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Das Erdbeben von Lissabon in Reflexion auf seine Zeit und auf Kants Theorien zu den Ursachen von Erderschütterungen

Seminararbeit 2005 25 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das 18. Jahrhundert
2.1 „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“

3. Das Erdbeben von Lissabon
3.1 Lissabon im 18. Jahrhundert
3.2 „als ob der jüngste Tag kommen sey“
3.3 Eine Naturkatastrophe wirft die Frage nach Gott auf

4. Kants Erdbebentheorien
4.1 Immanuel Kant – Ein naturwissenschaftlicher Philosoph?
4.2 Von den Ursachen der Erderschütterungen
4.3 Geschichte und Naturbeschreibung des Erdbebens
4.4 Fortgesetzte Betrachtung der Erderschütterungen
4.5 Exkurs: Aristoteles’ Weltbild

5. Fazit

Literaturnachweise

1. Einleitung

Ob Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme oder Überschwemmungen; Naturkatastrophen bringen seit Menschengedenken großes Leid über die Welt. Wie aus heiterem Himmel wackelt die Erde, tritt glühende Lava aus oder überflutet ein Tsunami ganze Dörfer. Jüngst mussten über 200.000 Menschen in Südostasien ihr Leben lassen, weil ein Seebeben im Indischen Ozean einen Tsunami von ungekannter Größe ausgelöst hatte und ganze Landstriche in Malaysia, Thailand, Indien, Sumatra, Sri Lanka und den Malediven dem Erdboden gleich gemacht hatte. Das ungeheure Ausmaß der Katastrophe versetzte die Welt in einen Schockzustand und löste eine bis dahin nie da gewesene Hilfs- und Spendenbereitschaft aus.

Einen ähnlichen Schockzustand muss im Jahre 1755 das Erdbeben von Lissabon ausgelöst haben. In seinem Ausmaß weniger verheerend, was die Opferzahlen angeht, umso gravierender hingegen seine Nachwirkungen in den Köpfen der Menschen. „Man setzte [im 18. Jahrhundert] Vertrauen in die Welt, hielt die Natur für verlässlich und stellte sich den lieben Gott als einen in Weisheit ergrauten seriösen Geschäftspartner vor.“[1] In diese Vorstellung passte kein Erdbeben, das zehntausende Menschen tötet. Fragen nach den Gründen des Erdbebens und so vieler Toter setzten das Denken in Bewegung.

„Wohl kein anderes Jahrhundert der europäischen Kulturgeschichte hat der Diskussion um Ursache und Deutung der Erdbeben so starke Aufmerksamkeit gewidmet wie das 18., und wohl kein anderes Beben hat Europa in jederlei Hinsicht so erschüttert wie das vom 1. November 1755 in Lissabon.“[2]

Dichter und Denker haben sich mit dieser Katastrophe auseinander gesetzt. In der Novelle Das Erdbeben von Chili nimmt Kleist die Vorgänge von Lissabon auf und Goethe beschreibt das Beben in Dichtung und Wahrheit. Und auch für Immanuel Kant war dieses Ereignis Anlass, drei Schriften über Erdbeben zu verfassen. Von den Ursachen der Erderschütterung, Geschichte und Naturbeschreibung des Erdbebens und Fortgesetzte Betrachtung der Erderschütterungen sollen in dieser Arbeit im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen. Ein Überblick über die Zeit der Aufklärung und das Denken der Menschen sollen die Schriften inhaltlich einordnen und die durch das Erdbeben entstandenen Wirkungen im Glauben an Gott und die Welt verständlich machen.

Anschließend möchte ich näher auf die naturwissenschaftlichen Ansätze Kants in seinen Schriften eingehen und sie mit dem heutigen Wissensstand vergleichen. Kant, der vielen nur als Philosoph seiner Zeit bekannt ist, sammelte in seinen Schriften die Erkenntnisse namhafter Naturwissenschaftler und verknüpfte sie mit seinen Vorstellungen von der Welt und eben speziell mit seiner Vorstellung von der Entstehung von Erdbeben und ihrer Auswirkungen auf die Menschheit. Eigene Nachforschungen stellte er jedoch nicht an. Einige seiner Erklärungen über die Natur erscheinen wohl auch deshalb aus heutiger Sicht befremdlich oder gar komisch.

Neben Wolfgang Breiderts Werk Die Erschütterung der vollkommenen Welt dienten mir zu diesem Themenbereich vor allem Horst Günthers Das Erdbeben von Lissabon erschüttert die Meinungen und setzt das Denken in Bewegung, Arthur Kemmerers Das Erdbeben von Lissabon in seiner Beziehung zum Problem des Übels in der Welt und Florian Dombois’ Über Erdbeben als Sekundärliteratur.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass sich alle meine Nachforschungen – ob epochal oder inhaltlich – auf den mitteleuropäischen Lebensraum beschränken.

2. Das 18. Jahrhundert

2.1 „Habe Mut, dich deines

eigenen Verstandes zu bedienen“

Das 18. Jahrhundert war geprägt durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse und theologische Diskurse. Es war das Jahrhundert der Aufklärung, in der sich ein neuzeitliches Menschenbild durchsetzte. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“[3] formulierte Immanuel Kant seine Vorstellung von den Veränderungen in dieser Zeit . Die Menschen sollten selbständig werden und sich nicht vorgefertigten Denkmustern von Kirche und Staat anpassen. Sie sollten sich befreien von Traditionen, Institutionen, Konventionen und Normen, die nicht vernunftgemäß begründet werden konnten.

Schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts machten sich Veränderungen in den verschiedensten Gesellschaftsbereichen bemerkbar. „Den Wahnsinn blutiger Religions- und Bürgerkriege glaubte man hinter sich gebracht zu haben.“[4] Nun wollte man Vernunft walten lassen und die Unglücke der Vergangenheit – Machtgier, Sektengeist, Religionshass – hinter sich lassen. „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[5] Der Mensch sollte sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, sein eigener Herr sein, sich keine Vorschriften von Staat und Kirche aufzwingen lassen.

Horst Günthers Formulierung des Aufklärungsbegriffes in Das Erdbeben von Lissabon erschüttert die Meinungen und setzt das Denken in Bewegung entspricht der aufkommenden Lichtmetaphorik im 18. Jahrhundert. Man wollte das Dunkel der Vergangenheit hinter sich lassen und optimistisch in die Zukunft sehen:

„[…] Aufklärung ist keine Epoche, sondern eine Tätigkeit. Licht zu machen dort, wo es finster war, Helligkeit verbreiten, Selbstbewußtsein und klare Begriffe für vernünftiges Handeln“[6].

Wie aber war dieser Umschwung im Denken der Menschen zu begründen? Die negative Vergangenheit reicht als Begründung dafür nicht aus. Neue Wege aufzuzeigen und die Wegweiser in die richtige Richtung allein waren zu wenig. Es musste ein Schritt in die richtige Richtung getan werden, es mussten neue Wege gegangen werden. „Und wo Handel und Gewerbe gediehen, schien auch der freie Austausch der Ideen, ein vorurteilsloses Forschen und Denken am besten in Gang zu kommen.“[7] Doch nicht nur ökonomische Auslöser bereiteten den Weg in eine neue Zeit, sondern vor allem naturwissenschaftliche Erkenntnisse veränderten festgelegte und seit Jahrhunderten gesicherte Denkmuster der Gesellschaft. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik hatten auch durch die entstandenen Universitäten eine Beschleunigung erfahren. Verschiedene Erfindungen wie beispielsweise die des Teleskops oder des Mikroskops gaben Einblicke in bisher fremde Welten[8]. „Die Gesetze nach denen sich die Himmelskörper bewegen, hatte Newton endlich aus dem Bereich vager Hypothesen in ein gesichertes System gebracht.“[9] Die Natur und ihre Phänomene schienen plötzlich berechenbar und analysierbar geworden zu sein. Die Folge aus diesen Erkenntnissen war ein weiterer Schritt – vielleicht der wichtigste – hin zu einem eigenständigen Menschen. Die Kosmologie stellte mit der Vollendung des Kopernikanischen Systems durch Newton die bis dahin nahezu unumschränkte Herrschaft der Theologie in Frage; die Himmelskörper richten sich nach physikalischen Gesetzen und nicht nach theologischen Dogmen war die entscheidende Parole. Die Theologie, früher die zentrale Wissenschaft, wurde zu einer unter vielen[10]. Der Mensch war nun fähig sich ohne Kirche und Staat eigene Regeln und Erkenntnisse zu erarbeiten und wurde von einer grundsätzlichen optimistischen Haltung gefördert. Mit dem kurzen und prägnanten Satz „Whatever is, is right!“[11] brachte der Dichter Alexander Pope (1688-1744) in seinem Essay on the Man die positive Einstellung der Menschen zum Ausdruck.

Horst Günther formuliert in Das Erdbeben von Lissabon erschüttert die Meinungen und setzt das Denken in Bewegung den in der Folge des neuen Selbstbewusstseins der Bevölkerung entstehenden Konflikt so:

„Die rationale Durchdringung aller Phänomenbereiche wurde zum aufklärerischen Ziel einer erkenntnisoptimistischen Zeit. In einer christlich-theologisch geprägten Welt bedeutete dies, daß auch die Theologie auf eine Vernunftbasis zu stellen sei, denn schließlich hatte das Christentum Gott ja zu einem allwissenden, vernünftigen Wesen gemacht.“[12]

Der bei Pierre Bayle explizit gewordenen Forderung nach einer Theodizee, „einer Rechtfertigung Gottes gegen den Vorwurf, daß er der Urheber aller Übel in dieser Welt sei“[13], kam Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) im Jahre 1710 nach und versuchte Gott gegen alle Angriffe zu verteidigen. Man entwickelte eine neue Metaphysik[14], die das einzelne in den Zusammenhang des großen und vollkommenen Ganzen einordnete[15]. Leibniz bezeichnete unsere Welt als die beste aller möglichen und stellte fest, dass es besser sei, zu sein als nicht zu sein. Wolfgang Breidert fasst in Die Erschütterung der vollkommenen Welt die Gedanken von Leibniz so zusammen:

„Unter Berücksichtigung der auch Gott bindenden ‚ewigen Wahrheiten’ habe er die beste aller möglichen Welten geschaffen. Dieser Optimismus besagt, daß jede noch so kleine Änderung der Schöpfungsordnung, insbesondere die Beseitigung irgendeines Übels, eine Welt ergebe, die jedenfalls schlechter sei als die von Gott geschaffene. Dabei hält Leibniz auch schon eine bloße Verringerung der Mannigfaltigkeit der Geschöpfe für eine Verschlechterung des Kosmos.“[16]

3. Das Erdbeben von Lissabon

3.1 Lissabon im 18. Jahrhundert

Um 1700 war Lissabon die große Hauptstadt des relativ kleinen, wenig entwickelten Landes Portugal. Die Seefahrt war schon lange einer der wichtigsten Wirtschaftszweige und hatte Portugal „im Zeitalter der Entdeckungen Handelsplätze und Kolonien verschafft“[17], die das Land bald zu einem der reichsten der damaligen Zeit machen sollten. Große Goldvorkommen in Brasilien wirkten sich bis nach Portugal und seine Hauptstadt Lissabon aus. Obwohl auf Grund eines Bündnisses mit England ein großer Teil des aus Südamerika importierten Goldes in britischen Besitz überging, profitierte Lissabon als reicher Umschlagplatz wie keine andere Stadt von dem Segen des Edelmetalls. Kam 1699 noch eine Tonne Gold nach Portugal, so waren es 1715 beinahe 15 Tonnen[18]. Lissabon wuchs und wurde immer reicher.

Der Handel mit dem europäischen Ausland florierte und die Stadt expandierte. Die Lage an der Mündung des Flusses Tejo und die Verbindung über das Meer boten beste Möglichkeiten, importierte Waren aus Übersee in ganz Europa zu vertreiben. Es gab ausländische Handelsniederlassungen, die Kultur in der Stadt wurde gefördert. Ein erst im Unglücksjahr fertig gestelltes Theater soll umgerechnet etwa 10 bis 15 Millionen Euro gekostet haben. „Seine Bühne soll so groß gewesen sein, daß eine sechsspännige Kutsche auf ihr wenden konnte.“[19]

3.2 „als ob der jüngste Tag kommen sey“

Obwohl Erdbeben im Mittelmeerraum nicht selten sind kam die Katastrophe völlig überraschend. Umso schrecklicher traf das Erdbeben des 1. November 1755 die Bevölkerung von Lissabon. „[…] eine der reichsten Städte der Welt[,] wurde binnen weniger Minuten in Schutt und Asche gelegt und viele Tausende von Menschen in ihren Trümmern begraben“[20].

[...]


[1] Horst Günther: Das Erdbeben von Lissabon erschüttert die Meinungen und setzt das Denken in Bewegung, Berlin, 1994, S. 10f.

[2] Florian Dombois: Über Erdbeben. Ein Versuch seismologischer Darstellungsweisen, Diss., Humboldt-Universität Berlin, 1998, S. 16.

[3] Immanuel Kant in: Erhard Bahr (Hg.): Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, Stuttgart, 1974, S. 9.

[4] Horst Günther: a. a. O., S. 7.

[5] Immanuel Kant in: Erhard Bahr (Hg.): a. a. O., S. 9.

[6] Horst Günther: a. a. O., S. 7.

[7] Ebd., S. 8.

[8] Wolfgang Breidert (Hg.): Die Erschütterung der vollkommenen Welt. Die Wirkung des Erdbebens von Lissabon im Spiegel europäischer Zeitgenossen, Darmstadt, 1994, S. 3.

[9] Horst Günther: a. a. O., S. 8.

[10] Arthur Kemmerer: Das Erdbeben von Lissabon in seiner Beziehung zum Problem des Übels in der Welt, Frankfurt/Main, 1958, S. 9.

[11] Horst Günther: a. a. O., S. 10.

[12] Wolfgang Breidert (Hg.): a. a. O., S. 3.

[13] Ebd., S. 3.

[14] Die Metaphysik ist eine Gruppe von Schriften ‚hinter’ der Physik. Sie handelt primär vom absoluten Sein und von den Unterschieden zwischen einem göttlichen und einem weltlichen Sein. In: Meyers großes Taschenlexikon in 24 Bänden, Bd. 14, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich, 1995, S. 201.

[15] Horst Günther: a. a. O., S. 10.

[16] Wolfgang Breidert (Hg.): a. a. O., S. 3f.

[17] Horst Günther: a. a. O., S. 11.

[18] Ebd., S. 11f.

[19] Wolfgang Breidert (Hg.): a. a. O., S. 5.

[20] Arthur Kemmerer: a. a. O., S. 15.

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638443142
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47346
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Erdbeben Lissabon Reflexion Zeit Kants Theorien Ursachen Erderschütterungen Katastrophen Literatur Natur

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Titel: Das Erdbeben von Lissabon in Reflexion auf seine Zeit und auf Kants Theorien zu den Ursachen von Erderschütterungen