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Die Zwinglische Reformation und die Reformation unter Luther. Wieso verlief die Reformation in der Schweiz so anders?

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Voraussetzungen und Zustände in der Eidgenossenschaft

III. Verlauf der Reformation in Zürich
III. 1. Zwinglis Amtsantritt 1519 und die Auswirkungen der Predigten
III. 2. Fastenbruch und Weg zur Ersten Disputation
III. 3. Die Erste Disputation
III. 4. Folgen und Bedeutung

IV. Durchführung und Erhärtung der Reformation
IV. 1. Die Zweite und Dritte Disputation

V. Ausbreitung der Reformation und Konflikte
V. 1. Frühe Reaktionen der Eidgenossen und die Badener Disputation
V. 2. Bündnispolitik und das Burgrecht
V. 3. Berner Disputation und die Rolle Berns
V. 4. Die Kappeler Kriege und der Erste und Zweite Landfrieden

VI. Theologie, Auswirkungen und das Marburger Religionsgespräch
VI. 1. Das Marburger Religionsgespräch und der Abendmahlsstreit
VI. 2. Die Theologie Zwinglis und Luthers

VII. Resümee und Ausblick

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Hoc est corpus meum“. Diese Worte soll Martin Luther beim Marburger Religionsgespräch auf einen Tisch geschrieben haben. Sie stehen symptomatisch für den herrschenden Dissens zwischen Luther und Zwingli in der Abendmahlsfrage. Dies ist jedoch nur einer von zahlreichen Punkten, welche sich bei den beiden Reformatoren unterscheiden und für einen unterschiedlichen Verlauf der Reformationen sorgten.

Die Intention der folgenden Hausarbeit soll sein, die Voraussetzungen, den Verlauf sowie die Theologie der schweizerischen Reformation in Abgrenzung zur lutherischen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen darzustellen und zu erläutern1.

Hierbei wird der Schwerpunkt auf der Erläuterung der reformatorischen Grundsätze Zwinglis und dem Verlauf der Reformation in der Schweiz liegen, die in Abgrenzung zu Luther und den Geschehnissen im Reich dargestellt werden.

Als Primärquellen dienen die Schriften Zwinglis, beziehungsweise seine Hauptwerke, dem Usslegen und dem commentarius de vera et falsa religione 2. Als Sekundärliteratur werden hauptsächlich Gottfried W. Lochers Werke dienen. Des Weiteren werden Monographien von Opitz und Blickle herangezogen.

Zunächst werden die Voraussetzungen beider Reformationen dargestellt. Im nächsten Schritt soll der Verlauf der Reformation in der Eidgenossenschaft erläutert werden. Im Anschluss, anhand eines Beispiels, die Unterschiede in der Theologie Zwinglis und der des Wittenberges erläutert und daraus abgeleitet werden, wieso die Reformation in der Schweiz so anders verlief, als im Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen. Dies soll auch den Schlusspunkt der Seminararbeit setzen. Nicht eingegangen wird auf die Frühzeit Zwinglis, wie etwa seine Studentenjahre. Ebenso wenig auf seine Persönlichkeit und sein Wirken vor 1519.

II. Voraussetzungen und Zustände in der Eidgenossenschaft

Kurz vor Beginn der Reformation3 unterteilte sich die Eidgenossenschaft in sogenannte Orte4, Zugewandte und gemeine Herrschaften5. Dieses Gebilde kann als eine Art lockerer Staatenbund6 angesehen werden7, wobei die Mitglieder sehr auf ihre Souveränität bedacht waren, was durchaus förderlich für die Reformation war, da in der Innerschweiz schon sehr früh Interesse vorhanden war, gegen die Reformierten zu intervenieren8. Ein weiterer Unterschied zum Reich lag darin, dass es in der Eidgenossenschaft keine Zentralgewalt, wie etwa den Kaiser im Reich gab. Die Tagsatzung, die bei Anliegen, welche die ganze Eidgenossenschaft betrafen, einberufen wurde, stellte nur ein sehr schwaches Machtmittel dar, da nur bei einstimmigen Beschlüssen ein Handeln zustande kam9. Auch dies war förderlich für die Reformation, da bei geltendem Mehrheitsprinzip die reformatorischen Gebiete schnell unterdrückt worden wären10.

Das Verhältnis der Eidgenossenschaft zum Reich lässt sich als distanziert beschreiben. Zwar bestanden einige rechtliche Verflechtungen, jedoch fühlten sich die Bürger der späteren Schweiz in erster Linie als Eidgenossen und betonten ihre Reichsunmittelbarkeit11. Ebenso gelang es den Eidgenossen durch Verweigerung der Reichsreform, die Einführung des römischen Rechts zu verhindern, und bei ihren germanischen Rechtstraditionen zu verbleiben12. Außenpolitisch war die Schweiz vor allem für ihre Söldner bekannt. Die Soldbündnisse mit anderen Herrschern13 wurden von der Tagsatzung beschlossen und durch die ausländischen Herrscher mit Geld und Handelsprivilegien vergütet. Zum einen war dieses Soldwesen ein wichtiger Wirtschaftszweig für die Mitglieder der Eidgenossenschaft, zum anderen führte es zu Korruption14, Verrohung der Bevölkerung und Arbeitsmangel beim Handwerk in den Städten15.

Das kirchliche und soziale Leben unterschied sich nur in Teilen von dem im Reich, jedoch gab es einige Faktoren, die einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Reformation hatten. Im Allgemeinen herrschte, ähnlich wie im Reich, ein hohes Maß an Frömmigkeit und Wunderglaube16. Ebenso waren Ablasshandel und eine unchristliche Lebensweise des Klerus‘ verbreitet17. Die Unterschiede bestanden vor allem in der Wahrnehmung der Bevölkerung. Ein Beispiel hierfür wäre, dass staatliche Eingriffe in das kirchliche Leben nicht zwangsläufig als Unrecht empfunden wurden. Für die Reformation war dies entscheidend, da sich bereits während der Ersten Disputation weltliche Obrigkeit als kirchliche engagierte18.

Somit wird erkennbar, dass eine Reformation in der Eidgenossenschaft anders verlaufen musste, als im Reich, da sich die Gegebenheiten in vielen Aspekten vom Reich unterschieden. Der Aufbau der Schweiz, ebenso wie teilweise die kirchlichen, die sozialen und die wirtschaftlichen Voraussetzungen. Auch lagen ein unterschiedliches Rechtsempfinden sowie eine andere Auffassung von Staat und Obrigkeit innerhalb der Bevölkerung vor. Auch wird deutlich, dass die Auslöser für die Reformation nicht in der Verwerflichkeit des Klerus lagen, wie zum Beispiel der Ablasshandel und das Wirken Tetzels bei Martin Luther19, sondern die Motive der Kirche an sich, welche von Zwingli kritisiert wurden20.

III. Verlauf der Reformation in Zürich

III. 1. Zwinglis Amtsantritt 1519 und die Auswirkungen der Predigten

Zwinglis Amtsantritt als Leutpriester21 in Zürich war am Neujahrstag 151922. Bereits in den ersten Monaten seiner Predigertätigkeit ging er auf Konfrontationskurs mit der Kirche und predigte in Teilen evangelisch23. So betitelte er im Frühjahr 1519 Rom als „die große Hure“, wendete sich gegen Marienverehrung, die Anrufung von Heiligen und predigte streng nach Matthäus24. Auch wurde seine Tätigkeit von der Kanzel zunehmend politisch. Ebenfalls förderte er die Verbreitung der Schriften Martin Luthers, die ihm als dienlich im Kampf gegen Ablass und Marienverehrung schienen25.

Die Konsequenzen des Wirkens Zwinglis waren mannigfaltig. Zürich verzichtete 1521 auf fremden Solddienst, was einen erheblichen Verlust an Geld und den Verzicht auf einen lukrativen Handelsvertrag bedeutete. Im Januar 1522 verbot der Rat weitere Solddienste26. Eine Neuordnung der Almosenregelung lässt sich ebenfalls auf die fast täglichen Predigten Zwinglis zurückführen27. Ebenso wurde die Liturgie verändert. Die wohl bedeutendste Folge war jedoch das durch den Rat eingeführte Schriftprinzip für die Prediger, also die von Zwingli, theologisch, geforderte Wende zur sola scriptura. Der Rat führte dies ein, da es zu immer größeren Spannungen in der Bevölkerung kam28. Die Bedeutung dieses Beschlusses war enorm, auch wenn sie vom Rat vermutlich nicht ganz durchschaut wurde. Zwingli hatte eine politische Legitimation seiner gepredigten Grundsätze und konnte sich auf dieses Mandat von 1520 berufen29.

Somit hatten die Predigten Zwinglis Auswirkungen auf alle wichtigen Bereiche des öffentlichen Lebens: Wirtschaft, Sozialleben, Politik und das kirchliches Leben.

Selbstverständlich stießen die Neuerungen auf heftigen Widerstand, unter anderem bei den Mönchen, beim Bistum und bei den anderen Eidgenossen.

III. 2. Fastenbruch und Weg zur Ersten Disputation

Der Fastenbruch vom März 1522 sowie der heftige Widerstand der Mönche und des Bistums machten eine Entscheidung nötig, die sich in der Ersten Disputation darlegt. Während der Fastenzeit kam es zu öffentlichen Verweigerungen dieser und dem wohl sehr bekannten Wurstessen in der Werkstatt des Buchdruckers Froschauer, in der auch Zwingli anwesend war30. Da der Rat für die Friedenssicherung in Zürich zuständig war und es im Zuge der voranschreitenden Reformation zu Verleumdungen und Ketzereivorwürfen kam, wurde eine Entscheidung unausweichlich31. Die auf den 29. Januar 1523 festgelegte Disputation sollte Jedem die Möglichkeit geben, Zwingli Irrlehren nachzuweisen. Die Disputation war ein bürgerliches Rechtsverfahren, also keine durch die Kirche anerkannte Instanz. Als Grundlage sollte ausschließlich die Heilige Schrift herangezogen werden, folglich galt das Schriftprinzip32.

III. 3. Die Erste Disputation

Die erste Disputation war ausschlaggebend für den Verlauf der Reformation in Zürich. Anwesend waren rund 600 Teilnehmer und eine von der Konstanzer Kurie entsandte Delegation unter Leitung des Generalvikars Johann Faber. Dies trug zum Ansehen der Versammlung bei33. Die Delegation sollte nicht aktiv an der Disputation teilnehmen, sondern lediglich als Beobachter fungieren und der Versammlung ihre Legitimation aberkennen. Eine Äußerung innerhalb der Disputation würde die Anerkennung des Rechts einer weltlichen Gewalt in Angelegenheiten der Kirche bedeuten34. Die von Zwingli vorgelegten 67 Artikel lieferten Orientierungspunkte zum Verlauf der Auseinandersetzung35. Es gelang Zwingli, Faber in eine Diskussion zu verwickeln, wodurch dieser der Versammlung eine Art Legitimation verlieh. Im weiteren Verlauf konnte niemand, allein auf Grundlage der Heiligen Schrift, Zwingli Irrlehren und Ketzerei nachweisen. Daher sprach ihn der Rat frei und der eigentliche Zweck des Rechtsverfahrens war erreicht. Der verlesene Abschied ging jedoch deutlich über den eigentlichen Charakter eines Rechtsprozesses hinaus und griff klar in kirchliche Jurisdiktionsgewalt ein. So wurde auf die 67 Artikel Bezug genommen und neben der Aussage, dass Zwingli fortfahren sollte, sollten auch alle anderen Kleriker in ihren Gebieten nur das predigen, was sie anhand der Bibel belegen konnten36.

[...]


1 Im Folgenden nur noch Reich genannt.

2 Entnommen aus: Huldrych Zwingli, Schriften I-IV, hg. von Thomas Brunnschweier und Samuel Lutz, Zürich 1995.

3 1513. Locher, Gottfried W., Die Zwinglische Reformation im Rahmen der europäischen Kirchengeschichte, Göttingen/Zürich, 1979. S. 18f.

4 Unterteilt in Städte mit ihren Landschaften (z.B. Zürich, Bern) und Länder (z.B. Uri, Schwyz). Vgl. ebd.

5 Wurden abwechselnd von Vögten aus den verschiedenen Orten verwaltet. Vgl. ebd.

6 Bis 1798 war die Eidgenossenschaft rechtlich kein Staat. Vgl. ebd.

7 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 18f.

8 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 21.

9 Ausnahme waren die gemeinen Herrschaften, hier galt das Mehrheitsprinzip. Vgl. ebd. S. 18f.

10 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 21.

11 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 24.

12 Dies hatte durchaus Auswirkungen auf die Reformation. Um im Recht zu sein, musste sie erst ihr altes Recht nachweisen, im Reich ihr neues Recht beweisen. Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 24.

13 Z.B. 1499 mit Frankreich, 1510 mit dem Papst. Vgl. ebd. S. 25.

14 Um sich günstige Soldverträge zu sichern erhielten Stimmberechtigte s.g. Pensionen von den fremden Herrschern. Wurde von Zwingli heftig kritisiert und war mitunter ausschlaggebend für sein Wirken. Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 25. Vgl. auch: ebd. S. 30.

15 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 25f.

16 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 36.

17 So z.B. wurde der Münsterbau in Bern, welcher mit s.g. Romfahrten, die in Verbindung mit einem Soldvertrag bewilligt wurden, finanziert. Romfahrt: Bei einer bestimmten Spende erhielt man den gleichen Ablass, wie ein Rompilger. Locher, Gottfried W., Zwingli und die schweizerische Reformation (= Die Kirche in ihrer Geschichte, Band 3), Göttingen 1982. J 9-10.

18 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 39.

19 Tetzel war ein Ablassprediger, der zu Zeiten Luthers agierte und Auslöser für dessen Thesenanschlag war. Vgl. Brendle, Franz, Das konfessionelle Zeitalter, Berlin 2010. S. 74f.

20 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 36f.

21 Leutpriester: Nicht einem Kloster o.ä. unterstehend.

22 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 83.

23 Hierbei muss gesagt werden, dass Zwingli selbst seine „Wende“ zur sola scriptura bereits auf das Jahr 1516 datiert. Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 75-77.

24 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 84.

25 Vgl. Opitz, Peter, Ulrich Zwingli, Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus, Zürich 2015. S. 18.

26 Es wurden dennoch Truppen ausgesandt, wegen eines Vertrages von 1515. Vgl. Locher, Die zwinglische Reformation, S. 93.

27 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 92.

28 So wendete sich die einflussreiche Kaufmannschaft von Zwingli und seinen Lehren größtenteils ab. Vgl. Locher, Zwingli und die schweizerische Reformation, J 19.

29 Auch hier befindet sich ein deutlicher Eingriff der weltlichen Obrigkeit in kirchliche Bereiche, welcher jedoch nicht als Unrecht wahrgenommen wurde. Er fand sogar vielerorts Nachahmung. Vgl. Locher, Zwingli und die schweizerische Reformation, J 19f.

30 Zwingli war zwar anwesend, aß jedoch nichts. So billigte er das Handeln, beging aber keinen eigentlichen Bruch. Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 95-97.

31 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 110.

32 Vgl. ebd. S. 111.

33 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 113.

34 Vgl. Opitz, Ulrich Zwingli, S. 35.

35 Sie waren im Prinzip eine Zusammenfassung der Predigten Zwinglis. Sie behandeln u.a. die Thematik des solus Christus, Heiligenverehrung, Mönchtum, Obrigkeit, Zölibat etc. Vgl. Locher, Zwingli und die schweizerische Reformation, J 23.

36 Vgl. Locher, Die Zwinglische Reformation, S. 110-115.

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668978423
ISBN (Buch)
9783668978430
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v471116
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1.0
Schlagworte
zwinglische reformation luther wieso schweiz

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