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Das sprachliche Relativitätsprinzip und politische Sprache

Ein theoretischer Überblick

von Verena Binder (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das sprachliche Relativitätsprinzip
2.1 Wilhelm von Humboldt
2.2 Franz Boas
2.3 Edward Sapir
2.4 Benjamin Lee Whorf
2.5 Kritik am sprachlichen Relativitätsprinzip
2.6 Johann Leo Weisgerber
2.7 Anwendung des sprachlichen Relativitätsprinzips

3 Politische Sprache
3.1 Unterteilung des politischen Wortschatzes
3.2 Denotation, Konnotation und Deontik
3.3 Strategien im politischen Sprachgebrauch
3.3.1 Basisstrategien
3.3.2 Kaschier- und Verschleierungsstrategien
3.3.3 Konkurrenzstrategien
3.4 Frames

4 Zusammenfassung

II Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im August 2018 titelte der Stern:

Von „Asyltourismus“ bis „Vogelschiss“ - verroht die politische Sprache? Politiker wollen verstanden werden, im Idealfall auch überzeugen. Wer „die Sprache des Volkes“ spricht, hat da bessere Karten. Die eine oder andere Zuspitzung hilft auch. Doch wer es überzieht, kann sein Publikum verlieren. (Herzog 2018)

Der zitierte Aufmacher des Zeitungsartikels reißt gleich mehrere Aspekte an, die politische Akteure bei an potenzielle Wähler gerichteten sprachlichen Äußerungen berücksichtigen müssen: Verständlichkeit für Laien, Überzeugungskraft und Reduzierung auf die für den eigenen Standpunkt wesentlichen Teile des Sachverhalts, gegebenenfalls durch die Verwendung von Schlagwörtern.1 Bei der sprachlichen Vermittlung der politischen Ansichten in Abgrenzung zu denen des Gegners ist es somit entscheidend, auf welche Weise ein politischer Akteur Sachverhalte versprachlicht. Diese Erkenntnis ist eng verknüpft mit den zentralen Punkten des linguistischen Relativitätsprinzips, wie die vorliegende Arbeit anhand eines theoretischen Überblicks zeigen soll.

Im ersten Teil der Arbeit beschäftige ich mich mit der Entstehung des sprachlichen Relativitätsprinzips und den Ansichten seiner wichtigsten Vertreter Wilhelm von Humboldt, Franz Boas, Edward Sapir, Benjamin Lee Whorf und Johann Leo Weisgerber. Dabei gehe ich auch kurz auf Kritikpunkte und Anwendungsmöglichkeiten ein. Im zweiten Teil gebe ich einen Überblick über die Charakteristika und Funktionen politischer Sprache und diesbezügliche Forschungsansätze.

Sowohl zum sprachlichen Relativitätsprinzip als auch zur politischen Linguistik wurden bereits umfangreiche Forschungen betrieben. Im Kapitel über das linguistische Relativitätsprinzip beziehe ich mich insbesondere auf das Grundlagenwerk Sprachliche Relativität. Eine problemorientierte Einführung von Iwar Werlen (2002) sowie auf die theoriebezogenen Ausführungen in Beat Lehmanns (1998) Farbstudie Rot ist nicht „rot“ ist nicht [rot]. Eine Bilanz und Neuinterpretation der linguistischen Relativitätstheorie. Einen wichtigen Literaturtitel für den zweiten Teil meiner Arbeit stellt die Überblicksdarstellung Einführung in die Politolinguistik. Gegenstände und Methoden von Thomas Niehr (2014) dar.

2 Das sprachliche Relativitätsprinzip

Das Prinzip der sprachlichen Relativität

besagt, dass jene Sprache(n), die ein Individuum als Teil einer Sprachgemeinschaft erworben und gelernt hat, die Art und Weise mitbeeinflussen, wie die Welt von diesem Individuum als Wirklichkeit interpretiert wird; dieser Einfluss kann allerdings reflektierend aufgehoben werden. (Werlen 2002, 28)

Bereits in der Antike beschäftigten sich Gelehrte mit der Frage, wie Sprache und Denken zusammenhängen. Dabei standen die Annahmen der logischen Schule im Mittelpunkt, die besagten, dass Sprache und Denken völlig identisch seien. Die bei jedem Menschen gleichen Denkkategorien müssten daher zu übereinstimmender Grammatik in allen Sprachen führen (vgl. Berezin 1980, 64). Dieser Ansatz lässt angesichts der erheblichen Unterschiede, die unbestreitbar zwischen verschiedenen Sprachen bestehen, mangelnde Beschäftigung mit Fremdsprachen erkennen.

2.1 Wilhelm von Humboldt

Im Europa des 19. Jahrhunderts wandte sich Wilhelm von Humboldt gegen die Annahmen der logischen Schule, wobei er unter anderem auf Grundgedanken von Leibniz und Herder zurückgriff (vgl. Lehmann 1998, 47).2 Schon 1795 hielt Humboldt fest, dass das Denken durch Sprache geschehe (vgl. ebd., 50) und ein enger Zusammenhang zwischen dem Gedanken und dem Sprachlaut bestünde (vgl. Berezin 1980, 65). Die Vorstellung einer Realität, die nicht von Sprache abhängt, lehnte er ab. Stattdessen beschrieb er den Menschen als Gefangenen seiner Sprache (vgl. Gardt 1999, 234 – 236). Gardt fasst Humboldts Ansicht wie folgt zusammen: „Der Mensch kann in seinem Denken nicht hinter Sprache zurücktreten, kann keinen intellektuell sprachfreien, Archimedischen Punkt finden, von dem aus er die Dinge in ihrem objektiven Gegebensein erkennen kann, um sie in einem zweiten Schritt nach Belieben zu versprachlichen“ (ebd., 235).

Des Weiteren forderte Humboldt, Phänomene fremder Sprachen nicht mit aus der eigenen Sprache gewonnenen Kategorien zu beurteilen (vgl. Lehmann 1998, 55). Humboldt wird vielfach als Vater des sprachlichen Relativitätsprinzips angesehen (vgl. Werlen 2002, 162, Lehmann 1998, 46). Lehmann bilanziert, „daß [sic] Humboldt eigentlich alle wesentlichen Elemente der modernen Version der Relativitätshypothese (der deutschen und amerikanischen) klar ausgedrückt und diskutiert hat – nur eben in der wissenschaftlichen Terminologie des 19. Jahrhunderts“ (Lehmann 1998, 58).

2.2 Franz Boas

In Amerika entwickelte sich im frühen 20. Jahrhundert ein Ansatz zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen Sprache und Denken, der sich von der europäischen Version vor allem durch die Kombination von Methoden aus Anthropologie, Sprachwissenschaft und Ethnologie unterscheidet (vgl. Werlen 2002, 174).

Der Anthropologe Franz Boas (1858 – 1942) erforschte bei den Ureinwohnern Amerikas, wie die Umweltbedingungen, unter denen Menschen leben, mit ihrem Denken und ihrer Sprache zusammenhängen (vgl. Werlen 2002, 174, Elsen 2014, 71). Als Naturwissenschaftler ging er dabei sehr methodisch vor und strebte eine vorurteilsfreie Beschreibung fremder Kulturen an (vgl. Werlen 2002, 174f.). Nach Boas‘ Ansicht wählt eine Sprachgemeinschaft aus einer potenziell unendlichen Menge an Ideen und Konzepten diejenigen aus, die am dringendsten benötigt und somit versprachlicht werden. Diese Auswahl ist abhängig von Kultur und Umweltbedingungen und fällt deshalb in jeder Sprache etwas anders aus (vgl. Elsen 2014, 74). Boas verstand den Einfluss der Kultur auf die Sprache aber nicht als deterministisch, denn die Sprecher/-innen haben jederzeit die Möglichkeit, ihre Sprache neu entstandenen Bedürfnissen anzupassen (vgl. Werlen 2002, 184 – 186). Boas formulierte sein Verständnis des Zusammenhangs von Sprache, Denken und Kultur nicht zu einer Theorie aus (vgl. ebd., 175f.), beeinflusste aber die nachfolgende Forschung von Sapir (vgl. ebd. 187).

2.3 Edward Sapir

Der Linguist Edward Sapir (1884 – 1939) erforschte und verglich die Sprachen der nordamerikanischen Ureinwohner (vgl. Lehmann 1998, 20, Elsen 2014, 71). Nach Sapirs Verständnis ist Denken ohne Sprache nicht möglich, umgekehrt hingegen schon (vgl. Sapir 1972, 22). Die Sprache, die ein Mensch spricht, beeinflusst, welche Interpretation der Gegebenheiten seiner Umwelt ihm am leichtesten in den Sinn kommt (vgl. Elsen 2014, 74). Sprache und Denken betrachtete Sapir nicht als identisch, sondern „[ä]ußerstenfalls kann die Sprache als die nach außen gekehrte Seite des Denkens verstanden werden und zwar auf dem höchsten abstrakten Niveau, wo die symbolischen Ausdrucksformen zu Hause sind“ (Sapir 1972, 22f.).

Lehmann stellt zwei Punkte aus Sapirs Überlegungen heraus, die ihm besonders wichtig erscheinen. Erstens weist er auf die von Sapir angenommene „universelle Basis menschlicher Erfahrung als gemeinsame tiefenstrukturelle Klammer aller Sprachen und Weltsichten“ (Lehmann 1998, 27) hin. Zweitens betont er, dass für Sapir die Denkweise einer Sprachgemeinschaft, repräsentiert durch Morphologie und Syntax ihrer Sprache, wichtiger ist als das Lexikon, das die Denkinhalte darstellt (vgl. ebd., 24 – 27). Werlen fasst zusammen, dass Sapir eine schwache Determinationshypothese vertritt: ein Denken ohne Sprache ist nicht möglich und die Sprache weist dem Denken seine Wege – allerdings kann das Denken seinerseits wieder über die Sprache hinausführen und sie verändern. Desgleichen können Veränderungen der kulturellen Bedürfnisse zu Veränderungen der Sprache führen – allerdings würden solche Veränderungen dann den schon gebahnten Pfaden der Sprache folgen. (Werlen 2002, 194)

Sapirs Ansichten zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Umwelt klingen in mehreren seiner Arbeiten immer wieder an (vgl. Elsen 2014, 71f.) und sind ein Nebenprodukt seiner Beschreibung der Sprachen der amerikanischen Ureinwohner (vgl. Werlen 2002, 200). Das Relativitätsprinzip behandelte er erst 1924 ausdrücklich und seine Ausführungen dazu blieben knapp (vgl. Lehmann 1998, 25). Eine kohärente Theorie zum Thema entwarf Sapir nicht, doch seine Ansichten beeinflussten seinen Schüler Whorf (vgl. Elsen 2014, 72, Lehmann 1998, 28).

2.4 Benjamin Lee Whorf

Benjamin Lee Whorf (1897 – 1941) war Brandverhütungsingenieur und betrieb seine linguistischen Studien nebenberuflich (vgl. Werlen 2002, 201f., Lehmann 1998, 28). Er beschäftigte sich wie seine Vorgänger mit den Sprachen amerikanischer Ureinwohner, insbesondere mit dem Hopi (vgl. Werlen 2002, 203f., Elsen 2014, 72). Dabei stellte er im Vergleich zum Englischen erhebliche Unterschiede bei der Versprachlichung von Konzepten, wie beispielsweise Zeit, fest. Daraus folgerte Whorf, dass diese Verschiedenheiten in den Umweltbedingungen, unter denen die Sprecher/-innen leben, bedingt seien (vgl. Elsen 2014, 72). Elsen bringt es wie folgt auf den Punkt: „Grammatische Strukturen sind Interpretationen der Erfahrung und interpretieren wiederum die Wahrnehmung“ (ebd). Bezüglich des zweiten Teils der zitierten Aussage schrieb Whorf:

Die Kategorien und Typen, die wir aus der phänomenalen Welt herausheben, finden wir nicht einfach in ihr – etwa weil sie jedem Beobachter in die Augen springen; ganz im Gegenteil präsentiert sich die Welt in einem kaleidoskopartigen Strom von Eindrücken, der durch unseren Geist organisiert werden muß [sic] – das aber heißt weitgehend: von dem linguistischen System in unserem Geist. Wie wir die Natur aufgliedern, sie in Begriffen organisieren und ihnen Bedeutungen zuschreiben, das ist weitgehend davon bestimmt, daß [sic] wir an einem Abkommen beteiligt sind, sie in dieser Weise zu organisieren – einem Abkommen, das für unsere ganze Sprachgemeinschaft gilt und in den Strukturen unserer Sprache kodifiziert ist. (Whorf 1963, 12)

Whorf bezog sich in seinen Überlegungen nicht auf den Zusammenhang von Sprache und Denken allgemein, sondern präzisierte: „Die Aussage, ‚Denken ist eine Angelegenheit der SPRACHE‘, ist eine unkorrekte Verallgemeinerung des schon etwas richtigeren Satzes, ‚Denken ist eine Angelegenheit verschiedener Muttersprachen‘“ (Whorf 1963, 39). Er bezeichnete seinen Ansatz in Anlehnung an Einstein (vgl. Elsen 2014, 75) als sprachliches Relativitätsprinzip und betonte, dass dieses vor allem beim Vergleich von Sprachen aus unterschiedlichen Sprachfamilien deutlich werde (vgl. Whorf 1963, 12f.). Den zentralen Punkt seiner These erläuterte Whorf wie folgt:

Wir gelangen daher zu einem neuen Relativitätsprinzip, das besagt, daß [sic] nicht alle Beobachter durch die gleichen physikalischen Sachverhalte zu einem gleichen Weltbild geführt werden, es sei denn, ihre linguistischen Hintergründe sind ähnlich oder können in irgendeiner Weise auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden (be calibrated). (Whorf 1963, 12)

In seinen Ausführungen über den Zusammenhang von Sprache und Denken, bezog sich Whorf speziell auf das sprachliche Denken (vgl. Werlen 2002, 219), das er vom biologischen Denken, welches von der Sprache unabhängig ist, abgrenzte (vgl. Lehmann 1998, 32). Die Grammatik einer Sprache bildet einen Hintergrund für das linguistische Denken, der dem/der Sprecher/-in in der Regel nicht bewusst ist (vgl. Werlen 2002, 219).

Man fand [beim Sprachvergleich, J.H.], daß [sic] das linguistische System (mit anderen Worten, die Grammatik) jeder Sprache nicht nur ein reproduktives Instrument zum Ausdruck von Gedanken ist, sondern vielmehr selbst die Gedanken formt, Schema und Anleitung für die geistige Aktivität des Individuums ist, für die Analyse seiner Eindrücke und für die Synthese dessen, was ihm an Vorstellungen zur Verfügung steht. Die Formulierung von Gedanken ist kein unabhängiger Vorgang, der im alten Sinne dieses Wortes rational ist, sondern er ist beeinflußt [sic] von der jeweiligen Grammatik. (Whorf 1963, 12)

Das Weltbild eines/-r Sprechers/-in wird nach Whorfs Ansicht hauptsächlich von der grammatischen Struktur seiner Sprache beeinflusst. Der lexikalische Bereich interessierte ihn nur sekundär, wobei er jedoch einräumte, dass dieser ebenfalls eine Rolle spiele. Daneben wies er auf die Bedeutung der Textumgebung hin (vgl. Lehmann 1998, 38 – 40).

Whorf unternahm in einigen Aufsätzen Versuche, seine Annahmen anhand eines ausführlichen Vergleichs mehrerer amerikanischer Sprachen zu belegen (vgl. Werlen 2002, 230, Lehmann 1998, 27), dies geschah Werlen zufolge jedoch „weder systematisch noch unumstritten“ (Werlen 2002, 239). Seine Annahmen formte Whorf wie seine Vorgänger Boas und Sapir niemals zu einer vollständigen Theorie aus, sondern verwendete sie als Fundament in mehreren Arbeiten. Zudem entwickelte er das sprachliche Relativitätsprinzip nicht in direkter Zusammenarbeit mit Sapir, weshalb die später entstandene Bezeichnung Sapir-Whorf-Hypothese die tatsächlichen Entstehungsbedingungen des Prinzips verzehrt (vgl. Elsen 2014, 72f.).

2.5 Kritik am sprachlichen Relativitätsprinzip

Die vorangegangenen Zitate verdeutlichen, dass Whorf (wie auch seine Vorgänger) von Formung und Beeinflussung des Denkens durch Sprache ausging, aber nicht von völliger Determination, wie Kritiker im Nachgang behaupteten. Obwohl diese Differenzierung bei Whorf nicht auftaucht, wird in der späteren Forschung häufig zwischen einer schwachen und einer starken, das heißt deterministischen, Version des sprachlichen Relativitätsprinzips unterschieden (vgl. Werlen 2002, 2). Die Gegenargumente beziehen sich in der Regel auf die starke Variante, die leicht zu widerlegen ist. Werlen (2002, 27) nennt diesbezüglich die Möglichkeiten, mehrere Sprachen (und die damit einhergehenden unterschiedlichen Konzepte) gleichermaßen zu beherrschen und Texte zu übersetzen. Die extreme, deterministische Auslegung des sprachlichen Relativitätsprinzips und die daraus folgende pauschale Ablehnung dienten vielfach der Verteidigung der grundlegenden Ansichten der generativen Grammatik, die mit dem Relativitätsprinzip nicht kompatibel sind (vgl. Elsen 2014, 75 – 77).

2.6 Johann Leo Weisgerber

Nach Whorf beschäftigten sich zahlreiche Wissenschaftler mit dem sprachlichen Relativitätsprinzip, unter anderem Ernst Cassirer (vgl. Gardt 1999, 242). Zu den bekanntesten gehört Johann Leo Weisgerber (1899 – 1985), wie die Bezeichnung Sapir-Whorf-Weisgerber-Hypothese zeigt (vgl. Lehmann 1998, 17, Werlen 2002, 281). Bei Weisgerbers Ansatz wird „Sprache selbst (…) als eine Kraft verstanden, die Welt dem Geist anzuverwandeln“ (Werlen 2002, 282). Die Sicht auf die Welt erfolgt also nicht direkt, sondern ist stets durch Sprache vermittelt. Dieses geistige Vermittlungszentrum nannte Weisgerber Zwischenwelt. Je nach Muttersprache unterscheidet sich das Ergebnis der Vermittlung, was dem/-r Sprecher/-in für gewöhnlich nicht bewusst ist.3 Nur im Sprachvergleich zeigt sich der Einfluss der Zwischenwelt auf das sprachliche Weltbild (vgl. ebd., 283 – 285). Anders als Whorf, der die Sprachen Europas zusammenfasste und mit Sprachen aus anderen Familien verglich, differenzierte Weisgerber auch zwischen nahe verwandten Sprachen (vgl. ebd., 19).

Weisgerbers Sichtweise unterscheidet sich von Whorfs (und Sapirs) vor allem dadurch, dass er sich hauptsächlich auf die Lexik bezog und die Syntax eher auf theoretischer Ebene in seine Überlegungen einflocht (vgl. Lehmann 1998, 70). Zudem ging Weisgerber anders als Whorf nicht auf die Bedeutung der Äußerung im Kontext ein (vgl. ebd., 79). Lehmann (1998, 71) bezieht diese unterschiedlichen Perspektiven darauf, dass Weisgerber sich hauptsächlich auf deutsche Sprachdaten stützte, während Whorf und Sapir die gegenüber dem Englischen strukturell andersartigen Sprachen der amerikanischen Ureinwohner untersuchten. Lehmann fasst den wesentlichen Unterschied zwischen den Ansätzen von Whorf und Weisgerber zusammen: „Gesamthaft gesehen kann man deshalb Weisgerbers Version des linguistischen Relativitätsprinzips – trotz einer gewissen Berücksichtigung der Syntax – als paradigmatisch bezeichnen im Gegensatz zur syntagmatischen Betrachtungsweise von Sapir und Whorf“ (Lehmann 1998, 70, Kursivierung im Original). Eine weitere Differenz zwischen Whorf und Weisgerber besteht darin, dass Ersterer die Möglichkeit sah, sich der muttersprachlich bedingten Unterschiede in der Wahrnehmung der Umwelt bewusst zu werden und diese zu überwinden,4 während Weisgerber dies nur sehr eingeschränkt für machbar hielt (vgl. ebd., 77).

Lehmann (1998, 76) kritisiert an Weisgerbers Version des sprachlichen Relativitätsprinzips die fehlende Stellungnahme zum Verhältnis von Sprache, Denken und Wahrnehmung sowie den mangelnden Bezug auf psychologische Aspekte und die Unklarheit, wie deterministisch die Zwischenwelt anzusehen ist.

2.7 Anwendung des sprachlichen Relativitätsprinzips

Ein beliebtes Feld zur Anwendung des sprachlichen Relativitätsprinzips sind die in verschiedenen Sprachen unterschiedlich gegliederten Farbbereiche (vgl. Lehmann 1998, Elsen 2014, 77 – 81). Der Zusammenhang von Sprache und Denken ist jedoch nicht nur im Sprachvergleich, sondern auch innerhalb einer Einzelsprache von Bedeutung. So nehmen Untersuchungen der feministischen Linguistik zum Einfluss von generischen Maskulina auf die Vorstellung von Geschlechterrollen in der Gesellschaft meist Bezug auf das linguistische Relativitätsprinzip (vgl. Kusterle 2011, Elsen 2014, 82 – 85, Werlen 2002, 60 – 62). Des Weiteren machen sich Marketingfachleute den Einfluss der (Werbe-)Sprache auf die Einstellung der Konsumenten zum beworbenen Produkt zunutze (vgl. Werlen 2002, 33).

Wie die Erläuterungen zum linguistischen Relativitätsprinzip verdeutlicht haben, begreift der Mensch seine Umwelt über die Vermittlung durch seine Sprache. Die Zugehörigkeit einer Sache zu einem bestimmten sprachlichen Ausdruck ist jedoch nicht in jedem Fall eindeutig. Oft gibt es mehrere Möglichkeiten, einen Sachverhalt zu versprachlichen, die unterschiedliche Bewertungen desselben beinhalten können (vgl. Niehr 2014, 14). „[D]urch die Verwendung bestimmter sprachlicher Mittel [wird] immer auch Wirklichkeit konstituiert“, wie Niehr (2017, 159) festhält. Besonders im Bereich der Politik, wo es auf die Verdeutlichung des eigenen Standpunkts in Abgrenzung zur Überzeugung des Konkurrenten ankommt, ist die Art der Versprachlichung des diskutierten Sachverhalts deshalb von größter Bedeutung, wie auch Wengeler (2017, 29) betont.

3 Politische Sprache

„Als politische Sprache oder Sprache in der Politik wird (…) öffentliche Kommunikation über politische Fragen verstanden“ (Drommler 2017, 227). Niehr (2014, 15 – 17) präferiert den Terminus politische Sprache und bezieht sich damit neben dem öffentlichen und nicht-öffentlichen Sprachgebrauch von Politikern auch auf den der Medien beim Berichten über politisches Geschehen sowie auf jegliche Diskussionen über Politik. Unter Politik fasst er „das Handeln von Individuen oder Gruppen (…), das staatlich oder auf den Staat bezogen ist“ und „das sprachliche Handeln unterschiedlicher Interessenverbände (Lobbyverbände, Kirchen, Gewerkschaften etc.) und Einzelpersonen (…), solange es auf den Staat bezogen ist“ (ebd., 16). Für diese Arbeit schließe ich mich Niehrs Verständnis von politischer Sprache und Politik an.

Zu den Eigenheiten politischer Sprache gehört, dass es sich nicht um eine Fachsprache im klassischen Sinn handelt,5 das heißt, sie besitzt keinen Fachwortschatz, der sich deutlich vom Alltagswortschatz abgrenzen lässt. Dies liegt an ihrer Funktion, Wähler (auch solche ohne spezielle politische Bildung) zu beeinflussen und zu überzeugen (vgl. Niehr 2017, 150, Niehr 2014, 13). Die politische Sprache bildet somit eine „zwischen der Lebenswelt der Wähler und den politischen Gegebenheiten vermittelnde(…) sprachliche(…) Instanz“ (Niehr 2017, 150). Inwieweit sich die politische Sprache der Alltagssprache annähert, hängt jedoch vom Verwendungskontext ab. Auf einer öffentlichen Wahlkampfveranstaltung wird dies in stärkerem Maße der Fall sein als in einer parteiinternen Sitzung zur präzisen Klärung konkreter Problemstellungen (vgl. Niehr 2014, 65). Aufgrund dieser Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit des politischen Wortschatzes sind Unterkategorien notwendig.

3.1 Unterteilung des politischen Wortschatzes

Der politische Wortschatz wird in der Forschung vielfach in Institutions-, Ressort-, Ideologie- und allgemeines Interaktionsvokabular unterteilt (vgl. Niehr 2014, 65f., Niehr 2017, 150f., Busse 2017, 195f.). Das Institutionsvokabular umfasst weitgehend neutrale Bezeichnungen für politische Prozesse, Sachverhalte, Ämter und Institutionen (vgl. Niehr 2014, 65, Niehr 2017, 150). Busse (2017, 195) umschreibt es als „technische[s] Arbeits-Vokabular“. Es dient der Kommunikation zwischen Politikern oder zwischen Politikern und Bürgern über obengenannte Bereiche (vgl. Niehr 2017, 150, Niehr 2014, 65). Niehr (2014, 65) führt als Beispiele unter anderem Bezeichnungen für Regierungsformen, etwa parlamentarische Demokratie, normierende Texte wie Grundgesetz, Institutionen, beispielsweise Regierung, Ämter wie Staatssekretär und Bezeichnungen für gängige politische Handlungen, zum Beispiel Misstrauensvotum, an.

[...]


1 Zur Definition von Schlagwort sh. 3.3.1.

2 Zur Entwicklung vor Humboldt vgl. Gardt 1999, 230 – 234.

3 Die Betonung des unbewussten Einflusses der Sprache auf das menschliche Denken ist eine deutliche Parallele zu Whorf (sh. Seite 7).

4 „Wir gelangen daher zu einem neuen Relativitätsprinzip, das besagt, daß [sic] nicht alle Beobachter durch die gleichen physikalischen Sachverhalte zu einem gleichen Weltbild geführt werden, es sei denn, ihre linguistischen Hintergründe sind ähnlich oder können in irgendeiner Weise auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden (be calibrated) “ (Whorf 1963, 12, meine Hervorhebung, J.H.).

5 Wie beispielsweise die Fachsprache der Medizin oder der Physik, vgl. Niehr 2014, 64.

Details

Seiten
22
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668956056
ISBN (Buch)
9783668956063
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v471498
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Schlagworte
relativitätsprinzip sprache überblick

Autor

  • Verena Binder (Autor)

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Titel: Das sprachliche Relativitätsprinzip und politische Sprache