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Das Parteiensystem Polens und das Cleavage-Modell von Lipset/Rokkan

Seminararbeit 2005 13 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Osteuropa

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Das Cleavage-Modell von Lipset und Rokkan
2.1 Die Entstehung von Cleavages
2.1.1 Konfliktlinien durch die Nationale Revolution
2.1.2 Konfliktlinien durch die Industrielle Revolution
2.2 Die Umwandlung von Cleavage-Strukturen in ein Parteiensystem

3. Cleavages im polnischen Parteiensystem
3.1 Erste demokratische Phase 1918-1926
3.2 Das postkommunistische Parteiensystem Polens seit 1989
3.2.1 Die klassischen Cleavages
3.2.1 Neu entstandene Cleavages

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Das 1967 von Seymour M. Lipset und Stein Rokkan entwickelte Cleavage-Modell hatte die Erklärung der Entstehung der Parteiensysteme Westeuropas zum Ziel. In ihrem Werk „Party Systems and Voter Alignments: cross-national perspectives” entwerfen sie hierzu ein Modell, das die Entstehung der Parteiensysteme in Westeuropa mit Hilfe von vier zentralen sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Konflikten („Cleavages“) und deren Transformation in das politische System erklärt (vgl. Mielke 2001: 78). Diese Transformation ist in der Regel mit Einführung des Massenwahlrechts abgeschlossen und das entstandene Parteiensystem bleibt auch über längere Zeiträume relativ stabil (vgl. Lipset/Rokkan 1967: 50)

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Strukturen in den osteuropäischen Staaten im Jahr 1989 stellt sich die Frage, ob das Cleavage -Modell auch auf diese „neuen Demokratien“ anwendbar ist, oder ob die traditionellen Konfliktlinien in diesen Gesellschaften aufgrund jahrzehntelanger kommunistischer Herrschaft nicht mehr erkennbar sind oder ob sich möglicherweise neue Konfliktlinien herausgebildet haben. Dies soll am Beispiel des polnischen Parteiensystems geprüft werden.

2. Das Cleavage-Modell von Lipset und Rokkan

2.1 Die Entstehung von Cleavages

Das Cleavage -Modell von Lipset und Rokkan soll erklären, wie Konflikte in ein Parteiensystem übertragen werden. Parteien werden dabei als „alliances in conflicts over policies and value commitments within the larger body politic” (Lipset/Rokkan 1967: 5) definiert. Diese stellen Interessenskonflikte, aktuelle Strömungen und Kontraste in der sozialen Struktur hervor und haben dabei zwei Funktionen: zum einen eine expressive Funktion, indem sie eine Rhetorik für die Umwandlung von Gegensätzen in der sozialen und kulturellen Struktur in Forderungen entwickeln und Druck für Handeln oder Nichthandeln aufbauen. Des Weiteren haben Parteien eine instrumentale und repräsentative Funktion, d.h. sie müssen aufgrund der unterschiedlichen Interessenslagen Kompromisse aushandeln (vgl. Lipset/Rokkan 1967: 5).

Bei der Entstehung von cleavages und Parteiensystemen unterscheiden Lipset/Rokkan zwei „Revolutionen“: zum einen eine „nationale Revolution“, d.h. die Phase der Nationenbildung, ausgehend von der Französischen Revolution, und zum anderen die industrielle Revolution, beginnend in Großbritannien. Durch diese beiden Revolutionen entstehen je zwei Konfliktlinien in der Gesellschaft eines Staates.

2.1.1 Konfliktlinien durch die Nationale Revolution

In der Phase der nationalen Revolution kommt es zum einen zu einem Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie, d.h. zum Konflikt zwischen einer zentralen nationenbildenden Kultur auf der einen Seite und dem wachsenden Widerstand von ethnischen, sprachlichen oder religiösen Minderheiten in den Provinzen und an der Peripherie eines Staates (vgl. Lipset/Rokkan 1967: 14).

Die zweite Konfliktlinie die sich in dieser Phase herausbildet ist die zwischen dem zentralisierenden, standardisierenden und mobilisierenden Staat auf der einen und den historisch etablierten Privilegien der Kirche auf der anderen Seite. Inhaltlich ging es hier um moralische Fragen und um die Kontrolle von gesellschaftlichen Normen, als Beispiel wird hier von Lipset/Rokkan der Streit um die Kontrolle des Bildungssystems genannt. Da die Bildung über Jahrhunderte fest in der Hand der Kirche war ergaben sich in der Phase der nationalen Revolution Konflikte mit dem aufkommenden staatlichen Bildungssystem in einem zentralisierten und säkularisierten Staat (vgl. Lipset/Rokkan 1967: 14 f.).

2.1.2 Konfliktlinien durch die Industrielle Revolution

Die industrielle Revolution brachte ebenfalls zwei Konfliktlinien hervor.

Zum einen ist dies ein Land-Industrie-Konflikt zwischen der traditionellen, ländlich geprägten Gesellschaft und der aufsteigenden Klasse von industriellen Unternehmern. In Westeuropa bestand bereits seit dem Mittelalter ein Gegensatz zwischen den Interessen von ländlichen und urbanen Räumen, der in der unterschiedlichen Repräsentation der Stände seinen Ausdruck fand: der Adel und teilweise die freien Bauern sprachen für den ländlichen Raum, in den Städten hingegen hatten die Bürger das Sagen. Die industrielle Revolution vertiefte diesen Konflikt und führte zu einer Übernahme dieser Konfliktlinie bis in die nationalen Parlamente in Form von konservativen und liberalen Parteien. Zum einen spielten ökonomische Fragen eine Rolle in dieser Konfliktlinie, zum anderen ging es um Statusfragen und Wertorientierungen. Hierbei stand auf der einen Seite der Statuserwerb durch Zuschreibung und durch Verwandtschaftsbeziehungen, und auf der anderen Seite der Statuserwerb durch Leistung und Unternehmertum (vgl. Lipset/Rokkan 1967: 19). Laut Lipset/Rokkan schwächt sich dieses cleavage allerdings im Verlaufe der Zeit ab: „They tend to be most intensive in the early phases of industrialization and to soften as the rising elite establishes itself in the community“ (Lipset/Rokkan 1967: 19).

Das zweite cleavage das sich in der Phase der industriellen Revolution herausbildete war das zwischen Eigentümern und Arbeitgebern auf der einen und Pächtern, Gewerkschaften und Arbeitern auf der anderen Seite, welches die Entstehung von Arbeiterparteien zur Folge hatte (ebd.).

2.2 Die Umwandlung von Cleavage-Strukturen in ein Parteiensystem

Die dargestellten Konfliktlinien in einer Gesellschaft führen nicht direkt zu einer Übernahme derselben in ein Parteiensystem – „Cleavages do not translate themselves into party oppositions as a matter of course (...) (Lipset/Rokkan 1967: 26) – sondern es gibt bestimmte Schwellen die zunächst überwunden werden müssen. Diese als „tresholds“ bezeichneten Schwellen sind im Einzelnen:

(1) Die Schwelle der Legitimation (treshold of legitimation): werden Proteste als verschwörerisch abgelehnt oder gibt es ein Recht an Kritik und Opposition?
(2) Die Schwelle der Inkorporation (treshold of incorporation): ist den Teilnehmern der Bewegung das Recht der Wahl der politischen Repräsentanten untersagt oder haben alle Beteiligten die gleichen politischen Rechte?
(3) Die Schwelle der Repräsentation (treshold of representation): muss die neue Bewegung älteren und größeren Bewegungen beitreten um Zutritt zu den repräsentativen Organen zu erhalten, oder kann sie dies aus eigener Kraft schaffen?
(4) Die Schwelle des Mehrheitsrechts (treshold of majority power): gibt es Hindernisse gegenüber einer numerischen Mehrheit im politischen System oder bringt ein Wahlsieg einer Partei die Möglichkeit ein, Veränderungen im System durchzuführen?

(vgl. Lipset/Rokkan 1967: 27 und Ladner 2004: 33)

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638442459
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47253
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,3
Schlagworte
Parteiensystem Polens Cleavage-Modell Lipset/Rokkan Grundseminar

Autor

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