Lade Inhalt...

Elias Canettis Roman "Die Blendung". Vergleich der Verbalkomplexe von Original und der Übersetzung von Paule Arhex

Hausarbeit 2008 13 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

1. Einleitung

1.1. Auswahl des Textkorpus

Elias Jacques Canetti (1905–1994) war ein deutschsprachiger Schriftsteller und Literatur-Nobel­preis­träger des Jahres 1981. Vor Dramen, Essays und einer mehrbändigen Autobiografie veröffentlichte er 1935 als Erstwerk den Roman Die Blendung. In diesem Werk, das Canetti einige Jahre zuvor in Wien geschrieben hat, kreiert er die turbulente Begegnung des sonderbaren Sinologen Dr. Peter Kien mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz. Auf eine Unterstützung bei der Pflege seiner 25.000 Bände starken Bibliothek angewiesen, stellt Kien Therese ein, die er nach einiger Zeit des Zusammenlebens eher unfreiwillig ehelicht. Als Hochzeitsmotiv für Kien darf Theresens sorgsamer und liebevoller Umgang mit den Büchern gelten, der von dem Bibliophilen wohl als Liebe zu seiner ungebildeten Haushälterin missverstanden wird, obwohl die Folianten das eigentliche Objekt seiner Begierde sind. An einen Kampf um die Vorherrschaft in der Wohnung sowie Theresens Interesse für Kiens Testament, einen Möbelverkäufer und den brutalen Hausverwalter schließt sich der Prozess des Wahn­sinnigwerdens Kiens an. Der Handlungsverlauf des Romans steigert sich in einer grotesken Verquickung aus Missverständnissen und Überlagerungen von Illusion und Realität, und kulminiert im kompletten Verlust des Bezugs zur Wirklichkeit, als Kien sich und seine Bibliothek in Flammen aufgehen lässt.

Sprachlich zeichnet sich die Begegnung zwischen dem Wissenschaftler und seiner Wirtschafterin insbesondere dadurch aus, als hier Personen aus völlig unterschiedlichen Schichten – der belesene Gelehrte und die einfache Hausdame – aufeinanderstoßen. Erstmals geschieht dies im Kapitel Das Geheimnis des ersten Teils im Roman. Dieser Abschnitt, und speziell eine Auswahl seiner Verbalkomplexe, wird für im Folgenden als Basis für die Untersuchung dienen. Anhand eines Übersetzungsvergleichs soll auf auffällige Abweichungen zwischen Ausgangstext und der französischen Version eingegangen werden.

1.2. Linguistischer Fokus

Canettis Roman wurde 1949 unter dem Titel La tour de Babel auf Französisch veröffentlicht. 1991 erschien bei Gallimard eine weitere Übertragung ins Französische von Paule Arhex. Der Romantitel lautet Auto-da-fé 1 und weicht abermals vom deutschsprachigen Original ab. Viel interessanter als die Frage nach der Wahl des Titels erscheint jedoch ein direkter Vergleich zwischen den verbalen Strukturen in der deutschen Vorlage und der französischen Version. Der Transfer eines Textes in eine andere Sprache bedingt immer eine Anpassung an die Spezifika der Zielsprache, sofern es Ansinnen des Übersetzenden ist – und das sollte es –, einen von der Leserin als ästhetisch empfundenen Text zu produzieren. Das ausgewählte Kapitel erscheint unter anderem deshalb besonders geeignet, weil darin zahlreiche Passagen in Form des inneren Monologs2 der Haushälterin Therese Krumbholz enthalten sind, die kein Hochdeutsch spricht und sich deshalb einen volkstümlicheren Umgang mit der Sprache leisten kann.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, aufzuzeigen, inwiefern und aus welcher Notwendigkeit heraus sich Unterschiede bei der Übertragung verbaler Strukturen vom Deutschen ins Französische ergeben, denn das Verb wird u. a. unter valenztheoretischem Gesichtspunkt gern als die Wortart bezeichnet, an der sich alle anderen Komponenten im Satz orientieren. Die grammatischen Grundlagen und die Nomenklatur liefert auf deutscher Seite das Referenzwerk Textgrammatik der deutschen Sprache von Harald Weinrich; für besondere Erklärungen im Französischen wird auf Le Bon Usage zurückgegriffen. Es versteht sich von selbst, dass die linguistischen Verwendungsmuster beiderseits nicht als Dogmen verstanden werden: Einerseits hat Canetti einen eigenen Stil, der nicht hundertprozentig der deutschen Standardsprache entspricht3, andererseits handelt es sich bei der französischen Version um eine Interpretation des Textes durch Arhex.

2. Vergleichende Untersuchung der Verbalstrukturen

Es sollen nun insgesamt 14 Textstellen aus Teil 1, Kapitel 2 näher beleuchtet werden. Dabei werden jeweils die deutsche Fassung (links) und die französische Entsprechung (rechts) einander gegenübergestellt und kommentiert. Die Darstellung der Textstellen folgt der Chronologie des Textes, um dessen literarischen Anspruch zu wahren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kien setzt in die Lokalzeitung eine Annonce, in der er eine vakante Haushälterinnenstelle ausschreibt. Die gesamte Passage weist einen prägnanten Telegrammstil auf und ist durch einen resoluten Tonfall gekennzeichnet. So überrascht der Gebrauch des Modalverbs wollen nicht: Da sein semantischer Wert im Allgemeinen „psychische Antriebe des Handelns“[4] umfasst, vermag es in hortativer Verwendungsweise ebenso „verschiedene Nuancen der Höflichkeit“4 auszudrücken. Mangels Imperativform für die 3. Person Plural macht Canetti sich die semantische Breite von wollen zunutze und vermeidet so einen restriktiven bzw. noch barscheren Tonfall, den die Passage mit der Struktur nur charaktervollste Persönlichkeiten dürfen/sollen sich melden angenommen hätte. – Rechts wird gänzlich auf die Verwendung eines Modalverbs zugunsten eines infinitif injonctif verzichtet, wodurch dennoch der Aufforderungstonfall5 transportiert wird. Im Gegensatz zur deutschen Fassung fehlt hier das Subjekt, was durch die semantische Verwandtschaft mit dem Imperativ zu erklären ist. Kien spricht die Leserschaft der Tageszeitung an; deshalb kann das Subjekt, nämlich die durch den angefügten si- Satz näher bestimmte Teilmenge der Leser, logisch ergänzt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Therese Krumbholz entdeckt Kiens Anzeige, ist von ihr und dem Verfasser begeistert und wägt nun ihre derzeitige Position und die Vorteile der Anstellung bei einem gelehrten Herrn gegeneinander ab. Wir befinden uns in der freien Rede, in der Theresens Gedanken im Präsens referiert werden. Das hier verwendete Modal-Passiv wird gemeinhin als Kombination des Verbs sein mit dem zu -Infinitiv beschrieben. Es kann in bestimmten Kontexten „die Bedeutung einiger […] Modalverben abdecken“6. Im vorliegenden Beispiel kann die Struktur beispielsweise durch mit Frauen kann man ja doch nicht auskommen sinngetreu wiedergegeben werden. Die Entsprechung des Subjekts man sucht man im Originalsatz interessanterweise vergeblich: Das Horizont-Pronomen es 7 wird unterdrückt, weil das Vorfeld mit einem Präpositionalobjekt besetzt ist, wodurch der Satz eigentlich grammatisch unvollständig wird. Wollte man es einfügen (es ist mit Frauen …), würde es sich um den sog. Gesellschafts-Horizont handeln, der in seiner Bedeutung dem alternativ vorgeschlagenen man sehr nahe kommt.8 – Die Übersetzerin entscheidet sich für eine (ebenfalls unpersönliche) Konstruktion aus il y a und artikellosem Nomen, gefolgt von einem Infinitiv, und verändert so ganz leicht die Bedeutung: In der französischen Version wird die Existenz eines Mittels negiert, um gut mit einer Hausherrin auszukommen, in der deutschen wird die Möglichkeit, mit ihr auszukommen, negiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da sie schon genügend Geschichten über verlockende Stellenangebote für Dienstmädchen gehört hat, stellt Therese nun dar, welche Gefahren drohen. Um dies allgemeingültig zu lassen und keine Namen nennen zu müssen, lässt Canetti sie mit dem Indefinitpronomen man sprechen. Es eignet sich im Besonderen dazu, „nicht weiter spezifizierte Lebenserfahrungen auszudrücken“9. Kombiniert wird es mit einem gewöhnlichen Vorgangs-Passiv im zweiten Teil des Satzes, was sich deshalb anbietet, weil sonst der nicht näher bezeichnete Handlungsträger durch ein weiteres „indefinites“ Pronomen benannt und zusätzlich eine Ersatzform für man im Dativ verwendet werden müssten, also beispielsweise … so vergewaltigen sie einen gleich. – Rechts wird nicht auf das Pronomen on zurückgegriffen, sondern mit der 2. Person Plural der Lesende angesprochen, oder wenigstens durch dessen Einbezug seine Zustimmung gesucht. Auf verbaler Ebene fällt die Verwendung des Semiauxiliars faire + Infinitiv auf, eine Möglichkeit, das Passiv im Französischen periphrastisch zu bilden. Die im Bon Usage angebotene Aktivierung10 erschließt den faktitiv-kausativen Zusammenhang zwischen Agens („die, von denen man nicht weiß, mit wem man es zu tun hat“) und Patiens („wir ahnungslosen Opfer“): … c’est pour qu’ils fassent en sorte de vous violer.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kien ist durch Theresens eben bekundeten Ordnungssinn von ihren Fähigkeiten überzeugt. Das Deutsche zeigt hier ein Zustands-Passiv im Präteritum, das Teil der Handlungskette darstellt. Er wurde entwaffnet bedeutete, dass der Vorgang des Entwaffnens im Gange wäre; hier jedoch soll das Resultat dargestellt werden. Der Ersatz des Partizips II entwaffnet, das hier als adjektivisches Prädikament zum Kopulaverb sein verwendet wird, würde mit Adjektiven wie waffenlos oder machtlos einen semantisch fast identischen Satz ergeben. – Links wird die Passivität anders ausgedrückt: Subjekt ist hier das Demonstrativpronomen cela und greift thematisch Theresens prompte, von Kien offensichtlich begrüßte Antwort auf. Kien selbst taucht als com­plément d’objet direct des Verbs désarmer auf, ist also Ziel der Handlung des Subjekts. Bei der Übertragung ins Französische hat Arhex sich also für eine Aktivierung des Satzes entschieden, obwohl ein Äquivalent zum Zustands-Passiv existiert: il était désarmé . Sogleich offenbart sich aber das Problem: Die obligatorische Verwendung des imparfait reißt diesen (m. E. plötzlichen) Zustand aus der Handlungskette heraus und lässt ihn als Neben- oder Hintergrundinformation erscheinen. Bleibt die Möglichkeit, ein „echtes“ Passiv zu bilden, indem auf das passé simple zurückgegriffen wird: il fut désarmé.11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kien instruiert seine zukünftige Haushälterin Therese bezüglich der Reinigung seiner Bibliothek; es handelt sich um Anweisungen. Links dient dazu ein Subjekt-im-Verb-Passiv, das den Handlungsträger entbehrlich macht. Oft werden im Deutschen Regeln oder Handlungsanweisungen, die ohne Widerstand zu befolgen sind, (vor allem mündlich) derart passivisch ausgedrückt. „Mit kategorialer ›Passivität‹ als Haltung im Sinne eines Handlungsverzichts hat das nichts zu tun. Häufig […] wird gerade eine sehr dynamische ›Aktivität‹ mit den Ausdrucksmitteln dieses Passivs gekennzeichnet.“12 Wenn Canetti Kien diese Periphrase eines Imperativs in den Mund legt, dann möglicherweise deshalb, weil Kien es nicht für nötig erachtet, Therese anzusprechen, sondern ihr seinen allgemein gültigen Regelkanon unpersönlich, jedoch nicht un­ver­bindlich aufsagt, wie ihn schon Haushälterinnen vor ihr zu hören bekamen. – Arhex entscheidet sich dafür, Kien seine neue Bedienstete mit vous direkt ansprechen zu lassen. Der semantische Gehalt des imperativisch aufgefassten Subjekt-im-Verb-Passivs links wird dabei durch das Modalverb devoir abgedeckt.

[...]


1. Portugiesischer Ursprung; von lat. actus fidei, etwa „Glaubensakt“.

2. Der Unterschied zur hier nicht vorliegenden erlebten Rede besteht darin, dass die Verbformen des inneren Monologs „nicht nach der Gesprächsrolle und dem Tempus in den Erzählfluß einbezogen sind.“ (Weinrich 1993: 903)

3. So fallen vereinzelt (regionale) Abweichungen wie beispielsweise der Gebrauch der Präposition trotz mit dem Dativ auf: „Man behandelte sie zuvorkommend, trotz ihrem bescheidenen Äußern.“ (Canetti o.J.: 66)

4. Weinrich 1993: 305.

5. „Il s’agit ordinairement d’un ordre général et impersonnel.“ (Grevisse 1993: § 871 d).

6. Weinrich 1993: 164.

7. „Horizont bedeutet in der Grammatik soviel wie komplexe Menge von Daten, die unauffällig gegeben wird.“ (Weinrich 1993: 390).

8. Vgl. Weinrich 1993: 394.

9. Weinrich 1993: 99.

10. Vgl. Grevisse 1993: § 791 e.

11. Bei Sätzen im Indikativ présent , imparfait oder futur ohne Agens-Ergänzung begegnet es oft, „que le participe passé soit l’équi­valent d’un simple adjectif attribut; on n’envisage que le résultat. […] Au passé simple et au passé composé, on a d’ordinaire un vrai passif, décrivant une action, évoquant un agent.“ (Grevisse 1993: § 742 a)

12. Weinrich 1993: 177.

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668958906
ISBN (Buch)
9783668958913
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v471411
Institution / Hochschule
Université Lumière Lyon 2 – Département d'études allemandes et scandinaves
Note
1,3
Schlagworte
Übersetzung Verben

Autor

Zurück

Titel: Elias Canettis Roman "Die Blendung". Vergleich der Verbalkomplexe von Original und der Übersetzung von Paule Arhex