus anhand eines aus drei Pa- rametern zusammengesetzten Modells, mit dem er Gesellschaften in verschiedenen Zuständen und Stadien ihrer Entwicklung darstellt. Neben der Darstellung einer Typologisierung unter- scheidet Gellner durch dieses Modell Gesellschaften, in denen Nationalismus entsteht, von sol- chen Gesellschaften, in denen dies nicht möglich ist. Die theoretische Grundlage dieses Modells bilden Gellners Thesen über den Eintritt einer Agrargesellschaft ins Industriezeitalter und die dar- aus resultierende Auflösung der ständischen Ordnung in einen Zustand, den Gellner als soziale Entropie bezeichnet.19

Gellners Model besteht aus den drei Parametern Macht (Power), Zugang zu Bildung (Education) sowie dem dritten Parameter der kulturellen Zusammensetzung der Gesellschaft, der entweder Homogenität oder Heterogenität ausdrückt.20 Von allen acht möglichen Kombinationen dieser Parameter entstehen oder existieren nur in solchen Gesellschaften nationalistische Strö- mungen, die dem zweiten, vierten oder sechsten Zustand entsprechen.21 Für einen Vergleich mit Kohns Dichotomie sind von diesen drei Kombinationen nur der zweite und vierte Zustand von Re- levanz. Die sechste Kombination der drei Parameter, der so genannte Diasporanationalismus, kann vernachlässigt werden, da er nur ganz bestimmte ethnische oder religiöse sowie wirtschaft- lich zumeist privilegierte Minderheiten, aber nie ganze Gesellschaften betrifft.22

Mit dem Parameter, der vorhandenen oder nicht vorhandenen Zugang zu Bildung dar- stellt, bringt Gellner weitaus mehr Faktoren zum Ausdruck, als es seine Namensgebung zunächst vermuten ließe. Einerseits resultiert diese Entscheidung aus Gellners antimarxistischer Grund- haltung, indem er den Zugang für Bildung an die Stelle von Kapital setzt. Gellner führt aus, dass Gesellschaften, die über keinerlei Kapital verfügten, durchaus in der Lage sind, zu Wohlstand zu gelangen, wenn sie über Zugang zu Bildung und somit über entsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen, während andererseits die Vergabe von Kapital an Gesellschaften ohne jegliche Bildung keinen nachhaltigen Wohlstand erzeugt. Daher steht dieser Parameter in Gellners Modell für „Zugang zum Erwerb der Fülle von Fertigkeiten, die es Menschen ermöglichen, sich er- folgreich innerhalb der allgemeinen Bedingungen einer industriellen Arbeitsteilung zu be- haupten.“23 Somit drückt dieser Parameter den Grad der Entwicklung aus, den eine Kultur auf ih- rem Weg des Übergangs von einer Agrar- zu einer modernisierten Industriegesellschaft erreicht hat. Die Industriegesellschaft zeichnet sich bei Gellner dadurch aus, dass sie von ihren Mitgliedern Mobilität erfordert sowie „nachhaltige, regelmäßige und präzise Kommunikation zwischen Fremden auf der Basis einer gemeinsamen Teilung der Bedeutung, übermittelt in einem Stan- dardidiom sowie, wenn gefordert, schriftlich.“24 Dieses Bedürfnis einer modernen Industriegesell- schaft nach Kommunikation seiner Mitglieder in einer standardisierten Sprache sowie nach deren grundlegender Ausbildung, um in einer arbeitsteiligen und mobilen Gesellschaft nahtlos den aus- geübten Beruf wechseln zu können, bildet in Gellners Theorie die Hauptmotivation für Nationalis- mus, denn eine solche Gesellschaft benötigt „eine gemeinsame Kultur, eine schriftliche weiter- entwickelte Hochkultur.“25

Während in Gellners Modell zur Typologisierung eine solche industrialisierte Hochkultur durch vorhandenen Zugang zu Bildung dargestellt wird, bringt der auf einen negativen Wert gesetzte Parameter zum Ausdruck, dass die jeweilige Kultur entweder noch agrarisch strukturiert ist oder sich erst am Anfang des Prozesses der Industrialisierung befindet. Dieser Prozess wird dann möglicherweise durch die Sogwirkung einer benachbarten weiter entwickelten und bedeu- tenderen Kultur ausgelöst, wie Gellner es am fiktiven Beispiel des Volkes der Ruritanier illustriert, dessen reales Vorbild unverkennbar eines der kleineren slawischen Völker der Habsburger Mon- archie bildet.26 Da Nationalismus in Gellners Theorie aus den sozioökonomischen Bedürfnissen einer bildungs- und kommunikationsbasierten Industriegesellschaft resultiert, drückt dieser Pa- rameter seines Modells letztendlich auch den Grad aus, bis zu dem die hierfür erforderliche kulturelle Homogenität, Standardisierung, Mobilität und somit der Nationalismus in einer Gesell- schaft vorangeschritten sind. Der hieraus resultierende Unterschied zwischen Hochkulturen und rückständigen Kulturen wird von Gellner anhand einer Metapher verdeutlicht, in der er von kultivierten oder Gartenkulturen sowie von unkultivierten oder wilden Kulturen spricht. Der Haupt- unterschied zwischen diesen beiden Kulturen besteht in der Existenz von staatlichen Institutionen, die bei einer Gartenkultur die Vermittlung und die Homogenität der standardisierten Sprache überwachen.27

Von den beiden relevanten Typen des Nationalismus in Gellners Modell bildet der zweite der acht möglichen Kombination einen Zustand ab, mit dem der Nationalismus in der Habsburger Monarchie analysiert wird. Sowohl Macht als auch Zugang zu Bildung liegen ausschließlich in den Händen der dominierenden Kultur A, im Fall der Habsburger Monarchie somit der deutsch- österreichischen. Die Kultur B, die als Überbegriff für die kleineren slawischen Kulturen fungiert, besitzt hingegen weder Macht noch Zugang zu Bildung. Entsprechend der Bedeutung des Zugangs zu Bildung in Gellners Modell handelt es sich bei dieser Kultur nicht um eine entwickelte Nation auf Basis einer modernisierten Industriegesellschaft, sondern um eine rückständige Kultur mit weitgehend agrarischer Sozialstruktur. Jedoch ist diese unterentwickelte Kultur unweigerlich in den Einflussbereich der industrialisierten Kultur A geraten, ihre starre agrarisch geprägte Sozial- struktur wurde aufgebrochen und viele ehemalige Bauern aus der Kultur B bilden inzwischen Teile des Proletariats der Fabriken in den frühindustriellen Zentren der Kultur A. Sie entdecken, dass sie sich kulturell von ihrer neuen Umgebung unterscheiden und beginnen, verstärkt durch den Wegfall von Gruppenbindungen der schwindenden Agrargesellschaft, erste nationalistische Gefühle zu empfinden. Diese Gefühle werden von Intellektuellen der Kultur B aufgenommen, deren Ziel die Errichtung einer starken nationalistischen Bewegung ist. Deren Massenbasis bilden diese ehema- ligen Bauern, denn „sie teilen, oder Gruppen von ihnen teilen, Volkskulturen, die, unter großen An- strengungen sowie standardisierter und nachhaltiger Propaganda, in eine rivalisierende neue Hochkultur verwandelt werden können.“28

Die Besonderheit dieses osteuropäischen Typus des Nationalismus liegt für Gellner in der noch nicht abgeschlossenen Entwicklung von Hochkulturen und somit voll ausgebildeten Nationen zum Zeitpunkt der Umsetzung des nationalistischen Prinzips in die politische Praxis. Als die Habs- burger Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs zusammenbrach und die neuen mittel- und ost- europäischen Staaten gegründet wurden, waren die hierfür erforderlichen Nationen nach Ansicht Gellners noch nicht weit genug entwickelt und kulturell homogenisiert. Die unvermeidliche Folge dieses historischen Fehlers seien Vertreibungen, Bevölkerungsverschiebungen sowie viele weitere Formen ethnisch motivierter Gewaltexzesse gewesen. Gellner verfolgt die Auswirkungen seines Modells mit aller Konsequenz zu Ende, wenn er festhält: „Mit Glück, Verständnis und Durchhalte- vermögen kann der Preis verringert werden; aber seine Bezahlung kann nicht vollständig vermie- den werden.“29 In einem späteren Werk verdeutlicht und betont er dies nochmals, wenn er zur Gründung der neuen Staaten Osteuropas bemerkt, „es ging um die gleichzeitige Schaffung eines Nationalstaates und [Hervorhebung im Original] einer Nationalkultur für ein Umfeld, in dem beides fehlte, für einen sprachlichen und kulturellen Flickenteppich.“30 Auch an der Unvermeidbarkeit von Gewalttaten bei der Errichtung von Nationalstaaten auf der Basis fehlender Nationen hält Gellner fest: „Der Schrecken war nicht nur Option, sondern vorprogrammiert.“31 Weiterhin nimmt Gellner hier eine kleinere Modifizierung seiner Typologie vor, indem er von den mittel- und osteuro- päischen Gebieten nochmals jene unterscheidet, die sich unmittelbar seit 1917 im Einflussbereich des Bolschewismus befanden.32 Wenn auch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs der gesamte osteuropäische Nationalismus durch die kommunistische Ideologie unterdrückt wurde, so zeichnet jene neu definierten Gebiete doch aus, dass auf ihnen in der Zwischenkriegszeit keine National- staaten errichtet wurden. Gellner vermag keine Prognose über die Entwicklung dieser Nationalis- men nach dem Ende der Sowjetunion abzugeben, jedoch geben die ethnischen Säuberungen im

[...]


1 Gellner, „Nationalismus“, S. 98

2 Kohn, „Die Idee des Nationalismus“, S. 550

3 ebd., S. 309

4 ebd., S. 230

5 ebd., S. 551

6 ebd., S. 332

7 ebd., S. 407

8 ebd., S. 410

9 ebd., S. 310

10 ebd., S. 358

11 ebd., S. 311

12 ebd., S. 39f.

13 ebd., S. 62

14 ebd., S. 131

15 ebd., S. 133

16 ebd., S. 132

17 ebd., S. 134

18 ebd., S. 427

19 Gellner, „Nations and Nationalism“, S. 63ff.

20 ebd., S. 88ff.

21 ebd., S. 94

22 ebd., S. 101ff.

23 ebd., S. 97

24 ebd., S. 34

25 ebd., S. 141

26 ebd., S. 58ff.

27 ebd., S. 50ff.

28 ebd., S. 97

29 ebd., S. 101

30 Gellner, „Nationalismus“, S. 96

31 ebd., S. 95

32 ebd., S. 99ff.

Details

Seiten
28
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638441117
ISBN (Buch)
9783638677202
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47075
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Historisches Seminar
Note
sehr gut (1)
Schlagworte
Modernismus Typologisierung Nationalismus Wechselwirkung Bestandteile Nationalismustheorien Jahrhunderts Hauptseminar Moderne Nationalismustheorien

Autor

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