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Worin ähnelt die Naturphilosophie des Anaxagoras der Platonischen Ideenlehre?

Ein Vergleich der Fragmente und Lehrberichte des Anaxagoras mit dem Phaidon und Timaios Platons

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anaxagoras´ Naturphilosophie
2. 1 Was geordnet wird
2. 2 Das ordnende Prinzip

3. Platons Phaidon und Timaios
3. 1 Was geordnet wird
3. 2 Das ordnende Prinzip

4. Fazit

1. Einleitung

Die Metaphysik, als Disziplin der theoretischen Philosophie, beschäftigt sich mit den Ursachen, den fundamentalen Gründen, den Prinzipien allen Seins. Sie sucht nach dem Sinn und Zweck der Wirklichkeit. Bereits die Philosophen des antiken Griechenlands beschäftigten sich mit dem Erkennen und Verstehen dieser grundlegenden Gesetzmäßigkeiten. Im Fokus ihrer Überlegungen standen dabei die Fragen, wie aus dem Nichtseienden etwas entstehen oder ins Nichtseiende etwas vergehen kann sowie die Entstehung von Bewegung, also wie sich Veränderungsprozesse erklären lassen. Dieser Problematik nahm sich auch der vorsokratische Philosoph Anaxagoras von Klazomenai1 an. Er versuchte mit seiner naturphilosophischen Theorie eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Ebenso Platon2, der wohl bekannteste altgriechische Philosoph und Begründer der klassischen Philosophie, stellte den physiologischen Theorien seiner Vorgänger seine Ideenlehre entgegen. Beide Denker waren bestrebt die Beschaffenheit des Kosmos und die Beziehung zwischen Geist und Materie zu erklären. Zwar befassten sich auch andere antike Philosophen mit dieser Problematik und kamen dabei zu ganz unterschiedlichen Erklärungsansätzen, allerdings möchte ich den formalen Rahmen dieser Hausarbeit nicht unnötig strapazieren und beschränke mich deshalb auf die beiden zuvor genannten.

In der folgenden Ausarbeitung habe ich es mir zur Aufgabe gemacht die Lehren des Anaxagoras und Platons miteinander zu vergleichen. Dazu werde ich die jeweilige Theorie nach zwei Aspekten untersuchen. Zum einen die Auffassung von Materie, also was bewegt wird. Des weiteren beschreibe ich das bewegende Prinzip als Ursache der Bewegung und Veränderung. Mein Ziel ist es Unterschiede und eventuelle Gemeinsamkeiten zwischen anaxagoreischer Naturphilosophie und Platons Ideenlehre aufzuzeigen. Ich stütze mich dabei auf die erhaltenen Fragmente des Anaxagoras sowie die beiden platonischen Dialoge „Phaidon“ und „Timaios“, in welchen die Ideenlehre hauptsächlich thematisiert wird.

Die besondere Schwierigkeit beim Verständnis der Lehren und ihrer Bearbeitung liegt vorrangig in der schlechten Überlieferungslage. Besonders bei Anaxagoras, dessen Arbeit nur noch in wenigen Fragmenten erhalten ist oder Inhalte seiner Philosophie nur durch spätere Autoren3 teilweise wiedergegeben werden. Ebenso bei Platon, auch wenn die beiden Dialoge, auf welche sich meine Ausarbeitung stützt, zur Gänze erhalten sind, werden einige Aspekte der Ideenlehre allenfalls skizziert, nicht aber intensiver behandelt. Aufgrund dessen sind einige inhaltliche Schwerpunkte bis heute umstritten und lassen größeren Raum zur persönlichen Interpretation. Auf diese werde ich an entsprechender Stelle aufmerksam machen.

2. Anaxagoras´ Naturphilosophie

2.1 Was geordnet wird

Das Grundproblem, dessen sich Anaxagoras annahm, war die Frage nach dem Entstehen und Vergehen der Dinge, also wie aus dem Nichtseienden etwas entstehen und wieder ins Nichtseiende etwas vergehen kann? Die Problematik möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen, welches auch Anaxagoras´ Überlegungen zugrunde lag.

Die Aufnahme von Speisen fördert das Wachstum der Bestandteile des Körpers, also die Sehnen, Knochen, Blut usw.. Nimmt der Mensch beispielsweise ein Brot zu sich, so erwachsen daraus die benannten Teile. Daraus leitete Anaxagoras ab, dass sich sämtliche Stoffe, welche die Bildung von Sehnen, Knochen oder Blut bedingen, bereits im Brot vorhanden sein mussten. Jene Stoffe, beispielsweise Blut- oder Knochenteile, seien demnach schon der Speise beigemischt. Da er, wie auch seine Zeitgenossen, nur eine mechanische Verbindung der Teilchen aber noch keine chemische kannten, nahm er an, dass eine Mischung durch Nebeneinanderlagern der Stoffe bewirkt würde. Ihm war folglich noch nicht bewusst, dass durch chemische Verbindung aus zwei sich mischenden Stoffen ein dritter entstehen kann. Daraus folgerte er, dass alles nur von dem ihm Gleichen ernährt wird.4

Er kam zu der Erkenntnis, dass nichts entsteht oder vergeht, sondern sich in Wahrheit nur stetig verändert, wie er in folgender Passage beschreibt: „Denn kein Ding entsteht oder vergeht, sondern aus vorhandenen Dingen findet eine Mischung wie andererseits eine Trennung statt. Und so dürfen sie wohl mit Recht das Entstehen als ein SichMischen und das Vergehen als ein Sich-Trennen bezeichnen.“5 Eine solche Veränderung sei ein ständiges Trennen und Mischen der Teilchen. Diese sind so klein, dass sie sich jeder sinnlichen Wahrnehmung entziehen und nur dem Denken zugänglich sind. Wie er sich eine solche Vermischung der Stoffe vorstellte, darüber soll folgender Ausschnitt eines seiner Fragmente Aufschluss geben: „Und wo gleichviel Teile vom Großen und Kleinen vorhanden sind, so dürfte auch aus diesem Grunde jedes in jedem enthalten sein. Und es kann auch nicht etwa etwas für sich gesondert vorhanden sein, sondern alles hat an allem Anteil.“6 Er war der Meinung, dass es unendlich viele Stoffe gäbe, welche alle miteinander vermischt seien und somit auch die stofflichen Prinzipien unendlich wären. Dabei ist alles in allem enthalten, also jeder Stoff hat jedwede Teilchen in sich. Diese sind nur jeweils anders dosiert. Daraus ergibt sich die Gestalt eines Objekts, nach derer es seine Bezeichnung vom Menschen erfährt. Beispielsweise enthält ein Klumpen Gold eine Mehrheit an Goldteilchen, was diesem wiederum sein Äußeres gibt. Allerdings sind auch darin die Stoffe wieder nur Mischungen aus anderen unendlich kleinen Teilchen, welche ihrerseits wieder bis ins Unendliche teilbar sind. Dies wird ebenfalls in einem Fragment beschrieben: „Denn von dem Kleinen gibt es kein Allerkleinstes, sondern immer noch ein Kleineres. Denn es ist unmöglich, dass das Seiende durch Teilung bis ins Unendliche aufhört zu sein. Aber auch von dem Großen gibt es immer noch ein Größeres.“7 Es gibt also auch kein Größtes oder Kleinstes, sondern nur ein Größeres oder Kleineres. Egal wie klein die Teilchen sind, sie sind unendlich nach Menge und Kleinheit und daher stets weit davon entfernt auf ein Kleinstes reduziert werden zu können.8

Anaxagoras vertrat die Auffassung, dass es nicht nur vier Elemente9 sind, aus denen alle Dinge bestehen. Diese seien ebenfalls lediglich Mischungen aus unendlich vielen qualitativ unveränderlichen Urstoffen, welche nicht erst werden, sondern schon immer sind. Des weiteren nahm er die Existenz einer Urmasse bzw. Urmischung an, deren Erwähnung in einem Textauschnitt schriftlich fixiert und uns bis heute erhalten geblieben ist. Darin heißt es: „(Ursprünglich) waren alle Dinge zusammen, unendlich an Menge und Kleinheit. Denn auch das Kleine war unendlich. Und solange alle Dinge zusammen waren, war infolge ihrer Kleinheit keins von ihnen erkennbar.“10 Er gibt also das Vorhandensein einer unendlichen Masse von Urstoffen an. Diese werden auch als „Samen“11 bezeichnet, welche sämtliche Teilchen enthalten. Die Urmasse und die darin enthaltenen Samen sind also scheinbar nicht entstanden, sondern waren schon immer vorhanden.12 Unklar ist allerdings, wie es in der Urmischung bereits Samen geben kann, wenn doch jedweder Bestandteil der Materie bis ins Unendliche teilbar und stets eine Mischung mit anderen ist. Also können die Homöomerien, die ja bereits Substanzen enthalten, nicht das zugrunde liegende Prinzip jener Urmasse sein. Möglicherweise waren bereits von vornherein Teilchen innerhalb der Urmischung zu jenen Samen geronnen.13 Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht intensiver auf diese Unklarheit eingehen, da dies, wie in der Einleitung bereits erwähnt, aufgrund der dünnen Quellenlage bis heute nicht abschließend geklärt werden kann und ein genaues Verständnis für meinen Vergleich nicht von nöten ist.14

Diese Mischung, aus der alles entstand, weist zunächst keine Eigenschaften auf. Sie ist hinsichtlich ihrer Farbe, des Geschmacks und ihrer Gestalt vollkommen neutral und wird als ungeordnetes Ganzes, keinem übergeordneten Zwecke folgend, beschrieben. Die in ihr vorhandenen Teilchen sind sich nicht gleich. Keins gleicht exakt dem anderen. Sie sind sich höchstens ähnlich.15

Diese Urmasse hat sich irgendwann jedoch getrennt, die Teilchen haben sich abgesondert16 und sich erneut vermischt. Dabei gesellten sich ähnliche Teilchen zueinander, welche die Bildung körperlicher und sinnlich wahrnehmbarer Stoffe wie Gold oder Erde zur Folge hatten. Diese erhalten ihre Gestalt aus der Mehrheit der sich ähnelnden Teilchen. Überwiegen also goldähnliche Teilchen, so nehmen Menschen das Objekt als Gold war und es erhält dementsprechend seine Benennung.17

Halten wir fest, dass Materie also nicht entsteht, sondern schon immer vorhanden war. Allerdings existierte sie zunächst ungeordnet in der Urmasse und ähnliche Stoffe fanden erst durch Teilung und erneute Mischung zueinander, wonach laut Anaxagoras der Kosmos entstand. Doch wer gab den Impuls zur Spaltung und wer bewirkte den Übergang von der Unordnung der Urstoffe zur Ordnung? Dies soll im folgenden Kapitel behandelt werden.

2.2 Das ordnende Prinzip

Neben dem Prinzip der Materie18 muss es also noch ein weiteres geben, durch welches sich Bewegung bzw. Veränderung erklären lässt. Denn Anaxagoras nimmt Bewegung nicht einfach als gegeben hin, sondern er versucht eine Erklärung für jenen wirkenden Impuls zu finden.19

Daher nimmt er als zweites Prinzip die Existenz eines ordnenden Geistes, er bezeichnet ihn auch als „Nous“, an. Diesem schreibt er die Gestaltung des Kosmos zu, indem er die Teilchen aus dem Chaos der Stoffmasse in eine vernunftgerichtete Ordnung brachte und dadurch die Welt erschuf.20

Während bei der Materie ein jedes Teilchen an jedem Anteil hat, so ist der Geist getrennt von allem. „(Der Geist) ist allein selbst für sich selbst.“ und „Der Geist ist das feinste und reinste von allen Dingen.“21 heißt es im zwölften Fragment. Daraus können wir ableiten, dass der Geist etwas übergeordnetes darstellen muss. Außerdem ist er losgelöst von allen materiellen Dingen und herrscht aufgrund seiner Reinheit über alles. Wir erfahren an anderer Stelle des Fragments auch den Grund für die Selbstständigkeit des Nous. Wenn es nämlich Teilchen gäbe, die an ihm Anteil hätten, so könnte er nicht in gleicher Weise über sie alle herrschen. Sie würden ihn hindern und beeinflussen. Der Geist bezieht seine Kraft und übergeordnete Autorität aus seiner Reinheit. Er ist darüber hinaus immer gleich und keiner Veränderung unterworfen, im Gegensatz zu den Stoffen, welche stetigem Wandel ausgesetzt sind.22

Er ist vernunftbegabt und arrangiert die Teilchen nach einem gewissen Plan, wobei die vernünftige Zweckmäßigkeit die maßgebliche Ursache ist. Dies bedeutet, dass der Geist jede Sache so ordnet bzw. in das System einfügt wie es für sie am besten ist. Da er die absolute Erkenntnis von jedem Ding hat, ist nur er in der Lage das Beste für ein jedes zu erblicken. Wobei das Beste dabei mit dem Vernünftigsten gleich zu setzen ist.

[...]


1 Um 500 v. Chr. in Klazomenai/ Ionien (Griechenland) – um 428 v. Chr. in Lampsakos (Griechenland); war ein Vertreter der Vorsokratiker und ionischer Philosoph.

2 427 v. Chr. in Athen-347 v. Chr. in Athen

3 Besonders Aristoteles und Simplicius beziehen sich in ihren Schriften häufiger auf Anaxagoras.

4 Capelle, W., Die Vorsokratiker. Die Fragmente und Quellenberichte übersetzt und eingeleitet von Wilhelum Capelle, Stuttgart 1968 (Kröners Taschenusgable 119) S. 264.

5 Anaxagoras von Klazomenai, fr. 17, in: Capelle, W., Die Vorsokratiker. Die Fragmente und Quellenberichte, übersetzt und eingeleitet von Wilhelm Capelle, Stuttgart 1968 (Kröners Taschenausgabe 119) S. 260.

6 Anaxagoras von Klazomenai, fr. 6, in: Capelle, W., Die Vorsokratiker. S. 266.

7 Anaxagoras von Klazomenai, fr. 3, in: Capelle, W., Die Vorsokratiker. S. 266.

8 Kirk, G., u.a., Die Vorsokratischen Philosophen. Einführung, Texte und Kommentare, Stuttgart/ Weimar 1994, S. 402.

9 Die vier Elemente sind Feuer, Wasser, Erde und Luft.

10 Anaxagoras von Klazomenai, fr. 1, in: Capelle, W., Die Vorsokratiker, S. 266 f.

11 Aristoteles gibt den Samen die Bezeichnung „Homöomerien“.

12 Vgl. Capelle, W., Die Vorsokratiker, S. 266 f.

13 Vgl. Kirk, G., u.a., Die Vorsokratischen Philosophen. S. 402.

14 Genauere Bearbeitung erfährt das Thema bei: Kirk, G., u.a., Die Vorsokratischen Philosophen. S. 401.

15 Vgl. Capelle, W., Die Vorsokratiker, S. 267 f.

16 Wobei eine endgültige Absonderung einzelner Anteile, durch die Reduzierung bis ins unendlich Kleine, theoretisch und praktisch nie erreicht werden kann, da alles an allem Anteil hat und jedes mit jedem vermischt ist.

17 Simplicius zu Aristoteles, Physik 27, 2 f., in: Capelle, W., Die Vorsokratiker, S. 263.

18 Auch als „Stofflehre“ des Anaxagoras bezeichnet.

19 Vgl. Kirk, G., u.a., Die Vorsokratischen Philosophen, S. 398.

20 Vgl. Kirk, G., u.a., Die Vorsokratischen Philosophen, S. 399 f.

21 Anaxagoras von Klazomenai, fr.12, in: Capelle, W., Die Vorsokratiker, S. 270.

22 Vgl. Kirk, G., u.a., Die Vorsokratischen Philosophen, S. 397-400.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668936973
ISBN (Buch)
9783668936980
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v471444
Note
1,3
Schlagworte
Platon Ideenlehre Phaidon Timaios Philosophie Griechenland Antike Anaxagoras Naturphilosophie

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